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Geschichte und Richtungen des ökologischen Landbaus

 
Porträt Ewald Könemann
Ewald Könemanns (1899-1976) dreiteiliges Werk "Biologische Bodenkultur und Düngewirtschaft" fasst die Konzepte des "Natürlichen Landbaus" zusammen.

Der ökologische Landbau ist kein Phänomen der Postmoderne. Die ersten Konzepte ökologischer Landbewirtschaftung entstanden in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als sich Landwirtschaft und Landbauwissenschaften in einer Krise befanden: Probleme wie Bodenverdichtung, Bodenmüdigkeit, Saatgutabbau und Zunahme von Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall führten zu sinkenden Ertragsniveaus und abnehmender Nahrungsmittelqualität.

In den zwanziger  und dreißiger Jahren deutete sich - aus damaliger Sicht - ein Ende der über Jahrzehnte erfolgreich betriebenen chemisch-technischen Intensivierung an. Gleichzeitig bot die biologisch orientierte Forschungsdisziplin "Landwirtschaftliche Bakteriologie" Alternativen, die Landbewirtschaftung über eine verbesserte Humuswirtschaft zu intensivieren.

Natürlicher Landbau (zwanziger und dreißiger Jahre)

Die ökologischen Landbauaktivitäten der Lebensreform-Bewegung wandten sich gegen Urbanisierung und Industrialisierung in der "modernen Welt". Ziel war die Rückkehr zu einer naturgemäßen Lebensweise: Man wollte in der ländlichen Natur siedeln und sich dort eine gärtnerische Existenz aufbauen.

Da Bedenken hinsichtlich minderwertiger Nahrungsmittelqualität und möglicher Gesundheitsgefährdungen bestanden, wurde auf stickstoffhaltige Mineraldünger sowie schwermetallhaltige Pestizide verzichtet. Grundlage der Bodenbewirtschaftung war das wissenschaftlich-biologische Verständnis von Bodenfruchtbarkeit im Sinne der "Landwirtschaftlichen Bakteriologie":

  • Düngung mit gerotteten organischen Abfällen
  • vererdende Kompostierung (auch Komposttoiletten) und Edelmistbereitung
  • Gründüngung und Bodenbedeckung
  • schonende, nicht wendende Bodenbearbeitung
  • Nährstoffersatz durch die Rückführung kompostierter städtischer organischer Abfälle und Fäkalien sowie durch schwerlösliche Mineraldünger und Gesteinsmehle

Aufgrund ihrer vegetarischen Grundsätze strebte die Lebensreform außerdem an, die Haltung von Vieh einzuschränken oder ganz auf sie zu verzichten. Gleichzeitig entstanden erste Ansätze artgerechter Tierhaltung.

ANLS-Wertmarke und Landreform Garantie- und Schutzmarke
ANLS-Wertmarke und Landreform Garantie- und Schutzmarke

Die um die Jahreswende 1927/28 gegründete Organisation "Arbeitsgemeinschaft Natürlicher Landbau und Siedlung" (ANLS) - seit 1935 "Arbeitsgemeinschaft Landreform" - initiierte lokale Vermarktungsprojekte, erstellte erste Richtlinien und vergab Gütesiegel (ANLS-Wertmarke und Landreform Garantie- und Schutzmarke, siehe Bild). Siedlerschulen boten ökologische Landbaukurse an. Die von Walter Rudolph gegründete Zeitschrift "Bebauet die Erde" diente seit 1925 dem Informationsaustausch.

Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise (seit 1924)

Porträt Rudolf Steiner
Rudolf Steiner, Begründer der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise

Fundament der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise sind die "Geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft". Diese Vortragsreihe hielt Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, im Jahr 1924.

Das anthroposophische Naturhaushaltskonzept umfasst neben der stofflich-physikalischen Ebene drei weitere: eine "lebendig-ätherische", eine "seelisch-astrale" und eine "Ich-haft-geistige" Ebene. In diesem Sinne kann Natur nicht nur in der stofflichen Dimension, sondern auch in den "übersinnlichen" Dimensionen - bspw. über die biologisch-dynamischen Präparate - beeinflusst werden. Das biologisch-dynamische Konzept fasst einen landwirtschaftlichen Betrieb als eine eigenständige, lebendige Wesenheit auf, als "Betriebsorganismus" bzw. "Hofindividualität". Die Grundlage landwirtschaftlicher Tätigkeiten im biologisch-dynamischen Betrieb ist ein persönliches Verhältnis zum Naturgeschehen, das Arbeiten und Erkennen miteinander verbindet.

Altes Demeter Gütesiegel
Schon in den dreißiger Jahren gab es das Gütesiegel "Demeter"

Steiners Theorien wurden vor allem auf Gutswirtschaften in den damaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches erprobt. Noch während der Vortragsreihe wurde 1924 der "Versuchsring anthroposophischer Landwirte" - seit 1933 "Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise" - gegründet. Der anfängliche interne Rundbrief wurde 1930 von der Zeitschrift "Demeter - Monatsschrift für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise" abgelöst. Beratung und Öffentlichkeitsarbeit erfolgte über 20 biologisch-dynamische Auskunftsstellen. Die "Verwertungsgenossenschaft Demeter" vermarktete biologisch-dynamische Erzeugnisse in den dreßiger Jahren unter dem Gütesiegel "Demeter".

Die fünfziger und sechziger Jahre waren durch zwei Entwicklungen geprägt: Im Mittelpunkt standen nun bäuerliche Familienbetriebe und die Vermarktung derer Erzeugnisse über Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften zu "gerechten" Preisen. Mit der Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse näherten sich die biologisch-dynamischen Konzepte denjenigen des naturwissenschaftlich orientierten ökologischen Landbaus an.

In den achtziger und neunziger Jahren rückten Ökologie, Umweltschutz und Nachhaltigkeit in den Vordergrund: Züchtung an ökologische Landbauverhältnisse angepasster Kulturpflanzensorten, "wesensgemäße" Tierhaltung oder Gestaltung von Kulturlandschaften nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Betriebsgemeinschaften wurden zum Leitbild biologisch-dynamischer Landbewirtschaftung.

Organisch-biologischer Landbau (ab fünfziger Jahre)

Porträts Hans Müller, Maria Müller
Begründer der organisch-biologischen Wirtschaftsweise: Der Schweizer Agrarpoliker Hans Müller (1891-1988) und seine Frau Maria (1899-1969)

Der organisch-biologische Landbau wurde mit der vom Agrarpolitiker Hans Müller geleiteten Schweizerischen Bauern-Heimatbewegung begründet. In der ökologischen Landbewirtschaftung sahen die Bauern die Möglichkeit, eine bäuerliche, auf einem christlichen Glaubensverständnis beruhende Lebensweise in der "modernen" Welt zu erhalten und weiterzuentwickeln. Die bisherigen Grundsätze - Erhalt von Familie und Hof sowie Bewahrung von Heimat und Tradition - wurden ergänzt durch die Verantwortung für Natur (mittels einer nachhaltigen Landbewirtschaftung) und Verbraucher (mit hochwertigen Lebensmitteln).

Die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel und deren Absatz zu "gerechten" Preisen an eine gesundheitsbewusste Verbraucherschaft sollte die wirtschaftliche Grundlage bäuerlicher Familienbetriebe sichern. Außerdem wollten die Landwirte ihre Unabhängigkeit - ein zentrales Element bäuerlichen Selbstverständnisses - gegenüber der Landwirtschafts- und Ernährungsindustrie bewahren. Die organisch-biologischen Erzeugnisse wurden gemeinsam über die Absatz- und Verwertungsgenossenschaft "Heimat" vermarktet: Neben dem Genossenschaftsbund "Migros" und dem Reformwarenunternehmen "Biotta" wurden Verbraucherinnen und Verbraucher direkt über einen Paketversand beliefert.

Maria Müller, die Frau von Hans Müller, arbeitete die vorhandene Literatur des natürlichen und des angelsächsischen organischen Landbaus sowie der Landbauwissenschaften auf. Die ökologischen Landbaumaßnahmen erprobte sie in ihrem Garten.

Porträt Hans Peter Rusch
Der Frankfurter Arzt und Mikrobiologe Hans Peter Rusch (1906-1977) lieferte den theoretischen Hintergrund für den organisch-biologischen Landbau

Das Naturhaushaltskonzept - der "Kreislauf der lebendigen Substanz" - des Frankfurter Arztes und Mikrobiologen Hans Peter Rusch bildete den theoretischen Hintergrund des organisch-biologischen Landbaus. Ruschs mikrobiologischer Bodentest diente als Leitschnur und Kontrolle der Landbewirtschaftung.

Letztendlich entwickelten jedoch organisch-biologisch wirtschaftende Bauernfamilien - aufbauend auf traditionellem Wissen und Erfahrungen des Arbeitsalltags - die organisch-biologische Landbaupraxis: eine nicht bzw. flach wendende Bodenbearbeitung, Flächenkompostierung und Fruchtfolgen mit mehrjährigem Futterbau. Die Konzepte wurden über die Bauernheimatschule Möschberg (im Emmental, Schweiz) und Regionalgruppen sowie die seit 1946 erscheinende Zeitschrift "Kultur und Politik" verbreitet.

In den achtziger und neunziger Jahren rückten die umweltschonende Bodenbewirtschaftung und die artgerechte Tierhaltung in den Vordergrund. Des weiteren entstanden professionelle Organisationsstrukturen (wie Anbauverbände und Dachorganisationen des ökologischen Landbaus) und in der ökologischen Landbaupraxis wurden viele Innovationen entwickelt.

Weitere Informationen:

Letzte Aktualisierung: 30.11.2011

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