oekolandbau.de - Das Informationsportal



Kulturlandpläne auf Ökobetrieben

Fahrplan für selbstbestimmten Naturschutz

Grafische Darstellung: Ablauf der Erstellung eines Kulturlandschaftsplans. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Kulturlandpläne: Fünf Schritte zu mehr Naturschutz auf dem Ökobetrieb.
Grafik: Bioland Beratung

Die Bioland Beratung Bayern entwickelte im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) Naturschutzkonzepte auf Betriebsebene für ökologisch wirtschaftende Landwirte. Oekolandbau.de sprach mit Projektleiterin Katharina Schertler über Erfahrungen mit dem Beratungsansatz "Kulturlandpläne".

oekolandbau.de: Frau Schertler, Sie haben gemeinsam mit Ihren Projektkollegen so genannte Kulturlandpläne entwickelt. Was ist das?

Katharina Schertler: Ein Kulturlandplan stellt Naturschutzmaßnahmen für alle Bereiche des Betriebs zusammen und ist auf die Interessen und Bedürfnisse des Betriebs ausgerichtet. Deshalb spielt der intensive Austausch zwischen Landwirt und Berater bei der Kulturlandplanberatung eine ganz zentrale Rolle.

Wie entsteht ein Kulturlandplan?

Das Ganze beginnt mit einem ausführlichen Telefongespräch. Hierbei geht es vor allem darum, dass der Berater den Betrieb kennenlernt und ein Gefühl dafür bekommt, was den Verantwortlichen auf dem Betrieb wichtig ist, was sie motiviert sich im Naturschutz zu engagieren - und natürlich auch, welchen Rahmen die Betriebsstruktur vorgibt.

Damit der Kulturlandplan an bestehende Konzepte anknüpfen kann und die wichtigen regionalen Naturschutzfragen aufgegriffen werden, recherchiert der Kulturlandplanberater die planerische und landschaftliche Ausgangssituation. So hat er ein ungefähres Bild der wichtigen Themen, die auf ihn zukommen, wenn er zum eintägigen Betriebsbesuch fährt. Im Gespräch werden wichtige Kenndaten zur Bewirtschaftung der Flächen, zum Betrieb usw. erhoben und es werden gemeinsam einige Betriebsflächen besichtigt, um erste Themen direkt zu diskutieren. Anschließend schätzt der Berater auf möglichst allen Flächen nach definierten Kriterien die pflanzliche Artenvielfalt von Grünland und Äckern, vorhandene Landschaftselemente und die Bewirtschaftungsintensität der Flächen ein und sammelt Ideen für Naturschutzmaßnahmen.

Und wie geht es dann weiter?

Wieder im Büro wird der Betriebsbesuch ausgewertet und die derzeitige Situation in der sogenannten Ökologischen Standortbestimmung zusammengefasst. Außerdem erstellt der Berater eine Vorschlagsliste mit möglichen Naturschutzmaßnahmen. Bei seinem nächsten Besuch erläutert der Berater die Ergebnisse und diskutiert mit dem Landwirt jeden Maßnahmenvorschlag. Gemeinsam wird nach der besten Möglichkeit zur Umsetzung gesucht. Es ist ein ganz wichtiges Prinzip, dass der Landwirt schließlich entscheidet, welche Maßnahmenvorschläge in den Kulturlandplan aufgenommen werden.

Beratungsgespräch. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Im Beratungsgespräch (v.l.): Kulturlandplanberaterin Katharina Schertler und Landwirt Konrad Samberger.
Foto: Bioland Beratung

Wird das Ganze auch dokumentiert?

Alle Ergebnisse der Beratung werden in einer Art Bericht zusammengefasst, der unter anderem genaue Beschreibungen für jeden Maßnahmenvorschlag enthält. Zum Kulturlandplan gehört immer eine Art Nachschlagwerk. Hier findet der Landwirt alle wichtigen Informationen zur praktischen Umsetzung der Maßnahmen aber auch wichtige Hinweise zu den rechtlichen Hintergründen, zur Fördersituation in seinem Bundesland und einen Adressteil. So ausgerüstet kann er sich in eigener Verantwortung an die Umsetzung der Maßnahmen machen. Es besteht keine Verpflichtung, etwas in einem bestimmten Umfang oder zu einem bestimmten Zeitpunkt umzusetzen, aber natürlich steht der Kulturlandplanberater weiter unterstützend zur Seite. 

Naturschutzfachliche Planung, Ausgleichsmaßnahmen und Vertragsnaturschutz sind bereits etablierte Naturschutzinstrumente. Warum brauchen Landwirtschaft und Natur dieses zusätzliche Instrument? 

Naturschutzberatung und Kulturlandpläne setzen an ganz anderer Stelle an als die genannten Instrumente. Mit finanziellen Anreizen können nur ganz bestimmte Themen angegangen werden. Es wird dabei vergessen, dass es viele Landwirte gibt, denen es nicht an Motivation mangelt, sondern denen das Handwerkszeug und das Wissen fehlen, um effektiven Naturschutz umzusetzen. Das Besondere ist auch, dass auf der Ebene des landwirtschaftlichen Betriebes gearbeitet wird und nach Lösungen und Ansätzen gesucht wird, die für diesen passen. Naturschutzfachliche Planungen laufen ja sonst in der Regel auf ganz anderen Ebenen ab. Will man Naturschutz wirklich in die Fläche bringen und auch in den sogenannten "Normallandschaften" etwas erreichen, wird man um Naturschutzberatungsansätze nach meiner Meinung nicht umhin kommen. 

Für 20 Ökobetriebe hat das Projektteam Naturschutzkonzepte entwickelt. Was war ausschlaggebend für die Betriebsleiter, die Beratung in Anspruch zu nehmen?

Die Betriebe waren sehr unterschiedlich und es gab verschiedenste Aspekte, die zur Teilnahme motiviert haben. Aber eine Art "Grundmotiv" fand sich doch bei ganz vielen: das Gefühl, dass der Schutz der Natur ein wichtiges Element des ökologischen Landbaus sein sollte und der Wunsch, selber einen Beitrag dazu zu leisten. Immer wieder haben wir gehört, dass im Betriebsalltag solche Aspekte oft untergehen und der Kulturlandplan dabei helfen soll, Naturschutzaspekte wieder mehr in die tägliche Arbeit zu integrieren. Auch wussten viele Betriebe nicht so richtig wohin mit ihrer Motivation. Ihnen fehlte das Wissen, um eigenständig sinnvolle Maßnahmen zu planen und umzusetzen. 

Welchen Stellenwert hat für Sie die Freiwilligkeit der Teilnahme? 

Die Freiwilligkeit ist bei unserem Konzept ein zentrales Element. Sie bildet die Basis für eine Zusammenarbeit von Berater und Landwirt auf Augenhöhe. Und natürlich geht es bei den Kulturlandplänen auch viel um Motivation als Grundlage für eine erfolgreiche Beratung und eine gute Umsetzung in der Zukunft. Wie will ich motivierte Landwirte haben, wenn sie nicht freiwillig teilnehmen?

Ackerrandstreifen am Weizenfeld. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Vielfältige Naturschutzmaßnahmen wurden im Rahmen der Kulturlandpläne bereits umgesetzt, darunter blütenreiche Feldsäume an Wegrändern.
Foto: BLE, Dominic Menzler

Wie haben die im Projekt erarbeiteten Kulturlandpläne die Ökolandwirte bei ihrer Betriebsentwicklung vorwärts gebracht? 

Es hat mich zum Teil selber überrascht, wie viele neue Entwicklungen in den Betrieben durch die Kulturlandplanberatung angestoßen worden sind, die über die eigentlichen Naturschutzaspekte hinausgehen. Ein Landwirt hat während des Projektes sein Talent als Vortragender entdeckt und überlegt sich, ein weiteres Standbein im Bildungs-/Vortragsbereich aufzubauen. Einen anderen Betrieb hat der Kulturlandplan stark darin bestärkt, wieder eine kleine Rinderherde aufzubauen um sein Talgrünland zu beweiden. Viele Betriebe nutzen ihr Naturschutzengagement viel stärker als vorher um z.B. ihren Hofladenkunden die vielfältigen Leistungen des Ökologischen Landbaus näher zu bringen. Und nicht zuletzt ziehen sie daraus Freude und Bestärkung in ihrer täglichen Arbeit. 

Gibt es Hinweise, wie häufig Betriebe Maßnahmen der Kulturlandpläne in erheblichem Umfang umsetzen? Welche Folgen hatten die Pläne auf den tatsächlichen naturschutzfachlichen Status der Betriebe?

Wir halten engen Kontakt zu vielen Kulturlandplanbetrieben und können so den Fortgang der Maßnahmenumsetzung verfolgen. Soweit wir es derzeit überblicken können, läuft die Umsetzung gut. Es wurden neue Hecken und Obstbäume gepflanzt, Säume entlang von Gewässern und Wegen angelegt, artenreiche Wiesen neu eingesät, Magerrasen entbuscht, zahlreiche Nistkästen für Vögel und Insekten gebaut und noch vieles mehr. Und das oft ohne eine zusätzliche finanzielle Förderung. Wir können also davon ausgehen, dass sich die naturschutzfachlichen Leistungen der Betriebe weiter verbessern. 

Sind Kulturlandpläne geeignet, um auch komplexe, umfangreiche Naturschutzmaßnahmen zu initiieren - oder liegt die Stärke in einer Vielzahl einfach zu realisierender Maßnahmen? 

Nach unser Einschätzung und Erfahrung ist die Methodik der Kulturlandplanberatung sehr flexibel einsetzbar, so dass sich auch umfangreiche Maßnahmen in den Kulturlandplan integrieren lassen. Eventuell muss man dann mit einem erhöhten Zeitbedarf rechnen. Wichtig ist allerdings, dass im Zentrum der Beratung ein Betrieb steht. Beispielsweise bei der Konzeption von Schutzgebieten ist dagegen meist eine Vielzahl von Betrieben betroffen. Ich denke, dass sich in solchen Fällen einzelne Aspekte unser Methodik einsetzen lassen, um die Landwirtschaft von Anfang an stärker einzubinden. Hierfür gibt es aus anderen Projekten schon erste Ansätze. 

Rund 60 Stunden Arbeitszeit benötigten die Naturschutzberater im Durchschnitt bis zur Fertigstellung eines Kulturlandplans - nur wenige Betriebe können und wollen diesen Aufwand voll zu bezahlen. Welche Förderungen für die einzelbetriebliche Beratung sind möglich?

Die Kosten der Kulturlandplanberatung kann man zu Recht als ein Hindernis bei einer flächendeckenden Umsetzung sehen, aber sie sind notwendig, um die besondere Qualität und den nachhaltigen Ansatz dieser umfassenden Beratungsleistung zu erzielen. Viele Möglichkeiten für Einsparungen bei der Arbeitszeit haben wir bereits umgesetzt.

Weil wir uns durchaus bewusst waren, dass es nicht viele Betriebe gibt, die Kulturlandpläne selber finanzieren können und wollen, haben wir uns schon im Rahmen des Projektes mit Sponsoringmöglichkeiten auseinandergesetzt. Wir konnten die Heinz Sielmann Stiftung für eine Förderung der Kulturlandpläne gewinnen. Außerdem unterstützen zwei Firmen aus der Ökobranche - Ökoland und Neumarkter Lammsbräu - die Erstellung von Kulturlandplänen für ihre Zulieferbetriebe. Das Land Bayern fördert die Beratung landwirtschaftlicher Betriebe über die Erzeugerringe mit einem Zuschuss von 50 Prozent, das gilt auch für Naturschutzberatung. In Niedersachsen bietet unsere Kollegin Birgit Petersen im Rahmen einer Landesförderung kostenlose Naturschutzberatung über das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen an.

Wer bietet heute Naturschutzberatung für Ökolandwirte in Deutschland? 

Die Bioland Beratung und das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen sind nach meinem Wissen derzeit die einzigen Organisationen, die Naturschutzberatung speziell für den Ökolandbau und zumindest teilweise unabhängig von Projekten anbieten. In anderen Bundesländern liefen oder laufen derzeit Naturschutzberatungsprojekte sowohl für konventionelle als auch ökologische Betriebe zum Beispiel "Partnerbetrieb Naturschutz" in Rheinland-Pfalz sowie Projekte der Landschaftspflegeverbände in Bayern oder Sachsen. Diese Projekte sind aber zeitlich oder räumlich meist begrenzt.

Und wie wird sich ihrer Einschätzung nach die einzelbetriebliche Naturschutzberatung weiter entwickeln?

Alle Akteure in diesem Bereich hoffen, dass im Rahmen der Europäischen Agrarreformen und einer Neugestaltung der Agrarumweltprogramme die Naturschutzberatung als wichtiges Element in die Förderung aufgenommen wird. Die Kulturlandpläne zeigen, wie viel eine gute Beratung für den Naturschutz in der Landwirtschaft erreichen kann. 

Wir bieten derzeit eine Vorortberatung in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen an und wollen das Angebot in den nächsten Jahren weiter ausbauen. Telefonisch sind wir für Biobetriebe aller Bundesländer erreichbar und stellen eine ganze Reihe an Informationsmaterialien zur Verfügung.

Letzte Aktualisierung: 05.01.2012

Seitenende