Betriebsvergleich als Gradmesser für Ökobetriebe
Ökologische Landwirtschaft ist anders. Nicht nur bei den Methoden des Pflanzenbaus und der Tierhaltung unterscheiden sich Ökolandwirte von ihren konventionell wirtschaftenden Berufskollegen, auch Kosten- und Erlösstrukturen der Betriebszweige sind nicht ohne weiteres vergleichbar. Den Beratungsbedarf der Ökobetriebe deckt ein vielseitiges Angebot an Institutionen und Unternehmen ab. Regional, fachlich und teilweise nach Anbauverbänden differenziert begleiten Berater ihre Kunden bei der Betriebsentwicklung.
Um die ökonomische Situation der Betriebe einzuschätzen, mit ähnlichen Unternehmen zu vergleichen und wirksame Veränderungen einzuleiten, müssen Kennzahlen aus Produktion und Ökonomie erfasst und in einem einheitlichen System ausgewertet werden. Betriebszweigsauswertung (BZA) und Betriebsvergleich haben sich in der landwirtschaftlichen Beratung bewährt. In mehreren Forschungsprojekten des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) haben Beratungsorganisationen aus dem gesamten Bundesgebiet eine gemeinsame Vorgehensweise bei der Erarbeitung von Betriebszweigsauswertungen (BZA) und Betriebsvergleichen entwickelt. Für die Praxis des ökologischen Landbaus ergeben sich daraus mehrere Vorteile:
- Detaillierte Analysen der ökonomischen Situation eigener Betriebszweige ermöglichen die gezielte Betriebsentwicklung.
- Der Vergleich der eigenen Strukturen mit ähnlichen Betrieben zeigt betriebliche Stärken und Herausforderungen.
- Die langjährige fachliche Zusammenarbeit der – auf dem Markt teilweise im Wettbewerb stehenden - Beratungsorganisationen steigert die Beratungsqualität.
Für fünf Betriebszweige erarbeiteten bundesweite Arbeitsgruppen ökologisch wirtschaftender Landwirte und ihrer Berater in den Jahren 2007 bis 2010 überbetriebliche Ergebnisse. Eine weitere Arbeitsgruppe mit circa 200 teilnehmenden Betrieben erstellte Vergleiche der gesamtbetrieblichen Wirtschaftlichkeit.
Die im Folgenden auszugsweise vorgestellten Rahmendaten zeigen die Wettbewerbsfähigkeit und spezifische Herausforderungen der beteiligten Öko-Betriebe im Rahmen des BÖLN-Projekts "Aufbau eines bundesweiten Berater-Praxis-Netzwerkes zum Wissensaustausch und Methodenabgleich für die Bereiche Betriebsvergleich und Betriebszweigauswertung".
Gesamtbetriebsvergleich
Datenbasis: 94 Betriebe, 5 Wirtschaftsjahre (2004/05 bis 2008/09). Durch die jährliche Betrachtung der gleichen (identischen) 94 Betriebe ließ sich die Entwicklung von Leistungen und Kosten gut nachvollziehen.
Leistungen: Durchschnittlich knapp 130 ha, davon rund zwei Drittel Pachtland, bewirtschafteten die untersuchten Betriebe. Die Ernteergebnisse des Ackerbaus lagen im Jahresdurchschnitt bei 32 dt/ha Getreide und 23 dt/ha Leguminosen; Erlöse für Druschfrüchte schwankten jahresbedingt zwischen 20 und 40 dt/ha. In der Milcherzeugung gingen die Tierleistungen im betrachteten Zeitraum jährlich zurück - von 6.323 auf 6.141 kg. Gleichzeitig stieg der Milchpreis auf 46 Cent/kg im Jahr 2008/09.
Kosten: Um 62 Prozent gestiegen ist vor allem der Direktkostenaufand. Der Grund: Saatgut und Futtermittel erlebten starke Preissteigerungen. Insgesamt stieg der Unternehmensaufwand um 42 Prozent auf 2.850 Euro/ha.
Wirtschaftlichkeit: Ein Geldüberschuss (Cash Flow II) von 17.610 Euro und rund 20.000 Euro Eigenkapitalbildung ermöglicht den Betrieben stabiles und nachhaltiges Wachstum. Beunruhigend ist jedoch die hohe Verschuldung: Der Kapitaldienst lag im Betriebsdurchschnitt deutlich über der langfristigen Zahlungsfähigkeit.
Betriebszweig Milchvieh
Trotz positiver Entwicklung zwischen 2005 und 2008 war die Milchviehhaltung ein Verlustgeschäft. Selbst im besten Jahr 2008 lagen die Kosten um 2 Cent/kg Milch über den erzielten Erträgen.
Im ökonomischen Betriebsvergleich hatten Betriebe mit Weidehaltung und Auslauf die Nase vorn. Ein aufwändiges Fütterungsmanagement wirkte sich über höhere Milchleistungen ebenfalls positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg aus.
Die ökonomischen Belastungen einer Umstellung auf ökologische Milchviehhaltung können extensiv bewirtschaftete Betriebe am geringsten halten. Die etwas geringeren Lohnkosten bei der Umstellung von der Anbindehaltung auf Laufstallhaltung können die erhöhten Gebäudekosten nicht ausgleichen.
Betriebszweig Schwein
Größe und Struktur der teilnehmenden Betriebe entsprachen dem bundesweiten Durchschnitt für Ökoschweinehalter. Gewinne konnten nur die erfolgreichsten Betriebe erwirtschaften, bei einer Arbeitsentlohnung zwischen 7 und 10 Euro.
Die Ursachen für die geringe Wirtschaftlichkeit der Betriebe liegen vor allem in hohen Futterkosten, nur durchschnittliche Leistungen, einem hohen Arbeitsaufwand, Krankheitseinbrüchen und unterdurchschnittlichen Erlösen.
Einen Schlüssel für die betriebliche Optimierung sehen die Berater in der Verringerung der Arbeitskosten. Mit effizienter Technik kann Arbeitszeit eingespart werden. Wichtig dabei: An den kritischen Stellen wie Fütterung, Hygiene, Abferkelbereich kann das erfahrene Auge des Tierhalters nicht ersetzt werden.
Nachholbedarf gibt es im Stallbau, wo 60 Prozent der Mastbetriebe und ein Drittel der Sauenhalter vor Investitionen in neue Ausläufe standen. Die für Ökoschweinebetriebe nötigen Ausgaben bieten zugleich die Chance für arbeitswirtschaftliche und hygienische Verbesserungen.
Betriebszweig Geflügel
Etwa zwei Drittel der 33 teilnehmenden Betriebe halten weniger als 3.000 Legehennen und erzeugen Hühnereier vorwiegend für die Direktvermarktung. Gefüttert wird in der Regel Alleinfutter, das lediglich zu rund 60 Prozent von zertifizierten Mischfutterherstellern zugekauft wird.
Um Bruchteile von Cent geht es bei der Eiererzeugung: Die errechnete durchschnittliche Leistungs-Kosten-Differenz (kalulatorischer Gewinn) von 0,6 Cent pro verkauftem Ei im Wirtschaftsjahr 2008/09 berücksichtigt bereits den Düngewert des Geflügelkots, der mit ca 0,7 Cent je verkauftes Ei angesetzt wird. Insgesamt stiegen die Direktkosten im Jahr 2008/09 auf 12,4 Cent je verkauften Eis.
Die Ausgaben für Tiergesundheit unterscheiden sich stark zwischen den Betrieben: Bei Durchschnittskosten von jährlich 68 Cent pro Tierplatz und Jahr unterscheiden sich die Ausgaben je nach Betrieb um bis zu 55 Cent. Rund ein Viertel (28 Prozent) der Aufwendungen für Tiergesundheit entfallen auf Tierarzt und Medikamente.
Betriebszweig Ackerbau
Mit durchschnittlich 154 ha Ackerfläche deutlich über der Größe durchschnittlicher Ackerbaubetriebe lagen die Unternehmen, deren Daten der Jahre 2007/08 (20 Betriebe) und 2008/09 (21 Betriebe) vom Arbeitskreis Ackerbau ausgewertet wurden.
Der Weizenertrag lag je nach Standort bei 27 bis 42 Dezitonnen je Hektar. Auf der Kostenseite unterschieden sich Betriebe im Westen Deutschlands im Getreidebau vor allem bei der Abschreibung von Maschinen und den Energiekosten - bei geringer Betriebsgröße sorgte eine umfassende Eigenmechanisierung für hohe Kosten. Bei Betrieben in den östlichen Bundesländern fiel die Abschreibung weniger ins Gewicht, bei dem höherem Anteil an Fremdarbeitskräften belasteten dafür Lohnarbeitskosten den Getreidebau stärker.
Fielen beim Kartoffelanbau Direktkosten wie Pflanzgut und Düngemittel stark ins Gewicht, entschied über den wirtschaftlichen Erfolg im Ökomöhrenanbau neben der Ertragshöhe und den Maschinenkosten vor allem der Personalaufwand wegen der nötigen Handarbeit.
Betriebszweig Gemüsebau
Erprobt wurde ein im Rahmen des BÖLN-Projekts entwickeltes Programm zur Betriebszweigsauswertung (BZA) mit einzelnen Produktionsdaten der im Arbeitskreis beteiligten Betriebe. Erste Auswertungen zeigten eine extreme Schwankungsbreite von Aufwand und Ertrag im Ökogemüsebau. Es wurde zudem deutlich, wie Investitionen in Maschinen und Gerätschaften Arbeitserledigungskosten langfristig senken können und dazu beitragen können, die Vermarktbarkeit der Erzeugnisse zu verbessern.
Als wesentliches Ergebnis des BÖLN-Projekts "Aufbau eines bundesweiten Berater-Praxis-Netzwerkes zum Wissensaustausch und Methodenabgleich für die Bereiche Betriebsvergleich und Betriebszweigauswertung" steht nun eine Methodik zur Verfügung, mit der betriebliche Daten für inner- und überbetriebliche Auswertungen abgestimmt erfasst und bearbeitet werden können. Je nach Betriebszweig nutzten die Projektgruppen bestehende Programme oder entwickelten eigene Anwendungen. Folgende Auswertungsprogramme kamen zum Einsatz:
- Gesamtbetriebsvergleich: AgriCon der Landwirtschaftskammer Niedersachsen
- Rinderhaltung: Rind-SE (Agrar-Daten, heute ACT GmbH, Kiel) für einzelbetriebliche Auswertung, Excel-Programm für Betriebsvergleich
- Schweinehaltung: Eigene Programme für einzelbetriebliche Auswertung (Ferkelerzeugung und Mastschwein, Excel) und für den horizontalen Betriebszweigvergleich
- Geflügelhaltung: Eigene Programme für die einzelbetriebliche Auswertung Legehenne (Excel) und für den horizontalen Betriebszweigvergleich
- Ackerbau: BZA-Office (Agrar-Daten)
- Gemüsebau: Entwicklung eines BZA-Programms auf der Basis BZA-Office gemeinsam mit Agrar-Daten
Die im Projekt für die Beratung entwickelten Programme zu den Betriebszweigen Rinder (Betriebsvergleich), Schweine und Geflügel (BZA und Betriebsvergleich) sind kostenfrei erhältlich bei der Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL, Kontakt siehe rechte Spalte). Inzwischen haben sich jedoch in der Ökolandbau-Beratung für alle hier genannten Betriebszweige Spezialprogramme von Agrarsoftwareanbietern etabliert.
Letzte Aktualisierung: 10.11.2011


