Spezialisieren, diversifizieren, kooperieren
Persönliche Strategien am Markt

- Hofverarbeiter und...
©BLE, Foto: Dominic Menzler
Beim einen mag das Spezialisieren zum Erfolg führen, beim anderen das Diversifizieren. Und der Dritte wählt für seinen Betrieb einen ganz anderen Weg. Ein Patentrezept für den Betriebserfolg gibt es jedenfalls nicht. Doch die persönlichen Stärken bestimmen, wie ein Erfolgsmodell aussehen könnte. Hilfreiche Hinweise gibt Unternehmensberater Hubert Redelberger.
Noch vor wenigen Jahren galt die mangelnde Nachfrage nach Bioprodukten als Grund für den manchmal bescheidenen Betriebserfolg. Heute boomt der Absatz und die Nachfrage ist nicht das Problem. Als Biobauer und Direktvermarkter stehen Sie heute vor der Aufgabe, Ihren Betrieb weiterzuentwickeln und den rasch wachsenden Markt nicht nur den Newcomern zu überlassen. Wenn Sie einen traditionell vielseitig ausgerichteten Hof führen, stehen Sie vor folgenden Fragen:
- Wie kann ich die Betriebsentwicklung in die eigenen Hände nehmen und die positiven Marktchancen nutzen, ohne dabei Ideale und Ziele aus dem Blick zu verlieren?
- Will ich in der Betriebsgröße wachsen und mich spezialisieren, um kostengünstig mehr Menge zu erzeugen?
- Oder will ich eine breitere Produktpalette selbst herstellen bzw. noch weiter in die Verarbeitung und Vermarktung einsteigen?
- Kann ich die erhöhten Anforderungen an mein Management und die steigende Arbeitsbelastung überhaupt selbst schultern oder bedarf es Veränderungen bei der Betriebsorganisation und überbetrieblicher Kooperation?
Je nachdem, welcher Unternehmer-Typ Sie sind und welche Rahmenbedingungen Sie haben, gibt es unterschiedliche Antworten auf diese Fragen. Nachfolgend sind drei mögliche Strategien beispielhaft aufgeführt.
Strategie 1: Diversifizieren
Sind Sie vom Typ her eher ein Team-Arbeiter und Direktvermarkter? Ihre Stärken im Team schöpfen Sie aus, indem Sie ihr Unternehmen vielseitiger machen und noch mehr an den Kunden, vor allem an Endverbrauchern, ausrichten. Mit Partnern, Mitarbeitern und Kunden kommunizieren Sie gerne und nutzen dies, um die eigene Entwicklung voranzubringen. Dies funktioniert gut, wenn Ihr Standort eine gute Direktvermarktung ermöglicht oder wenn es Ihnen gelingt, mit zusätzlichen Dienstleistungen und Ideen wie Seminarangeboten, Besucherführungen, Programmen für Schulklassen oder Wohnprojekten Menschen zu Ihrem Hof zu führen und an ihn zu binden.
Wenn es nicht möglich ist, genügend Kunden auf den Hof zu bringen, dann bringen Sie Ihre Produkte oder Dienste zu den Kunden. Mit Wochenmarktständen, einem Lieferdienst oder gemeinsam mit anderen Hofläden, Verarbeitern und Händlern können Sie auch außerhalb Ihres Hofes eine erfolgreiche Direktvermarktung entwickeln. Voraussetzungen sind hervorragende Produkte und bester Service.
Ihre Stärke im Vergleich zu Supermärkten und Handelsketten ist, dass Sie persönlich erkennbar sind, offen und ehrlich auftreten und so Ihren Produkten und Leistungen ein individuelles Gesicht geben. Entscheidend bei dieser Marktstrategie ist es, sich nicht zu verzetteln und nicht alles selber machen zu müssen. Daher kommt es darauf an, geeignete Mitarbeiter und Partner mit einzubinden. Die Kooperation mit anderen Höfen und die gemeinsame Vermarktung von regionalen, handwerklich hergestellten Produkten kann dazu beitragen, Ihre Strategie zum Erfolg zu führen.
Strategie 2: Spezialisieren
Sie wollen beste, nachvollziehbare Bioprodukte kostengünstig und rationell erzeugen:
- durch hohes fachliches Know how, zum Beispiel günstig Milch aus Gras erzeugen,
- durch hohe Spezialisierung, zum Beispiel nur Milch für die Molkereien erzeugen,
- durch besondere Produkt-Qualität, zum Beispiel gesicherte Milchqualität nur mit betriebseigenen Futtermitteln erreichen,
- durch betriebliches Wachstum, zum Beispiel mehr Kühe, effizienteres Arbeiten.
Damit gehören Sie eher zum Typ Pragmatiker oder Minimalist. Sie wollen die Kosten im Griff behalten und durch gut überlegte Entscheidungen und effektive Arbeitsweisen aus eigener Kraft erfolgreich sein. Zu enge Kooperationen liegen Ihnen nicht. Aber Zusammenarbeit mit Kollegen, vor allem in praktischen Dingen, ist kein Problem. Sie glänzen mit einer guten Arbeits- und Produktqualität. Damit sind Sie ein guter Geschäftspartner und Lieferant für Verarbeiter, Erzeugergemeinschaften und andere Marktpartner.

- ... Gemüseanbauer sind prädestiniert für Kooperationen. Durch Zusammenarbeit mit ihren Kollegen können sie ihr Produktangebot erhöhen und damit mehr Kunden ansprechen. ©BLE, Foto: Dominic Menzler
Ihre Fähigkeiten nutzen Sie zu Ihrem Vorteil, indem Sie bei Verhandlungen auf Ihre Liefersicherheit und Produktqualität hinweisen und so Ihre Preisspielräume ausschöpfen. Wichtig für Sie sind wirtschaftlich starke und verlässliche Marktpartner. Familie, Partner und/oder feste Mitarbeiter ergänzen Ihre persönlichen Stärken, zum Beispiel im Umgang mit Behörden und Marktpartnern. Ihre Stärken sollten Sie weiter ausbauen, indem Sie Ihre wichtigsten Betriebszweige und Produkte weiter verbessern und sich stets an den Erfordernissen Ihrer Handelspartner ausrichten. Durch Teilnahme an Betriebszweigauswertungen, Arbeitskreisen und Fachtagungen bleiben Sie am Ball.
Strategie 3: Diversifizieren und Kooperieren
Macht Ihnen Vermarkten und Verhandeln Spaß? Haben Sie Freude daran, bei Entwicklungen am Markt vorne dabei zu sein? Erkennen Sie solche Trends oft vor anderen? Dann sind Sie ein innovativer Typ und Marktstratege. Ihre Stärke ist die Orientierung am Markt. Sie setzen auf Produkte und Leistungen, die nicht jeder bietet und die bei den Kunden begehrt sind. Entscheidend ist die Qualität Ihrer Produkte und Leistungen. Machen Sie daraus eine Marke, die unverwechselbar ist.
Ihre Stärken können Sie nur selten als Einzelkämpfer voll zur Geltung bringen. Auch in Kooperationen können Sie Motor der Entwicklung sein. Als wichtiger Lieferant von Verarbeitern und Erzeugergemeinschaften sind Sie ein wesentlicher Akteur. Als Verarbeiter und Vermarkter von Rohstoffen anderer Bio-Betriebe können Sie ebenfalls Ihre Stärken einsetzen.
Um Ihre Ideen umzusetzen, brauchen Sie Unterstützung durch Mitarbeitende und Partner innerhalb und außerhalb des Betriebes. Die Verbindlichkeit eines guten Teams nutzen Sie auch dazu, um Ihre Entscheidungen gründlich zu diskutieren und abzusichern. So erreichen Sie nachhaltigen Erfolg bei überschaubaren Risiken.
Stärken nutzen und Schwächen ausgleichen
Bei allen Strategien gibt es Stärken, die es zu nutzen und Schwächen, die es auszugleichen gilt. Naheliegend ist es daher, dass erfolgreiche Bio-Betriebe kooperieren. Gleichzeitig kann jeder Einzelne sich in einem (ökologisch) sinnvollen Maß spezialisieren und behält damit sowohl die Qualität als auch die Kosten im Griff.
Die Chancen für eine gemeinsame Vermarktung sind besser als je zuvor. Besonders gute Aussichten hierfür bieten frische, hochwertige, bäuerlich und handwerklich hergestellte Produkte wie Gemüse, Obst, Brot, Milchprodukte und Fleischwaren. Der bundesdeutsche Markt mit seinen 80 Millionen Verbrauchern kann bei diesen Produkten am leichtesten mit inländischer Ware bedient werden.
Erfolgreiche Beispiele für Kooperationen zwischen Höfen gibt es zum Beispiel bei Feldgemüse-Erzeuger-Zusammenschlüssen und bei Hofkäsereien. Durch arbeitsteilige Erzeugung und gemeinsame Vermarktung erreichen diese Höfe eine breite Produktpalette und große Kundennähe, speziell im Handel, und sind erfolgreich, weil sie eine hohe Wertschöpfung haben. Anders ausgedrückt: Auf diese Weise erhalten die Erzeuger einen hohen Anteil am Euro des Endverbrauchers.
Autor: Hubert Redelberger, Unternehmensberater
Erschienen in "bioland", Ausgabe 04/2008
Letzte Aktualisierung: 30.12.2011
