Zahlen kennen und nutzen

- Wer seine betriebswirtschaftlichen Zahlen kennt, kann seinen Betrieb besser einschätzen.
©BLE, Bonn/Foto: Thomas Stephan
Kenntnisse über die Buchführung und ihre Interpretation sind für einen landwirtschaftlichen Unternehmer wichtig. Auch Fachleute, die sich ein Bild über ein Unternehmen machen wollen, ziehen im ersten Schritt den durchschnittlichen Gewinn über mehrere Jahre zur Beurteilung heran. Für Banken, sonstige Kapitalgeber und Förderbehörden ist ein Blick in den Buchabschluss Grundlage zur Beurteilung der Erfolgsaussichten, der Kredit- und Förderwürdigkeit.
Ein Landwirt sollte seine Zahlen am besten kennen und nutzen. Sie helfen dabei, die Stellung im Wettbewerb zu erkennen. Dieser horizontale Vergleich zu anderen Betrieben zeigt Stärken und Schwächen auf, und Ansatzpunkte für mehr Erfolg werden sichtbar. Obwohl dies den meisten Landwirten klar sein dürfte, befassen sich viele gar nicht oder nur sehr sporadisch und zu spät mit diesem Thema. Dass es sich aber lohnt, zeigt das folgende Beispiel.
Unsicherheit beim Bankgespräch
Betriebsleiter Kuhbert hat wenig für Zahlen übrig. Seinen Milchviehbetrieb mit 60 Kühen und 430.000 Kilogramm Milchquote hat er vom Vater schon als erfolgreichen Betrieb übernommen. Und er möchte ihn auch so weiterführen: als Biomilch-Profi, der viel von Kühen, Fütterung und Haltung versteht. Mit den Finanzzahlen befasst er sich nicht so gern, schließlich ist das auch nicht nötig: Mit 50.000 bis 60.000 Euro Gewinn pro Jahr steht er schließlich ganz gut da. Das Geld reicht. Seine Frau kümmert sich um das Finanzielle. Und klare Pläne für die Zukunft hat er auch: Er möchte die Jungviehaufzucht an einen anderen Biobetrieb auslagern. Die frei werdenden Gebäude- und Futterflächen wird er für die Aufstockung der Kuhzahl nutzen.
Doch als er konkret an die Umsetzung geht, merkt er ganz deutlich, dass seine fehlende Erfahrung im Umgang mit Geld und Finanzen zum Nachteil wird. Beiläufig schneidet er bei einem Bankbesuch seine Erweiterungspläne an. Der ihm in der Regel wohlgesonnene Kreditbetreuer wirkt plötzlich reservierter als sonst, als er von den Plänen und dem Geldbedarf für Umbau, neuen Melkstand und Kauf von Milchquote hört. Der Frage des Kreditbetreuers, um wieviel Geld es genau gehe, weicht Kuhbert aus, das würde er noch durch Voranschläge feststellen.
Aber weitere Fragen nach den Risiken des Quotenkaufs und der eigenen finanziellen Leistungsfähigkeit irritieren den Landwirt doch sehr. Bei der derzeitigen Unsicherheit auf den Kreditmärkten müsse man schon sehr genau hinsehen, meint der Bankangestellte. Es gebe mittlerweile zu viele Landwirte in seiner Größenordnung mit einem schlechten Rating. Da würden auch seine Vorgesetzten in der Bank schnell hellhörig. Die letzten Zahlen von Kuhbert seien ja schon einige Jahre alt und nicht herausragend. Das Rating und die Kreditvergabe könnten schwierig werden. Jetzt zum Winter müsse doch schon der aktuelle Buchabschluss vorliegen und er habe doch sicher die wichtigsten Zahlen daraus im Kopf.
Bauer Kuhbert fällt ein, dass er seinem Steuerbüro schon vor Monaten einen Fragebogen zum Jahresabschluss senden sollte. Einen Buchabschluss für das abgelaufene Jahr hat er nicht und die Zahlen vom Jahr davor, nun, das war lange her. Die Details dazu kann er nicht wiedergeben. Da ihm das Gespräch zu unsicher wird, beendet er es mit dem Hinweis, sich in Kürze wieder zu melden.
Tatsächlicher Gewinn pro Familien-Arbeitskraft
Derart verunsichert erinnert sich der Biobauer an einen betriebswirtschaftlichen Berater, der ihm schon bei der Hofübergabe einiges berechnet hatte. Kuhbert kontaktiert ihn und fragt, wie er nun vorgehen könne und was es mit dem Rating auf sich habe. Zusammen mit dem Steuerbüro vereinbaren Landwirt und Berater, erstmal schnellstmöglich den ausstehenden Buchabschluss fertig zu bekommen.
Danach setzen sich beide für eine Situations-Analyse zusammen. 55.000 Euro Gewinn in der Buchführung erscheinen Kuhbert ausgezeichnet. Der Berater rechnet ihm zunächst vor, dass der Gewinn "bereinigt" werden müsse. Aufgrund von steuerlich begründetem Mehraufwand, 10.000 Euro aus Einstellung in Sonderposten, beträgt das ordentliche Ergebnis - also der echte Gewinn - nach Meinung des Beraters sogar 65.000 Euro. Das sei doch noch besser, meint Kuhbert. Ja, bestätigt der Berater, aber man müsse auch sehen, wie viele Familien-Arbeitskräfte (Ak) für diesen Gewinn gearbeitet hätten. Außerdem spiele das eingesetzte Eigenkapital eine Rolle bei der Beurteilung des Gewinns.
Zum besseren Verständnis rechnet der Berater den Gewinn erst einmal je Familien-Ak vor: Der Betriebsleiter ist Vollzeit im Betrieb und zählt eine ganze Arbeitskraft. Dazu kommen die Ehefrau und der Vater, die zeitweise im Betrieb mitarbeiten und zusammen mit 0,9 Ak in die Berechnung einfließen. Das ordentliche Ergebnis (der bereinigte Gewinn) beträgt 65.000 Euro. Der Gewinn je Familienarbeitskraft beträgt somit 34.211 Euro, was der Berater mit der Note 2 bewertet.
Eigenkapitalrendite wichtig für Kreditgeber
Die Freude von Bauer Kuhbert wird etwas getrübt, als sie gemeinsam die Eigenkapitalrendite berechnen, die nach Aussagen des Beraters für Bankmitarbeiter eine wichtige Kenngröße ist. Hier ergibt sich für den Betrieb ein weniger positives Bild. Nach Abzug von 5.000 Euro Pachtansatz für die 20 Hektar Eigentumsflächen und 52.500 Euro Lohnansatz für die 1,9 Familien-Ak bleiben von den 65.000 Euro ordentlichem Gewinn nur noch 7.500 Euro übrig.
Diesen Betrag kann man als Zinsertrag für das Eigenkapital ohne Grund und Boden ansehen, der im Betrieb Kuhbert 250.000 Euro beträgt. Setzt man die 7.500 Zinsertrag des Eigenkapitals dazu ins Verhältnis, ergeben sich drei Prozent Rendite oder Verzinsung für das Eigenkapital. Dies ist auch aus Sicht von Bauer Kuhbert überraschend wenig. Zahlt er doch für das Kapital, das er zuletzt von der Bank geliehen hat, erheblich höhere Zinsen. Dies bedeutet, dass sein eigenes Kapital schlechter angelegt ist als das der Bank. Landwirt Kuhbert verwundert es daher nicht, dass der Berater dafür die Note 4 vergibt.
Der Berater sieht das Ergebnis nicht als ungewöhnlich an: Andere Landwirte stünden in diesem Punkt oft schlechter da. Weil die Banken auch Geld an gewerbliche Unternehmen verleihen, wüssten sie aber, dass viel höhere Eigenkapitalrenditen möglich sind. Kuhbert wendet ein, dass ein Landwirt nun mal kein Gewerbeunternehmer sei, dafür habe er aber auch viel Vermögen, und der Bank käme es ja auch auf Sicherheit an.
Der Berater, der dies ähnlich sieht, nimmt sich mit Kuhbert die Bilanz vor, um genauer zu prüfen, wie es um Vermögen und Schulden im Betrieb bestellt ist. Dem Biobauer wird bewusst, dass er mit über 800.000 Euro viel Vermögen besitzt. Der größte Teil mit 500.000 Euro besteht aus Grund und Boden, der nach Meinung des Beraters zu hoch bewertet sei. Dennoch, die Aussage ist klar: Aufgrund seines vielen Vermögens bei nur 80.000 Euro Schulden - Verbindlichkeiten - ist Kuhbert nicht überschuldet. Selbst wenn man den Boden außer Betracht ließe, wären da noch genug Sicherheiten für neue Kredite. Dies sieht der Berater ebenso und bewertet die Eigenkapitalquote mit der Note 2.
Auch wenn Kuhbert nicht den ganzen Rechenweg gleich nachvollziehen kann, wird ihm doch klar: Er ist kein schlechter Bankkunde. Das bestätigt ihm auch der Berater, nachdem dieser ihm weitere Kennzahlen ausrechnet und diese mit Noten bewertet (siehe Tabelle). Besonders haften bleibt bei Kuhbert aber die Aussage, er würde relativ hohe Zinsen bezahlen. Der Berater sagt wörtlich: "So wie Ihr Unternehmen dasteht, sind ihre durchschnittlich gezahlten Zinsen von 5,9 Prozent recht hoch. Andere zahlen da im Mittel weniger."
Letztlich kommt bei der Auswertung von 10 Kennzahlen und der Vergabe von Schulnoten für Kuhbert der Notendurchschnitt von 2,2 (siehe Tabelle) heraus. Nach dieser Analyse hat der Biobauer eine gute Basis, um beim nächsten Mal mit mehr Selbstbewusstsein mit seinem Kreditberater zu verhandeln. Und das Problem mit den zu hohen Zinsen wollen Kuhbert und sein Berater beim nächsten Termin gleich angehen. Um für das Bankgespräch gewappnet zu sein, vereinbaren sie, dieses gemeinsam mithilfe eines Investitionsplans und eines Gesprächsleitfadens vorzubereiten.
Kennzahlen | Zielgrößen | Ergebnis | Note | |
|---|---|---|---|---|
Durchschnittsnote | 2,2 | |||
Rentabilität | Ordentliches Ergebnis bzw. Gewinn je Familien-Ak | > 40.000 € | 34.211 € | 2 |
Eigenkapitalrentabilität ohne Boden | > 8 % | 3 % | 4 | |
Stabilität | Ordentliche Eigenkapital- | > 25.00 € | 11.000 € | 3 |
Eigenkapitalquote ohne Grund und Boden | 70 - 80 % | 74 % | 2 | |
Fremdkapitaldeckung | > 100 % | 244 % | 1 | |
Gewinnrate in % vom Ertrag | 10 - 30 % je nach Betriebstyp | 26 % | 1 | |
Subventionsrate in % vom ordentlichen Ergebnis | 25 - 75 % | 69 % | 3 | |
Liquidität | Cash Flow | > 15.000 € | 46.000 € | 1 |
Ausschöpfung der langfristigen Kapitaldienstgrenze | 60 - 100 % | 71 % | 2 | |
Durchschnittlicher Zinssatz | 3 - 5 % | 6 % | 3 | |
Autor: Hubert Redelberger, Unternehmensberater
Erschienen in "bioland", Ausgabe 12/2007
Letzte Aktualisierung: 30.12.2011
