Wintergerste: Brandresistente Sorten
Im Ökolandbau soll ausschließlich ökologisch erzeugtes Saatgut eingesetzt werden. Während es im konventionellen Landbau üblich ist, das Saatgut vorbeugend chemisch zu behandeln, ist die chemische Beizung im Ökolandbau verboten. Damit erhöht sich das Risiko, dass sich saatgutbürtige Krankheiten im Anbau verbreiten. Bei der Wintergerste gilt dies vor allem für den Gerstenflugbrand (Ustilago nuda) und den Gerstenhartbrand (Ustilago hordei).
Brandkrankheiten gehören grundsätzlich zu den größten Risiken einer ökologischen Saatgutproduktion. Bei ökologischer Bewirtschaftung kann der Flugbrand nur mittels Warm- oder Heißwasserbehandlung des Saatgutes, der Hartbrand auch mit mit biologischen Behandlungsmitteln kontrolliert werden. Die erreichten Wirkungsgrade reichen dabei jedoch nicht immer aus, um die gesetzlich geforderten Grenzwerte für die Brandkrankheiten in der Saatgutproduktion einzuhalten.
Bei langjähriger Vermehrung von Wintergerste nach ökologischen Richtlinien ist bei anfälligen Sorten daher mit einem zunehmenden Brandbefall zu rechnen. Dies betrifft vor allem den durch Sporenverwehung übertragenen Flugbrand. Einen Ausweg könnte der Anbau resistenter oder teilresistenter Sorten bieten. Eine verlässliche Testung der Resistenzen gegen Brandkrankheiten benötigt jedoch mindestens zwei, besser vier Prüfzyklen, weshalb bei der Vielzahl neu zugelassener und wegfallender Sorten Kenntnislücken unvermeidbar sind.
Gibt es brandresistente Handelssorten bei Gerste?
Damit stellt sich die Frage, ob es im Handelssortiment der Gersten widerstandsfähige Sorten gibt. In einem Forschungsvorhaben hat der Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise e.V. neben den im Handel verfügbaren Wintergerstensorten auch nicht mehr zugelassene Sorten und Genbankmuster hinsichtlich Flug- und Hartbrandresistenz untersucht. Ergänzend wurden Sortenversuche angelegt, um in Abhängigkeit von der festgestellten Flugbrand-Widerstandsfähigkeit zu Empfehlungen geeigneter Sorten für die ökologische Bewirtschaftung zu kommen.
297 Wintergersten wurden auf Flugbrandresistenz geprüft. Dafür wurden eine künstlich inokulierte Flugbrand-Prüfrasse und drei weitere Flugbrandherkünfte eingesetzt. Von 223 Handelssorten und 74 Genbankmustern waren sieben Handelssorten und zwölf Genbankmuster gegenüber der Flugbrand-Prüfrasse genetisch resistent.
Die untersuchten Wintergersten zeigte sich unterschiedlich resistent gegenüber Flugbrandrassen verschiedener geographischer Herkunft. Nur Carrero zeigte sich als zugelassene Handelssorte (neben Astrid in Österreich) über mehrere Jahre resistent gegen die Flugbrand-Prüfrasse und einjährig getestet resistent gegen vier verschiedene Flugbrandherkünfte. Befallsfrei gegenüber einer Flugbrandherkunft blieb einjährig getestet Laurena (Österreich).
Da derzeit keine effektive Saatgutbehandlung gegen Flugbrand zur Verfügung steht, kann auf so genannte "morphologisch resistente" Sorten ausgewichen werden, welche bei geschlossenen Ährchen abblühen (Kleistogamie). Diese Eigenschaft zeigten unter den zugelassenen Sorten gegenüber einer Flugbrandherkunft nach zweijähriger Testung Jessica, einjährig geprüft Annicka, Campanile, Maximiliane, Mercedes und Merilyn. In neueren mehrjährigen Untersuchungen durch die Versuchsansteller kamen Grete, Gudrun, Isolde, Ketos, Krimhild, Matesca, Nadine, Vicky und Yuka hinzu.
Insgesamt 111 Handelssorten wurden auf Hartbrandresistenz geprüft. Ohne Befall blieben unter den zugelassenen Sorten und zweijährig geprüft Alissa, einjährig geprüft Campanile, Maximiliane, Mercedes, Spectrum und Verticale. Einen nur geringen Hartbrandbefall wiesen 25 zugelassene Sorten auf. Da Hartbrand dem Saatgut von außen anhaftet, bietet sich nach Ansicht der Forscher eine Saatgutbehandlung mit einem an ökologische Richtlinien angepassten Saatgutbehandlungsmittel oder Warm- beziehungsweise Heißwasserbehandlung an.
Welche Sorten eignen für den ökologischen Anbau?
In der züchterischen Nutzung von Flugbrand-Resistenzen bei der Gerste ist man mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass nur sehr wenige Kultursorten (derzeit zwei) über eine Un6-Resistenz verfügen. Andere wirksame Resistenzen wie Un8 sind nur in Landtypen vorhanden (Milton, Ogalitsu), welche nicht über die gewünschten agronomischen Anbaueigenschaften für die Entwicklung von Sorten für den Ökolandbau verfügen. Dies verlängert erheblich den Züchtungsprozess bis zur Entwicklung marktreifer Sorten.
In den Anbauversuchen wurden an acht Standorten in verschiedenen Regionen Deutschlands zehn Sorten unter ökologischer Bewirtschaftung geprüft. Die Auswahl der Handelssorten orientierte sich an den Ergebnissen in der Flugbrand-Evaluierung. Neben den Ertragsdaten wurden auch Qualitätsparameter wie Protein- und Aminosäurengehalte sowie die Konkurrenzkraft gegenüber Beikräutern erfasst.
Da bei Sortenversuchen unter ökologischer Bewirtschaftung Stickstoff nicht auf ein einheitliches Niveau aufgedüngt wird, ergaben sich große Unterschiede zwischen den Versuchsstandorten. Die Unterschiede in den Korn- und Proteinerträgen waren zwischen den Standorten größer als zwischen den Sorten. Standortunterschiede sind besonders im ökologischen Anbau eine wichtige und in der Beratung zu berücksichtigende Beurteilungsgröße für Sortenempfehlungen.
Von den nach guten Resistenzeigenschaften gegenüber Flugbrand ausgewählten Testsorten erzielten bei der kombinierten Bewertung von Ertrag und Qualität Carrero, Laurena und Reni überdurchschnittliche Ergebnisse, auch die nur an einem Standort einjährig geprüfte Mercedes. Unter den Verrechnungssorten des Bundessortenamtes erreichten Lomerit und Verticale überdurchschnittliche Bewertungen; letztere zeigte allerdings in der Evaluierung eine höhere Anfälligkeit gegenüber Flugbrand.
Von den Verrechnungssorten der 'AG Versuchsansteller ökologischer Landbau' konnte sich nur Theresa gegen die Vergleichssorten behaupten; allerdings zeigte auch diese Sorte in der Evaluierung eine relativ hohe Anfälligkeit gegenüber Flugbrand.
In der Konkurrenzkraft gegenüber Beikräutern durch Beschattung zeigten sich große Sortenunterschiede. Laurena und die allerdings flugbrandanfällige Verrechnungssorte Merlot waren aufgrund der größeren Blattflächen und Halmlängen überlegen.
Die Kombination der Resistenz gegen beide Brände, gutem Korn- und Proteinertrag bei guter Futterqualität und Beikrautkonkurrenz wurde von keiner Sorte verwirklicht. Bei geringer Hartbrandanfälligkeit waren Laurena und Carrero die besten Sorten. Letztere zeigte geringere Konkurrenzkraft gegenüber Beikräutern, was vermutlich nur auf schlechteren Standorten Bedeutung erlangt.
Letzte Aktualisierung: 30.11.2011


