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Aus der Forschung: Körnerleguminosen zur Herbstaussaat

Ein Schritt nach vorn für den ökologischen Ackerbau?

Porträt von Werner Vogt-Kaute
Werner Vogt-Kaute
(c) Naturland e.V.

Die Entwicklung von Erbsen und Ackerbohnen, die sich zur Herbstaussaat eignen, ist Ziel von Forschungen im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau. Seit 2002 führen der Anbauverband Naturland e.V. und das Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Göttingen Versuche zur Auslese und Prüfung von geeigneten Sorten und Linien durch. Wir sprachen mit Naturland-Berater Werner Vogt-Kaute, der für die Feldversuche und den Versuchsanbau auf Ökobetrieben verantwortlich  ist.

Oekolandbau.de (Oe.de): Warum sind Körnerleguminosen, die sich für die Herbstaussaat eignen, ein Schritt nach vorn für den ökologischen Ackerbau?

Werner Vogt-Kaute (WVK): Der Grundgedanke liegt in der Biodiversität. Die konventionelle Pflanzenzüchtung in Deutschland setzt bei den Körnerleguminosen zurzeit fast ausschließlich auf die halbblattlosen Sommer-Erbsen. Alle anderen Arten und Typen - blattreiche Erbsen, Winter-Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Wicken - werden vernachlässigt. Für viele Ökolandwirte ist der Anbau von Körnerleguminosen unverzichtbarer Bestandteil ihrer Fruchtfolgen. Dabei nur auf die gegenüber Pflanzenkrankheiten relativ empfindlichen Erbsen zu setzen, wäre sehr riskant. Der Ökolandbau braucht eine Auswahl verschiedener Anbaustrategien.

Oe.de: Gemeinsam mit der Universität Göttingen arbeiten Sie daran, Winter-Ackerbohnen und Winter-Erbsen für die Praxis verfügbar zu machen. Züchten Sie dabei neue Sorten?

WVK: Bei den Winter-Erbsen haben wir mit der in Italien bereits eingetragenen Sorte 'E.F.B.33' eine geeignete Sorte gefunden. Im Herbst 2005 konnte erstmals zertifiziertes Ökosaatgut der 'E.F.B.33' angeboten werden.
Bei den Winter-Ackerbohnen haben sich die in Deutschland zugelassene Sorte 'Hiverna' und alle in anderen EU-Staaten zugelassenen Sorten als nicht ausreichend winterhart erwiesen. Hier mussten wir bei der grundlegenden Züchtung und Selektion beginnen.

Winterackerbohnen-Versuchsfeld
Neue Vielfalt bei den Körnerleguminosen: Winterackerbohnen im Versuchsanbau
(c) Naturland e.V.

Oe.de: Woher kommen die Sorten und Linien, die Sie für Ihre Versuche nutzen?

WVK: Das Zuchtmaterial stammt von der Universität Göttingen. In Deutschland ist das die führende Institution im Bereich der Grundlagenforschung zu Ackerbohnen. Das Material reicht von Inzuchtlinien bis hin zu Populationen mit maximaler Vielfältigkeit. Ergänzt wird das Sortiment durch aktuelle Sorten aus ganz Europa.

Oe.de: Wer fragt denn nach winterharten Sorten - Landwirte, Berater, Forscher?

WVK: Aufgrund schlechter Nachfrage am Markt ist die Ackerbohne zurzeit "megaout". Sie ist insbesondere bei Futtermittelherstellern durch importierte Sojabohnen ersetzt worden. Erste Landwirte, die mit Erbsen zum wiederholten Male Schiffbruch erlitten haben, beginnen gezielt nachzufragen - insbesondere für die Verwertung im eigenen Betrieb. So lange kein Saatgut verfügbar ist, hätte es auch keinen Sinn, die Nachfrage beispielsweise nach Winter-Ackerbohnen  anzuheizen.

In der Pflanzenzüchtung darf man sich jedoch nicht nur an der aktuellen Situation orientieren - man muss versuchen, in die Zukunft zu sehen. Mit der Entwicklung von tanninfreien und zugleich vicinarmen Sorten dort beginnt sich das Image der Ackerbohne zu verbessern - die Anbaufläche der Ackerbohnen wird gegenwärtig stark ausgedehnt.

Oe.de: Welche Erfahrungen gibt es mit dem Anbau in anderen Ländern? Sind sie auf hiesige Verhältnisse übertragbar?

WVK: Die Erfahrungen aus Großbritannien und  Frankreich mit Anbau und Vermarktung von Sommer- und Winterbohnen sind direkt nutzbar. In China, Äthiopien, im Mittelmeerraum und im Norden Südamerikas werden sehr unterschiedliche Bohnen-Typen mit und ohne Bewässerung angebaut. Hier können wir in Bezug auf Anbaustrategien und genetische Variation noch vieles erproben und auch anwenden.

Personengruppe bei Besichtigung eines Winterackerbohnen-Feldes in GB
Erfahrungen aus anderen Ländern nutzen: Besichtigung von Winter-Ackerbohnen in Großbritannien
(c) Naturland e.V.

Oe.de: Im ersten Jahr der Versuche vernichtete der extrem strenge Winter einen Großteil der Pflanzen bis hin zum Totalverlust auf mehreren der bundesweit 26 Standorte. Pech gehabt?

WVK: Die Witterung 2002/2003 war extrem. Durch starke Niederschläge ab Oktober konnten fünf Landwirte den Versuch gar nicht aussäen. Auf einigen Standorten vernichtete der Frost (unter -20 Grad Celsius) alle Pflanzen. Was für die beteiligten Landwirte zum Teil frustrierend war, bedeutete für den Zuchtfortschritt im Bereich Winterhärte die maximale Erfolgschance. Die wenigen überlebenden Pflanzen wurden zum Teil ausgegraben, im Gewächshaus in Sicherheit gebracht und vermehrt.

Oe.de:Standorte und Jahre unterscheiden sich. Wie schneiden die in dem nun drei Jahre laufenden nachfolgenden Projekt eingesetzten Winter-Ackerbohnen im Vergleich mit praxisüblichen Sommersorten ab?

WVK: Wir erwarten von angepassten, züchterisch verbesserten Winter-Ackerbohnen unter gleichen Standortbedingungen einen Mehrertrag von über 15 Prozent gegenüber Sommer-Ackerbohnen. Die Winter-Ackerbohnen können außerdem auf Standorten angebaut werden, auf denen Sommer-Ackerbohnen sonst nicht oder nur schlecht gedeihen. Aufgrund der früheren Blüte und Abreife erhöhen die Winter-Ackerbohnen die Anbausicherheit gegenüber Schädlingen wie Läusen und bei Trockenheit im Juni - zu einer Zeit, in der die Sommerbohnen in Vollblüte stehen.

Oe.de: Kann die Herbstaussaat von Ackerbohnen in allen Regionen Deutschlands Vorteile bringen, oder eignen sich nur bestimmte Standorte?

WVK: Nicht jeder soll oder muss Winter-Ackerbohnen anbauen. Einige Standorten eignen sich aber besonders:

  • Standorte, die zur Aussaatzeit von Sommer-Ackerbohnen im Frühjahr wegen Feuchtigkeit nicht befahrbar sind,
  • Mittelgebirgsstandorte, in denen die Sommer-Ackerbohne zu spät abreift und
  • Standorte mit trockenem Klima, in denen die Winterfeuchte genutzt werden kann

Auf einem Standort konnten wir außerdem eine bessere Unkrautunterdrückung der Winter-Ackerbohnen beobachten.

Oe.de: 2006 wird das laufende Projekt abgeschlossen sein. Gibt es Planungen zur weiteren Entwicklung der winterharten Körnerleguminosen?

WVK: Gemeinsam mit den kooperierenden Landwirten stellen wir aus dem geprüften  Material anhand unserer zweijährigen Ergebnisse eine oder mehrere Regional-Populationen zusammen. An dieser werden wir gemeinsam weiterarbeiten. Die offizielle Zulassung einer Regional-Population ist sicherlich nicht bezahlbar. Wir hoffen, dass in Zukunft die Möglichkeit der Zulassung von "Erhaltungssorten" für diese Art von Material bestehen wird.

Oe.de: Unter welchen Bedingungen werden Sie Ökolandwirten raten, Winter-Ackerbohnen in die Fruchtfolge aufzunehmen?

WVK: Ein Landwirt soll in erster Linie das anbauen, was zu seinen Standort passt. Sofern keine Erfahrungen vorliegen, sollte man zunächst in kleinem Stil Erfahrungen gewinnen. Außerdem ist natürlich die Nachfrage am Markt zu beachten. Hier hoffe ich, dass die Lage sich ändert und die einheimischen Körnerleguminosen sich wieder neu gegen die importierten Sojabohnen durchsetzen können.

Das Interview fand im Herbst 2005 statt.

Weitere Informationen:

Letzte Aktualisierung: 30.11.2011

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