Rundumbetreuung für Bio-Kartoffeln
Die vergangenen Jahre mit ihren extremen Witterungsverhältnissen brachten manchen Bio-Kartoffelanbauer an den Rand der Verzweiflung. Frühe und heftige Krautfäuleinfektion, Erwinia- und Braunfäule, Rhizoctonia und Drahtwurmfraß führten zu Ertragseinbußen und schlechten Qualitäten. Wie kann der Öko-Landwirt diese Probleme in den Griff bekommen?

- Die ohne Vorkeimung gepflanzten Kartoffeln – links im Bild – sind noch nicht aufgelaufen, die vorgekeimte Partie – rechts – hat einen Wachstumsvorsprung von rund 14 Tagen.
Quelle: A. Paffrath
Zunächst ist gesundes Pflanzgut die Basis für den Erfolg. Pflanzgut, das mit Rhizoctonia, Silberschorf oder faulen Knollen belastetet ist, führt meist zu einem schlechten Feldaufgang und beeinträchtigt die Entwicklung der Pflanzen und der Tochterknollen. Solches Pflanzgut sollte nicht abgenommen werden; wenn es nicht zu umgehen ist, kann das Vorkeimen die Widerstandskraft der Knollen fördern und den Feldaufgang verbessern.
Besonders auf kalten, nassen Böden kann Rhizoctonia bereits die Keime schädigen. Auf solchen Standorten sollte nicht zu früh gepflanzt und die Knollen sollten nicht zu tief abgelegt werden. Zudem ist der Damm langsam aufzubauen, dann kann er sich nach und nach erwärmen und die Keime haben bessere Chancen durchzukommen.
Zur Pflanzenstärkung werden verschiedene Beizmittel angeboten, auf deren Einsatz viele Landwirte schwören. In Feldversuchen konnte jedoch noch keines der geprüften Mittel einen Erfolg garantieren. Kupfer, das als Beizmittel gegen Erwinia zugelassen ist, zeigte dagegen in Versuchen auch einen positiven Effekt gegen die Primärinfektion der Kraut- und Knollenfäule. Der Kupferaufwand ist bei der Beizung mit 80 bis 120 Gramm pro Hektar minimal. Es sind jedoch spezielle Sprüh- oder Vernebelungsgeräte für eine Flüssigbeize nötig, um die Knollen optimal zu benetzen.
Zeitpunkt für Knollenansatz entscheidend
Die richtige Sorte ist ein wichtiges Kriterium für den Erfolg. Allerdings beeinflussen Verbraucher und Großhandel - also die Nachfrageseite - die Sortenentscheidung maßgeblich. Trotzdem ist es sinnvoll zu prüfen, welche Kartoffel auf den eigenen Standort passt. So sollten die für Schorf anfälligen Sorten wie 'Agria', 'Simone' oder 'Adretta' nicht auf diesbezüglich prädestinierten Standorten stehen. Auch die Anfälligkeit für Eisenfleckigkeit bei Sorten wie 'Nicola', 'Granola' oder 'Anuschka' konzentriert sich auf bestimmte Standorte.
Die Anfälligkeiten für Krankheiten sind in der Beschreibenden Sortenliste des Bundessortenamtes vermerkt oder sie werden in den Sortenversuchen beschrieben. Über die Schnelligkeit des Knollenansatzes und die Ertragsentwicklung der verschiedenen Sorten gibt es dagegen nur wenig Information. Die Einteilung in Reifegruppen lässt nur bedingt Rückschlüsse zu. Diese Kenntnisse sind aber gerade im Ökolandbau für die Sortenwahl und das Anbaumanagement besonders wichtig.
Zwar führen seit ein paar Jahren einige Versuchsansteller der Länder Erhebungen hierzu durch, jedoch sind die Ergebnisse noch nicht vollständig ausgewertet. Die Ergebnisse aus obiger Abbildung stammen von nur einem Standort in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2007. Alle Sorten wurden zum selben Zeitpunkt gepflanzt und waren vorgekeimt. Es setzte recht früh eine schnell verlaufende Phytophthorainfektion ein. Die Grafik zeigt die Ertragsbildung einiger ausgewählter Sorten. Zur Zeiternte am 19. Juni hatte die Sorte ,Belana’ gerade 58 Prozent ihrer marktfähigen Ware gebildet. Zum selben Zeitpunkt war die Anlage der Gesamt-Knollenmasse bei der ebenfalls frühen ,Marabel’ bereits abgeschlossen. Bis zur nächsten Zeiternte am 6. Juli vergrößerte die Sorte ,Marabel’ nur noch ihre kleinen Knollen, während die Sorte ,Belana’ im Gesamtertrag noch über 100 Dezitonnen pro Hektar (dt/ha) zulegte. Auch die frühe ,Agila’, die mittelfrühe ,Nicola’ und die mittelspäte ,Jelly’ zeigten einen recht schnellen Abschluss ihrer Ertragsbildung, während die frühe Sorte ,Aktiva’ und die mittelfrühe Sorte ,Laura’ noch Zuwachspotential hatten.
Anbaumanagement an Ertragsbildung anpassen
Wie stark die Sorten ihr Ertragspotential nutzen können, ist vom Verlauf der Krautfäule und vom Stickstoffangebot im Boden abhängig. Hier kann das Anbaumanagement ansetzen. Sorten mit langsamer Ertragsbildung sollten unbedingt vorgekeimt werden, um den Wachstumsvorsprung von rund 14 Tagen zu nutzen. Aber auch die frühen Sorten sind vor allem auf schwierigen Standorten für eine Vorkeimung dankbar, da diese die Auflaufbedingungen verbessert. Mit Vorkeimung haben viele Sorten ihren Ertrag schon weitgehend gebildet, wenn die Krautfäule richtig einsetzt. Eine Kupferbehandlung ist dann überflüssig.
Obwohl umstritten, hat die Kupferspritzung gegen Krautfäule in den vergangenen Jahren zugenommen. Nicht immer mit dem erwünschten Erfolg. Dies kann zwei Gründe haben: Entweder kam die erste Behandlung zu spät oder es war nicht genügend Stickstoff vorhanden. Viele Bestände leiden schon frühzeitig an Nährstoffmangel und bauen ab. Wird dann bei einsetzender Krautfäule Kupfer gespritzt, bleibt der Effekt aus. Das haben mehrjährige Versuche der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen gezeigt. In diesen Versuchen wurden die Wirksamkeit von Vorkeimung, Stickstoffdüngung und Kupferbehandlung verglichen. Die wichtigsten Maßnahmen, um Ertrag und Qualität zu sichern, waren die Vorkeimung - ganz besonders in Jahren mit starker Krautfäuleinfektion - und die Stickstoffdüngung. Eine Kupferbehandlung ohne eine dieser Maßnahmen brachte keine Mehrerträge.
Zudem kommt auf Betrieben mit Kleegrasumbruch und Stallmistdüngung die Mineralisierung des Stickstoffs oft zu spät, so dass die Kartoffeln bereits an Nährstoffmangel leiden und das durch Krankheiten geschwächte Kraut schnell abbaut. Bei den Versuchen zur Ertragsentwicklung zeigte sich, dass gerade die Sorten mit schneller Ertragsbildung den Stickstoff früh brauchen. Eine zusätzliche Düngung mit schnell mineralisierbaren organischen Düngern vor der Pflanzung sollte daher überdacht werden. Dünger wie Haarmehlpellets, Agrobiosol oder Vinasse sind jedoch umstritten und ihr Einsatz sollte mit dem jeweiligen Verband vorab geklärt werden. Die Versuche zeigen aber, dass damit Kupferspritzungen möglicherweise verzichtbar werden.
Vor Kupfereinsatz Ertragsentwicklung prüfen
Eine Einschätzung und Berechnung des Verlaufs der Stickstoffmineralisation und die Prüfung, ob der jeweiligen Kartoffelsorte zu Beginn ihrer Ertragsentwicklung so genügend Stickstoff zur Verfügung steht, ist in der Praxis unerlässlich. Vor einem Kupfereinsatz sollte auf jeden Fall der bereits gebildete Ertrag auf dem Acker überprüft werden. Dabei zeigt sich, wie viel Potential für die Sorte noch vorhanden ist. Bei den Sorten 'Marabel' und 'Agila' wäre ein Kupfereinsatz im oben beschriebenen Versuch überflüssig gewesen: Die Nährstoffe und das Ertragspotential auf diesem Standort waren ausgeschöpft. Anders bei der Sorte Belana, bei der erst die Krautfäule das Wachstum abgebrochen hat. Hier hätte eine Kupferspritzung sicherlich noch Ertragszuwachs gebracht.
Wird Kupfer eingesetzt, kann die Häufigkeit der Anwendung ebenfalls über die Feldkontrolle abgeschätzt werden. Je nach Sorte legen die Knollen pro Woche bis zu 80 dt/ha Ertrag zu. Man kann daher ausrechnen, welche Ertragszuwächse überhaupt noch möglich sind. Haben die Knollen im Boden Schalenfestigkeit erreicht, ist das Anbaumanagement noch nicht abgeschlossen. Mit der Verweildauer im Boden steigt auf betroffenen Flächen der Befall mit Rhizoctonia (Pusteln und Dry-Core-Symptom) und Drahtwurmfraß. Hier sind wieder Feldkontrollen nötig, um bei Befall die Kartoffeln so schnell wie möglich zu ernten. Dies kann allerdings logistische Probleme bei Vermarktung und Lagerung mit sich bringen. Kommt eine Erwinia-Infektion hinzu, kann es dagegen besser sein, die befallenen Knollen im Boden durchfaulen zu lassen. Auf jeden Fall müssen solche Partien möglichst trocken gerodet, anschließend getrocknet und kühl gelagert werden.
Fortlaufende Kontrollen nötig
Um gute Erträge und Qualitäten im ökologischen Landbau zu erzeugen, braucht die Kartoffel eine „Rundumbetreuung“. So sind Kontrollen vom Pflanzgut über die Pflanzenentwicklung, Ertragsbildung und Krankheitsverlauf bis zur Ernte fortlaufend notwendig. Die Fruchtfolge ist zu optimieren und der Verlauf der Stickstoffmineralisierung abzuschätzen, um über weitere Maßnahmen entscheiden zu können. Maßnahmen wie eine optimale Vorkeimung mit schonender Pflanzung oder die Kühllagerung benötigen Investitionen, vor denen man nicht zurückschrecken sollte. Wer sich so intensiv mit seinen Kartoffeln beschäftigt, wird auch dauerhaft gute Erträge von hoher Qualität vermarkten können.
Autor: Andreas Paffrath (LWK Nordrhein-Westfalen)
Erschienen in "bioland", Ausgabe 05/2008
Aus der Forschung - für die Praxis
Drahtwurmregulierung im Ökokartoffelbau
Drahtwurmfraß kann zu Ertragseinbußen und schlechten Qualitäten führen. Zur Regulierung der Larven des Schnellkäfers sind im Ökokartoffelanbau verschiedene Maßnahmen möglich, werden jedoch teilweise noch nicht in der Praxis angewendet. Ein Forschungsvorhaben hat Strategien zur Drahtwurmregulierung im ökologischen Kartoffelanbau und deren Umsetzung in die Praxis erprobt.
Näheres zum Projekt:
Erprobung von Strategien zur Drahtwurmregulierung im Ökologischen Kartoffelbau
Aus der Forschung - für die Praxis
Optimierung der ökologischen Kartoffelproduktion
Der Anbau von Ökokartoffeln unterliegt seitens der Vermarktung hohen Anforderungen im Hinblick auf die optische und sensorische Qualität. Für die betriebswirtschaftliche Rentabilität muss zudem ein ausreichender Ertrag erzielt werden. Ein Verbundvorhaben hat sich mit der Weiterentwicklung und Optimierung des ökologischen Kartoffelanbaus beschäftigt. In einem Abschlussworkshop wurden die Ergebnisse aus dem Gesamtprojekt vorgestellt und anschließend als Abschlussbericht in Form eines Sonderheftes der Landbauforschung (Sonderheft 348, Optimierung der ökologischen Kartoffelproduktion) veröffentlicht. Die Projektergebnisse fanden auch Eingang in das "Merkblatt Biokartoffeln", das vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), der Bioland Beratung, dem Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) und Bio-Austria in Zusammenarbeit mit dem Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) in Neuauflage herausgegeben wurde und kostenfrei zur Verfügung steht.
vTI: Optimierung der ökologischen Kartoffelproduktion (Landbauforschung Sonderheft 348)
FiBL: Biokartoffeln - Qualität mit jedem Anbauschritt (Merkblatt)
Näheres zum Projekt:
Letzte Aktualisierung: 17.08.2011

