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Zahlreiche Forschungsprojekte im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL) erbringen neue Erkenntnisse zum  Pflanzenschutz im Öko-Landbau. Eine Auswahl der Projekte wird hier in Form von Beiträgen vorgestellt. Beschreibungen aller BÖL-Projekte finden Sie auf der BÖL-Website in der externer Link folgtProjektliste Forschungs- und Entwicklungsvorhaben

Möhrenröte

Auf der Suche nach Ursachen und Regulierungsstrategien

Gesunde und befallene Möhre im Vergleich
Symptome der "Möhrenröte": Gelbfärbung des Laubes, Kümmerwuchs der Herzblätter, starke Wurzelbärtigkeit und sogenannte Rattenschwänze
© BLE, Bonn; Quelle: Uni Kassel

Die Möhre gehört zu den wichtigsten Gemüsekulturen im ökologischen Landbau. Seit mehreren Jahren scheint die Wirtschaftlichkeit des Möhrenanbaus durch das wiederholte Auftreten einer virusverdächtigen Erkrankung - in der landwirtschaftlichen Praxis meist als "Möhrenröte" bezeichnet - gefährdet zu sein. Das Krankheitsbild der Möhrenröte zeigt sich in Rotfärbungen des Laubes, gestauchten Herzblättern, Wurzelbärtigkeit und sogenannten "Rattenschwänzen". Als Ursache werden Viruserkrankungen verantwortlich gemacht. Das in mehreren Jahren massive Auftreten symptomtragender Pflanzen und der dadurch verursachte Minderertrag waren die Hauptgründe für verschiedene - sowohl ökologisch als auch konventionell wirtschaftende - Betriebe in Niedersachsen, die Produktion von Industriemöhren gänzlich auzugeben.

Diese Situation gab den Anstoß für ein Forschungsvorhaben der Uni Kassel, Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau: Das Projekt "Vermeidung von Viruserkrankungen (Möhrenröte) im ökologischen Möhrenanbau" hatte zum Ziel, bundesweit den Status Quo der wichtigsten Möhrenkrankheiten inklusive Möhrenröte zu erfassen und zu analysieren sowie vorhandene Ansätze zur Vermeidung bzw. Befallsreduzierung der Viruskrankheit aufzugreifen und weiterzuentwickeln.

Virusanalytik

Wichtigstes Ziel des Projektes war die Identifizierung der Symptomursachen und die Bereitstellung einer brauchbaren und kostengünstigen Nachweismöglichkeit. Die Wissenschaftler erfassten Auftreten und Verbreitung der im deutschen Möhrenanbau vorkommenden Viruskrankheiten und entwickelten Nachweisverfahren für deren Erreger.

Mindestens acht verschiedene Viren konnten identifiziert und teilweise charakterisiert werden: dabei das Luteovirus Carrot red leaf virus (CtRLV), die Umbraviren Carrot mottle mimic virus/Carrot mottle virus, das Closterovirus Carrot yellow leaf virus (CYLV), der Anthriscus-Stamm des Sequivirus Parsnip yellow fleck virus (PYFV), das Potyvirus Carrot thin leaf virus (CTLV), ein bisher nicht beschriebenes Carlavirus und Vitivirus sowie ein Virus („Beny“-Virus), das sich in keine bekannte Gattung von Pflanzenviren einordnen lässt.

Das „Beny“-Virus und das CtRLV wurden am häufigsten nachgewiesen und schienen damit am weitesten verbreitet zu sein. Der hohe Anteil an latent CtRLV-infizierten, symptomlosen Pflanzen zeigt, dass offenbar noch andere Faktoren für die Symptomausprägung eine Rolle spielen.

Zum Nachweis all dieser Viren mittels RT-PCR (Reverse Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion) wurden so genannte "Primer" entwickelt (Nukleotidsequenzen, die für den Nachweis von bestimmten DNA-Abschnitten mit der PCR-Methode erforderlich sind). Da das Ausmaß der Variabilität der meisten der untersuchten Viren in der Projektlaufzeit nicht ausreichend beurteilt werden konnte, muss die Brauchbarkeit der entwickelten RT-PCR-Primer nach Ansicht der Wissenschaftler weiter untersucht werden.

Gegen CTLV und CYLV konnten Antiseren hergestellt werden. Die Produktion eines konventionellen Antiserums gegen den Anthriscus-Stamm des PYFV wurde begonnen.

Status-Quo-Analysen

Die bundesweiten Status-Quo-Analysen ergaben als Hauptverbreitungsgebiete alle Anbauregionen mit intensivem Möhrenanbau, insbesondere die niedersächsische Region südlich Bremen. In Ernteproben wiesen symptomatische Rübenkörper etwa 30 Prozent Gewichtsverlust auf. Qualitätseinbußen wie beispielsweise nachteilig veränderte Mineralstoff- und  Zuckergehalte waren nicht eindeutig erkennbar. Die ermittelten Ertragsverluste erreichten bis 17 Prozent; das entsprach bis zu 600 Euro pro Hektar.

Möhrenbestände im Vergleich
Bestand mit stark symptomtragenden Verarbeitungsmöhren (rechts) neben Frischmarktmöhren (links)
© BLE, Bonn; Quelle: Uni Kassel
 

Lösungsstrategien

Dieser Projektbereich beinhaltete Feldexperimente in Niedersachsen und Nordhessen, in denen vor allem Aspekte zur Sortenwahl und Saatzeit untersucht wurden. Zudem gingen die Wissenschaftler Fragen zur Infektionsübertragung, für die v.a. die Gierschblattlaus verdächtigt wird, nach.

Beim Vergleich von Verarbeitungs- mit Frischmarktmöhren zeigten letztere eine geringere Symptomanfälligkeit. Da sich Frischmöhren jedoch nicht als Verarbeitungsware eignen, besteht weiterhin Bedarf an der Identifizierung weniger symptomanfälligen Verarbeitungssorten für den Vertragsanbau.

Als Überträger der für die Möhrenröte verantworlichen Viren steht die Gierschblattlaus Cavariella aegopodii im Verdacht. Im niedersächsischen Hauptproblemgebiet konnte auch eine starke Präsenz dieser Art festgestellt werden. Die Erhebungen zu Anbaudichte, Schlagdistanzen und der Rolle potentieller Nebenwirte in der Begleitvegetation ließen aber keine eindeutigen Rückschlüsse auf besonders risikobehaftete Anbaukonstellationen zu. Deshalb konnte auch die wichtige Frage zur Beurteilung der räumlichen Benachbarung von Selektions- und Samenträgerbeständen im Sinne einer Risikobewertung nicht beantwortet werden. Bis auf das vorgefundene CtRLV-Isolat vom Versuchsstandort Hassel, das sich als C. aegopodii-übertragbar bestätigte, blieb der Stellenwert des Vektors für das Gesamtgeschehen offen.

Die Versuche zur Früh- und Spätsaat in Kombination mit zeitlich gestaffelten Netz-/Vliesabdeckungen erbrachten bezüglich der Koinzidenz von Vliesaufdeckung, Vektorfluggeschehen und Symptomausprägung keine eindeutigen Resultate.

In dem gegebenen Zeitrahmen des Projektes (zwölf Monate) konnten die ursächlichen Zusammenhänge, die zu den Ertragsdepressionen und dem augenfälligen offenbar neuen Symptombild führten, nicht geklärt werden. Daher wird über die kontinuierliche Beobachtung der Symptomentwicklung in den betroffenen Möhrenanbaugebieten hinaus die wissenschaftliche Begleitung und Fortführung von Experimenten zur Aufklärung des Ursachenkomplexes empfohlen.

Weitere Informationen

externer Link folgtSchlussbericht in der Datenbank „Organic Eprints“
externer Link folgtProjektbeschreibung auf der Bundesprogramm-Homepage

Hinweis: Der Schlussbericht zum Projekt "Vermeidung von Viruserkrankungen (Möhrenröte) im Ökologischen Möhrenanbau" (FKZ 02OE253) wurde im August 2007 veröffentlicht.

Letzte Aktualisierung: 24.11.2010

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