Ökologisches Rebpflanzgut: Erzeugung und Verbreitung
Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau schreiben die Verwendung von ökologisch erzeugtem Saat- und Pflanzgut vor. Dennoch war es im ökologischen Weinbau bislang üblich, konventionelles Rebpflanzgut per Ausnahmegenehmigung zu verwenden - weil keine ökologisch erzeugten Reben zur Verfügung standen.
Grund dafür war die Einschätzung, dass die ökologische Rebpflanzguterzeugung risikoreich ist und notwendige Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Die Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL) ist in Zusammenarbeit mit drei Rebveredlern in einem Forschungsvorhaben der Frage nachgegangen, ob und wie ökologisches Rebpflanzgut hergestellt werden kann.
Ökologische Rebpflanzguterzeugung: Risiko für die Rebschulen?
Die aktuelle Praxis der Rebveredlung birgt einige Schwierigkeiten für die Erzeugung ökologischer Pflanzreben:
- Ökologisch zertifiziertes Schnittholz für Unterlagen und Edelreis ist weder in ausreichender Menge noch in ausreichender Vielfalt vorhanden.
- Die derzeit üblichen Anzuchtverfahren in der Rebschule erfordern den Einsatz von Desinfektionsmitteln zur Behandlung des Vermehrungsmaterials. Erfahrungen zur Wirkung biologischer Mittel gab es bisher nicht.
- Zum Schutz der Veredlungsstelle wurde bislang Wachs verwendet, dem Wuchsstoffhormone zugesetzt werden. Diese sind nach den EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau nicht zugelassen.
- Die für das Rebschulquartier notwendige Ackerfläche, die regelmäßig gewechselt wird, muss aus ökologischer Bewirtschaftung stammen.
- Die Maßnahmenbereiche biologische Düngung, Pflanzenpflege und Beikrautregulierung werden von den Rebveredlern als unsicher und arbeitsintensiv eingestuft.
Vor diesem Hintergrund ergab sich die zentrale Fragestellung der Untersuchung: Mit welchen Methoden kann ökologisches Rebpflanzgut hergestellt werden, das die gleiche Qualität wie der konventionelle Standard aufweist?
Das Forschungsvorhaben begleitete die Umstellung des Produktionsprozesses in den drei Rebschulen und führte in 15 Weinbaubetrieben einen Vergleichsanbau von ökologischen und konventionellen Jungreben durch. Parallel dazu wurde am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Laboruntersuchungen die Wirkung verschiedener Mittel zur Desinfektion von Veredlungsmaterial geprüft.
Zentrale Frage: Das geeignete Desinfektionsmittel
Die Suche nach dem geeigneten Desinfektionsmittel ist einer der zentralen Aspekte in der Rebveredlung. "Alternativen zur konventionellen Behandlung der Veredlungspartner können an verschiedenen Punkten ansetzen", erklärt Eva Gehr, die das Projekt seitens der SÖL betreut hat. "Zum einen kann man darauf hinwirken, dass zwischen dem Schneiden des Vermehrungsmaterials und der Veredlung möglichst wenig Zeit vergeht. Dadurch entfällt die Zwischenlagerung des Veredlungsholzes und somit die Desinfektion für die Lagerzeit. Zum anderen kann man konventionelle Desinfektionsmittel durch biologische Alternativen ersetzen." Das DLR Rheinpfalz untersuchte verschiedene nach Öko-Richtlinien zulässige Behandlungsmittel zur Desinfektion des Veredlungsmaterials.
"Neben der Desinfektionswirkung war natürlich zu beachten, dass das Mittel keine phytotoxischen Schäden verursacht", erläutert die Weinbauexpertin. Die Ergebnisse der Feld- und Laborversuche ergaben, dass das Mittel Biozell 2000 (auf der Basis ätherischen Öls) das Pflanzenwachstum negativ beeinflusst, wohingegen Kaliumhydrogencarbonat (VitiSan) und Wasserstoffperoxid (H2O2-Lösung oder Antikeim 50) eine Desinfektionswirkung zeigen, ohne phytotoxisch zu wirken. Letzteres allerdings durfte nur mit Ausnahmegenehmigung im Rahmen des Projekts eingesetzt werden.
"Über die im Labor geprüften Mittel hinaus gibt es weitere Substanzen, die die einzelnen Rebveredler erfolgreich einsetzen: etwa effektive Mikroorganismen oder Fungifend, ein Präparat aus Natrium- und Kaliumphosphat mit Stärke", ergänzt Gehr. Das DLR Rheinpfalz empfiehlt, möglichst befallsfreies Vermehrungsmaterial zu verwenden und dieses zügig zu verarbeiten. Lange Lagerphasen werden als problematisch angesehen, weil der Befall mit eingewachsenen Pilzen nicht vollständig bekämpft werden kann.
Ökologische Bewirtschaftung: Auf was muss die Rebschule achten?
"Ein fruchtbarer und gut vorbereiteter Boden ist wichtig, um den Pfropfreben gute Startbedingungen zu geben, vor allem auch wegen des Verzichts auf Wuchsstoffhormone", rät Gehr. Mit einem Pflanzabstand in der Reihe von mindestens acht Zentimetern würden Durchlüftung und Wurzelwachstum gefördert. Im Verlauf des Projekts sicherte der Pflanzenschutz mit Frutogard, Kupfer und Schwefel auch in Jahren hohen Befallsdrucks durch Oidium oder Peronospora ausreichend gesunde Bestände.
Im Untersuchungszeitraum lagen die Anwuchsraten zwischen 50 und 70 Prozent - wobei diese Zahlen auch jene Verfahren einschließen, die aufgrund unbefriedigender Ergebnisse nicht weiterverfolgt wurden. "Die niedrigeren Prozentzahlen sind nicht ausschließlich und eindeutig auf die ökologische Bewirtschaftung zurückzuführen", meint Eva Gehr, "die Ursachen lagen beispielsweise auch in einer schlechten Bodenvorbereitung, ungünstigen Witterungsbedingungen zum Einschulungstermin der Pfropfreben, Fehlern in der Desinfektionsmittelkonzentration oder waren anderweitig betrieblich bedingt."
Vergleichsanbau: Kein Unterschied zwischen ökologischem und konventionellem Pflanzgut
In den Jahren 2008 und 2009 wurden in 19 Weinbergen jeweils 200 bis 400 ökologisch erzeugte und genauso viele konventionelle Pflanzreben bei Biowinzern in verschiedenen Regionen unter Praxisbedingungen angepflanzt, um Aussagen über ihr Qualitätspotenzial treffen zu können. "Im Hinblick auf das Erscheinungsbild der Jungreben und Ausfälle gab es keine Unterschiede zwischen ökologischen und konventionellen Pflanzen", sagt Gehr "Wir hatten das auch gar nicht anders erwartet. Die Zweifel mancher Kritiker haben sich also nicht bestätigt."
Engpass Vermehrungsmaterial und Ökoackerfläche: Neue EU-Rechtsvorschriften schaffen Erleichterungen
Geeignetes Vermehrungsmaterial und rebschulfähige Ökoackerfläche stellen einen Engpass bei der Erzeugung von ökologischem Rebpflanzgut dar. Zum einen gibt es noch nicht für alle Sorten und Klone anerkannte Ökoschnittgärten, zum anderen sind diese aufgrund fehlender Dokumentation zum Teil schwer zu finden. "Hier ist mehr Transparenz nötig", fordert Gehr. "Es gibt in allen Weinbauländern vom Land erstellte Verzeichnisse über Mutterrebenbestände; dort könnte eine Öko-Kennzeichnung eingeführt werden. In dieser Sache müssten die zuständigen Behörden tätig werden. Auf deren Seite bestehen jedoch leider oft Vorbehalte."
Mit den neuen EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau kam eine wesentliche Neuerung, die auch den ökologischen Weinbau betrifft: Saat- und Pflanzgut aus Umstellung ist nun ökologisch zertifizierter Ware gleichgestellt. Damit liegt die Hürde für Rebschulen niedriger, denn sie können konventionelles Vermehrungsmaterial beziehungsweise konventionelle Ackerfläche einsetzen und so Umstellungsware produzieren, auf die die Winzer ebenso zurückgreifen können wie auf Bioreben.
Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das Vermehrungsmaterial und die Fläche mindestens zwölf Monate vor der Ernte (Ausschulen der Pfropfreben) ökologisch bewirtschaftet wurden und dem Kontrollverfahren unterlagen. Wird das die Rebschulen motivieren, Ökomaterial einzusetzen? Expertin Gehr meint: "Wahrscheinlich eher vereinzelt - aber es erleichtert in jedem Falle den Einstieg in die Ökoproduktion."
Verbesserte Pflanzgutverfügbarkeit
In der Projektlaufzeit wurden Listen über das verfügbare Ökorebpflanzgut erstellt und verbreitet. Gab es am Anfang nur die Sorten Ruländer und Riesling mit vier verschiedenen Klonen auf einer Unterlage, umfasste das Angebot im dritten Projektjahr bereits 14 verschiedene Sorten mit teils mehreren Klonen, kombiniert mit vier unterschiedlichen Unterlagen.
Für das Jahr 2011 hat das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinland-Pfalz eine Liste mit Biorebpflanzgut herausgegeben, die auf der Homepage der SÖL abrufbar ist:
Biorebpflanzgut 2011 (PDF-Datei).
Neben den drei an der Untersuchung beteiligten Rebschulen haben sich weitere Rebveredler zum Einstieg in die ökologische Produktion entschlossen. Dadurch konnte das Angebot deutlich erweitert werden. Die Datenbank OrganicXseeds wird nun um Ökorebpflanzgut erweitert, damit Anbieter, Abnehmer und Kontrollstellen sich jederzeit und schnell über aktuelle Verfügbarkeiten informieren können.
Weiterer Forschungsbedarf
"Über die drei Jahre Projektlaufzeit konnten aussagekräftige praxisrelevante Erfahrungswerte gesammelt und zwischen den Rebschulen ausgetauscht werden", resümiert Gehr. Aufgrund der Komplexität des Veredlungsprozesses müssten die Ergebnisse jedoch noch mehrere Jahre geprüft werden, ehe daraus Beratungsempfehlungen abgeleitet werden können.
"Vor allem bei den Desinfektionsmitteln ist weitere Forschung nötig", meint die Weinbauexpertin. Zudem gebe es Produktionsfragen, die noch nicht untersucht worden seien, etwa welche Mittel zur Thripsbekämpfung eingesetzt werden könnten.
Und das Fazit aus Sicht der Weinbauexpertin? "Es ist unter Praxisbedingungen möglich, ökologisches Rebpflanzgut herzustellen. Die Tatsache, dass 2009 und 2010 weitere Rebveredler Teile ihrer Produktion umgestellt haben, zeigt, dass die Markteinführung gelungen ist. Nun muss erreicht werden, dass sich der Einsatz von ökologischem Rebpflanzgut in der Praxis durchsetzt und Ausnahmegenehmigungen nur noch in Einzelfällen erteilt werden."
Letzte Aktualisierung: 05.12.2011






