Honigbienen in Bedrängnis
Im Sommer 2009 ist Imker Günter Friedmann mit einem Notruf an die Presse gegangen: "Imker und Wissenschaftler schlagen erneut Alarm: Honigbienen verhungern mitten im Sommer". Für das Jahr 2010 beurteilt Imkermeister Friedmann die Situation keineswegs positiver. Vielmehr fürchtet er, dass die Hungermonate des zweiten Halbjahres 2009 die Bienenvölker erheblichen geschwächt haben, was auch noch 2012 hohe Ausfälle zur Folge haben kann.
Günter Friedmann, Träger des Förderpreises ökologischer Landbau und Sprecher der Demeter-Imker, bezeichnet den Futtermangel in der Natur als "dramatisch". Beobachtungen an seinen eigenen Bienenvölkern, mit denen er an 30 verschiedenen Standorten imkert, sowie zunehmende alarmierende Meldungen seiner Imkerkollegen aus anderen Gegenden Deutschlands veranlassten ihn im Sommer 2009 zu dem Alarmruf. Für ihn steht fest: "Nur ein rasches Umdenken und neue Wege in der Landwirtschaft sowie die Einsicht, dass die Bienen für die Bestäubung und damit auch für die Ernten unersetzlich sind, können verhindern, dass wir stumme Sommer erleben."
Die zunehmende Schwächung von Bienenvölkern ist eine Entwicklung, die sich aus Sicht des erfahrenen Imkers schon seit mehreren Jahren abzeichnet. Immer wieder kam es zu hohen Bienenverlusten, die auf einen vielschichtigen Ursachenkomplex hindeuten und keineswegs nur dem Schaden durch die Varroamilbe zuzuordnen sind.
An der Basis dieses Faktorenkomplexes steht für Friedmann eine unzureichende Nahrungsgrundlage für die Bienen: Nach der Rapsblüte Mitte bis Ende Mai beginnt für die Bienen in vielen Regionen Deutschlands eine Zeit des Mangels und oft auch des Hungerns. "Gerade in den Jahren, in denen es aus dem Wald keinen Honig zu gewinnen gibt, wird deutlich, dass auf den Feldern und Wiesen mittlerweile zu wenig blüht, um den Insekten ausreichend Nahrung zu bieten", meint Friedmann. Verantwortlich für diesen Zustand ist seiner Ansicht nach die sich immer stärker beschleunigende Intensivierung der Landwirtschaft.
Insbesondere der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen und die Gewinnung von Biogas wirkten sich dramatisch aus. In vielen Regionen dominiere zudem der Maisanbau und Wiesen werden zur Gewinnung von Silage jeweils vor der Blüte so oft gemäht, dass dort für blütenbesuchende Insekten nichts mehr zu holen sei, erklärte Friedmann. Noch schlechter als den Honigbienen gehe es Wildbienen und Schmetterlingen, die praktisch über keine Lobby verfügten.
Bestärkt wird der Imker in dieser Ansicht durch Forschungsergebnisse der Bienenwissenschaftler. Professor Dr. Jürgen Tautz vom Biozentrum der Universität Würzburg bestätigt, dass sich sowohl durch die fehlende Menge als auch durch die mangelnde Vielfalt des noch vorhandenen Blütenangebotes die Fitness der Völker der Honigbienen zum Teil drastisch verschlechtert hat. Prof. Tautz betont: "Ein zu geringes und zu einseitiges Blütenangebot führt zur Schwächung und im Extremfall zum Zusammenbruch der Bienenvölker."
Günter Friedmann und seine Kollegen bringen Verständnis für die schwierige Situation der Landwirte auf, die durch den Druck der Agrarmärkte immer intensiver wirtschaften müssen. Aber es sei doch eine absurde Situation, dass zum Beispiel die Bauern immer größere Mengen an Milch zu immer niedrigen Milchpreisen produzieren müssten, und dass dadurch unsere Bienen verhungerten, sagt Friedmann. In dieser Situation sei die Politik gefordert, die steuernd eingreifen müsse, damit die Entwicklung sowohl den Landwirten, als auch grundlegenden Bedürfnissen der Menschen und der Natur gerecht werden könne.
(Reportage Sommer 2010)
Letzte Aktualisierung: 31.01.2012


