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Optimierte Kälbergruppenhaltung

Mehr Beschäftigung - weniger gegenseitiges Besaugen?

Kälber im Auslauf
Die Gruppenhaltung von Kälbern ist artgemäß, birgt aber auch Probleme
© FAL

Ökologische Milchviehbetriebe sind verpflichtet, Kälber nach der ersten Lebenswoche in Gruppen zu halten. Teilweise bestehen aber große Vorbehalte gegen diese artgerechte Form der Kälberhaltung, da während der Tränkephase häufig gegenseitiges Besaugen der Kälber nach der Milchaufnahme auftritt. Ein Forschungsprojekt der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) im Rahmen des Bundesprogrammes Ökologischer Landbau hatte zum Ziel, das gegenseitige Besaugen zu reduzieren sowie natürliche Verhaltensweisen der Kälber zu fördern.

Der Hintergrund

Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau schreiben für ökologisch wirtschaftende Betriebe einen ganzjährigen Auslauf oder Weidegang während der gesamten Weideperiode vor. Die Kälber dürfen maximal eine Woche in Einzelboxen gehalten werden, danach ist eine Gruppenhaltung vorgeschrieben. Für Altgebäude bestehen Übergangsfristen bis 2010. Insbesondere im Zusammenhang mit neuen Regelungen zur Prämienzahlung in der Landwirtschaft ("cross-compliance") besteht in vielen milchviehhaltenden Betrieben ein großes Interesse, die Kälberhaltung in Einklang mit den geltenden Gesetzen und Vorschriften zu bringen.

Die Problematik

Kalb besaugt Artgenossen #© BLE
Als Nachteil der Gruppenhaltung von Kälbern wird das gegenseitige Besaugen gesehen
© FAL

Trotzdem ist die Haltung von Kälbern in vielen Milchviehbetrieben ein vernachlässigter Bereich. Dies gilt sowohl für konventionell als auch für ökologisch wirtschaftende Betriebe. Defizite gibt es im Bereich der Stallgebäude bezogen auf das Flächenangebot, Lüftung, Auslauf, Standort usw. Die Kälber werden in der Regel direkt oder kurz nach der Geburt von den Kühen getrennt und in Einzelboxen gehalten. Die anschließende Gruppenhaltung erfolgt zumeist in unstrukturierten Buchten, häufig noch ohne Auslauf.

Die Gruppenhaltung ist artgerecht und auch arbeitswirtschaftlich sinnvoll, allerdings mit dem Nachteil, dass gegenseitiges Besaugen von Kälbern (beispielsweise der Euteranlage, des Fells, des Nabels oder der Ohren) in diesen Gruppen auftreten kann. Gegenseitiges Besaugen kann negative gesundheitliche Auswirkungen hervorrufen, wie Haarballenbildung im Labmagen, Nabelentzündung, Ohrenentzündung oder - besonders gravierend - eine Schädigung der Euteranlage. Dies bedeutet kurz- und langfristig ökonomische Verluste.

Die Ursachen

Als Ursache für das gegenseitige Besaugen von Kälbern bei Aufzucht ohne die Mutter wird am häufigsten der nicht befriedigte Saugtrieb der Kälber genannt. Das Tränkeverfahren, bestimmt durch Saugwiderstand, Frequenz und Tränkedauer, kann den natürlichen Tränkevorgang an der Kuh meist nicht ausreichend imitieren. Auch der Lactosegehalt der Milch beeinflusst das nahrungsunabhängige Saugen. Zudem spielt die Haltungsumgebung eine große Rolle; Reizarmut sowie ein zu geringes Flächenengebot - und folglich Langeweile - verstärken stereotype (Fehl-)Verhaltensweisen. Eine Rolle spielt zudem die Genetik der Tiere; so taucht zum Beispiel bei Fleckvieh häufiger gegenseitiges Besaugen auf als bei Braunvieh oder Schwarzbunten.

Bisherige Lösungsansätze zur Reduzierung des Besaugens:

  • Erhöhung des Saugwiderstands (Milchleitung)
  • Erhöhung der Tränkefrequenz
  • Nuckel- statt Eimertränke
  • Veränderter Saugnuckel
  • Fixierung nach der Tränke
  • Zugabe von Glucose 
  • Kraftfutter/Inhaltsstoffe
  • Ammenkühe/Kuh-Kalb-Gemeinschaften
  • Erhöhung der Umweltkomplexität

Das Forschungsziel

Vor diesem Hintergrund ergaben sich für das Teilprojekt "Erprobung eines Konzepts für eine optimierte Kälbergruppenhaltung mit Auslauf während der Tränkeperiode" folgende Zielvorgaben:

  1. Reduzierung unnatürlicher Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Kälbergruppenhaltung, v.a. gegenseitiges Besaugen
  2. Förderung natürlicher Verhaltensweisen der Tiere wie Bewegungsdrang, Erkundungsverhalten, Spielverhalten und Sozialkontakte
  3. Klärung von Fragen zur Auslaufgestaltung

Lösungsansätze des Forschungsprojektes:

  • Angereicherter Nachtränkebereich
  • Trennung der Funktionsbereiche
  • Bodengestaltung
  • Spiel- und Strukturelemente
  • Pflegeeinrichtungen

Der Versuchsaufbau

Kälber an Bürsten
Die Putzmaschine wird gerne benutzt und v.a. der Kopf gebürstet
© FAL

Der Versuch wurde ausschließlich mit weiblichen Kälbern der Rasse Deutsche Holstein durchgeführt. Der Gesamtversuch umfasste sechs Wiederholungen. Die 168 Tiere stammten alle von einem Betrieb und wurden zufällig in Gruppen zu je 12 Kälbern auf die Varianten "optimierte Gruppenhaltung" und "Kontrolle" verteilt. In diesen Gruppenhaltungssystemen wurden die Kälber bis zu einem Alter von 12 Wochen mit Vollmilch durch einen Tränkeabrufautomaten mit vier Tränkeständen versorgt.

Die Kontrollvariante bestand aus einer Zweiflächenbucht mit erhöhtem Fressbereich, mechanisch verschließbarem Tränkestand, Kraftfutterstation und Heuraufe sowie einer mit Stroh eingestreuten Liegefläche. Je eine Wassertränke befand sich im Liege- und Fressbereich.

Bei den optimierten Gruppen wurde der Liegebereich räumlich vom Fressbereich getrennt. Der Fressbereich konnte ausschließlich durch einen strukturierten Auslauf erreicht werden. Etwa 80 Prozent der Auslauffläche waren mit einer Schicht weichen Rindenmulchs bedeckt. Als Strukturelement wurde im Auslauf eine Spielwand aufgebaut sowie ein Trenngatter aus Holz, das die Wege zwischen Liege- und Fressbereich verlängerte. Gegenüber von Fress- und Liegebereich wurde außerdem eine automatische Zweibürsten-Putzmaschine für die Kälber installiert, die auch von den Kälbern selbst eingeschaltet werden konnte. Zusätzlich lag im Auslauf ein großer Ball und in der Liegefläche wurde ein kleiner Ball in Kopfhöhe aufgehängt.

Der optimierte Tränkestand war mit einer seitlichen Tür ausgestattet, die nach einem erfolgreichen Tränkebesuch in einen separaten kleinen Stallbereich führte. Dieser Nachtränkebereich war ausgestattet mit einem Nuckeleimer mit drei geschlossenen Blindnuckeln und einem gefüllten Heunetz. Der Nachtränkebereich konnte über eine manuelle Rücklaufklappe verlassen werden. Durch die räumliche Entzerrung und Gestaltung sollten die Kälber vom Besaugen der Artgenossen durch die Reizumleitung auf das Nuckelangebot und Heu abgelenkt werden.

Die Liegefläche betrug in beiden Haltungsvarianten 2,25 m² je Kalb, der Fressbereich umfasste 1 m² je Kalb. Bei der optimierten Gruppenhaltung kam noch eine 11 m² große Auslauffläche je Kalb mit einer Einstreu mit Rindenmulch hinzu.

Die Ergebnisse (Zusammenfassung)

Kalb spielt mit Ball
Bei Kälbern beliebt: Kopf- und Fußball
© FAL

Durch die baulich-technischen Veränderungen am Tränkestand und den angereichert ausgestatteten Nachtränkebereich konnte das gegenseitige Besaugen der Kälber nach der Milchaufnahme signifikant auf 10 Prozent reduziert werden, im Vergleich zu 60 Prozent in der Kontrollgruppe. Auch die Intensität des Besaugens (Anzahl Saugaktionen je 100 Kälbern und Milchmahlzeit) lag bei der Gruppe mit optimiertem Tränkestand deutlich niedriger (9 bis 22 im Vergleich zu 80 bis 200 Saugaktionen). Die Attraktivität des angereicherten Nachtränkebereichs, v.a. der Nuckeleimer, nahm mit zunehmendem Alter der Kälber zu und wurde von allen Kälbern angenommen.

Vidoeaufzeichnung: Nutzung des Nachtränkebereiches

Das Video zeigt, wie der Nachtränkebereich im optimierten Tränkestand genutzt wird: Das Kalb saugt ausführlich am Nuckeleimer und bedient sich am Heunetz.

Videoclip starten (WMV-Datei, 1,8 MB, © FAL; zum Abspielen benötigen Sie den Windows Media Player)

Bei allen anderen Verhaltensweisen wie Kraftfutteraufnahme, Raufutteraufnahme und Liegezeiten wurden in beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede beobachtet. Auch das Spielverhalten (Rangkämpfe, Umherlaufen, Strohspiele) war in beiden Gruppen dank des großzügigen Flächengebotes ähnlich. Die Nutzung der Funktionsbereiche war in der Kontrollgruppe unabhängig von den Jahreszeiten. Hingegen stand die Nutzung des Auslaufs in der optimierten Gruppe in engem Zusammenhang mit den Jahreszeiten.

Die Putzmaschine wurde von den Kälbern gut angenommen, insbesondere der Kopf bevorzugt geputzt. Die Bälle waren weniger interessant, wurden aber durchschnittlich zweimal am Tag pro Kalb genutzt. Die Spielwand wurde als Element zum Verstecken nicht angenommen, war aber beim Umherlaufen und Liegen als Strukturelement sehr beliebt.

Die Bilanz: Weiterer Forschungsbedarf

Für ökologisch wirtschaftende Betriebe wäre eine Weiterentwicklung der muttergebundenen Aufzucht, auch in Form der Ammenkuhhaltung, sinnvoll. Dort tritt erwiesenermaßen kein gegenseitiges Besaugen auf. Dabei wären folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Problem der Paratuberkulose-Verbreitung
  • Arbeitswirtschaft
  • Hygiene
  • Anforderungen an die Stallgebäude.

Wünschenswert wäre weiterhin eine Ursachenforschung zum Thema "Gegenseitiges Besaugen". Die Problemlösungen zur Reduzierung des gegenseitigen Besaugens treffen zumeist nur die Symptome. Auch das abgeschlossene Projekt hat zwar eine deutliche Reduzierung des gegenseitigen Besaugens zum Ergebnis, dies stellt aber ebenfalls "nur" eine Reduzierung der schädlichen Symptome (Verhaltensweisen) dar. Die wahren Ursachen bleiben nach wie vor unklar.

Projektinfos

 Das Projekt "Optimierte Kälbergruppenhaltung in der ökologischen Milchviehhaltung" (BÖL-Projekt Nr. 02OE057) umfasste drei Teilprojekte. Mit Klick auf den Titel des Teilprojektes gelangen Sie zum jeweiligen Schlussbericht auf Organic Eprints

Weitere Informationen zum Projekt:

 Kontakt:

Dr. Heiko Georg 
 Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft
 Institut für Betriebstechnik und Bauforschung
 Bundesallee 50
 D-38116 Braunschweig

+49 531 5964329

heiko.georg@fal.de 

 Alle Schlussberichte der im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL) bearbeiteten Forschungsprojekte werden in der Datenbank "Organic Eprints" veröffentlicht. Diese ist über externer Link folgthttp://forschung.oekolandbau.de abrufbar.

Letzte Aktualisierung: 05.01.2012

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