Futterqualität: Durchwachsen wie das Wetter

- Die Futteraufnahme kann in der Praxis anders ausfallen als es die Futteranalysen und der erste Eindruck erwarten lassen.
©BLE, Bonn, Foto: T. Stephan
Besonders in feuchten Sommern kann es passieren, dass trotz ausreichenden Aufwuchses und hinreichender Ergebnisse der Futteranalyse die Milchleistung nicht stimmt. Edmund Leisen von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen berichtet über die Erfahrungen des Jahres 2007 und gibt Hinweise zur Futterbeurteilung.
Der Landwirtschaftskammer in Nordrhein-Westfalen liegen mittlerweile Untersuchungsergebnisse zur Futterqualität von Grünland- und Kleegrasbeständen auf Biobetrieben aus elf Jahren vor. Im Jahr 2007 waren die Bestände bei der außergewöhnlich warmen Frühjahrswitterung schon frühzeitig weit entwickelt. In Niederungen hatte etwa die Hälfte der Betriebe Ende April bis Mitte Mai geschnitten, aber auch in den Mittelgebirgen lag der erste Schnitt für diese Regionen teilweise sehr früh. Die Aufwuchsmenge war zu diesem Zeitpunkt zwar meist noch bescheiden - vor allem dort, wo Trockenheit im Frühjahr das Wachstum stark begrenzt hatte. Wer zum frühen Termin nicht geschnitten hatte, kam allerdings häufig erst Anfang Juni wieder dazu; im Mittel vier bis fünf Wochen später. Im weiteren Jahresablauf wurden die Nerven dann oft auf die Probe gestellt: Bei ausreichenden Niederschlägen wuchs zwar fast überall viel, häufig konnte aber witterungsbedingt erst spät geerntet werden. Auf einigen Betrieben gingen verregnete Schnitte auch völlig verloren.
An sich verläuft die Alterung des Futters im Sommer bei nicht zu warmen Temperaturen nur langsam. Problematisch ist aber, wenn bei lang anhaltender Feuchtigkeit die unteren Blattetagen absterben und der Aufwuchs "muffig" wird. Langjähriges Grünland auf feuchten Standorten, oft in Verbindung mit Filz bildenden Gräsern wie Gemeine Rispe oder Flechtstraußgras, scheint dabei stärker betroffen zu sein als Kleegras mit lockerer Narbe.
Im Extremfall verweigern die Kühe die Futteraufnahme, obwohl aus derart gewonnener Silage laut Analyse mit 6 MJ NEL (Megajoule Nettoenergielaktation) pro Kilogramm Trockenmasse im letzten Aufwuchs ein gutes Futter vorliegen müsste. Betroffen sind davon nicht nur massige Aufwüchse; eine solche Beobachtung konnte man im Sommer 2007 auch auf Weideflächen machen: Trotz ausreichenden Futterangebots fehlte auf vielen Betrieben die Milch. Ganz anders in trockenen Sommern: Hier gibt es oft noch viel Milch bei vergleichsweise wenig Aufwuchs.
Beurteilung von Futterqualität
"Futterqualität" ist eigentlich ein komplexer Begriff und lässt sich in seiner Gesamtheit dementsprechend auch nur komplex einschätzen.
Futteranalyse
Die Futteranalyse kann frühzeitig schon vor Beginn der Fütterung Orientierungswerte liefern, die in der Fütterungsphase durch Beobachtungen am Futterstock, am Trog und am Tier ergänzt werden. Die Futteranalyse gibt Hinweise, ob die Inhaltsstoffe des Futters ausgeglichen sind bzw. wo Schwächen vorliegen. Fehleinschätzungen können vermieden, passende Futterpartien kombiniert und bei Bedarf rechtzeitig Kraftfutter bestellt oder selbst erzeugtes verkauft werden. Die Gärqualität in Verbindung mit Asche- und Zuckergehalt zeigt, ob das Futter gut vergoren oder anfällig für Nacherwärmung oder Fehlgärung ist. Inhaltsstoffe und Gärqualität helfen auch bei der Entscheidung, ob das Futter besser im Sommer oder im Winter verfüttert werden soll.
Beobachtungen am Futterstock und am Trog
Idealerweise steht den Kühen durchgehend frisches Futter zur freien Aufnahme zur Verfügung, dessen Inhaltstoffe etwa dem der Futteranalyse entsprechen. Für die Probenahme zur Futteranalyse sollten die Problembereiche im Futterstock nicht einbezogen werden. Um stärkere Veränderungen bis zur Futteraufnahme zu vermeiden, sollten weniger gute Partien, zum Beispiel im Bereich der Silokanten oder der oberen Schichten, erst gar nicht in den Stall kommen. Nacherwärmungen müssen durch schnellen Vorschub oder Verfütterung gefährdeter Silagen in kühleren Jahreszeiten vermieden werden.
Praxiserfahrung: Es muss schmecken
In der Praxis wird immer wieder beobachtet, dass die Futteraufnahme anders ausfällt, als Futteranalysen und der persönliche Eindruck von Landwirten und Beratern es erwarten lassen. Die Kühe nehmen weniger auf, im Extremfall werden Partien auch verweigert, obwohl sie sauber geerntet wurden und analytisch hohe Energiegehalte aufweisen. Dieses Phänomen tritt vor allem dann auf, wenn die Kühe grundsätzlich etwas Besseres gewöhnt sind. Ist das Futter muffig - wie beispielsweise Futter der Ernte 2007 von gealterten, feuchten Aufwüchsen - oder kommt es zu Nacherwärmungen, ist mit verminderter Futteraufnahme zu rechnen. Andererseits sind eiweißreiche Herbstaufwüchse nicht nur eine gute Ergänzung zu weniger eiweißreichen Futterpartien. Sauber geerntet und gut siliert werden sie von den Kühen immer wieder gerne gefressen. An sich energiearme Getreideganzpflanzensilage fressen die Kühe häufig ebenfalls gerne, so dass die Milchleistung bei der Umstellung nicht abfallen muss. Positive Effekte gab es in der Praxis auch, wenn die Getreideganzpflanzensilage die Struktur der Gesamtration bei sehr jungen Aufwüchsen verbessern konnte.
Die Ursachen für unterschiedliche Futteraufnahmen lassen sich nicht immer ergründen. Hier gilt es die Reaktion der Kühe zu testen, selbstverständlich nur mit einwandfreiem Futter. Letztendlich entscheidet über Geschmack derjenige, der es (fr)essen muss - ganz gleich, ob Mensch oder Tier.
Autor: Dr. Edmund Leisen, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Erschienen in "bioland", Ausgabe 02/2008
Letzte Aktualisierung: 05.01.2012
