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"Vollgas" oder "Voll-Gras"

 
Kühe auf einer Weide #(c) Bioland Erzeugerring Bayern e.V. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Weidegang bietet viele naturgemäße Vorteile.

Die Frage nach der richtigen Strategie für die ökologische Milchviehhaltung beschäftigt die Betriebsleiter zunehmend. Geht es nur mit hohen Milchleistungen ("Vollgas") oder lässt sich auch mit geringeren Leistungen, hauptsächlich aus dem Grundfutter erzeugt ("Voll-Gras"), ein angemessener Betriebsgewinn erzielen?

Was sind überhaupt "geringere Leistungen"? Für Fleckvieh wäre dies eine Milchmenge um 5.000 Kilogramm. Ab 7.000 Kilogramm könnte man eine Fleckviehkuh als "Hochleistungskuh im Ökolandbau" bezeichnen. Für Schwarz- und Rotbunte sind die Leistungen durchschnittlich um 1.000 Kilogramm höher anzusetzen.

Ziele und Kennzeichen der Strategie "Vollgas"

Ziele

  • Bedarfsnormenversorgung mit Mitteln des ökologischen Landbaus
  • Kostendegression durch hohe Leistung pro Tier

Kennzeichen

  • Betriebsmittelinput höher als bei "Voll-Gras"
  • Höhere Leistungen pro Tier (und Stallplatz)

Sinnvoll bei

  • Hohen Flächenkosten
  • Hohen Arbeitskosten
  • Begrenzten Stallkapazitäten
  • Begrenzten Weidekapazitäten
  • Futterbaubetrieben mit viel Ackerfläche

Ziele und Kennzeichen der Strategie "Voll-Gras"

Ziele

  • Milch aus Gras ist oberste Priorität
  • Kostensparen durch reduzierten Aufwand

Kennzeichen

  • Betriebsmittelinput: möglichst keiner
  • Hohe Leistung pro Flächeneinheit
  • Konsequente Weidenutzung mit Frühjahrsabkalbung
  • Reduzierte Winterfutterbergung

Sinnvoll bei 

  • Geringen Flächenkosten
  • Geringen Arbeitskosten und freien Arbeitskapazitäten
  • Geringen Festkosten und freien Stallkapazitäten
  • Ausreichend Weide- und Grünlandflächen in Hofnähe

Bei einer Leistungsdifferenz zwischen Grundfutter- und Leistungskuh von 2.000 Kilogramm Milch pro Kuh ist auf den ersten Blick nicht zu erwarten, dass bei geringerer Leistung ein besseres Betriebszweigsergebnis erzielt wird. Der Blick in eine modellhafte Deckungsbeitragsrechnung (siehe folgende Tabelle) zeigt den monetären Unterschied. Beide Verfahren sind optimal gerechnet und basieren auf dem gleichen Grundfutter.

Vergleich der Deckungsbeiträge bei "Voll-Gras" und "Vollgas"

 Kriterium

Grundfutterkuh
"Voll-Gras"

Leistungskuh
"Vollgas"

* MJ NEL=Mega Joule metabolic energy (Umsetzbare Energie)

Milchleistung (kg)

5.000

7.000

Verkaufte Milch (kg)

4.500

6.500

Fett (%)

4,0

4,0

Eiweiß (%)

3,4

3,4

Quote (kg)

200.000

200.000

Kuhzahl (nach verkaufter Milch für Quote)

44

31

Körpergewicht (kg)

650

700

Nährstoffbedarf gesamt (MJ NEL*)

31.370

38.800

Mehrbedarf für Leistung (MJ NEL)

 -

7.430

Kraftfutter kalk. (bei 7 MJ NEL je kg)

 -

10,6

Geschätzte Menge (dt)
wg. Grundfutter-Änderung 

 -

15

Kosten Kraftfutter, 15 dt (29 € pro dt) 

 -

435

Milchgeld (0,41 € brutto)

1.845

2.665

Differenz (Euro)
zur Grundfutterkuh 

 -

820

Differenz (€) nach Abzug der Kraftfutterkosten 

 -

385

Die Leistungskuh hat einen Ertragsvorteil von 385 Euro. Das vorrangige Betriebsziel ist die Erfüllung der Milchquote. Dazu werden 31 Leistungskühe im Vergleich zu 44 Grundfutterkühen benötigt. Ein billiger Stallplatz kostet 250 Euro pro Kuh. Bei einem Besatz von 1,6 Großvieheinheiten (GV) pro Hektar wird pro Grundfutterkuh eine zusätzliche Grundfutterfläche von 0,63 Hektar benötigt. Bei variablen Kosten von 300 Euro pro Hektar kostet die zusätzliche Fläche je Kuh 193 Euro. Saldiert mit der zusätzlichen Flächenprämie sowie dem zusätzlichen Kalb, kostet eine zusätzliche Kuh, je nach Bundesland und Rasse, bis zu 250 Euro mehr. Das unterstreicht die eingangs genannten Voraussetzungen für ein weidebetontes System, da die Arbeits- und Flächennutzungskosten hier noch unberücksichtigt sind.

Wo kann das System "Voll-Gras" aufholen?

"Welches Wildtier legt sein Junges im November ab?" fragt Meili (2002) und sieht in der Weidenutzung mit Frühjahrsabkalbung ein wirklich ökologisches System, da es den Vorgaben der Natur folgt und nicht in Nahrungskonkurrenz zum Menschen steht. Die kontinuierliche Abkalbung erfordert hochwertiges Winterfutter und Vollmilch, die im Frühjahr viel reichlicher fließt. Es lassen sich also auch Kosten in der Winterfuttererzeugung einsparen. 

Auf der Weide

Durch die Frühjahrsabkalbung fressen die Kühe in der Laktationsspitze ein Futter, das zu diesem Zeitpunkt am energie- und eiweißreichsten ist. Für die Winterfütterung würde Grundfutter von geringerer Energiedichte reichen, das heißt es könnte ein Silageschnitt eingespart oder beispielsweise auf die Erzeugung von Grascobs verzichtet werden. Die variablen Maschinenkosten für einen Schnitt Silage liegen bei etwa 90 Euro je Hektar. Bei einem Viehbesatz von 1,6 GV je Hektar lassen sich dadurch 35 Euro pro Kuh einsparen. Wie das funktionieren kann, zeigt die nachstehende Beispielsrechnung für eine Kuh während der Laktation mit 5.000 Kilogramm Grundfutterleistung (650 kg Lebendgewicht, 4,0 % Fett und 3,4 % Eiweiß).

Nährstoffbedarf einer Kuh (Grundfutterleistung 5.000 kg)

Laktations- Drittel

Durchschnitt Tagesgemelk (kg)

Benötigte Energie pro Tag (MJ NEL)

Bei einer TS-Aufnahme (kg/ Tag)

Notwendige Energie- konzentration (MJ NEL)

1.     

21      

107,0    

18

5,9

17

6,3

16

6,7

2.    

17      

93,8    

16

5,9

15

6,3

14

6,7

3.    

12      

77,3      

15

5,2

14

5,5

13

5,9

Für eine Grundfutterleistung von 5.000 Kilogramm muss eine Kuh gut fressen. In diesem Beispiel benötigt eine Kuh im ersten Laktationsdrittel mit einem Futteraufnahmevermögen von 16 Kilogramm TS eine Energiekonzentration von 6,7 MJ NEL. Beides ist bei guter Weide möglich. Die bei realistischer TS-Aufnahme notwendige Energiekonzentration für den weiteren Laktationsverlauf kann bei guter Weideführung erreicht werden.

Da die Werte einer guten Weide auch durch eine hervorragende Silage nicht erreicht werden, muss die Silage ergänzt werden.

Die Kuh aus diesem Beispiel hat an das Winterfutter geringere Ansprüche, so dass eine vier-schnittige Wiese auf drei Schnitte heruntergefahren werden könnte. Bei gutem Grünland sind auch mit drei Schnitten 80 Dezitonnen TS je Hektar bzw. 46.000 MJ NEL je Hektar zu ernten. Die geringen Milchleistungen im dritten Laktationsdrittel wären auch mit einem solchen Futter zu erreichen.

Wenn Preisunterschiede für Sommer- und Wintermilch gering sind

Abhängig von den Preisunterschieden der Molkereien für Sommer- und Wintermilch kann dieses System aber auch einen Verzicht auf Milchgeld bedeuten. Bei einer Preisdifferenz von ein Cent zu Lasten der Sommermilch ergibt sich für die Grundfutterkuh ein Nachteil von knapp 11 Euro, wenn 70 Prozent  ihrer Milch, statt gleichmäßig verteilt über das ganze Jahr, zum Sommerpreis abgeliefert werden können. Bei einem Preisunterschied von drei Cent zu Gunsten der Wintermilch, wird bei der Grundfutterkuh bei obiger Milchverteilung auf  34 und bei der Leistungskuh auf  47 Euro verzichtet.

Durch einfache Grundfuttervorlage

Führt man den Gedanken der Frühjahrsabkalbung weiter, wird für den Winter eine eher anspruchslose Ration benötigt. Ein Mischwagen wäre nicht notwendig, da es kaum Komponenten zu mischen gibt. Wenn man nicht die ganze Futterernte "über sein Kreuz" laufen lassen will, kann ein Blockschneider mit Seitenverteiler eingesetzt werden. Der Kostenvorteil liegt, bezogen auf 40 Kühe, bei etwa 75 Euro (bei gleichem Schlepper und gleicher Arbeitszeit). 

Aufgrund möglicherweise niedrigerer Tierarztkosten

Bei einer Strategie mit geringeren Leistungen wird erwartet, dass vor allem der Aufwand für Gesundheit und Fruchtbarkeit der Kühe reduziert ist. Dass diese Annahme nicht zwangsläufig zutrifft, zeigt eine Erhebung aus Bayern an 307 Kühen der Rasse Fleckvieh (siehe folgende Tabelle).

Kosten für Tierarzt und Fruchtbarkeit in Abhängigkeit von der Milchleistung

Milchleistung (kg)  gemäß Milchleistungsprüfung

Tierarzt und Deckgeld (Euro)

Quelle: SIXT, 1998

4.000 - 5.000

57

5.000 - 6.000

57

6.000 - 7.000

60

7.000 - 8.000

64

Infolge geringerer Kosten für Bestandsergänzung

Die Kosten der Färsenaufzucht liegen bei 1.300 bis mehr als 1.500 Euro. Die Aufzuchtskosten gilt es auf möglichst viele Laktationen zu verteilen. Bei dem Wert einer Färse von 1.500 Euro kostet die Bestandsergänzung bei drei Laktationen 500 Euro und bei fünf Laktationen 300 Euro. Analog zu den Tierarztkosten in Abhängigkeit von der Milchleistung (siehe obige Tabelle) ist eine verkürzte Nutzungsdauer bei Tieren mit höherer Leistung zwar wahrscheinlich, aber nicht zwingend. Entscheidend ist auch hier das Herdenmanagement der BetriebsleiterInnen.

Zusammenfassung

Die Grundfutterkuh kann also den Kostenvorteil von 385 Euro (siehe Tabelle: Vergleich der Deckungsbeiträge bei "Voll-Gras" und Vollgas") der Leistungskuh weitgehend wettmachen. Es müssen aber gute hofnahe Weiden sowie ausreichend Stall- und Arbeitskapazitäten vorhanden sein. Das System "Voll-Gras" verspricht eine einfachere Handhabung der Herde. Dies ist Voraussetzung, um bei der Arbeitswirtschaft wegen der höheren Tierzahlen nicht ins Hintertreffen zu geraten. Gleichzeitig setzt dieses System eine anspruchsvolle Weideführung voraus, damit die Leistung nicht zu weit absinkt.

Bei der Bestandsergänzung können maximal 200 € je Kuh eingespart werden, zudem ist eine schärfere Selektion möglich. Bei der Winterfütterung können ca. 100 € je Kuh eingespart werden wenn bspw. auf einen Siloschnitt, Grascobs oder Biertreberzukauf verzichtet wird. Das Vorlegen des Grundfutters kann um ca. 75 € je Kuh weniger kosten indem z.B. ein Blockschneider anstelle eines Mischwagens verwendet wird. Insgesamt lassen sich so etwa 375 € je Kuh einsparen.

Beide Verfahren wurden in dieser Modellrechnung optimal gefahren. Braucht ein Betrieb zum Beispiel 17 Dezitonnen Kraftfutter für 7.000 Kilogramm abgelieferte Milch, hat er nur noch einen Ertragsvorteil von 100 Euro im Vergleich zu dem Betrieb, der mit sechs Dezitonnen Kraftfutter 6.000 Kilogramm Milch verkaufen kann.

Fazit

Eine hohe Milchleistung ist nicht der Garant für ein gutes Betriebsergebnis. Die Strategie muss vor allem zum Standort, zum Stall, zu den Kühen und ganz besonders zum Betriebsleiter passen. Diese Modellrechnung kann in ihrer punktuellen Betrachtung nur ein Anstoß sein, über die eigene Strategie nachzudenken. Der tatsächliche Erfolg, unter Einbeziehung aller Effekte, ist letztendlich nur in der Buchführung abzulesen. Außerdem ist die "Voll-Gras"-Strategie ein besonders günstiges Verfahren für die 100%-Bio-Fütterung bei Rindern, die seit dem 25. August 2005 auf Verbandsbetrieben umgesetzt werden muss.

Aus der Forschung - für die Praxis:

Milchvieh: Stoffströme und Produktionseffizienz bei unterschiedlicher Fütterung

Welche Auswirkungen haben Unterschiede in den Fütterungsstrategien auf Futter- und Nährstoffströme im Betrieb? Wie wird die ökonomische Produktivität beeinflusst? Im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau verglichen Wissenschaftler 26 unterschiedlich intensiv ökologisch wirtschaftende Milchviehbetriebe.

Näheres zum Projekt:
externer Link folgtUnterschiedliche Fütterungsintensität in der ökologischen Milchviehhaltung: Stoffströme und Produktionseffizienz

Letzte Aktualisierung: 05.01.2012

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