Euterentzündungen bei Milchkühen: Verzicht auf Antibiotika möglich?
Euterentzündungen (Mastitiden) bei Milchkühen verursachen durch Qualitäts- und Leistungseinbußen, kürzere Nutzungsdauer sowie Behandlungs- und Sanierungskosten weltweit einen hohen wirtschaftlichen Schaden. Nach Schätzung der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) entstehen deutschlandweit jährlich Kosten von 1,4 Milliarden Euro - das macht pro Kuh je nach betrieblicher Situation 50 bis 400 Euro im Jahr.
Auch im ökologischen Landbau spielt die Mastitis eine große Rolle. Derzeit werden Euterentzündungen aufgrund fehlender Alternativen auch dort häufig mit Antibiotika behandelt - teilweise mit zweifelhaftem Erfolg. Neben der Tatsache, dass der Einsatz von Antibiotika im ökologischen Landbau unerwünscht ist, besteht das Problem der mit Antibiotika kontaminierten Milch, die nur unbefriedigend entsorgt werden kann.
Verstärkt wird nach Alternativen gesucht - so auch von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin und der Fachgruppe für Tiergesundheit des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), die über sieben Jahre in einem Milchvieh haltenden Großbetrieb (rund 300 Milchkühe) den Einsatz von Homöopathika bei der Mastitisbehandlung untersuchten. Ziel war die Entwicklung eines alternativen Therapiekonzepts, das einen reduzierten Antibiotikaeinsatz ermöglicht.
Im Laufe der sieben Versuchsjahre wurden mehrere Studien mit unterschiedlichen Fragestellungen ausgeführt. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungstätigkeiten wurden im Juni 2004 auf einem Workshop an der Freien Universität (FU) Berlin vorgestellt:
Heilungsraten beim Einsatz von Homöopathika im Vergleich zu Antibiotika
In der ersten Studie wurde die Wirksamkeit der homöopathischen Therapie klinischer Euterentzündungen im Vergleich zur antibiotischen Behandlung untersucht. Die beim Einsatz von Homöopathika erzielten klinischen Heilungsraten lagen mit 51 Prozent nur geringfügig unter den Heilungsraten, die mit Hilfe von Antibiotika erreicht wurden (60 Prozent; Garbe, 2003). Diese ermutigenden Behandlungsergebnisse führten zu weiteren Fragestellungen hinsichtlich komplementärer Therapieansätze im ökologischen Landbau.
Homöopathische Konstitutionsmittel als Prophylaxe?
In einer folgenden Studie sollte der prophylaktische Einsatz eines aus mehreren Arzneimitteln bestehenden Konstitutionshomöopathikums untersucht werden. Es sollte die Möglichkeit überprüft werden, mittels Homöopathika die Eutergesundheit schon im Vorfeld auftretender Erkrankungen positiv zu beeinflussen. Eine generelle prophylaktische Wirksamkeit konnte bei der eingesetzten Medikation nicht nachgewiesen werden; es gelang jedoch in Teilbereichen das Risiko zu senken, dass die Tiere an einer klinischen Mastitis zu erkranken.
Wirksamkeit homöopathischer Mittel
In der neuesten Untersuchung wurde in einem placebokontrollierten Doppelblindversuch unter weitestgehendem Verzicht von Antibiotika die Möglichkeit der Etablierung eines auf homöopathischer Therapie basierendes Behandlungskonzept bei klinischen Euterentzündungen geprüft. Auch hier konnte kein genereller Wirksamkeitsnachweis der eingesetzten Homöopathika geführt werden. Allerdings zeigten sich in beiden Behandlungsgruppen sehr hohe (Selbst-) Heilungsraten von bis zu 75 Prozent.
Alternatives Therapiekonzept statt konventionelle Mastitistherapie
Sehr positive Ergebnisse wurden mit einem alternativen Therapiekonzept erzielt, dessen Schwerpunkt auf Präventivmaßnahmen in der Stall- und Melkhygiene lag. Klinische Mastitiserkrankungen wurden dabei mit homöopathischen Medikamenten behandelt, nur in Ausnahmefällen wurden gezielt Antibiotika eingesetzt.
Insgesamt verbesserte sich der Gesundheitszustand der Milchviehherde unter den verbesserten Haltungsbedingungen im Laufe der Versuchsdurchführung stetig, was anhand von Leistungsparametern und Eutergesundheitsdaten belegt werden konnte. Der Einsatz von Antibiotika konnte im Vergleich zur konventionellen Mastitistherapie um 70 bis 80 Prozent reduziert werden. Dadurch fielen auf dem Studienbetrieb 60 Prozent weniger antibiotikahaltige Milch an. Aufgrund der positiven Ergebnisse könnte das neue Therapiekonzept als Alternative zu der bisher oft ausschließlich mit Antibiotika durchgeführten Mastitistherapie in die Praxis eingeführt werden.
Mastistis: eine Faktorenerkrankung
Aus den Versuchsergebnisse wird eines deutlich: Mastitis ist eine Faktorenerkrankung, die durch zahlreiche äußere und innere Parameter beeinflusst wird. Durch den Einsatz von Medikamenten - seien es Antibiotika oder homöopathische Mittel - lässt sich nur begrenzt auf die Gesundheit der Tiere Einfluss nehmen, solange andere Faktoren wie die Haltung oder die Fütterung Mängel aufweisen. Entsprechend sind bei der Erhaltung der Tiergesundheit Systemansätze gefragt, die alle Einflussfaktoren im Blick haben und sich nicht auf die Symptombekämpfung beschränken.
Die Ergebnisse geben bei den beteiligten Institutionen Anlass, die Möglichkeiten der homöopathischen Mastitistherapie weiter zu prüfen, und alternative Therapiekonzepte der ökologischen Milchviehhaltung dauerhaft zu etablieren.
Bericht: Julia Meier (FiBL e.V.) und Christian Fidelak (FU Berlin), Juni 2004
Weitere Informationen:
Aus der Forschung - für die Praxis:
Tierarzneimitteleinsatz in der Ökomilchviehhaltung reduzieren
Tierhaltende Biobetriebe wollen ein hohes Niveau an Tiergesundheit und Wohlergehen durch gutes Management erreichen. Ziel des europäischen Forschungsvorhabens ANIPLAN war es, den Tierarzneimitteleinsatz in der ökologischen Milchviehhaltung durch aktive Tiergesundheitsplanung zu senken. An dem dreijährigen Verbundprojekt waren elf Forschungsinstitutionen in sieben europäischen Ländern beteiligt. Im deutschen Teilprojekt wurden betriebsindividuelle Tiergesundheitspläne entwickelt und optimiert sowie regionale "stable schools" zur Tiergesundheit und Tiergerechtheit initiiert.
Näheres zum Projekt:
Aus der Forschung - für die Praxis:
Einstreumaterialien und -Management in der Ökomilchviehhaltung
Die Richtlinien des ökologischen Landbaus schreiben für Säugetiere als Einstreu natürliche Materialien wie Stroh vor, um den Tieren Komfort und Wohlbefinden zu gewährleisten. Organische Einstreumaterialien können jedoch auch Mastitiserregern optimale Wachstumsbedingungen bieten und somit die Entstehung von Euterentzündungen begünstigen. In einem Forschungsprojekt haben Wissenschaftler des Johann Heinrich von Thünen-Instituts und der Fachhochschule Hannover auf 106 Projektbetrieben Daten zum Einstreumanagement erhoben und das Einstreumaterial beurteilt. Auf 30 dieser Betriebe nahmen die Wissenschaftler zudem Proben der Einstreu, Tupferproben der Zitzenhaut und des -kanals sowie Viertelanfangsgemelksproben.
Auf den untersuchten Betrieben wurde überwiegend Stroh von guter bis sehr guter Qualität als Einstreumaterial eingesetzt. Die Forscher stellten keine grundsätzlich im Ökolandbau vorhandenen Risikofaktoren fest, vielmehr machten sie einzelbetriebliche Schwachpunkte aus. Auf den 30 genauer untersuchten Betrieben wurden die empfohlenen Grenzwerte für den Besatz der Einstreu mit äskulinpositiven Streptokokken und E. coli nur selten überschritten. Dafür fanden die Wissenschaftler im Großteil der Proben coliforme Erreger in kritischer Anzahl. Diese Grenzwertüberschreitungen konnten jedoch nicht mit speziellen Managementmaßnahmen in Verbindung gebracht werden.
Näheres zum Projekt:
Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

