Fruchtbarkeitsstörungen
Die wichtigsten Fruchtbarkeitsstörungen bei Rindern sind
- Nachgeburtsverhalten
- Gebärmutterentzündung
- Scheidenentzündungen
- Ovarunterfunktion (Azyklie)
- Ovarzysten
Ausbleibende Brunst sowie nicht erfolgte Befruchtung (Konzeption) sind sichtbare Symptome. Alle diese Störungen führen zu verlängerten Service-Perioden und damit zu verlängerten Zwischenkalbezeiten. Die Folge sind enorme betriebswirtschaftliche Verluste für den einzelnen Landwirt, die sich zu beträchtlichen volkswirtschaftlichen Schäden summieren.
Die Brunst ist ein sichtbares Zeichen einer "Rangfolge" sich gegenseitig beeinflussender Organe und Regelkreise. Ein intaktes Fruchtbarkeitsgeschehen ist somit Ausdruck eines stabilen Gleichgewichts. Eine Fruchtbarkeitsstörung ist eine Entkopplung dieser Regelkreise.
Wichtige Faktoren, die auf das Fruchtbarkeitsgeschehen bei der Kuh einwirken:
- Sinnesreize (Licht, Temperatur etc.)
- Bewegungsmöglichkeiten
- Sozialkontakte in der Herde
- Fütterung (Energiegehalt, Mineralstoffe, Vitamine)
- Milchleistung
- Krankheiten (Stoffwechselstörungen, Klauenerkrankungen etc.)
- Genetische Faktoren
Fruchtbarkeitsbeeinflussende Faktoren:
- Management: Freiwillige Rastzeit, Brunstkontrolle, Besamungszeitpunkt, Zuchtauswahl, Geburtshygiene, Fütterung
- Besamung: Spermaqualität, Besamungsmethode, Auswahl des Bullen
- Umweltfaktoren: Haltungssystem, Bewegung, Sozialkontakt, Herdengröße, Klima, Jahreszeit
- Muttertier: Alter, Krankheiten, Missbildungen, Genetik, Milchleistung
- Embryo, Fetus: Sterblichkeit
Bei Fruchtbarkeitsstörungen sind den Möglichkeiten des Landwirts, was Diagnose und Therapie betrifft, sehr enge Grenzen gesetzt: Eierstocks- oder Gebärmuttererkrankungen sind äußerlich nur wenig sichtbar. Der Tierhalter kann lediglich die ausbleibende oder verlängerte Brunst oder Ausfluss aus der Scheide feststellen. Die rektale tierärztliche Diagnose ist daher im Normalfall immer Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Untersuchungen des Progesterongehaltes in der Milch können weitere Hinweise über das Zyklusgeschehen geben.
Defizite in der Umwelt der Kühe führen als sogenannte Faktoren zu Fruchtbarkeitsstörungen. Bei jeder Therapie von Fruchtbarkeitsstörungen, auch bei einer homöopathischen, muss daher stets bei den Ursachen, also den krankheitsverursachender Faktoren begonnen werden. Begleitend zur Eliminierung dieser Faktoren können homöopathische Heilmittel günstige Voraussetzungen bei den Tieren schaffen, um diese besser reagieren zu lassen.
Nachgeburtsverhalten (Retentio secundinarum)
Das Nachgeburtsverhalten kann Ausgangspunkt komplizierter Störungen in der Phase der ersten Wochen nach der Geburt sein und die spätere Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Das krankhafte Zurückbleiben der Eihäute oder von Teilen der Eihäute liegt dann vor, wenn das Nachgeburtsstadium mehr als zwölf Stunden beträgt. Normalerweise geht bei ungestörtem Geburtsablauf innerhalb von sechs Stunden nach der Geburt des Kalbes die Nachgeburt ab. Das Nachgeburtsverhalten zeigt sich beim Rind häufiger als bei anderen Tierarten, nämlich bei drei bis acht Prozent der Milchkühe. Nachgeburtsverhalten ist keine Krankheit an sich, sondern das Ergebnis bereits bestehender krankhafter Zustände und Störfunktionen.
Einflussfaktoren bei der Nachgeburtsverhaltung
Grundsätzlich ist zwischen infektiösen (Brucellose, Actinomyces pyogenes etc.) und nichtinfektiösen Ursachen für das auch Retentio genannte Zurückhalten der Nachgeburt zu unterscheiden. Heute sind vorrangig nichtinfektiöse Faktoren für die Nachgeburtsverhaltung verantwortlich. Dazu zählen als häufigste:
- Verkürzte Trächtigkeitsdauer: Der Reifungsprozess der etwa 80 bis 120 Verankerungsstellen der Nachgeburt an der Gebärmutter ist erst zwei bis fünf Tage vor dem physiologischen Ende der Trächtigkeitsdauer beendet. Deshalb ist die Zahl der Nachgeburtsverhaltungen um so höher, je früher die Abkalbung eintritt.
- Mehrlingsgeburten: Diese gehen häufig mit verkürzter Trächtigkeitsdauer einher (siehe oben).
- Verlängerte Trächtigkeitsdauer: Bereits fortgeschrittene Rückbildung (Involution) der Verankerungsstellen der Nachgeburt zum Zeitpunkt der Abkalbung. Die Zotten können eingeklemmt werden, so dass der Ablösungsprozess behindert wird.
- Fütterungsfehler: Besonders in der Vorbereitungsfütterung während der Trockenstehzeit können durch Überversorgung Probleme auftreten.
- Stressfaktoren: Beispielsweise durch Managementprobleme wie zu kurze Trockenstehzeit, Transport, Standortwechsel während der Hochträchtigkeit ( beispielsweise zu späte Umstellung in den Abkalbebereich). Weitere Ursachen können auch Rangordnungskämpfe in Laufställen sein. Der Stress kann zu verminderter Wehentätigkeit bzw. verminderter Oxitocinfreisetzung führen.
- Wehenschwäche, Milchfieber: In Folge von Schwergeburten oder bei Totgeburten. Bei Milchfieber ist die Wehentätigkeit ebenfalls reduziert.
- Sofortiges Trennen des Kalbes von der Kuh nach der Geburt (geringere Oxitocinausschüttung, vermehrter Stress)
- Bewegungsmangel in der Spätträchtigkeit
- Mangel an Vitamin E und Selen
- Toxinaufnahme, Einleitung der Geburt (Prostaglandine, Corticosteroide)
Unabhängig, ob eine homöopathische oder konventionelle Behandlung angestrebt wird, ist als vorbeugende Maßnahme gegen eine Nachgeburtsverhaltung zunächst die Behebung der eigentlichen Ursachen anzugehen.
Aus der Forschung - für die Praxis:
Tierarzneimitteleinsatz in der Ökomilchviehhaltung reduzieren
Tierhaltende Biobetriebe wollen ein hohes Niveau an Tiergesundheit und Wohlergehen durch gutes Management erreichen. Ziel des europäischen Forschungsvorhabens ANIPLAN war es, den Tierarzneimitteleinsatz in der ökologischen Milchviehhaltung durch aktive Tiergesundheitsplanung zu senken. An dem dreijährigen Verbundprojekt waren elf Forschungsinstitutionen in sieben europäischen Ländern beteiligt. Im deutschen Teilprojekt wurden betriebsindividuelle Tiergesundheitspläne entwickelt und optimiert sowie regionale "stable schools" zur Tiergesundheit und Tiergerechtheit initiiert.
Näheres zum Projekt:
Letzte Aktualisierung: 10.01.2012
