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Lahmheit

 

Lahmheiten stellen in den Milchviehbetrieben einen immer größeren wirtschaftlichen Schadensfaktor dar. Nach Sterilität und Euterentzündungen stehen Verluste infolge von Lahmheiten an dritter Stelle. Bei einer lahmen Kuh werden bis zu 1.500 Kilogramm Milch in der Laktation weniger ermolken. 

In einem modernen Milchviehbetrieb ist eine jährliche Neuerkrankung an Lahmheit von maximal zehn Prozent der Tiere einer Herde wirtschaftlich tolerierbar. Der tatsächliche Anteil liegt oft wesentlich höher. Das hat unter anderem folgende Ursachen: 

  • Keine oder unsachgemäße Klauenpflege.
  • Hohe Milchleistung bringt die Kühe vor allem in der Hochlaktation an die Grenzen der Belastbarkeit (hohe Stoffwechselleistung, Störungen der Vormagenverdauung).
  • Fehlerhafte Fütterung (falsche Rationsgestaltung, falsches Fütterungsmanagement).
  • Zu kleine und harte Stand- sowie Liegeflächen und zu nasse Laufflächen.

Lahmheiten stellen somit eine multifaktorielle Erkrankung dar.

Überwiegend haltungs- und infektionsbedingte Erkrankungen:

Ballenfäule

Dies ist eine Hornerweichung und nachfolgende Hornfäulnis, die im Ballenbereich beginnt und sich auf die gesamte Klaue sowie die Haut im Ballen- und Zwischenklauenbereich ausbreiten kann. Die Hornproduktion ist ungenügend, gleichzeitig wird das vorhandene Horn übermäßig abgenutzt. Im Ballenbereich entstehen tiefe Furchen.

Erreger der Krankheit sind Bakterien, die sich nur im feuchten und anaeroben Milieu entsprechend vermehren können. Vorwiegend betroffen sind die Hintergliedmaßen. Es zeigt sich ein vorsichtiges Aufsetzen der Klauen, trippelnder Gang sowie eine Belastung der Klauenspitzen. Es wird angenommen, dass Ballenfäule und die Mortellaro-Erkrankung unterschiedliche Ausprägungen des gleichen Krankheitskomplexes sind.

Panaritium

Hierbei handelt es sich um eine akute Entzündung des Zwischenklauengewebes mit Ausbreitung entlang des Kronsaumes bis zum Fesselgelenk oder höher. Rinder aller Altersstufen können erkranken. Meist ist nur ein Bein betroffen, häufiger die Hinter- als die Vordergliedmaßen.

Kleine Verletzungen der Haut im Klauenbereich, bedingt durch spitze Gegenstände (zum Beispiel steiniger Boden) oder Risse bei durchweichter Haut, bilden die Eintrittspforte für Erreger. Es kommt infolge der Entzündung zum Absterben von Hautteilen (faulig-stinkender Belag) und zu Geschwüren. Die nun offene Wunde ermöglicht Eitererregern den Eintritt in den Krankheitsherd. Diese Erreger können bis zu den Gelenken und Sehen vordringen.

Die betroffenen Tiere zeigen akute Lahmheit mit Störung des Allgemeinbefindens (Fieber bis über 40 Grad, verminderter Appetit, Milchrückgang). Die entzündeten Bereiche sind gerötet bis blaurot, geschwollen und stark druckempfindlich.

Dermatitis digitalis (Mortellaro, Erdbeerkrankheit)

Diese Erkrankung ist eine feuchte, rundliche, anfänglich gut abgegrenzte Entzündung der Haut im Zwischenballen- und Zwischenklauenbereich. Sie kann mit dem Auftreten von Ballenfäule gekoppelt sein. Es besteht die Gefahr der Ausbreitung der Entzündung unter das Klauenhorn im Ballenbereich. Häufig tritt sie bestandsweise auf. Je nach Erkrankungsgrad führt diese Erkrankung bis zu hochgradiger Lahmheit.

Der Zwischenklauenbereich ist in der Ballengegend gerötet, mit rundem, gut abgegrenztem, entzündetem Bereich, welcher von schmierig-stinkendem Belag bedeckt und oft von überlangen, aufrecht stehenden Haaren gesäumt ist. Die Oberfläche der Entzündung ähnelt nach Entfernung des Belages einer Erdbeere (daher der Name!). 

Prophylaxe:

  • Weide- und Stallhygiene
  • Verschmutzung der Klauen verringern
  • Desinfektion der Klauen beim Einzeltier

Mit tierärztlicher Verordnung sind Klauenbäder mit Kupfersulfat möglich. 

Überwiegend haltungs- und managementbedingte Erkrankungen:

Verletzungen

Hier zeigen sich bei Einzeltieren unterschiedlich starke Lahmheiten, die durch Hängenbleiben im Spaltenboden oder Gitterost, bei Weidegang auch durch punktuelle Belastungen durch Steine hervorgerufen werden. Aufgrund der massiven Schmerzen kann wiederholtes Ausschlagen mit dem betroffenen Hinterbein nach hinten beobachtet werden. Es zeigen sich lokale Blutungen. In der Folge bildet sich eine Infektion der Lederhaut. Als häufigste Komplikationen treten Klauenbein-Brüche, Eröffnung und Infektion des Klauengelenkes auf. Bei unbehandelten Fällen kann sich zusätzlich ein Panaritium entwickeln.

Prophylaxe: Regelmäßige Klauenpflege, Verlege-Genauigkeit der Spaltenböden und Gitterroste beachten, Weide- und Treibwege optimieren.

Rusterholz´sches Sohlengeschwür

Es ist eine der am häufigsten vorkommenden Klauenerkrankungen des erwachsenen Rindes (13,6  bis 27 Prozent der Lahmheiten). Das Sohlengeschwür kommt praktisch ausschließlich an der äußeren Klaue eines Hinterbeins oder häufig beider Hinterbeine vor. Es handelt sich um eine umschriebene Lederhautentzündung, die am Übergang zwischen Sohlen- und Ballenhorn auftritt.

Die Klauengesundheit wird besonders durch die Gestaltung der Laufgänge beeinflusst. Ein guter Laufgang muss eben, trocken und trittsicher sein. Hornwachstum und Klauenabrieb sollten sich die Waage halten. Laufgänge ohne Einstreu sind oft kotverschmutzt, rutschig und nass. Stauende Nässe führt zum Aufweichen des Horns und zu erhöhtem Abrieb des Tragrandes. Gleichzeitig wuchert das Horn im Sohlenbereich und begünstigt so die Entstehung von Lederhautquetschungen mit nachfolgenden Sohlengeschwüren. Daher ist eine regelmäßige Klauenpflege Voraussetzung zur Verhinderung von Sohlengeschwüren.

Weitere begünstigende Faktoren sind Stellungsfehler der Gliedmaßen mit vermehrter Belastung der Ballenregion der äußeren Klaue, Ballenfäule mit Verlust der Stossabsorption im Ballenbereich sowie ein zu rauer Boden in Laufställen (führt allgemein zu Defekten im Sohlenbereich). Zudem wird der Klauenrehe eine immer wichtigere Rolle bei der Entstehung des Sohlengeschwürs beigemessen (vorgeschädigte Lederhaut, schlechte Hornqualität).

Bei den Kühen erkennt man eine Entlastung der erkrankten Klaue durch Zurückstellen der Gliedmaße, bodenweite Stellung und häufiges Liegen. Eine leichte bis hochgradige Lahmheit kann Milchrückgang, Gewichtsabnahme und bei längerem Bestehen die Rückbildung der Kruppenmuskulatur zur Folge haben.

Prophylaxe: Regelmäßige Klauenpflege, Weide- und Stallhygiene, Verminderung aller begünstigenden Faktoren

Überwiegend fütterungsbedingte Erkrankungen:

Klauenrehe

Die Klauenrehe stellt die lokale Ausprägung einer Allgemeinerkrankung dar, die mit Störungen der Durchblutung in der Klauenlederhaut, mit Veränderungen am Aufhängeapparat des Klauenbeines und mit einer Entzündung dieser Bereiche einhergeht. Sie tritt meist an mehreren Klauen gleichzeitig auf und ist ebenfalls als Faktoren-Erkrankung anzusehen.

Folge der entzündlichen Veränderungen an der Lederhaut ist eine gestörte Hornproduktion. Das Klauenbein verliert seinen Halt in der Hornkapsel, der Aufhängeapparat versagt, es resultiert eine Rotation bzw. ein Absinken des Klauenbeines. 

Bei der akuten Klauenrehe ist das Allgemeinbefinden gestört. Verminderte Fresslust und starker Milchrückgang werden festgestellt. Die Tiere bewegen sich ungern, stehen schwer auf, ein steifer Gang ist auffällig. Die Klauen sind höher temperiert. Zum Teil ist der Kronsaum geschwollen und gerötet.

Bei der häufigeren subklinischen Form ist der Beginn der Erkrankung schleichend. Die Tiere zeigen im allgemeinen keine Lahmheit, Schmerzhaftigkeit an den Klauen und Störungen des Allgemeinbefindens fehlen, die Klauenform ist noch nicht verändert. Bei Untersuchung der Klauen meist anlässlich der Klauenpflege kann man an der Sohle weiches, gelbes Horn von schlechter Qualität und blutig verfärbte Stellen erkennen.  

Die übermäßige Fütterung von leicht verdaulichen Kohlehydraten und Protein bei gleichzeitigem Strukturmangel der Futtermittel im Zeitraum um die Geburt und nachfolgende bzw. gleichzeitige Krankheiten wie Pansenazidose, Azetonämie, Mastitis, Nachgeburtsverhalten, Gebärmutterentzündung, Labmagenverlagerung und Leberverfettung stehen als Risikofaktoren im Vordergrund. Die subklinische Klauenrehe stellt einen wichtigen Faktor für nachfolgende Klauenerkrankungen dar. Sohlengeschwür, Klauenspitzengeschwür, eitrige lose Wand und Ballenfäule sind als Folge einer Klauenrehe anzusehen.

Prophylaxe: Diese besteht besonders in einer stoffwechselgerechten und leistungsangepassten Fütterung im Geburtszeitraum. Dazu zählt auch die Erzeugung strukturreicher, hochwertiger Grundfuttermittel ohne stärkere Endotoxin- und Mykotoxinbelastungen.

Aus der Forschung - für die Praxis

Milchvieh: Vorbeugende Tiergesundheitskonzepte

Euterentzündungen, Lahmheiten und Stoffwechselstörungen bei Milchkühen stellen ökologische Landwirte ebenso wie ihre konventionellen Kollegen vor große Herausforderungen. Tierärzte und Berater sind überzeugt, dass die Tiergesundheit verbessert werden kann. Dazu muss vor allem vorhandenes Wissen besser umgesetzt werden.

Näheres zum Projekt:

externer Link folgtPräventive Tiergesundheitskonzepte in der ökologischen Milchviehhaltung (FKZ 03OE406)

Aus der Forschung - für die Praxis:

Tierarzneimitteleinsatz in der Ökomilchviehhaltung reduzieren

Tierhaltende Biobetriebe wollen ein hohes Niveau an Tiergesundheit und Wohlergehen durch gutes Management erreichen. Ziel des europäischen Forschungsvorhabens ANIPLAN war es, den Tierarzneimitteleinsatz in der ökologischen Milchviehhaltung durch aktive Tiergesundheitsplanung zu senken. An dem dreijährigen Verbundprojekt waren elf Forschungsinstitutionen in sieben europäischen Ländern beteiligt. Im deutschen Teilprojekt wurden betriebsindividuelle Tiergesundheitspläne entwickelt und optimiert sowie regionale "stable schools" zur Tiergesundheit und Tiergerechtheit initiiert.

Näheres zum Projekt:

Opens external link in current windowMinimising medicine use in Organic dairy herds through animal Health and welfare planning (2006-1903)

Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

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