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Rindergrippe

 
zwei gleich alte schwarz-bunte Kälber mit auffälligem Größenunterschied (das rechte kümmert wegen chronischer Pneumonie)
Zwei gleich alte Kälber in einem Mastbetrieb. Das rechte Tier kümmert wegen chronischer Pneumonie
(c) A. Striezel

Die Rindergrippe, auch Enzootische Bronchopneumonie (EBP), stellt eine ökonomisch herausragende Erkrankung dar. Neben direkten Verlusten durch Verenden bzw. vorzeitige Schlachtungen stehen Entwicklungsstörungen und Leistungseinbußen im Vordergrund. Die Erkrankung erfolgt überwiegend bestandsweise und schubartig: Das heißt, dass nicht Einzeltiere mit größeren Abständen nacheinander, sondern viele Tiere eines Bestandes nahezu gleichzeitig erkranken.

Erreger

In Zusammenhang mit dem Rindergrippekomplex wurden bisher neben Viren und Bakterien als den wichtigsten Erregern auch Pilze isoliert. Fasst man den Begriff sehr weit, kann man auch durch Lungenwürmer verursachte Parasitosen hinzuzählen.

Erregerspektrum der EBP des Rindes

Virale Erreger:

  • Bovines Parainfluenza 3-Virus (PI-3) 
  • Bovines Herpesvirus-1 (BHV-1) / BHV-3
  • Bovines Virusdiarrhoe-Virus (BVDV)
  • Bovines Respiratorisches Syncitial Virus (BRSV)
  • Bovines Adenovirus, Typen 1-8
  • Bovines Rhinovirus, Typen 1/ 2
  • Bovines Coronavirus
  • Bovines Enterovirus

Bakterielle Erreger:

  •  Mannheimia haemolytica 
  •  Pasteurella multocida 
  •  Haemophilus somnus 
  •  Mycoplasma spp. (M. bovis, M. dispar) 
  •  Chlamydia spp. 
  •  Arcanobacterium pyogenes 
  •  Pseudomonas aeruginosa 

Eine Virusinfektion stellt zusammen mit den nichtinfektiösen Einflussfaktoren die entscheidende Disposition für die nachfolgenden schwerwiegenden bakteriellen Besiedelungen dar. Trotz einer weiten Verbreitung von Pasteurellen auf den Schleimhäuten auch von gesunden Rindern ist Mannheimia haemolytica (bisher wurde dieser Erreger als Pasteurella haemolytica bezeichnet) der bakterielle Haupterreger im Rindergrippekomplex. Sein Giftstoff Leukotoxin ist entscheidend für das Krankheitsgeschehen. Im Zentrum des Geschehens steht die Schwächung der unspezifischen Abwehr. Die Schädigung des Flimmerepithels in der Luftröhre durch Viren, durch ungünstige klimatische Einflüsse oder durch "Dysstress" (Transport, Futterentzug, Futterumstellung, soziale Umstellung) sind weitere "wegbereitende" Faktoren.

Hauptfaktoren bei der Entstehung des Rindergrippekomplexes

Zu den unbelebten Faktoren, deren Einfluss jedoch nicht klar von der Wirkung der belebten abgegrenzt werden kann, zählen:

  • Überbelegung der Ställe (Luftraumbedarf pro Kalb: etwa 6 m3 bis 6 Wochen, 10 m3 bis 12 Wochen, 15 mbis 16 Wochen)
  • unzureichende Belüftung (< 34 m3 je Stunde und Kalb)
  • fehlerhafte Belüftung (zum Beispiel Zuluft über Güllekanal)
  • zu starke Luftbewegung in der Höhe der Tiere (im Winter nicht über 25 cm je Sekunde)
  • zu hohe Luftfeuchtigkeit (> 90%, bemerkbar an Wasserdampf-Niederschlägen an Wänden, Fenstern und Tieren); Wasserdampf Niederschläge an den Tieren führen zu permanentem Wärmeentzug infolge der Verdunstungskälte, die bei der Umwandlung von Wasser in Wasserdampf entsteht, das hat eine Störung der Körpertemperatur-Regulation zur Folge)
  • zu niedrige Luftfeuchtigkeit (< 60%), wodurch es zur Austrocknung der Atemwege kommen kann, in der Folge können Erreger und Schadstoffe ungehindert haften/ eindringen
  • plötzliche oder durch Tag-Nachtwechsel bedingte Temperaturschwankungen (> 5 °C), insbesondere von warm nach kalt, wodurch es zu Wasserdampf-Niederschlägen kommt (s.o.)
  • zu hohe Schadgas-Konzentration, insbesondere Ammoniak (NH3), wodurch die Schleimhaut der Atemwege geschädigt wird, die Erreger können ungehindert haften/ eindringen
  • schlecht isolierter und/ oder feuchter Liegebereich, sowie Zugluft, wodurch es zu permanenten Wärmeentzug kommt, die Körpertemperatur-Regulation wird gestört
  • zu hoher Tierbesatz, ständiger Tierzugang führt zu hohem Keimdruck
  • Zusammenbringen von Tieren (Tiergruppen) unterschiedlicher Herkunft (Crowding) sorgt für ein Einschleppen von Keimen, gegen die keine Abwehrstoffe (Antikörper) entwickelt werden konnten bzw. über die Biestmilch (Kolostrum) aufgenommen wurden
  • unzureichende Hygiene bedingt hohen Keimdruck
  • Fehlbehandlung der Tiere (im Sinne des Tierschutzes), wozu auch die oben genannten Faktoren gehören; hierdurch permanente Überbelastung der Tiere, in der Folge nimmt die Abwehrkraft ab (Immunsuppression)
  • (Vor-)Schädigung durch andere, nicht vorrangig im Atmungstrakt ansiedelnde Erreger (Ekto- und Endoparasiten) oder haftende Schadstoffe (zum Beispiel Pilzgifte = Mykotoxine), hierdurch permanente Überbelastung der Tiere, die Abwehrkraft nimmt ab
  • Fehlfütterung (zu wenig, zu viel, falsche Komponenten/ Mischverhältnisse, Mineral- und Vitaminmangel, Unter- oder Überversorgung mit Spurenelementen) und Mängel in der Trinkwasserversorgung (zu wenig, Hygienemängel, der Keimdruck wird erhöht und die
    Wasseraufnahme nimmt ab)
  • Eine beträchtliche Belastung entsteht durch Futter- und Tränkeumstellung. So beobachtet man immer wieder, dass Kälber mit einem neuen Fütterungsregime überhaupt nicht zurechtkommen und somit oft stundenlang ohne Nahrung bleiben

Die genannten Faktoren treten in der Regel nicht isoliert auf, sondern sind miteinander vernetzt bzw. bedingen teilweise einander, so dass die Tiere ein hohes Maß an Regulations- und Abwehrmaßnahmen aufbringen müssen, um "gesund" zu bleiben. Oftmals sind dann nur kleine, scheinbar unbedeutende Störungen von außen oder innen ausreichend, um Krankheitssymptome zu erzeugen. Hierzu zählt insbesondere ein Tiertransport unter schlechten Bedingungen: ungenügende Vorbereitung, mangelhafte Hygiene und unzumutbare Dauer.

Symptomatik

Die Viren verursachen eine äußerlich zunächst wenig deutliche Entzündung der Lunge mit plötzlichem Temperaturanstieg auf 40 bis 41,5 Grad, etwas beschleunigter Atmung, leichtem, wässrigem Nasen- und Augenausfluss bei geringgradigem Husten sowie allgemeiner Abgeschlagenheit. Auch leichter Durchfall ist nicht selten, besonders wenn Rota- oder Corona-Viren beteiligt sind. Die Symptome sind meist umso deutlicher, je jünger die Tiere sind. Vorwiegend betroffen sind Kälber im Alter von zwei bis vier Wochen.

Nach ein bis zwei Tagen normalisiert sich die Körpertemperatur weitgehend. Diese erste Phase kann relativ leicht übersehen werden. Mit der zweiten Phase, ausgelöst durch einen zweiten Virusschub, werden die Symptome deutlicher: Fieber bis 42 Grad, pumpende Atmung, Maulatmung mit Schaumbildung als Anzeichen einer Lungenblähung, Inappetenz, sehr selten Herzversagen innerhalb eines Tages. Treten nun keine bakteriellen Sekundärinfektionen hinzu, heilt die Erkrankung innerhalb einer Woche ab und hinterlässt keine nennenswerten Dauerfolgen.

Bei bakterieller Infektion kommt es je nach Vorschädigung, Erregerspektrum und körperlicher Verfassung ohne (aber auch mit) Therapie zu irreversiblen Schädigungen mit Todesfolge oder die Tiere kümmern zeitlebens. In den meisten Fällen liegt die Todesrate bei rechtzeitig und sachgemäß behandelten Rindern bei ein bis fünf Prozent (maximal zehn Prozent).

Prophylaxe

Wesentlichster Faktor, der über den Verlauf der Rindergrippeerkrankung entscheidet, ist der Mensch, welcher die Tiere betreut. Folgende Maßnahmen dienen der Prophylaxe vor Rindergrippe:

  • Biestmilch innerhalb der ersten Lebensstunden geben
  • Belastungssituationen vermeiden, beispielsweise Tiertransporte und Umstallungen, Tränke- und Futterumstellungen, Veränderungen im Stallklima
  • Enthornung ggf. vor der Entwöhnung vornehmen
  • Die gemeinsame Haltung von Kälbern aus verschiedenen Herkunftsbeständen vermeiden
  • Geschlossene Systeme sind vorzuziehen, das heißt Zucht und Mast in einem Betrieb. Ist dies nicht möglich, sollten zugekaufte Masttiere aus einem Betrieb oder regelmäßig aus den gleichen Betrieben stammen
  • Tiere sollten in gut belüfteten, aber zugluftfreien Ställen mit eingestreuten Liegeflächen gehalten werden (zum Beispiel Haltung mit Auslauf, Hüttenhaltung von Kälbern, Offenfrontställe)

Therapie

Beim Kalb entsteht trotz frühzeitiger und ausreichender Versorgung mit Kolostralmilch (passive Immunisierung) in der vierten bis sechsten Woche eine Immunitätsschwäche. Diese Lücke kann durch eine Impfung vor allem bei Virusinfekten, wie bei BRSV prophylaktisch und teilweise auch therapeutisch überbrückt werden. Impfmaßnahmen gegen Viren haben immer den Effekt, dass das unspezifische Immunsystem gestärkt wird, weisen aber in ihrer spezifischen Schutzwirkung oft wegen der Vielzahl von Virusarten bzw. -stämmen Lücken auf.

Die konventionelle Therapie der Bronchopneumonie konzentriert sich in erster Linie auf die Bekämpfung der bakteriellen Infektionen sowie auf die Beseitigung der damit in Zusammenhang stehenden Symptome. Eine medikamentöse Therapie ist jedoch nur dann wirksam, wenn sie frühzeitig zur Anwendung kommt. Trotz Behandlung kann die Lunge dauerhaft geschädigt bleiben, was häufig zu deutlichen Leistungseinbußen bis hin zum Kümmern oder auch zu hartnäckigen Rückfällen führt. Diese Aussagen treffen auch für naturheilkundliche Behandlungen zu.

Aus der Forschung - für die Praxis:

Tierarzneimitteleinsatz in der Ökomilchviehhaltung reduzieren

Tierhaltende Biobetriebe wollen ein hohes Niveau an Tiergesundheit und Wohlergehen durch gutes Management erreichen. Ziel des europäischen Forschungsvorhabens ANIPLAN war es, den Tierarzneimitteleinsatz in der ökologischen Milchviehhaltung durch aktive Tiergesundheitsplanung zu senken. An dem dreijährigen Verbundprojekt waren elf Forschungsinstitutionen in sieben europäischen Ländern beteiligt. Im deutschen Teilprojekt wurden betriebsindividuelle Tiergesundheitspläne entwickelt und optimiert sowie regionale "stable schools" zur Tiergesundheit und Tiergerechtheit initiiert.

Näheres zum Projekt:

Opens external link in current windowMinimising medicine use in Organic dairy herds through animal Health and welfare planning (2006-1903)

Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

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