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Rinderzucht auf Lebensleistung

 
Zwei Fleckvieh-Kühe auf der Weide. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Um die Rinderzucht auf die Belange des ökologischen Landbaus auszurichten, muss die bäuerliche Zucht intensiviert werden.
(c) BLE, Foto: T. Stephan

Die jährliche Abgangsrate bei Milchkühen lag 2008 laut Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter bei 36 Prozent. Hier sind insbesondere schwere Beeinträchtigungen der Klauen, der Beine, des Euters, der Stoffwechsel- und vor allem der Geschlechtsorgane zu nennen. Nur noch vier Prozent wurden wegen "zu hohen Alters" und elf Prozent aus "züchterischen Gründen" ausgemerzt. 

Eine tierärztliche Umfrage bei Milcherzeugern in der Region Oldenburg/ Wesermarsch hat bereits in den achtziger Jahren ergeben, dass drei Viertel der Befragten es für wichtiger erachteten, die Gesundheit und Fruchtbarkeit ihrer Kühe zu stabilisieren, als die Milchleistung noch weiter zu steigern. Jede tierische Leistung ist ein Ergebnis von Anlage und Umwelt. Beides muss im Gleichgewicht gehalten werden, wenn die Tiere auf Dauer gesund bleiben sollen.

Die züchterischen Fortschritte bei einzelnen Leistungsmerkmalen sind inzwischen so rasant, dass die meisten Milcherzeuger nicht mehr in der Lage sind, die Umweltbedingungen schnell genug diesen "modernen" Tieren anzupassen. So kann die Futterration meistens nicht die Energiekonzentration liefern, die die Kühe für ihre genetisch angelegte Leistung zur Bedarfsdeckung benötigen. Dies betrifft besonders diejenigen Betriebe, die ihre Milch aus betriebseigenem Grundfutter und Getreide erzeugen wollen. Es gibt inzwischen viele Hinweise darauf, dass eine sehr hohe Milchleistung sehr oft mit einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit verknüpft ist. Dem gegenüber scheint eine züchterische Verbesserung der Lebensleistung und Nutzungsdauer die Gesundheit der Nachkommen deutlich zu verbessern.

Ziele der Zucht auf Lebensleistung

Nicht die kurzfristige Höchstleistung frühreifer Kühe, sondern eine gesunde Dauerleistung von problemlosen Tieren mit flacher Laktationskurve zeichnen eine wirtschaftliche Kuh aus. Eine Erhöhung der heute üblichen Nutzungsdauer und der erreichten Lebensleistungen ist ökonomisch und züchterisch sinnvoll, um:

  • bei den dann höheren Nachkommenzahlen eine bessere Selektionsintensität zu erhalten,
  • mit Kühen arbeiten zu können, die ausgewachsen sind, eine höhere Futteraufnahme-Kapazität besitzen (dies bedeutet gleichzeitig auch eine Verbesserung der Grundfutter-Leistung) und ihr Leistungs-Optimum zwischen der 5. und 8. Laktation erreichen,
  • eine gewachsene Herdenstruktur zu erhalten, die sich aus jeweils einem Drittel jungen, mittleren und älteren Kühen zusammensetzt.

Arbeitsgemeinschaften zur Zucht auf Lebensleistung

Drei Arbeitsgemeinschaften, die sich besonders im Bereich Zucht auf Lebensleistungen engagieren, sind die Arbeitsgemeinschaft für Rinderzucht auf Lebensleistung, die Arbeitsgemeinschaft Lebenslinien (ALL) und der Verein zur Erhaltung und Förderung des alten Schwarzbunten Niederungsrindes e.V.:

1. Arbeitsgemeinschaft Rinderzucht auf Lebensleistung

Die Grundlage für die Zucht auf Lebensleistung (LL) legte Prof. Bakels durch den Aufbau der Schleißheimer-Herde an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilian Universität München in den früher 60er Jahren. Daraus entstand 1983 als Initiative von engagierten Rinderzüchtern die Arbeitsgemeinschaft für Rinderzucht auf Lebensleistung.

Voraussetzung für die Zucht sind Kühe mit sehr hoher Lebensleistung. Es werden Bullenmütter mit einer Lebensleistung von 100.000 Kilogamm Milch eingesetzt (die mittlere Lebensleistung liegt heute unter 15.000 kg). Lebensleistungen von 100.000 Kilogramm zeugen von genügend vielen Einzellaktationen, von guter Fruchbarkeit und von einem guten Fundament.

Eine solche Kuh muss offensichtlich ein gutmütiges Temperament haben, denn sonst wäre sie schon früher aus der Herde herausgenommen worden. Man sucht Tiere mit sehr guten Lebensleistungen und achtet gleichzeitig darauf, dass sie aus Kuhfamilien stammen, in denen solche Leistungen gehäuft vorkommen. Je gehäufter sie vorkommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine zukünftige Bullenmutter nicht nur von einer Elternseite, sondern von beiden Eltern gute Anlagen mitbekommen hat.

Die Selektion bei den weiblichen Tieren erfolgt also anhand der bisher von ihnen selbst und der von ihren weiblichen Vorfahren und Seitenverwandten erbrachten Lebensleistungen. Die Bullen werden zusätzlich mit Hilfe des Abgangs-Prozentsatzes ihrer Töchter nach der dritten Kalbung selektiert.

Im Zuchtprogramm wurde das Prinzip der Linienzucht eingehalten. Seit über 20 Jahren wird hierbei mit drei Linien gearbeitet. Seitdem wurde kein neues, völlig unverwandtes, Blut mehr hineingenommen. Alle erfolgreichen Rasse-Schöpfungen sind vor dem Entstehen der Tierzucht-Wissenschaften durch Linienzucht und gelegentliche Inzucht entstanden. Die Linienzucht macht deshalb schnellere Fortschritte, weil die Häufigkeit gewünschter Merkmale durch die Anpaarung genetisch ähnlicher Tiere gesteigert wird und sich damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die gewünschten Merkmale im Nachkommen reinerbig kombiniert sind. Gezielte Inzucht kann dann stabilisierend und verbessernd wirken, wenn die Ausgangstiere von bester Konstitution sind und keine Schwächen zeigen.

Kontakt:

Arbeitsgemeinschaft für Rinderzucht auf Lebensleistung
Dr. G. Postler
Herrmannsdor
785625 Glonn

T: 08093–2866, F: 08093–904749

E-Mail: gpostler@aol.com 

Internet: externer Link folgtwww.arge-ll.de

2. Arbeitsgemeinschaft Lebenslinien

Die Arbeitsgemeinschaft Lebenslinien wurde im März 1988 gegründet und führt das seit Ende der 60er Jahre angewandte Zuchtprogramm der ehemaligen "Genossenschaft zur Bekämpfung der Zuchtkrankheiten Hündersen eG", welche bei der Gründung der Rinder-Union WEST (RUW) in dieser aufging, fort.

Basis ihrer Zuchtarbeit ist eine durchgezüchtete Kuhfamilie mit bewährten stressstabilen Inzuchtlinien. Hauptmaßstab in der Selektion ist die möglichst hohe Lebensleistung, denn in dieses Kriterium gehen alle Eigenschaften der Kuh ein, die für die tägliche Leistungsbereitschaft, eine weitgehend ungestörte Gesundheit sowie die Fruchtbarkeit grundlegend sind.

Die Wirtschaftlichkeit profitiert ganz besonders von einer hohen Lebensleistung, weil sowohl die Ertragsseite (Milch-, Fett- und Eiweißmenge) als auch die Aufwandseite der Milcherzeugung (Bestandsergänzung, Tierarztkosten) begünstigt werden. Außerdem steigt der Ertrag durch Zuchttier-Verkäufe. Nur wer älter werdende Kühe guter Qualität besitzt, kann einen größeren Teil seiner weiblichen Nachzucht verkaufen und die geignetsten Tiere für sich behalten.

Bullenmütter müssen nach den Bedingungen der ALL mindestens drei Kälber geboren haben. Diese Bullenmütter sollen außerdem zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter eine Lebensleistung von insgesamt 150.000 Kilogramm erbracht haben, ohne dabei erkennbare gesundheitliche Einbußen erlitten zu haben.

Ein zweites Ziel der ALL wird in der Erhaltung bewährter Linien verfolgt, die sonst Gefahr laufen, dem einseitigen Leistungs-Index-Denken geopfert zu werden. Hohe Einzelleistungen von Färsen bringen zwar ihren Vätern häufig hohe Zuchtwerte. Damit ist jedoch noch nicht sichergestellt, dass sich diese "Hochleistungsfärsen" in der Auseinandersetzung mit der Umwelt auch wirklich auf Dauer durchsetzen. Es gibt gesicherte Hinweise, dass eine dauerhaft gute Kondition, das Steigerungsvermögen von Laktation zu Laktation sowie die Höhe der dritten Laktation mit dem Merkmal Lebensleistung zusammenhängen. Die Väter solcher "Langsamstarter" gehören oft dem spätreifen Typ an und haben heute keine Chance, einen ausreichend hohen "RZM"-Index (Relativer Zuchtwert Milch) zu bekommen.

Kontakt:

Arbeitsgemeinschaft Lebenslinien
Karl Wittenberg
Liemer Straße 28
32104 Bad Salzuflen

T: 05222–2559, F: 05222-364480

Internet: externer Link folgtwww.all-rind.de

3. Verein zur Erhaltung und Förderung des alten Schwarzbunten Niederungsrindes e.V.

Der Verein wurde 1989 gegründet, um die HF-freien Schwarzbunten vor dem Aussterben zu bewahren.

Eigenschaften und Zuchtziele:

  • Zweinutzungsrind
  • Milch–Fleisch-Verhältnis 60:40
  • Langlebigkeit 
  • korrektes Fundament und feste schwarze Klauen
  • festansitzendes, drüsiges Euter
  • für konventionelle und ökologisch wirtschaftende Betriebe gleichermaßen geeignet
  • gute Mast- und Weidefähigkeit, hervorragende Grundfutterverwertung
  •  durchschnittliche Jahresleistung 6.500 Kilogramm Milch mit 4,1 Prozent Fett und 3,5 Prozent Eiweiß; jedoch mindestens das zehnfache des Körpergewichtes

Die Europarekordkuh Athene mit einer Lebensleistung 178.651 kg Milch bei 4,65 Prozent Fett und 3,56 Prozent Eiweiß gehört dieser Rasse an.

Bei der Vereinsgründung wurde beschlossen, zwei Kuhlisten zu führen und für die zweite Liste Kühe bis maximal 50 Prozent Holstein-Frisian (HF) aufzunehmen. Für solche Kühe werden auch Bullen mit geringen HF-Anteilen und sehr hohen Lebensleistungen bei der Mutter angeboten.

Kontakt:

Hans-Jürgen Euler
Wiesenweg 35
36318 Schwalmtal – Rainrod

Tel.: 066 38  91 84 81 oder 355
Fax: 0 66 38 / 91 84 79

Internet: externer Link folgtwww.schwarzbuntes-niederungsrind.de

LL-Bullenkatalog

Die drei vorgestellten Organisationen haben - gemeinsam mit Lebensleistungsorganisationen in Österreich, Holland und der Schweiz - einen gemeinsamen Kriterienkatalog zur Auswahl von Lebensleistungsbullen erstellt. Auf dieser Basis wird jährlich ein Katalog mit einer internationalen Auswahl von Lebensleistungsbullen erstellt, deren Samen von Besamungsstationen bezogen werden können.

Kriterienkatalog zur Auswahl von LL-Jungbullen:

  • Lebensleistung von M + MM + VM über 150.000 Kilogramm Milch insgesamt
    Mutter > Herden/Stalldurchschnitt der entsprechenden Rasse und RZM > 106 (Rassenspezifische Berücksichtigung der LL, Fleckvieh z.B. 120.000 Kilogramm)
  • Zuchtwert Nutzungsdauer  von Mutters-Vater > Populationsmittel
    (ersatzweise Verbleiberate > Populationsmittel)
  • Persistenz von Mutter und Mutters-Vater > Populationsmittel
  • Leistungssteigerung der Mutter über die ersten drei Laktationen
  • Kalbeverlauf und Lebendgeburtenrate von Mutter und Vater > Populationsmittel
  • Zuchtwert Zellzahl des Vaters zwischen 90 bis 120
  • Exterieur (nur Berücksichtigung von biologisch funktionellen Merkmalen) ohne erkennbare nutzungsbeschränkende Mängel bei: Beckenneigung, Substanz, Klauen, Sprunggelenkqualität, Eutertiefe, Euteraufhängung, Zitzenstellung

Bezug des Bullenkatalogs:

(31 Seiten, Kosten § Euro zuzüglich Versand)

Dr. G. Postler

Europäische Koordination für Zucht auf LL

T: 08093–2866, F: 08093–904749

externer Link folgtMehr Infos zum Bullenkatalog

Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

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