Praktikerporträt: Ausgeklügelte Rindermast
Bioland-Berater Klaus Reuter besuchte 2006 einen Betrieb am Niederrhein, der erfolgreich Färsenvornutzung praktiziert und damit hohe Fleischqualitäten erreicht.
Angekommen auf dem Betrieb der Heinz & Christoph Jentjens GbR unweit der niederländischen Grenze, fällt als erstes das Farbenspiel der rund 450 Rinder auf: von weiß über beige und rotbraun nach schwarz; gefleckt, gepunktet oder einfarbig - nahezu jede Farbkombination ist vertreten. Doch die Vielfalt ist nicht beliebig, sondern bewusst komponiert; dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes Produktionssystem.
Mit 23 Hektar eigenem Land hat Heinz Jentjens 1970 begonnen. Vor allen in den vergangenen zehn Jahren kamen viele Pachtflächen hinzu, so dass die GbR nun 200 Hektar umfasst. Nötig wurde das, als feststand, das Sohn Christoph auch in der Landwirtschaft arbeiten würde und der Betrieb zwei Familien ernähren muss. Heute betreut vorrangig der Sohn die Sauen und der Vater kümmert sich um die Mutterkühe.
Zum ökologischen Landbau kam Familie Jentjens 1999 auf Wunsch der Schlachterei Thönes im 35 Kilomater entfernten Wachtendonk. Die Firma, zu der bereits seit Mitte der achtziger Jahre Geschäftsbeziehungen bestehen, begann damals in den Bio-Markt einzusteigen. Heute verkaufen die Jentjens jährlich rund 115 Kälber, 55 Mastbullen sowie 75 Mastfärsen an Thönes.
Produzieren, was der Markt wünscht
Viele Metzger des Thönes-Verbund bevorzugen weibliche Tiere, die einmal abgekalbt haben. Sie haben mehr intramuskuläres Fett und sind generell etwas schwerer und reifer als Bullen. Darüber hinaus besteht eine Nachfrage nach Mastbullen und Kalbfleisch. "Wir haben uns den Erwartungen der Abnehmer entsprechend verhalten", bringt Heinz Jentjens die Gründe für das Produktionsverfahren Färsenvornutzung auf den Punkt. Hinzu kommt, dass eine reine Färsenmast aufgrund der hohen Pachtpreise unwirtschaftlich wäre.
Von den eigenen Mutterkühen werden alle weiblichen Kälber im Alter von fünf bis sieben Monaten mit 120 bis 150 Kilogramm Schlachtgewicht von der Kuh weg an Thönes verkauft und im Handel als rosarotes Biokalbfleisch vermarktet. Jentjens muss daher jedes Jahr rund 100 weibliche Absetzer zukaufen, die überwiegend von Bio-Betrieben aus der Eifel und dem Hunsrück stammen. Die Absetzer werden im Herbst und Winter im Alter von sechs bis zwölf Monaten mit 220 bis 300 Kilogramm Lebendgewicht zugekauft und auf dem Betrieb weiter aufgezogen.
Färsenvornutzung
Im darauf folgenden Frühjahr werden die weiblichen Jungrinder in drei Altersgruppen eingeteilt und kommen zusammen mit einem Deckbullen auf die Weide. Im Alter von 24 bis maximal 30 Monaten kalben die Färsen ab, säugen die Kälber für 12 Wochen und werden dann von ihnen getrennt. Die Kälber der Färsen werden nun an die Mutterkühe zum Saugen angesetzt, die nach dem Absetzen ihrer eigenen weiblichen Kälber mit fünf bis sieben Monaten noch ausreichend Milch haben um die fremden Kälber für weitere drei Monate zu ernähren.
Möglich ist das, weil sowohl die Mutterkühe als auch die Färsen in drei Gruppen verteilt übers Jahr abkalben. Das System funktioniert aber nur, wenn die Kühe zweimal täglich während des Fressens fixiert werden und dann die fremden Kälber geschlossen in einer Gruppe zu den Kühen gelassen werden. Andernfalls würden die scheuen Kälber bei den aggressiveren Kühen keine Milch aus dem Euter bekommen.
Intensive Fütterung ist notwendig
Aus der Färsengruppe werden nach dem Absetzen 15 bis 20 Tiere für die Remontierung der Mutterkuhherde ausgesucht. Die anderen Färsen werden im Durchschnitt sechs Wochen gemästet, um mit einem Alter von 30 bis 36 Monaten und einem Schlachtgewicht von durchschnittlich 300 Kilogramm an die Schlachterei verkauft zu werden. Um das Gewicht zu erreichen, wird eine Ration gefüttert, die je zur Hälfte aus Maissilage und Kleegrassilage bester Qualität besteht. Dazu kommen 1,5 bis zwei Kilogramm einer Getreidemischung aus 75 Prozent Weizen und 25 Prozent Ackerbohnen. Diese Ration erhalten auch die Mastbullen vom Absetzen bis zur Schlachtung im Alter von 18 bis 24 Monaten mit einem Schlachtgewicht von 450 bis 500 Kilogramm. Die Kälber bekommen ad-libitum eine Mischung aus grob geschroteten Weizen und Körnermais in Vorratsbehältern auf der Weide oder im Kälberschlupf.
Die zukünftigen Mutterkühe werden nach Milchleistung, Leichtkalbigkeit und ruhigem Charakter ausgewählt. Nachdem ein Bulle für etwa sechs bis acht Wochen bei der Gruppe war, werden alle Tiere auf Trächtigkeit untersucht, da die Erfahrung gezeigt hat, dass gerade Färsen mit hoher Milchleistung schwerer tragend werden. Die Färsen, die nach dieser Zeit nicht tragend sind, kommen sofort in eine Mastgruppe und können dann noch als Färse geschlachtet werden.
Produktionskosten niedrig halten
"Mutterkuhaltung darf alles - nur kein Geld kosten und keine Arbeit verursachen", ist ein Lehrsatz, den viele professionelle Mutterkuhhalter gerne zitieren. Auch Heinz Jentjens versucht vor allem, die Stallkosten gering zu halten. "Am liebsten gehen wir hin und pachten eine Scheune in der Nachbarschaft, die nicht mehr gebraucht wird und stellen da unsere Mutterkühe und Rinder unter." Ansonsten nutzt er gebrauchte Hallen für seine Tiere.
Nicht gespart werden darf dagegen beim Zukauf der Väter, so dass Ausgaben von 3.000 Euro für einen einjährigen Zuchtbullen nicht ungewöhnlich sind. Allerdings ist dies auch eine Investition für mehrere Jahre: da keine eigene Nachzucht gehalten wird, können die Bullen schon mal bis zu 13 Jahren alt werden.
Auch um die Kosten gering zu halten, versucht der Mäster, das komplette Futter selbst zu erzeugen. Ein Posten ist allerdings in den letzten Jahren deutlich gestiegen: Konnten weiblichen Absetzer im Jahr 2004 noch für durchschnittlich 450 Euro zugekauft werden, kosteten sie letztes Jahr im Schnitt schon 500 Euro. Für diesen Herbst rechnet Jentjens damit, für gute Tiere über 500 Euro zahlen zu müssen. Aber damit ist die Schmerzgrenze für ihn auch erreicht, da die Erzeugerpreise für Mastrinder bisher nur langsam gestiegen sind.
In der Vielfalt liegt die Stärke
Als weibliche Absetzer werden reine Limousin oder Kreuzungen mit möglichst hohen Limousinanteil zugekauft, da diese mittelrahmige und mittelintensive Rasse sich aufgrund von Leichtkalbigkeit und geringer Verfettungsneigung gut für die Färsenvornutzung eignet. Für die Mutterkuhherde bevorzugt Jentjens wegen der benötigten Milchmenge im allgemeinen Kreuzungstiere aus Milch- mit Fleischrinderrassen.
Die Mutterkühe werden mit Bullen der Rasse Weißbaue Belgier gedeckt, die für ihre extreme Fleischfülle und das Auftreten von Doppellendern bekannt ist. Die Kälber erreichen aufgrund dieser Genetik und der relativ hohen Milchmenge der Mütter früh die Schlachtreife und ein hohes Schlachtgewicht. Die zugekauften Limousinfärsen werden mit Piemonteser-Bullen belegt, deren Kälber dann sehr feinknochig und ebenfalls früh schlachtreif sind.
Auf dem Betrieb Jentjens stehen aber auch einige reine Piemonteser- und genetisch hornlose Fleckvieh-Mutterkühe. Zusammen mit einem kürzlich zugekauften genetisch hornlosen Limousin-Bullen soll daraus etwas Neues entstehen: Gemeinsam mit einem befreundeten Mutterkuhhalter möchte Heinz Jentjens genetisch hornlose Piemonteser züchten.
Perspektiven liegen in der Kooperation
Mit dem jetzigen Tierbestand sind Familie Jentjens, ein Azubi und eine Saisonkraft arbeitsmäßig ausgelastet.
Aufgrund der hohen Kosten sind zurzeit keine weitere Investitionen in Stallgebäude oder die Zupacht von zusätzlichen Flächen geplant. Denkbar wäre allerdings ein weitere Auslagerung der Färsenaufzucht und der Mutterkuhhaltung auf Betriebe in den extensiven Grünlandregionen der Mittelgebirge, mit dem Ziel "dreimal im Jahr dahin zufahren und mit einem Anhänger voller Absetzer zurückzukommen."
Im Moment ist Familie Jentjens jedenfalls ganz zufrieden und bereut die Umstellung auf den Biolandbau nicht. Wenn nun aber Ausgleichszahlungen und Prämien an vielen Stellen gekürzt oder gar ganz gestrichen werden und die Produktionskosten steigen, müsse sich auch bei den Erzeugerpreise etwas bewegen. Denn: "Vom Verlust zu leben, geht nicht."

- Rindermastprofi Heinz Jentjens: "Wir verhalten uns den Erwartungen der Abnehmer entsprechend".
© bioland
Betriebsspiegel Biohof Jentjens
110 ha Grünland
90 ha Acker
110 Mutterkühe
115 Färsen
50 Mastbullen
90 Jungrinder
80 Kälber
6 Zuchtbullen
40 Zuchtsauen (Verkauf der Ferkel)
6-jährige Fruchtfolge
Kleegras
Kleegras
Silomais
Weizen
Bohnen/Gemüseerbsen
Hafer-Erbsen-Gerste-Gemenge
Weitere Informationen:
Dieser Bericht ist von September 2006.
Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

