Ausbaufähig: Die Milchschäferei

- Nur "Spitzengrünfutter": Die Milchschafe danken es mit guten Leistungen.
Foto: Bioland
Die Nachfrage nach Schafmilchprodukten ist hoch, trotzdem gibt es nur wenige melkende Schafbetriebe in Deutschland. Einer davon ist der Schäferhof in Marienheide im Bergischen Land.
Sie seien anspruchsvoll, anspruchsvoller vielleicht als Milchkühe, jedenfalls in der Fütterung. Nur, dass man über die Fütterung von Milchkühen quasi alles nachlesen könne, bei Milchschafen dagegen müsse man nach wie vor aus Fehlern lernen, sagt Bioland-Landwirt Sebastian Schäfer. Die wenigen Tierhalter, für die die Milchschäferei in Deutschland mehr als ein Hobby ist, sind weitgehend auf sich gestellt. Was jeder von ihnen kann und weiß, hat er sich in erster Linie selbst erarbeitet.
Wie Sebastian und Karla Schäfer. 1987 haben sie auf ihrem Betrieb im Bergischen Land das erste Schaf gemolken und die Milch einer kleinen Käserei zugeliefert, die aber bald Konkurs ging. Die Schäfers begannen, die Milch selbst zu Weichkäse und Joghurt zu verarbeiten. Zwei Jahre später traten sie dem Bioland-Verband bei, weil ihr erster größerer Abnehmer Biokäse haben wollte. "Damals hieß es, in Deutschland sei die Milchschäferei gar nicht möglich", erinnert sich Sebastian Schäfer. Doch der Absatz war da, drei Jahre später standen schon 100 Schafe auf dem Betrieb. In den Folgejahren haben die Schäfers viel in die Käserei investiert, und ein neuer Stall wurde gebaut. Heute halten die beiden knapp 200 Muttertiere plus Nachzucht und ein paar Böcke. 160 Tiere werden zurzeit gemolken; im vergangenen Jahren hat die Blauzungenkrankheit auf dem Betrieb zugeschlagen, etliche Tiere sind gestorben, viele nicht trächtig geworden.
Spitzengrundfutter nötig
Wie funktioniert die Milchschäferei? "Jedenfalls nicht wie extensive Schafhaltung auf Naturschutzflächen, so wie viele sich das vorstellen", sagt Sebastian Schäfer. Die anspruchsvollen Tiere brauchen bestes Grünfutter. Auf dem Schäferhof bekommen sie fast ausschließlich Weidefutter und Grassilage, denn Spitzenheu ist in der regenreichen Region nur schwer zu machen. Die Hälfte der 30 Hektar Grünland des Betriebs sind am Hof arrondiert. Die Schafe grasen auf einer Standweide direkt am Hof. "Völlig gegen jede Schulweisheit, die wegen der Innenparasiten Wechselweide empfiehlt", sagt Schäfer. Doch seine Tiere haben keine Parasitenprobleme, obwohl er nicht routinemäßig entwurmt; Schäfer führt das auf die gute Konstitution und eine weitgehende Parasitenbalance der Tiere zurück.
Neben dem Grundfutter erhalten die Tiere zu den Melkzeiten ein Mischfutter, ein halbes Kilogramm am Tag. Im Großen und Ganzen setzen die Schafe das Kraftfutter gar nicht so gut in Milch um, ist die Erfahrung des Tierhalters. Er würde das Kraftfutter gern leistungsbezogen zuteilen, doch das gibt die derzeitige Technik noch nicht her.
Stark schwankende Leistungen
Überhaupt: die Leistungen. Die sind sehr unterschiedlich mit einer großen Bandbreite von 150 bis 500 Kilogramm je Tier und Laktation. Das liegt auch daran, dass die Genetik der Tiere sehr heterogen ist. Da es so wenige professionelle Milchschafhalter gibt, sind auch die Tiere nicht gut durchgezüchtet: "Die Zucht des Ostfriesischen Milchschafs liegt vorwiegend in den Händen von Hobbyhaltern", sagt der Schafhalter. Anders in Frankreich: Dort werden die Tiere mit modernen Zuchtmethoden in den Schafmilchbetrieben rund um Roquefort gezüchtet.

- "Eigentlich ist die Milchschafhaltung eine tolle Sache", meint Sebastian Schäfer.
Foto: Bioland
Schäfer hat auf Lacaune-Schafe umgestellt, eine hornlose, französische Rasse, die er für wesentlich stabiler und verlässlicher hält als das hierzulande übliche Ostfriesische Milchschaf. Er selbst versucht, seine Herde durch Selektion der besten Mutterschafe zu verbessern und glaubt, dass sie noch stark weiterentwickelt werden kann. Helfen wird ihm dabei die neue Melkanlage, mit der sich nun endlich Einzeltierleistungen erfassen lassen.
Die Schafe des Schäferhofes geben rund 300 Kilogramm Milch im Jahr. Schäfer melkt sie zusammen mit seiner Frau Karla, Praktikanten oder Auszubildenden in einem 20er Melkstand, etwa 1,5 Stunden dauert das morgens und abends. Die Tiere lammen saisonal in drei Gruppen, gemolken wird von Mitte Januar bis Mitte November.
Offenfrontstall sorgt für gute Luft
Einfacher als die Fütterung ist der Stall. Die Schafe des Schäferhofs kommen nachts und im Winter in einen 350 Quadratmeter großen Offenfrontstall, im Eigenbau aus Rundhölzern erstellt. Die Front nach Süden ist komplett offen, die Rückwand ein luftiges Spaceboard, eine breite Dachfirstöffnung sorgt für zusätzliche Zirkulation. Die Tiere muss man nur vor starkem Wind und Nässe schützen, ist Schäfer überzeugt, ansonsten tut ihnen die frische Luft gut. Als die damals noch kleinere Herde vor dem Stallneubau in einer Maschinenhalle stand, litten die Tiere oft unter Atemwegserkrankungen.
Anders einrichten würde Schäfer heute die Fütterung. Die Schafe fressen die Silage aus Rundraufen, die im Stall verteilt sind, arbeitswirtschaftlich ist das sehr simpel, doch die Futterverluste sind hoch. "Solange der Ballen frisch ist, fressen die Tiere verschwenderisch, später müssen sie sich bemühen, noch schmackhafte Hälmchen aus der Raufe zu zupfen", beobachtet Schäfer. Und das ist sofort an der Leistung sichtbar. Besser wäre ein Futtertisch oder ein Futterband.
Wo bleiben die Lämmer?
Die Lämmervermarktung ist eine der weiteren Herausforderungen der Milchschafhaltung in Deutschland. Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau schreiben vor, dass die Lämmer 45 Tage natürliche Milch bekommen; diese aus der eigenen Herde zu ermelken, lohnt sich nicht bei den zu erlösenden Lämmerpreisen. Und wenn kein Biokuhmilchbetrieb in der Nähe ist, der in der Lammzeit täglich 200 bis 400 Liter liefern kann, gestaltet sich die mutterlose Aufzucht schwierig: "Dann zahlt man schnell 50 Euro pro aufgezogenes Lamm zu", sagt Schäfer. 40 bis 50 Zuchtlämmer werden jedes Jahr an der Mutter aufgezogen; er würde sich über Biobetriebe freuen, die seine restlichen 300 Lämmer abnehmen, um sie aufzuziehen und zu mästen. Derzeit verkauft er sie als Flaschenlämmer mit zehn bis 14 Tagen an kleinere und größere Schafhalter.

- Die hofeigene Verarbeitung der Schafmilch ist ein lukratives Geschäft.
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Heiß begehrte Produkte
Im vergangenen Jahr verarbeitete Karla Schäfer rund 45.000 Kilogramm Milch in der hofeigenen Käserei zu Joghurt, Weich- und Frischkäse. Die Produkte gehen über den Naturkost-Großhandel, per Direktbelieferung an einige Bio- und Hofläden und an den regionalen konventionellen Lebensmittel-Einzelhandel. Die Abnehmer würden mehr Ware vom Schäferhof nehmen, wenn sie denn da wäre, und die Schäfers würden "gerne noch ein bisschen wachsen". Doch um die eigene Herde zu vergrößern, fehlen die Flächen in der milchviehstarken Region. Und Milch zukaufen? "Gerne", sagt Sebastian Schäfer, denn die Verarbeitung von Schafmilch lohnt sich. Betriebsintern verrechnet er die Milch mit 1,05 Euro pro Liter, "das würde ich auch extern bezahlen." Doch bislang hat er keinen Landwirt in der Region gefunden, der mit Milchschafen beginnen möchte.
Nicht nur für die Betriebe, auch in der Schafmilchverarbeitung fehlen in Deutschland die Strukturen. Nur rund um die Hofkäserei Anderlbauer im Chiemgau, die Schafmilch aufnimmt, wachsen Betriebe zu. "Es fehlt die Initialzündung", sagt Schäfer, "jemand, der sich richtig dahinter klemmt."
Strukturen schaffen
Dieser jemand kann und will er nicht sein, aber Sebastian Schäfer engagiert sich trotzdem für die Biomilchschafhaltung in Deutschland. Er ist Sprecher des Bioland-Bundesfachausschusses Schaf und Ziege und will hier Vernetzung schaffen. "Eigentlich ist die Milchschafhaltung eine tolle Sache", resümiert er, "und es gibt einige sehr schöne und gut funktionierende Betriebe in Deutschland, die zeigen, dass es geht." Der Markt ist unterversorgt, der Absatz ließe sich noch stark erweitern. Schwierig ist der Aufbau dieses Betriebszweigs, weil es so wenig Vorbilder und kaum Zusammenarbeit unter den erwerbsmäßigen Schafhaltern gibt: "Jeder muss das Rad wieder neu erfinden." Deshalb ist er froh über die Bioland Schaf- und Ziegenhaltertagung, bei der sich wieder alle treffen werden.
Und übrigens suchen Karla und Sebastian Schäfer einen Hofnachfolger oder eine Hofnachfolgerin. Jemand, der als Juniorpartner bei ihnen einsteigt und den Betrieb später einmal übernehmen will. Denn ihren Erfahrungsschatz und die über Jahrzehnte aufgebaute Herde irgendwann aufzulösen, das wäre viel zu schade.
Betriebsspiegel
- Betriebsfläche: rund 30 Hektar Dauergrünland
- Tierbestand: 200 Mutterschafe der Rasse Lacaune und Lacaune/Ostfriesisches Milchschaf-Kreuzungen, 45 Zuchtlämmer, zwei Mastlämmer, vier Zuchtböcke; zwei Hütehunde
- Betriebsgebäude: Laufstall 350 Quadratmeter, 20er-Melkstand mit Rohrmelkanlage, Maschinen- und Bergehalle 250 Quadratmeter; Käserei mit einer Verarbeitungskapazität von max. 700 Liter Milch täglich, Kühl- und Tiefkühllager
- Arbeitskräfte: zwei ständige (Betriebsleiterehepaar, beide 50 Jahre), drei feste Teilzeitkräfte, zwei Aushilfen, ein Auszubildender
- Maschinen: Schlepper 55 kw mit Frontlader, Heugeräte
- Vermarktung: 80 Prozent über Naturkost-Großhandel, 15 Prozent über Naturkost-Einzelhandel und konventionellen LEH, 5 Prozent Direktvermarktung ab Hof.
Autorin: Annegret Grafen-Engert, bioland
Erschienen in "bioland", Ausgabe 09/2008
Letzte Aktualisierung: 10.01.2012
