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Lippengrind

 
Schafportrait
Ein rundum gesundes Schaf: Alle Maßnahmen, die die Infektionsabwehr der Tiere steigern, wirken auch dem Lippengrind entgegen.
(c) A. Striezel

Lippen- oder Maulgrind (Ecthyma contagiosum) ist eine weltweit verbreitete, ansteckende Virusinfektion. Sie verursacht pockenartige Hautveränderungen an wenig behaarten Regionen von Kopf, Genitalien, Eutern und Klauen bei Schafen und Ziegen. Übertragungen auf Hunde, die infiziertes Fleisch gefressen haben, und Menschen sind bekannt.

Erreger und Symptome

Der Erreger, das ORF-Virus (Parapox ovis), hält sich jahrelang in unerkannt infizierten Tieren (Hauptüberträger) sowie in der Umgebung. Die Viren sind sehr widerstandsfähig gegenüber Trockenheit. Sie können in eingetrocknetem Sekret an Stallwänden, den Hürden und auf der Weide bis zu zwölf Jahre ansteckungsfähig bleiben. Chemische Desinfektionsmittel (zum Beispiel Einprozentiges NaOH) sollten auf virushaltiges Material mindestens vier Stunden einwirken. Eine Entseuchung der Weiden bzw. des Dungs ist aufgrund dieser Bedingungen kaum möglich.

Durch kleine Verletzungen dringen die Erreger in die Haut empfänglicher Tiere ein und bilden nach einer Inkubationszeit von drei bis acht Tagen Papeln, Pusteln und Krusten. Es werden drei verschiedene Formen nach den besonders betroffenen Körperregionen unterschieden

  • Die Lippenform zeigt sich vor allem an Lippen, Zahnfleisch und Zunge. Die mit der Entzündung einhergehende Schwellung nimmt teilweise auch äußerlich extreme Formen an, so dass bei einigen Schafen (etwa fünf bis 20 Prozent der Tiere) eine dem Nilpferd ähnliche Kopfform beobachtet werden kann. Durch die Übertragung über die Tränketechnik stellt der Lippengrind ein Problem bei der mutterlosen Lämmeraufzucht dar.
  • Die genitale Form tritt am Schwanzansatz, an Scheide und Anus sowie am Euter und den Zitzen auf. Insbesondere der Übertragungsweg vom Mund des Lammes ans Euter und zurück ist hier von Bedeutung. 
  • Die seltene Fußform findet sich am Kronsaum und zwischen den Klauen.

Die klinischen Erscheinungen klingen - trotz der schnellen Verbreitung im Bestand - bei der am häufigsten auftretenden milden Verlaufsform nach etwa 14 Tagen wieder ab. Anschließend bildet sich eine stabile Immunität aus, die etwa zwei bis fünf Jahre anhält und über die Biestmilch auch die Lämmer in den ersten Lebenswochen schützt. Die Entzündungssymptome sind bei Ziegen im Vergleich zu Schafen generell schwächer ausgeprägt. Die veränderten Hautpartien gestatten das Eindringen einer Vielzahl von bakteriellen Erregern, so dass Schäden überwiegend durch diese Sekundärinfektionen entstehen.

Vorbeugung

Die beste Vorbeuge besteht in der natürlichen Durchseuchung des Bestandes zu einer Zeit, in der keine Sauglämmer vorhanden sind. Wenn Tiere in lippengrindfreie Bestände zugekauft werden, sollten diese während einer Quarantänezeit von mindestens 14 Tagen auf Krusten an den entsprechenden Stellen untersucht werden. Der Zukauf sollte auf Zeiten verschoben werden, in denen keine Sauglämmer vorhanden sind. In endemisch befallenen Herden sind meist nur gelegentlich Lippengrindveränderungen zu beobachten. Hier ist im Abstand von fünf bis acht Jahren mit stärkeren Krankheitsausbrüchen zu rechnen, die dann wieder einen lang anhaltenden Schutz hinterlassen. In solchen Beständen reicht meist die örtliche Behandlung aus.

Es besteht die Möglichkeit der Herstellung bestandsspezifischer Vakzinen. Ein Impfstoff steht in Deutschland nicht mehr zur Verfügung. In anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft wird erfolgreich ein Lebendimpfstoff eingesetzt, der zur Sicherung einer Bestandsimmunität jährlich zwei bis vier Wochen vor dem Lammen verabreicht wird.

Behandlung

Alle Maßnahmen, die eine Steigerung der Infektionsabwehr bewirken, sind in der Lage, den Ausbruch von Lippengrind zu verhindern und/ oder den Verlauf zu mildern. Wenn erst wenige Tiere leichte Symptome zeigen, kann metaphylaktisch bei allen Tieren der Herde ein Paraimunitätsinducer eingesetzt werden. Über die Wirksamkeit liegen aber bisher nur wenig aussagekräftige Studien vor.

Pflanzliche Mittel, die die Widerstandskraft gegenüber Virusinfektionen erhöhen, sowie Vitamin A und C können auch die Abheilung beschleunigen. Die örtliche Behandlung mit Salben, Tinkturen, Ölen (beispielsweise Teebaumöl) verhindert Sekundärinfektionen und lindert Schmerzen. Neben der örtlichen Behandlung mit desinfizierenden oder antibiotischen Mitteln gibt es keine spezifische Therapie, da es sich um eine Virusinfektion handelt. 

Aufgrund der starken Schmerzen im Maulbereich sollte man den Tieren die Tränkeaufnahme erleichtern (permanentes Angebot von frischem Wasser) und gleichzeitig strukturarmes und nährstoffreiches Futter (Maissilage, eingeweichte Trockenschnitzel) anbieten.

Übertragbarkeit

Beim Lippengrind handelt es sich um eine Zoonose, das heißt bei Kontakt (auch mit latent infizierten Schafen) besteht die Gefahr, dass der Erreger über kleine Hautrisse auch beim Menschen eindringt. Grundsätzlich sollten daher Schäfer oder Viehhändler beim Umgang mit verdächtigen oder erkrankten Tieren Handschuhe tragen. Die Infektion verläuft beim Menschen meist schmerzlos und fieberfrei, es können allerdings Komplikationen auftreten. Aus versicherungsrechtlichen Gründen wird daher dringend empfohlen, spätestens drei Tage nach Bekanntwerden der Krankheit einen Arzt aufzusuchen, da der Lippengrind als Berufskrankheit anerkannt werden kann, wenn die Ansteckung infolge einer beruflichen Tätigkeit erfolgt ist.

Letzte Aktualisierung: 10.01.2012

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