Interview mit BioSpitzenkoch Jürgen Andruschkewitsch
Wer selbst kocht, isst besser
15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen sind bei uns übergewichtig, 6,3 Prozent leiden unter Adipositas (Fettleibigkeit). Hochgerechnet auf Deutschland entspricht dies einer Zahl von circa 1,9 Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen. Doch anstatt in Panik zu verfallen und ständig Kalorien zu zählen, sollten Eltern und Kinder ihre Essgewohnheiten überprüfen und öfter einmal zusammen kochen. Jürgen und Adelheid Andruschkewitsch kochen viel und gerne, privat für die Familie und professionell für Gäste. Gemeinsam betreiben der Bio-Spitzenkoch und die Hotelfachfrau das Bioland-Restaurant Rose in Eschenau (Landkreis Schwäbisch Hall). Dort kommt nur frisch Gekochtes, Saisonales und 100 Prozent Bio auf den Tisch. Sogar der Ketschup ist selbstgemacht. Mit Kochkursen in Schulen und in ihrem Restaurant versuchen sie immer wieder auch Kinder für mehr frische, gesunde Lebensmittel zu erwärmen.
Herr Andruschkewitsch, was können Eltern tun, um ihre Kinder gut zu ernähren?
Zunächst einmal müssen wir uns bewusst machen, dass sich die meisten von uns heute weniger bewegen, aber kalorienreicher essen. Auch Kinder werden ständig gefahren statt zu gehen und essen zuviel und zu oft. Das passt einfach nicht zusammen und muss wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Dann müssen sich die Eltern selbst gut ernähren. Wir stellen fest, dass kleine Gemüsemuffel oft Eltern haben, die auch kein Gemüse essen. Und anstatt abends Chips zu knabbern, können Eltern Obst aufschneiden und servieren. Einen aufgeschnittenen Apfel rühren Kinder viel eher an als einen ganzen.
Die meisten Kinder beginnen ihre Ernährung mit selbst gekochtem Brei oder Bio-Gemüse aus dem Gläschen? Warum mögen dann ältere Kinder so wenig gekochtes Gemüse?
Wir müssen wie die Fooddesigner in der Industrie überlegen, was die Kinder in welchem Alter mögen. Gerade kleinere Kinder haben ein viel stärkeres Geschmacksempfinden als wir Erwachsenen. Wenn die direkt nach den süßlichen Breien aus Karotten oder Pastinaken unser scharf gewürztes Gemüse vorgesetzt bekommen, ist das ein Schock. Auch Kohl zu essen ist für kleine Kinder eine völlig neue, extreme Erfahrung. Schließlich waren diese blähenden Gemüse ja in keinem Brei.
Wie kann ich denn Kindern Gemüse schmackhaft machen?
Ich habe meinen Kindern am Anfang das Gemüse extra abgeschmeckt. Einfach Karotten, Pastinaken, Blumenkohl oder Zucchini kleinschneiden, mit Gemüsebrühe garen und mit wenig Salz, etwas Honig oder Zucker, milden Kräutern oder etwas Sahne abschmecken. Selbst Rosenkohl und Wirsing schmecken mit Sahne und einer Prise Muskat süßlich würzig statt bitter. Haben sich die Kinder an den Kohlgeschmack gewöhnt, können Sie den Sahneanteil wieder reduzieren. Übrigens schmeckt Biokohl milder (nicht so kohlig) als konventionell produzierter, da er weniger Nitrat enthält.
Kürbis kann man mit einer Messerspitze Chili oder Ingwer aufpeppen und zu Kohlrabi gehört unbedingt frisch gehackte Petersilie. Und wer sagt eigentlich, dass Rote Beete immer so sauer serviert werden muss? Mit Apfelsaft und Zimt angemacht, schmeckt sie Kindern viel besser. Alternativ lässt sich auch die von Natur aus mildere Weiße Beete verwenden. Ein Kohlrabi-Apfel-Salat mit mildem Essig angemacht begeistert Jung und Alt.
Was kann ich tun, wenn im Familienalltag nur wenig Zeit zum Kochen bleibt?
Dann sollte ich zumindest einen Familienkochtag am Wochenende einrichten. Hierbei können alle Familienmitglieder mit einbezogen werden. Dabei entsteht nicht nur ein gutes Essen, sondern die Familie ist sich auch nah und die Kinder lernen nebenbei mit Lebensmitteln und Küchenutensilien umzugehen. Ansonsten lässt sich mit guter Planung viel Zeit gewinnen. Für die Familie koche ich manches für mindestens zwei Tage. Also größere Mengen von Gerichten, die sich gut aufwärmen oder auch einfrieren lassen. Oder heute mehr Kartoffeln als nötig, damit es Morgen Bratkartoffeln oder Kartoffelklöße geben kann. Aus Reis und Nudelresten zaubert sich am Folgetag beinahe von alleine ein Auflauf oder eine Reis-Gemüse-Pfanne. Rohkostsalate schmecken noch besser wenn sie 1 Tag durchgezogen sind, also bestens für die Vorbereitungsküche geeignet.
Und was tun wir, wenn die Kinder unser Essen nicht mögen?
Jede/r hat etwas, das er/sie nicht mag. Das ist okay. Aber ansonsten sollten wir nicht zu viele Kompromisse machen. Es sollte schon gegessen werden, was auf den Tisch kommt. Wenn an einem Tag der Geschmack nicht voll getroffen wurde, isst man eben etwas weniger, aber keinesfalls sollten verschiedene Gerichte gekocht werden oder dem mäkelnden Kind ein Brot angeboten werden. Bei einer Mahlzeit etwas weniger gegessen, lässt das Kind noch nicht verhungern. Bei älteren Kindern empfiehlt sich ein Rollentausch. Schließlich müssen nicht immer die Mutter oder der Vater kochen. An ihren Tagen können die Kinder zubereiten, was sie mögen. Dabei erleben sie vielleicht einmal, wie frustrierend es für den Koch ist, wenn die Anderen ihr Essen nicht schätzen. Klasse ist es auch, gemeinsam zu kochen. Unsere Erfahrung aus den Kochkursen ist, dass die Kinder viel offener für neue Gerichte sind, wenn sie selbst beim Zubereiten dabei sind.
Ein Beitrag von Jutta Schneider-Rapp
Pressestelle Bioland Baden-Württemberg
Gerberstraße 9
70178 Stuttgart
www.bioland-bw.de
Letzte Aktualisierung: 26.01.2011


