oekolandbau.de - Das Informationsportal



Die Berichte

Alexandra Pistor, Hauptschullehrerin:

Brot und Obst auf Holzbrettchen (Foto: pixelio.de)

Verantwortung für sich und die Welt übernehmen – Ein Projekt über ökologische Erzeugnisse in der Hauptschule 

Die 20 Schülerinnen und Schüler, die ich als Klassenlehrerin unter anderem in Naturwissenschaften und Gesellschaftslehre unterrichte, besuchen das 6. Schuljahr in einer Mainzer Hauptschule. Nachdem ich im vergangenen Jahr auf der Grundlage von Materialien des aid infodienstes die Themen „Gesunde Ernährung“ und „Konservierung von Lebensmitteln“ behandelt hatte, wollte ich nun die Perspektive erweitern und das Thema „Bioprodukte“ innerhalb eines Projektes erarbeiten. Die zuvor genannten Themen waren naturwissenschaftlich ausgerichtet. Es ging um Nahrungsmittelgruppen, die Funktion von Vitaminen und Mineralstoffen für unseren Körper und Möglichkeiten der Haltbarmachung von Lebensmitteln. Vor allem die Verarbeitung der Lebensmittel, das Trocknen von Früchten und Kräutern sowie das gemeinsame wöchentlich stattfindende gesunde Frühstück hat den Kindern viel Freude bereitet.

Nun sollte der Blick erweitert werden und Zusammenhänge verschiedener Bereiche, die die Produktion von Nahrungsmitteln betreffen, erkannt werden. Die elementaren Ziele meines Unterrichtsvorhabens waren – neben der Wissensvermittlung – die Reflektion des eigenen Verhaltens, eine Erweiterung des Erfahrungshorizonts und eine Abkehr von der hilflosen Konsumentenrolle. Die Schülerinnen und Schüler sollten auf den Weg gebracht werden, bewusst Entscheidungen treffen zu können.

Um diese Ziele erreichen zu können, stellte ich an das Projekt folgende Anforderungen:

  • Die Arbeitsweise sollte die Eigenaktivität fördern und das Leben der Kinder außerhalb der Schule mit einbeziehen.
  • Sinnliche Erfahrungen und Emotionen sollten einen gleichberechtigten Anspruch neben der kognitiven Wissensvermittlung erhalten.

„Forscheraufgaben“ als Einstieg ersetzen Hausaufgaben und initiieren außerschulisches Lernen 

Um die Beschäftigung mit Unterrichtsstoff über die Schulzeit hinaus bei den Kindern, die die Erledigung von Hausaufgaben oft schlicht verweigern, anzuregen, habe ich verschiedene „Forscheraufgaben“ angeboten. Diese Art von Aufgabe nehmen die Schülerinnen und Schüler mit Engagement in Angriff. Außerdem vereinfacht ein solches Vorgehen organisatorische Schwierigkeiten. So ist es beispielsweise nicht unbedingt ratsam, mit 20 Kindern in ein kleines Geschäft oder auf den Wochenmarkt zu gehen. Tun sie dies nach einer gemeinsamen Vorbereitung selbstständig außerhalb der Unterrichtszeit in kleinen Gruppen, sind im besten Fall auch die Eltern in positiver Weise involviert. Im Anschluss präsentieren sie im Unterricht ihre Arbeitsergebnisse und diskutieren im Plenum ihre Erfahrungen.

Im Rahmen des Unterrichtsprojektes wurden die Kinder mit drei Forscheraufträgen konfrontiert: Sie sollten die Inhaltsstoffe aller Lebensmittel, die sie zu Hause im Kühlschrank haben, notieren. Nachdem sie diese Forscheraufgabe erfüllt hatten, berichteten viele von „Ekelgefühlen“, die sie überfallen hätten angesichts der unheimlich anmutenden Zusatzstoffe in den gekauften Lebensmitteln. Im Anschluss wurde mit den Materialien für den Unterricht zum Thema „Unerwünschte Stoffe in Lebensmitteln“ weiter gearbeitet.

Später sollten sie nach einem Familieneinkauf die Herkunft der gekauften Produkte recherchieren. In Partnerarbeit verglichen die Kinder im Unterricht ihre Recherche mit dem Saisonkalender (Arbeitsblatt 3a/b, unter „Öko-Lebensmittel auf kurzen Wegen“ ) und überlegten, was für den Konsum regionaler und saisonaler Produkte spricht. Schließlich hatten sie die Aufgabe, verschiedene Wochenmärkte, Bioläden und Bauernhöfe mit Hausverkauf zu besuchen. Das Einkaufsverhalten der Familien, aus denen die Kinder kommen, sieht fast nur den Einkauf in Discountern und in unmittelbarer Nähe zum Wohnort befindlichen Geschäften vor. Zu einer Erweiterung des Horizonts hat diese Aufgabe mit Sicherheit geführt, wie sich an den Reaktionen deutlich zeigte.

Erlebnisse und Medien

Begegnungen außerhalb des Klassenzimmers und das Aufsuchen außerschulischer Lernorte bieten viele interessante Ereignisse, die für die Kinder zu Erlebnissen werden. Es geht nicht darum, flüchtige Eindrücke zu hinterlassen, die nicht nachhaltig wirken, sondern Erfahrungen, die ein vertieftes Erfassen und Verstehen von Lebenswirklichkeit ermöglichen.

Auch wenn die Schule, an der ich unterrichte, keine Innenstadtlage hat, hat die überwiegende Zahl der Schülerinnen und Schüler nur rudimentäre Naturerfahrungen gesammelt. Ein authentisches Erleben ist jedoch von unmittelbarer Bedeutung, um Natur nicht nur schätzen, sondern auch respektieren zu lernen. Exkursionen mit möglichst viel freier Zeit, in der ein wirkliches Erfahren zugelassen werden kann, sind meines Erachtens die einzige Möglichkeit, dies im Rahmen von Schule zu vermitteln.

Fester Bestandteil des Unterrichts war aber auch der Einsatz verschiedener Medien. Die Kinder setzen das Internet unter anderem zur Vorbereitung von Präsentationen in selbstverständlicher Weise ein. Auch die Arbeit mit Folien stellt eine willkommene Abwechslung dar. Die Vorbereitung des Forscherauftrags, einen Wochenmarkt zu besuchen, fand beispielsweise unter Zuhilfenahme der Folienvorlage M3 „Aktionstipps zur Themenbearbeitung“ („Lebensmittelqualität im ökologischen Landbau“, S. 101) statt.

Daneben habe ich den Film „We feed the world“ von Erwin Wagenhofer eingesetzt, der auf eindrucksvolle Art Einblicke in Zusammenhänge und Abhängigkeiten gibt, die auf andere Art kaum zu vermitteln gewesen wären. In kleinen Gruppen hatten die Kinder die Aufgabe, sich je einen Abschnitt des Dokumentarfilms anzusehen und zu der darin vorgestellten Thematik eine Präsentation für das Plenum zu erarbeiten. Die Bearbeitung war interessant, da der Film eine Wertung der Darstellungen dem Zuschauer überlässt. Die Schlüsse, die die Schüler zogen, waren zum Teil durchaus beeindruckend.

Stellung beziehen

Schlüsse für das eigene Handeln sollen und müssen die Schüler selber ziehen. Fühlen sie sich bevormundet, ist die Folge im schlimmsten Fall die provokante Umkehrung des zu Lernenden. Die in der Materialsammlung „Lebensmittelqualität im ökologischen Landbau“ zusammengefassten Regeln für eine verantwortungsbewusste Ernährung wurden an der Wand befestigt: „Weniger Fleisch essen!“, „Früchte und Gemüse entsprechend der Saison kaufen!“, „Produkte aus ökologischem Anbau bevorzugen!“, „Fertiggerichte vermeiden!“ (S. 13). Jedes Kind sollte überlegen, ob es zu einem der Punkte einen Beitrag leisten kann. Ihr ganz persönliches Statement konnten die Schülerinnen und Schüler dann mit Symbolkarten festhalten.

Resümee

Die Frage, ob die Behandlung des Themas nicht jenseits der persönlichen Bedeutsamkeit der Schülergruppe liegt, ob diese Kinder nicht ganz andere, drängendere Probleme haben, ob es überhaupt vertretbar ist, benachteiligten Kindern zu den teureren Bio-Produkten zu raten, ist durchaus gerechtfertigt. Die sozialen und ökologischen Folgen unseres vorherrschenden Nahrungsmittelkonsums sind unter Umständen aber auch gerade für diese Kinder, die überwiegend einen Migrationshintergrund haben und ihre soziale Benachteiligung zum Teil deutlich selbst wahrnehmen, von unmittelbarer persönlicher Bedeutung. Zudem benötigen gerade diese Kinder eine besondere Unterstützung, um ihr Leben einmal eigenverantwortlich gestalten und sich von destruktiven Verhaltensmustern lösen zu können. Die Struktur unseres Schulsystems, die Einteilung der Kinder in eine bestimmte Schulform nach einer nur kurzen gemeinsamen Grundschulzeit, bedeutet für sie, dass sie kaum noch Gelegenheit haben, Einblicke in Handlungsweisen und Umgangsformen zu nehmen, die in ihrem sozialen Milieu nicht üblich sind.

Der Versuch, diese anspruchsvolle Thematik zu behandeln, erwies sich als gelungen. Zu Beginn zeigten sich die Kinder recht ahnungslos gegenüber der Frage, welche Kriterien ein qualitativ hochwertiges Lebensmittel erfüllen sollte. Einigkeit herrschte, dass es schmecken und satt machen müsse. Es war zwar vielen klar, dass mit dem Essen in den oft frequentierten Fast-Food-Ketten irgendetwas nicht so ganz in Ordnung war. Was genau, konnte aber niemand benennen.

Auch wenn die Kinder selbstverständlich nicht von einem Tag auf den anderen ihre Ernährungsvorlieben umgestellt haben, so hat doch eine ganze Reihe eine erstaunlich selbstbewusste und reflektierte Haltung gewonnen. Viele waren erstaunt über die Vielzahl leckerer Dinge, die es jenseits ihres gewohnten Speisezettels gibt und einige entwickelten sogar eine andauernde und ausgesprochene Gesundheitsorientierung. Erstaunlich war die große Akzeptanz von Bioprodukten. Eine abwehrende Haltung war nicht feststellbar, im Gegenteil. Um das Image von Bioprodukten muss man sich bei meinen Schülerinnen und Schülern keine Sorgen (mehr) machen.

Autorin: Alexandra Pistor, Mainz

Anschrift:

Alexandra Pistor
Rheinallee 7
55118 Mainz 

Letzte Aktualisierung: 21.04.2010

Seitenende