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Gefährdet Agro-Gentechnik einen innovativen Wachstumsmarkt?
25.11.2004
Auf einer Pressekonferenz der Landesregierung Sachsen-Anhalt und des InnoPlanta e.V sind am vergangenen Dienstag Ergebnisse eines Erprobungsanbaus von gentechnisch verändertem Mais vorgestellt worden. Nach Ansicht von Vertreten der ökologischen Lebensmittelbranche konnten diese nicht belegen, dass Koexistenz möglich ist. Denn neben dem untersuchten Pollenflug droht auch durch verunreinigtes Saatgut sowie verunreinigte Ernte-, Transport- und Lagereinrichtungen die Kontamination gentechnikfrei erzeugter Produkte mit gentechnisch veränderten Bestandteilen. Das berichtet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in einer Pressemitteilung.
Solche Verunreinigungen gefährden nach Angaben des BÖLW die ökologische Lebensmittelwirtschaft, die gesetzlich dazu verpflichtet ist, ohne Gentechnik zu arbeiten. Es sei offen, ob Verunreinigungen ganz vermieden werden können oder bis hin zu den Kennzeichnungswerten in Kauf zu nehmen sein werden. Zwar hafte nach dem neuen Gentechnikgesetz der Gentechnik-Verwender, wenn es zu Schäden bei seinen Nachbarn komme. Dennoch müssten Öko-Bauern und die Verarbeiter ihrer Produkte, um Verunreinigungen zu vermeiden, einen zusätzlichen Aufwand betreiben, der zu erheblichen finanziellen Belastungen führe.
Dadurch würde es zu Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der ökologischen Lebensmittelwirtschaft kommen. Dabei sei diese ein boomender Wirtschaftssektor: "Unser Umsatz steigt kontinuierlich und liegt mit über drei Milliarden Euro um ein Vielfaches über dem der Agro-Gentechnik-Industrie", so Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des BÖLW. "Die Zahl der Beschäftigten hat sich in den letzten zehn Jahren auf 150.000 Personen verdoppelt. Über 50 Prozent der Verbraucher äußern Kaufbereitschaft."
Ganz anders sei das Bild in der Gentechnik-Branche: Sie beschäftige in Deutschland nach einer Studie von Ernest & Young im Jahr 2003 unter 2000 Personen bei einem Umsatz von ca. 150 Millionen Euro. Als Rationalisierungstechnik werde sie in der Landwirtschaft weitere Arbeitsplätze kosten. Zudem stehe ihr der überwiegende Anteil der Bevölkerung ablehnend gegenüber, so der BÖLW.
"Es kann nicht sein, dass die ökologische Lebensmittelwirtschaft als umweltfreundlicher und wachsender - und damit innovativer - Wirtschaftssektor von einer Technik gefährdet wird, die im Vergleich zu diesem Wirtschaftssektor nur einen Bruchteil an Arbeitsplätzen zur Verfügung stellt", betont Dr. Alexander Gerber, Geschäftsführer des BÖLW. "Zudem bietet die Agro-Gentechnik bis heute nur Anwendungen, die mehr Probleme als Lösungen schaffen und zu denen es einfache und kostengünstige ackerbauliche Alternativen gibt."
Unstrittig sei, dass der ökologische Landbau effektive Antworten auf die Umweltprobleme einer intensiven Landwirtschaft gebe. Untersuchungen zeigten, dass sich diese Probleme durch die Agro-Gentechnik verschärfen. So sei in Anbaugebieten von gentechnisch veränderten Pflanzen in den USA der Pestizideinsatz gestiegen, berichtet der BÖLW.
"Vergleicht man nachhaltige Wirtschaftskraft, Wirkung auf den Arbeitsmarkt, Bedürfnisse der Bevölkerung und Umweltfreundlichkeit, dann erweist sich der ökologische Landbau als die innovative Form der Landwirtschaft - und nicht die Agro-Gentechnik", schließt Dr. Felix Prinz zu Löwenstein.
Auch Bioland übte in einer Stellungnahme Kritik: Der Erprobungsanbau habe sich lediglich auf wenige Untersuchungsgegenstände konzentriert. Fragestellungen zu Ursachen zufälliger Beimischungen beim Erzeugerbetrieb, der Ernte, beim Transport sowie in verschiedenen Verarbeitungsstufen seien völlig außer Acht gelassen worden. Die Folgen der Kosten von Koexistenzmaßnahmen seien ebenfalls nicht geklärt.
Fundierte Schätzungen des Joint Research Centers, die im Auftrag der EU-Kommission vorgenommen wurden, zeigten, dass die Kosten für Maßnahmen zur Verhütung gentechnischer Verunreinigungen zwischen 53 Euro und 345 Euro pro Hektar liegen werden, berichtet Bioland. Nach jetziger Rechtslage würden diese Kosten bei konventionell und ökologisch wirtschaftenden Betrieben anfallen, die keine Gentechnik anwenden.
Ebenfalls unberücksichtig geblieben sei die Frage des Einflusses auf Imkereibetriebe. Gerade Mais-Pollen seien für Bienen im Frühjahr ein wichtiger Nahrungsbestandteil. Da Verbraucher nicht bereit seien, gentechnisch verunreinigte Produkte zu akzeptieren, bestehe bei großflächigem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen die Gefahr, dass Imker ihre Tätigkeit einstellten. Dies hätte nach Angaben von Bioland dramatische Folgen insbesondere für den Erwerbsobstbau, der ohne die kostenfreie Bestäubungsleistung der Bienenvölker nicht existieren könne.
Weitere Informationen:
- Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW e.V.), Dr. Alexander Gerber, Marienstraße 19-20, 10117 Berlin, Tel. 030-28482 -300, Fax 030-28482-309, E-Mail info@boelw.de, Internet www.boelw.de
- Bioland-Bundesverband, Ralf Alsfeld, Kaiserstraße 18, 55116 Mainz, Tel. 06131-23979-17, Fax. 06131-23979-27, E-Mail oeffentlichkeitsarbeit@bioland.de, Internet www.bioland.de
