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Herbsttagung der AoeL

22.11.2007
"Wir stehen nicht vor der Wahl, ob wir für oder gegen die Bioenergieerzeugung sind, wir stehen vor der Entscheidung, ob wir es richtig oder falsch machen!" Auf der Herbsttagung der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL) am 12. und 13. November in Fulda bezog Dr. Hermann Scheer eindeutig Position in der Diskussion um nachwachsende Rohstoffe.
Thematisch befassten sich die AoeL Mitglieder auf ihrer Herbsttagung mit den Schwerpunkten nachhaltige Energieerzeugung und mit der Rolle der Landwirtschaft im Rahmen der Globalisierung. Neben Dr. Hermann Scheer, der den ersten Teil der Tagung bestritt, sprach im zweiten Teil Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher.
"In der ersten Hälfte des Jahrhunderts kommt das Ende der fossilen Rohstoffe auf uns zu, die Zahl der erschöpften Ölquellen ist bereits höher als die der neu erschlossenen," so Hermann Scheer. Gleichzeitig steige der Energiebedarf von Staaten wie China und Indien immer weiter an, was in der Summe betrachtet erhebliche globale Auswirkungen auf das Verkehrswesen, die industrielle Produktion und die Energiepreise haben werde. "Daraus resultieren Konflikte um die Restressourcen, dramatische Folgen für die Umwelt und nicht zuletzt soziale Auswirkungen wegen steigender Energiepreise für die Menschheit," zeigte Hermann Scheer auf. Die Lösung dieses unausweichlichen Problems würden nachwachsende Rohstoffe bergen. "Atomenergie ist keine Alternative", so Herman Scheer, "sie birgt zu große Risiken und auch Uran ist als Ressource irgendwann einmal erschöpft." Der Landwirtschaft werde in Zukunft die Aufgabe zukommen, nicht nur Lebensmittel, sondern auch Rohstoffe, die heute aus Erdöl gewonnen werden anzubauen, sowie Pflanzen zur Energiegewinnung. "Die nachwachsenden Rohstoffe müssen zu einem hundertprozentigen Ersatz für fossile Rohstoffe werden. Die Grundstoffe für die chemische Industrie, die derzeit noch aus Erdgas, Erdöl und Kohle gewonnen werden, können auch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden" so das Fazit von Hermann Scheer. Die Gefahr, dass dadurch die Landwirtschaft einen regelrechten "Industrialisierungsschub" erfährt, wie es Hermann Scheer nennt, und Großkonzerne die Preise diktieren, gelte es zu verhindern. Stattdessen müsse es eine integrierte Form in der Landwirtschaft für Rohstoffe, Energie und Lebensmittel geben.
Für die ökologische Landwirtschaft würden sich so ganz neue Chancen ergeben, vor allem Energiegewinnung und Lebensmittelanbau könnten Hand in Hand gehen. Um die Produktion für Lebensmittel, sowie für Energie und Rohstoffe in Balance zu halten, so Hermann Scheer, müsste die Landwirtschaftspolitik bei Bedarf regulierend eingreifen. Ein durchdachtes Konzept mache es z. B. möglich in fünf Jahren die Hälfte des hessischen Energiebedarfs durch erneuerbare Energie zu decken.
Mit den Auswirkungen von immer knapper werdenden fossilen Rohstoffen beschäftigte sich auch Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher. Bis zum Jahr 2050 werde es rund zehn Milliarden Menschen geben. Diese Menschen werden Unmengen von Lebensmitteln und Energie verbrauchen, was zu massiven, globalen gesellschaftlichen Veränderungen führen werde. Zwar würde derzeit schon Biomasse produziert, um damit theoretisch 13 Milliarden Menschen zu ernähren, so Radermacher, aber diese produzierte Biomasse würde oft zur Fleischerzeugung verfüttert werden. Dieses Ungleichgewicht und die damit verbundene Verknappung würden zum globalen Zusammenbruch des Systems, zum Kollaps, führen. Diesem Szenario geben Wissenschaftler allerdings nur eine Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent.
"Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Welt auf Systeme einigt, wie Ressourcen verteilt werden" so Franz-Josef Radermacher. "Zu 50 Prozent wird das ein neofeudalistisches System sein, bei dem Wenige im Besitz von Viel sind und Viele Nichts oder nur sehr Wenig haben werden. Dass wir es schaffen, die Welt in eine Balance zu bringen, diese Wahrscheinlichkeit liegt bei 35 Prozent, wobei das sicherlich die beste Lösung für das Problem wäre" so Radermacher gegenüber den Mitgliedern der AoeL. Bei einer Balance, so Radermacher, würde es selbst bei zehn Milliarden Menschen weder Hunger noch ein Energieproblem geben. Hochwertige landwirtschaftliche Produkte hätten einen hohen Stellenwert und die Weltbevölkerung würde von selbst wieder abschmelzen. Die Werte würden sich verschieben, so Radermacher. Nicht mehr schnelle Autos und weite Reisen würden gesellschaftliche Anerkennung bedeuten. "Wohlstand wird entmaterialisiert. Kunst und Wissenschaft könnte diese Rolle übernehmen - limits to ressources, but no limits of brain and creativity“ so Radermacher.
Quelle: AoeL Pressemitteilung
