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Weltagrarbericht 2008: Globale Agrarwende nötig

 

Der im April 2008 veröffentlichte Weltagrarbericht fordert einen grundsätzlichen Wandel in der landwirtschaftlichen Forschung, Entwicklung und Praxis, um Hunger und Armut auf der Welt zu bekämpfen. Ein Forschungsvorhaben hat die Resultate des Berichts hinsichtlich nachhaltiger Landnutzung und ökologischen Landbaus aufbereitet und in einer Publikation veröffentlicht.

Dass jeder Mensch jeden Tag satt wird, ist noch lange keine Selbstverständlichkeit in der Weltgemeinschaft. Ursachen für Hunger und Armut sind vielfältig: Wachstum der Weltbevölkerung, veränderte Konsumgewohnheiten, Auswirkungen von Agrarsubventionen und nicht-nachhaltiger Gebrauch natürlicher Ressourcen sind einige der Einflussfaktoren; Klimawandel, Naturkatastrophen und Missernten spielen eine zunehmend gewichtigere Rolle. Die Komplexität der Faktoren macht deutlich: Für die Sicherung der Welternährung sind differenzierte und den vielfältigen Gegebenheiten angepasste Strategien notwendig.

Weltagrarrat fordert Paradigmenwechsel in der globalen Landwirtschaft

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Logo des Weltagrarberichts
Quelle: www.agassessment.org

Welche Rolle die Landwirtschaft dabei spielt und wie die Zukunft aussehen könnte, erörtert der Bericht des Weltagrarrates zur "Internationalen Bewertung des landwirtschaftlichen Wissens, der Forschung und der Technologie für Entwicklung" (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and technology for Development, IAASTD). Der im April 2008 veröffentlichte Weltagrarbericht entstand auf Initiative der Weltbank in Kooperation mit verschiedenen Organisationen der Vereinten Nationen sowie Vertretern von Regierungen, der Wirtschaft, Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen aus der ganzen Welt. In deren Auftrag erstellten rund 400 internationale Expertinnen und Experten verschiedenster Disziplinen von 2003 bis 2008 den Bericht, der von 58 Staaten unterzeichnet wurde. Das Fazit des Berichts: Der Weltagrarrat hält einen grundlegenden Richtungswechsel und eine Umstellung der globalen Agrarproduktion inklusive der verwandten Wissenschaften, Technologien, Politik und Institutionen für erforderlich, um Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und sich auf sich verändernde Rahmenbedingungen einzustellen.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung fassen die am Weltagrarbericht beteiligten Nicht-Regierungsorganisationen die Resultate zusammen: Der Bericht zeige, dass die industrielle Landwirtschaft mit ihrem hohem Energie- und Chemikalieneinsatz nicht mehr zeitgemäß sei. Elemente einer zukunftsgerichteten Landwirtschaft seien die Aufwertung traditionellen und lokalen Wissens, die Stärkung von Frauen als Hauptakteuren der Landwirtschaft in Entwicklungsländern und ein Forschungsschwerpunkt auf kleinbäuerliche und ökologische Anbaumethoden. Die Landwirtschaft sei kein einfaches Produktionssystem wie jedes andere, sondern habe auch wichtige Funktionen für Natur und Gesellschaft. Zudem müssten Staaten und Gemeinden demokratisch und souverän ihre Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik selbst bestimmen.

Rolle des Ökolandbaus: Publikation erläutert wesentliche Aussagen des Weltagrarberichts

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Die Titelseite des Weltagrarberichts.
Quelle: www.islandpress.org

Der Weltagrarbericht setzt sich aus einem globalen Bericht sowie fünf detaillierteren Berichten zu unterschiedlichen Regionen zusammen. Die Erkenntnisse aus diesen Berichten werden wiederum in einem Synthesebericht zusammengefasst.

Eine Kernbotschaft des Berichts ist, dass Armut und Hunger am effektivsten durch die Steigerung der Produktivität der kleinbäuerlichen Betriebe im Rahmen einer multifunktionalen ländlichen Entwicklung verringert werden können. Das Thema Nachhaltigkeit zieht sich dabei wie ein roter Faden durch den Bericht. Als eine Möglichkeit nachhaltiger landwirtschaftlicher Entwicklung wird der ökologische Landbau hervorgehoben. Regional differenziert wird ihm das Potential zugesprochen, zur Verringerung von Armut und Hunger, zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit, Ernährung und Lebensgrundlage im ländlichen Raum sowie zu einer gleichberechtigten und dabei sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Trotz dieser positiven Bewertung des Ökolandbaus ist der Weltagrarbericht im deutschsprachigen Raum nach Einschätzung von Agrarexperten noch nicht in vollem Umfang von potentiellen Zielgruppen wahrgenommen worden. Als ein Grund dafür wird genannt, dass es keine offizielle deutsche Übersetzung des Agrarberichts gäbe. Darüber hinaus sei die komplexe Struktur des auf mehrere Berichte verteilten Originaldokuments nicht förderlich. Um diese Situation zu verbessern, haben die Agrarwissenschaftler Eva Schmidtner und Stephan Dabbert von der Universität Hohenheim in einem Projekt im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau wesentliche Aussagen und Ergebnisse des Weltagrarberichts vor allem im Hinblick auf nachhaltige Landnutzung und Ökolandbau aufbereitet.

Die Publikation "Nachhaltige Landwirtschaft und ökologischer Landbau im Bericht des Weltagrarrates" steigt mit Hintergrundinformationen zum Weltagrarbericht wie Entstehungsgeschichte, Zielsetzungen, Struktur und Erscheinungsform und beteiligten Organisationen ein. Anschließend werden bedeutende Ergebnisse des Berichts kompakt dargestellt. Dann gehen die Autoren speziell auf die Bedeutung von nachhaltiger Landwirtschaft und ökologischem Landbau im Weltagrarbericht ein. Anschließend stellen sie dar, wie der Bericht des Weltagrarrats in der deutschen Öffentlichkeit, etwa in Presseberichten und anderen Publikationen, aufgenommen wurde. Im letzten Kapitel nehmen die Autoren Stellung zu den Ergebnissen des Berichts und geben einen Ausblick.

Porträt Eva Schmidtner
Foto: E. Schmidtner

Nachgehakt: Fragen an die Autoren

Eva Schmidtner (M. Sc.) ist wissenschaftliche  Mitarbeiterin am Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Hohenheim.

Gemeinsam mit Prof. Stephan Dabbert hat Sie Aussagen des Weltagrarbericht im Hinblick auf Ökolandbau analysiert.

Oekolandbau.de: Was ist aus Ihrer Sicht die Kernaussage des Weltagrarberichts hinsichtlich ökologischer Landwirtschaft? Inwiefern betrifft das den Ökolandbau bzw. die ökologische Lebensmittelwirtschaft in Deutschland?

Eva Schmidtner: Zunächst ist es bemerkenswert, dass der Weltagrarrat dem ökologischen Landbau einen nennenswerten Platz in seiner Studie einräumt und dem ökologischen Landbau eine mögliche positive Rolle zur Erreichung wichtiger Ziele, etwa im Hinblick auf die Ernährungssicherung, zuschreibt. Der Bericht des Weltagrarrates sieht einen nennenswerten Lösungsbeitrag des ökologischen Landbaus zu wichtigen Problemen der Weltlandwirtschaft, ohne diesen als die einzige oder vorrangige Strategie darzustellen.

Für den europäischen Raum wird die ökologische Landwirtschaft als ein vielversprechender Ansatz zur Steigerung der Nachhaltigkeit lokaler und regionaler Lebensmittelproduktion und zur Förderung einer multifunktionalen Landwirtschaft aufgezeigt.

Die Aussagen des Weltagrarberichtes können eine tragfähige Grundlage für eine Argumentation sein, das Wissenssystem und damit auch die Forschung zum ökologischen Landbau auszubauen und dabei insbesondere auch auf die agrarökologischen Wissenschaften zurückzugreifen. Ebenso kann der Weltagrarbericht ermuntern, positive Effekte der ökologischen Wirtschaftsweise zu nutzen und den ökologischen Landbau als ein Element nachhaltiger und ressourcenschonender Landwirtschaft in Deutschland zu stärken.

Sie konstatieren, dass der Weltagrarbericht u.a. mangels offizieller Übersetzung bisher noch nicht "in vollem Maße von potentiellen Zielgruppen im deutschsprachigen Raum wahrgenommen" wurde. Wer sind diese Zielgruppen und inwiefern können ihnen die Ergebnisse des Weltagrarberichts weiterhelfen?

Schmidtner: Die Zielgruppe des Weltagrarberichtes umfasst sowohl nationale als auch internationale Entscheidungsträger des Agrarsektors. Dabei handelt es sich teilweise um politische Akteure, die sich mit globalen Fragen beispielsweise zu Klimawandel, Armutsbekämpfung und Ernährungssicherheit beschäftigen und sich lokalen Herausforderungen im Bereich Landwirtschaft stellen. Ebenso richtet sich der Bericht des Weltagrarrates an Fachleute aus Wissenschaft und Forschung, einzelne Akteure im Agrarbereich, Vertreter aus angrenzenden Sektoren sowie die interessierte Öffentlichkeit.

Die Publikation ermöglicht einen umfangreichen und vielseitigen Überblick über die Entwicklung im Agrarsektor und stellt künftige Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten vor. Dies kann zum besseren Verständnis des "Status Quo" der Landwirtschaft beitragen, aber auch zu wertvollen Diskussionen über die Zukunft der Landwirtschaft anregen.

Sie haben in Ihrer Arbeit die wesentlichen Aussagen und Ergebnisse des Weltagrarberichts insbesondere hinsichtlich nachhaltiger Landnutzung und Ökolandbau aufbereitet. Haben Sie bereits Rückmeldungen aus der Biobranche oder der Öffentlichkeit zu Ihrer Publikation erhalten? Von wem und wie sieht das Feedback aus?

Schmidtner: Obwohl die Publikation "Nachhaltige Landwirtschaft und Ökologischer Landbau im Bericht des Weltagrarrates" erst vor kurzem erschienen ist, gab es bereits rege und durchaus positive Rückmeldungen, insbesondere von politischen Akteuren und Wissenschaftlern, aber auch deutschsprachigen Mitgliedern des Weltagrarrates und interessierten Vertreten des deutschen Ökolandbausektors. Die kompakte Darstellung von Hintergrundinformationen über den Weltagrarbericht und wesentlichen Aussagen des Weltagrarrates stießen auf äußerst positive Resonanz, deuten aber zugleich auf weiteren Informationsbedarf von Seiten des Weltagrarrates hin. Die abschließende wertende Stellungnahme zu den Themen nachhaltige und ökologische Landwirtschaft rief bereits einen sehr konstruktiven inhaltlichen Gedankenaustausch mit diversen Akteuren hervor und lässt auf weitere Diskussionen hoffen.

Mehr als ein Jahr ist seit der Veröffentlichung des Weltagrarberichts inzwischen vergangen. Was meinen Sie: Hat der Weltagrarbericht in der internationalen Agrarpolitik etwas bewegt? Wird es eine "globale Agrarwende" geben?

Schmidtner: Der Weltagrarrat hat bereits während der mehrjährigen Arbeitsphase eine beachtliche Leistung erbracht: Die Kommunikation zwischen internationalen und interdisziplinären Akteuren sowie Regierungs- und Nicht-Regierungsvertretern. Der Ansatz einer gemeinsamen Studie von Personen mit unterschiedlichsten Ansichten, Motiven und Interessen ist als sehr positiv zu werten. Durch seine Vielseitigkeit leistet der Weltagrarbericht einen Beitrag zur Wahrnehmung diverser Optionen. Dies ermöglicht, Stärken und Schwächen einzelner Alternativen in Relation zu setzen und in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

Ob es eine "globale Agrarwende" geben wird ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Sicher ist jedoch, dass sich die Form der Landbewirtschaftung kontinuierlich weiterentwickeln wird und muss. In diesem Entwicklungsprozess stellt der Weltagrarbericht einen wertvollen Beitrag dar.

Letzte Aktualisierung: 21.12.2011

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