Einsatz von Nützlingen im Vorratsbereich
Schädlinge mit Nützlingen bekämpfen: Im Pflanzenbau ist dieses Verfahren seit langem üblich und verbreitet. Einen Durchbruch gibt es nun auch im Bereich der Lagerung und Verarbeitung: Die Anwendung von Nützlingen im Vorratsbereich ist in der Schweiz erfolgreich auf industrieller Stufe erprobt worden.
In der Lagerhaltung und bei der Verarbeitung von Bioprodukten gibt es große Einschränkungen, was den Einsatz von chemisch-synthetischen Mitteln betrifft. Daher stellt der präventive Nützlingseinsatz eine sinnvolle Ergänzung zu den bisherigen Methoden wie Wärme-/Kälteverfahren, Inertgase, Kieselgur, Stift- und Prallmühlen dar. Die Methode gehört zurzeit sicher zum Elegantesten, was im Arsenal der biologischen Schädlingsbekämpfung zu finden ist.
In einem dreijährigen durch den Coop Fonds für Nachhaltigkeit finanzierten Projekt wurden systematisch verschiedene Anwendungen von Nützlingen auf ihre Wirksamkeit und Praxistauglichkeit untersucht. Folgende Projektpartner waren maßgeblich beteiligt: Die Andermatt Biocontrol entwickelte die Zuchtsysteme, das Schädlingsbekämpfungsunternehmen Desinfecta führte die Praxisversuche durch, und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL Schweiz) war für die Projektleitung verantwortlich.
Die Nützlinge wurden in unterschiedlichsten Lebensmittel- und Lagerbetrieben getestet. Für viele der relevanten Bereiche (Lagerräume, Leerräume, Verarbeitung) sind Einsatzstrategien entwickelt worden. Sie stehen nun der Praxis zur Verfügung.
Wissenswertes zu den Nützlingen
Es wurden insgesamt vier Nützlinge getestet. Sie sind jeweils sehr spezifisch und parasitieren ausschließlich ihren Zielwirt (Schädling), welchen sie zur Vermehrung benötigen. Für den Menschen und die Umwelt stellen die Nützlinge keinerlei Gefahr dar. Die verwendeten Nutzinsekten sind in Europa heimisch und kommen natürlicherweise als biologische Gegenspieler von Vorratsschädlingen vor. Sie ernähren sich nicht vom Lagergut und hinterlassen keinen Kot, da sie als Adulte freigelassen werden und in diesem Stadium nichts mehr ausscheiden. Wenn das entsprechende Schädlingsstadium (Ei oder Larve) nicht mehr vorhanden ist, sterben auch die Nützlinge innerhalb kurzer Zeit ab.
Mehlmottenschlupfwespe
Die Mehlmottenschlupfwespe (Habrobracon hebetor) kann zur Bekämpfung von Larven der folgenden Schädlinge eingesetzt werden:
- Mehlmotte (Ephestia kuehniella )
- Speichermotte (Ephestia elutella)
- Tropischen Speichermotte (Ephestia cautella)
- Dörrobstmotte (Plodia interpunctella)
- Getreidemotte (Sitotroga cerealella)
Trichogramma evanescens
Die Trichogramma evanescens kann zur Bekämpfung von Larven der folgenden Schädlinge eingesetzt werden:
- Mehlmotte (Ephestia kuehniella)
- Speichermotte (Ephestia elutella)
- Tropische Speichermotte (Ephestia cautella)
- Dörrobstmotte (Plodia interpunctella)
- Getreidemotte (Sitotroga cerealella).
- Echte Kleidermotte (Tineola bisselliella)
Anisopteromalus calandrae
Die Anisopteromalus calandrae kann zur Bekämpfung von Larven der folgenden Schädlinge eingesetzt werden:
- Kornkäfer (Sitophilus granarius)
- Reiskäfer (Sitophilus oryzae)
- Maiskäfer (Sitophilus zeamais)
- Brotkäfer (Stegobium paniceum)
- Tabakkäfer (Lasioderma serricorne)
- Getreidekapuziner (Rhyzopertha dominica)
Lagererzwespe
Die Lagererzwespe (Lariophagus dostinguendus) kann zur Bekämpfung von Larven der folgenden Schädlinge eingesetzt werden:
- Kugelkäfer (Gibbium psylloides)
- Australischer Diebkäfer (Ptinus tectus)
- Kräuterdieb (Ptinus fur)
- Getreidemotte (Sitotroga cerealella)
- Callosobruchus spp
Monitoringdaten einer industriellen Bäckerei
Auf dieser Grafik sehen Sie die Monitoringdaten einer industriellen Bäckerei, die etwa 7.000 Kubikmeter Abpack- und Lagerbereich besitzt. Die Dörrobstmotte wurde hier mit Trichogramma evanescens bekämpft. Von dem Nützling wurden 1,9 Gramm pro Jahr verwendet.
Für den Laien ist es erstaunlich, wie wenig Nützlinge man braucht, um ein Objekt vor Schädlingsbefall zu schützen. Die üblichen Reinigungsschritte sind geeignet, Reste toter Insekten (Schädlinge und Nützlinge) aus Rohwaren oder Getreide, Nüssen oder Grieß zu entfernen. Die Ausbringstrategie ist überdies darauf ausgerichtet, keine Nützlinge ins Endprodukt gelangen zu lassen.
Wie die Grafik zeigt, konnte in einer industriellen Bäckerei durch den Einsatz von Nützlingen die Anzahl der im Monitoring erfassten Motten deutlich gesenkt werden. Wurden im Jahr 2005 fast 200 Motten gezählt, konnte in den darauffolgenden Jahren durch den regelmäßigen Einsatz von Nützlingen und den Verzicht auf chemische Behandlungen die Anzahl auf nur einige wenige Motten vermindert werden.
Einsatzstrategien
Nützlinge sollten nur gezielt, auf eine fachgerechte Gefahren- und Schwachstellenanalyse hin (baulich, hygienisch, organisatorisch) und nach einer Beratung eingesetzt werden. Eine vorausgehende sorgfältige Abklärung von möglichen Befallsherden durch Experten ist unerlässlich.
Die Methode beruht auf einem präventiven und regelmäßigen Einsatz der Nützlinge, um einer starken Vermehrung des Schädlings vorzubeugen. Idealerweise wird mit der Nützlingsausbringung vor dem Anstieg der Schädlingspopulation begonnen (in der Regel bei ansteigenden Außentemperaturen im Frühling). Ist bereits ein starker Befall vorhanden, reduzieren die Nützlinge den Befall allerdings nicht mehr schnell genug.
Resultate aus den Praxisversuchen
Vier verschiedene Nützlinge wurden in 13 Pilotbetrieben getestet. Die ausgewählten Betriebe hatten vor Versuchsbeginn schlechte und langwierige Erfahrungen mit Schädlingsbefall gemacht. Mithilfe eines umfassenden Monitoring Systems wurden während der ganzen Versuchsphase die Befallzahlen jeweils mit den Vorjahren, in denen chemische Insektizide verwendet worden waren, verglichen.
In den drei Jahren des Nützlingseinsatzes waren bei elf von 13 Betrieben keine zusätzlichen Behandlungen mit chemisch-synthetischen Mitteln nötig (siehe Tabelle). Allgemein ist in den Betrieben eine Stabilisierung des Schädlingsdruckes auf tieferem Niveau als in den Vorjahren ohne Nützlingsausbringung zu beobachten. Obwohl speziell im Silobetrieb bei der Bekämpfung der Dörrobstmotte die Grenze des vertretbaren Befalls erreicht wurde, mussten chemische Behandlungen nur in zwei Betrieben punktuell durchgeführt werden.
Ergebnisse aus Praxisversuchen mit Nützlingseinsatz in den Jahren 2006 bis 2008
Objekt | Schädling | Eingesetzter Nüztling |
| ||
2006 | 2007 | 2008 | |||
Großbäckerei | Motten | Trichogramma | Nein | Nein | Nein |
Teigwarenfabrik | Brotkäfer | Erzwespen | Nein | Nein | Nein |
Lager BigBag | Motten | Trichogramma | Nein | Nein | Nein |
Büros | Motten | Erzwespen | Nein | Nein | Nein |
Lagerhalle | Motten | Trichogramma | Nein | Nein | |
Mühle | Motten | Trichogramma | Nein | Nein | |
Mühle | Motten | Tricho+Habro | Nein | ||
Lagerhaus | Motten | Trichogramma | Nein | Nein | Nein |
Kräuterlager | Motten | Tricho+Habro | Nein | ||
Teigwarenfabrik | Brotkäfer | Erzwespen | Nein | ||
Silo | Motten | Tricho+Habro | Ja | Ja | Ja |
Silo | Motten | Tricho+Habro | Nein | ||
Mühle | Motten | Tricho+Habro | Ja | ||
Durch den Einsatz von Nützlingen konnte in fast allen Fällen auf eine chemische Bekämpfung verzichtet werden.
Fazit
Der Einsatz von Nützlingen bringt folgende Hauptvorteile:
- keine chemischen Rückstände auf den Produkten,
- keine Produktionsunterbrechungen,
- nachhaltige und umweltschonende Methode,
- Entschärfung von Resistenzbildung und
- keine zusätzlichen Reinigungen, wie sie bei konventioneller Bekämpfung nötig sind.
Letzte Aktualisierung: 22.11.2011





