Leitfaden zur Verpackung von Biolebensmitteln
Schutzhülle - Informationsträger - Abfall? Hilfe bei der Wahl einer ökologischen Verpackung

- Projektleiter Dr. Alexander Gerber (BÖLW)
Foto: BÖLW
Der Leitfaden "Nachhaltige Verpackung von Biolebensmitteln" soll Unternehmen der Biobranche helfen, geeignete Verpackungslösungen für ihre Produkte zu finden. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hat den Leitfaden in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), dem Büro Lebensmittelkunde & Qualität (BLQ) und dem Berater für Qualitäts- und Prozessmanagement Ralph Weishaupt erstellt. Oekolandbau.de sprach mit Projektleiter Dr. Alexander Gerber (BÖLW).
Oekolandbau.de: Herr Gerber, wieso braucht die Biobranche einen Leitfaden zur Verpackung?
Alexander Gerber: Ein Bioprodukt soll "rundum ökologisch" sein - das schließt die Verpackung mit ein. Doch eine Lebensmittelverpackung muss vielen Anforderungen gerecht werden: Aus ökologischer Sicht soll sie vor allem umweltfreundlich hergestellt und gut entsorgbar oder recycelfähig sein. Darüber hinaus muss sie das Produkt optimal schützen, von ihr selbst sollen keine Schadstoffe in das Produkt gelangen; sie dient als Informations- und Werbeträger, sie soll einfach zu verarbeiten und ihr Anteil an den Gesamtkosten angemessen sein.
Kann man das alles unter einen Hut bekommen?
Auf jeden Fall kann man sich gut vorstellen, dass dabei Zielkonflikte entstehen! Verpackungsexperten sind zudem meist nur in großen Unternehmen anzutreffen und Abläufe bei der Verpackungswahl oftmals nicht standardisiert. Viele Informationen, die vergleichende Aussagen zu unterschiedlichen Verpackungen ermöglichen, wie beispielsweise Daten zum Energieaufwand für die Herstellung eines Verpackungsmaterials oder Ökobilanzen, sind nur schwer oder überhaupt nicht verfügbar. Das alles sind aber Voraussetzungen, um abwägen und eine "Verpackungs-Entscheidung" treffen zu können. Daher besteht vor allem bei vielen Herstellern von Biolebensmitteln großes Interesse an Hilfsmitteln für die Verpackungswahl.
Der Ruf nach Hilfe für das Thema "Verpackung" kam also aus der Biobranche selber?
Ja! Dem Fachausschuss Verarbeitung des BÖLW wurde vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen immer wieder signalisiert, dass Handlungsbedarf besteht und sie für entsprechende Hilfestellung dankbar wären. Wir haben den Leitfaden deshalb auch im engen Austausch mit der Praxis erstellt; unter anderem, indem wir in drei Workshops das Feedback von Experten der Biobranche und der Verpackungsmittelindustrie eingeholt haben.
Und der Leitfaden kann jedem Unternehmen für jedes Produkt die optimale Verpackungslösung nennen?
So einfach ist das leider nicht! Wir können keinen "Entscheidungsbaum" anbieten, der zu der optimalen Verpackung führt; dafür sind die Anforderungen zu komplex. Die Verpackung eines Biolebensmittels ist immer eine individuelle Lösung. Die einzelnen Kriterien müssen gewichtet und in eine dem Einzelfall angemessene Balance gebracht werden. So kann die Pfand-Glasflasche für Säfte eine sehr gute Lösung sein, wenn das Vertriebsgebiet nicht zu groß ist. Und Milch, die in einem Schlauchbeutel mit einem deutlich reduzierten Anteil an erdölbasierter Folie geliefert wird, spart endliche Ressourcen bei Produktion und Transport.
Wie kann der Leitfaden also die Unternehmen im Entscheidungsprozess bei der Verpackungswahl unterstützen?
Der Leitfaden bietet vor allem umfangreiche Informationen im kompakter Form: Er zeigt die rechtlichen Rahmenbedingungen auf, nennt die relevanten Kriterien und gibt Hinweise für ihre Bewertung. Zudem stellt er die wichtigsten Verpackungsmaterialien vor und bewertet diese grob. Eine Checkliste hilft den Verantwortlichen, alle relevanten Fragestellungen im Entscheidungsprozess zu beachten. Der Leitfaden führt zudem zahlreiche Informationsquellen für die weitere Recherche an. Schließlich zeigt er an einigen Beispielen auf, wie Unternehmer zu der Entscheidung für eine bestimmte Verpackung gekommen sind, wie sie dabei an Grenzen gestoßen sind, Zielkonflikte gelöst haben oder wie sie innovative Verpackungen ganz neu entwickelt haben.
Der Leitfaden kann also viele, aber nicht alle Fragen zur Verpackung beantworten. Wo sehen Sie noch weiteren Forschungs- oder Handlungsbedarf?
Die Informationssituation zu einzelnen Verpackungen ist oft unbefriedigend. Hier brauchen wir mehr Transparenz. Ebenso sind oft keine ausreichenden Informationen zu Ökobilanzen über den gesamten Lebenszyklus einer Verpackung verfügbar. Schließlich wäre es optimal, eine dynamische Datenbank zu allen Verpackungsmaterialien zu haben, die ständig aktuell gehalten wird und mit deren Hilfe anhand gewichteter Kriterien Verpackungsalternativen eingegrenzt werden können. Unser Leitfaden ist eine gute Grundlage für solche Entscheidungsprozesse, er verlangt aber noch immer viel Recherche- und Bewertungsarbeit durch den Lebensmittelhersteller.
Nachhaltige Verpackung von Bio-Lebensmitteln - ein Leitfaden für Unternehmen
von Cordula Binder, Renate Dylla, Alexander Gerber, Kathrin Seidel, Ralph Weishaupt, BÖLW 2011, 88 Seiten, 20 Euro
Der Verpackungsleitfaden kann als Printpublikation auf der
Internetseite des FiBL (Bestellnummer 1545) erworben werden; eine Downloadversion steht zudem kostenlos auf der
Homepage des BÖLW bereit.
Letzte Aktualisierung: 05.01.2012

