ESL-Milch - die Klimarelevanz der erhöhten Haltbarkeit
Der Absatz von Extended Shelf Life (ESL)- Milch in der Bundesrepublik ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Auch im Biobereich ist diese Form der Haltbarmachung keine Seltenheit mehr, entsprechende Produkte werden sowohl im Discounter als auch im Bioladen angeboten. Mittlerweile wird von einem Anteil am Frischmilchmarkt von etwa 50 bis 60 Prozent ausgegangen.
ESL-Milch stand in der Vergangenheit bezüglich ihres Nährstoffgehaltes und ihrer sensorischen Eigenschaften immer wieder im Fokus der Medien. Studien zufolge halten sich die Verluste an Vitaminen und Proteinen jedoch relativ überschaubar. Lediglich bei der enzymatischen Aktivität der Endprodukte lässt sich, je nach Verfahrenstechnik, ein deutlicher Unterschied feststellen. Auch die freiwillige Kennzeichnung als "länger haltbare" Milch (im Gegensatz zu "traditionell hergestellter" Milch) wurde seit der Einführung 2009 viel diskutiert. Negative sensorische Eigenschaften konnten nicht ausreichend belegt werden.
Wird jedoch der Prozess der Herstellung von ESL-Milch mit in Betracht gezogen, lassen sich erhebliche Unterschiede zu "traditionell hergestellter" Frischmilch erkennen.
Spezifische Verfahren der Herstellung von ESL-Milch
Die "länger haltbare Milch" kann mithilfe unterschiedlicher Verfahren hergestellt werden. Zum einen werden dafür ausschließlich Hocherhitzungsverfahren (HE) mit speziellen Temperatur-Zeit-Kombinationen angewandt (125 bis127 Grad Celsius für etwa 2 bis 4 Sekunden oder 135 Grad Celsius für 0,5 Sekunden). Diese Verfahren können mit Dampfinfusion bzw. -injektion oder in Wärmetauschern erfolgen [dargestellt in der Grafik unter (1)]. Zum anderen ist die Haltbarmachung durch eine Kombination aus Mikrofiltration (MF) und thermischer Behandlung in einem mehrstufigen Verfahren mit verschiedenen Fraktionen der Milch durchführbar [grafisch dargestellt unter (2)]. Durch letzteres Verfahren wird die enzymatische Aktivität der Milch durch die eingeschränkte thermische Behandlung weniger beeinflusst als bei dem erstgenannten.
Die Betrachtung entlang der Wertschöpfungskette
Werden die Prozesse der Haltbarmachung von ESL-Milch mit denen der weniger intensiven Verarbeitung von traditionell hergestellter Milch verglichen, ist ein höherer Energieaufwand festzustellen. Liegt der Aufwand bei der herkömmlichen Pasteurisierung und gegebenenfalls Homogenisierung von Frischmilch bei etwa 0,07 bis 0,2 Megajoule pro Liter (MJ/l), werden bei der Herstellung von ESL-Milch bereits 0,88 MJ/l für die Produktionsschritte sowie Kühlungsmechanismen im Verarbeitungsbetrieb benötigt. Folglich ist hier von einer Vervierfachung des Energieaufwandes und somit auch einer deutlichen Erhöhung der Kohlenstoffdioxid (CO2)-Emissionen auszugehen, der pro Liter ESL-Milch in der Produktion bei etwa 94 g CO2 liegt.
Infolge der gesteigerten Haltbarkeit der ESL-Milch bedeuten längere Transportwege für das empfindliche Frischeprodukt Milch kein großes Hindernis – teilweise stammt sogar Bio-ESL-Milch aus dem europäischen Ausland. Ausgehend von einem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von zirka sechs Gramm pro Kilometer (g/km), lassen sich die Emissionswerte der ESL-Milch leicht mit der klimafreundlicheren Variante "Regionale Biofrischmilch" vergleichen: Schnell steigen bei einem Transport aus Österreich in beispielsweise das zentral liegende Hessen die Emissionswerte auf 4.320 g CO2. Die regionale Variante, wird großzügig von 100 Kilometern Transportweg ausgegangen, kommt dabei maximal auf 600 g CO2. Ist dies auch kein speziell durch ESL-Milch hervorgerufenes Problem, so unterstützt die energieintensive Haltbarmachung des Frischeprodukts Milch dennoch die Ent-Regionalisierung der Warenströme – auch auf dem vermeintlichen Frischmilchmarkt.
Am Ende der Kette steht das Konsumentenverhalten
Ein Blick auf den Endverbraucher lässt noch eine weitere potenzielle Quelle höheren Energieaufwandes zu Tage treten. Durch die längere Haltbarkeit der (ungeöffneten) Milch lagert diese auch länger im Kühlschrank. Läuft der Kühlschrank vermutlich auch ohne die genannte Milch weiter, gilt es dennoch, den Anteil des Produkts am Verbrauch mit einzubeziehen. Da bei Frischmilch aufgrund der verminderten Haltbarkeit von einer geringeren Lagerdauer ausgegangen werden kann, verbucht die ESL-Milch auch hier höhere Emissionswerte. Bezüglich des CO2-Ausstoßes eines Lebensmittels muss abschließend auch der Transport zu und von der Einkaufsstätte berücksichtigt werden, der je nach Transportmittel des Verbrauchers (Privat-PKW, öffentliches Verkehrsmittel, zu Fuß oder per Fahrrad) unterschiedlich ausfällt.
Letzte Aktualisierung: 22.03.2011

