Fairness: Grundprinzip des Ökolandbaus oder Marketingstrategie?
'Fairness erfordert gesamtgesellschaftlichen Diskurs' - Interview mit Dr. Anke Schekahn
Fairness gehört zu den ursprünglichen Grundprinzipien des ökologischen Landbaus. Infolge der stark angestiegenen Nachfrage nach Bioprodukten in den vergangenen Jahren hat sich die Biobranche jedoch verändert: Neue Akteure mit teilweise anderen Wertvorstellungen als zu Beginn der Ökolandbau-Bewegung agieren jetzt im Markt mit, während manche "Pioniere" des Ökolandbaus verdrängt wurden.
Auch im ökologischen Landbau sind Intensivierung und Spezialisierung zu beobachten und die Globalisierung hat den ehemals eher in regionalen Kreisläufen stattfindenden Ökolandbau längst eingeholt: Bioprodukte werden heute auf der ganzen Welt hergestellt und vermarktet. Zudem haben staatliche beziehungsweise EU-Instanzen die Definitions- und Kontrollhoheit für den Ökolandbau übernommen.
Spielt die Fairness da überhaupt noch eine Rolle? Garantiert der ökologische Landbau per se einen fairen Umgang der beteiligten Akteure miteinander? Oder ist "fair" inzwischen nur noch ein Begriff, mit dem sich ein Bioproduzent auf dem sich ausdifferenzierenden Biomarkt profilieren kann?
Auf einer Tagung des Agrarbündnis e.V. haben Akteure der Biobranche das Thema "Fairness im Ökolandbau" diskutiert. Zu den Ergebnissen der Tagung und zu weiteren Entwicklungen im Bereich "bio + fair" sprach Oekolandbau.de mit Projektmitarbeiterin Dr. Anke Schekahn vom Kasseler Institut für ländliche Entwicklung e.V.. Sie hat die Debatte von Anfang an begleitet und arbeitet inzwischen auch für den BioFairVerein.
Oekolandbau.de: Mit der Tagung "Fairness und Ethik im Ökologischen Landbau" haben Sie 2007 eine Diskussion angestoßen zu der Frage, welche Rolle ethische und soziale Kriterien in der Biobranche heute spielen. Was waren die Gründe, diese Debatte anzuschieben? Und wie ging es danach weiter?
Schekahn: Die angesprochene Tagung war nicht die erste zu dem Thema. Die Debatte begann eigentlich schon drei Jahre früher auf einer Tagung mit dem Titel "Biomarkt und soziale Lage. Wege zur Sicherung von Arbeit und Einkommen in den Wertschöpfungsketten des Biomarktes und der Stellenwert von regionalen Strukturen", die vom Kasseler Institut für ländliche Entwicklung für das AgrarBündnis organisiert wurde.
Das war in einer Zeit, als die biologische Lebensmittelwirtschaft langsam die Nische verließ und sich von einer "Bewegung" zur "Branche" entwickelte. Unterschiedliche Interessenslagen und Entwicklungsstrategien innerhalb der Biobranche wurden sichtbar. Diese erste Tagung war sehr wichtig für eine Standortbestimmung. Schon damals wurde die Idee für das Projekt "Erzeuger-fair Milch" entwickelt; weitere Initiativen entstanden.
Die Tagung "Fairness und Ethik im ökologischen Landbau" konnte auf diesen Ergebnissen und Ideen aufbauen und es wurden erste "bio & fair"-Initiativen vorgestellt und diskutiert. Die Unternehmertagung "Faire Preise für die Bauern, wofür zahlen Verbraucher mehr?" mit Verarbeitern aus der Biolebensmittelbranche gab im September 2007 dann den Anstoß für die Gründung des Vereins "Bestes Bio - Fair für alle", kurz "BioFairVerein". Seit Ende 2008 laufen außerdem zwei praxisorientierte Forschungsvorhaben zu "bio & fair"-Wertschöpfungsketten, die im Herbst 2010 abgeschlossen werden.
Alle genannten Vorhaben wurden im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL) gefördert. Das BÖL hat somit einen großen Anteil daran, dass das Thema "bio & fair" schon so weit vorangebracht werden konnte.
Können Sie Beispiele für "bio & fair"-Initiativen nennen, die auf der Tagung vorgestellt wurden?
Schekahn: Die Initiative eines einzelnen Unternehmens war beispielsweise das Projekt "ErzeugerfairMilch" der Upländer Bauernmolkerei mit dem Motto "5 Cent mehr für die Bauern" (siehe "Aus der Forschung: Sind höhere Preise für Regionalprodukte möglich?"). Ich denke, die Erfolgsgeschichte ist bekannt: Der Milchabsatz stieg damals um etwa 30 Prozent - entgegen der Prognose, dass mit einem Umsatzrückgang von rund 20 Prozent zu rechnen sei. Die Strategie wurde im Milchbereich inzwischen von anderen übernommen: zum Beispiel "
Die faire Milch" des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter und der Milchvermarktung Süddeutschland.
Ein Beispiel für einen Zusammenschluss zwischen Erzeugern, Verarbeitern und Handel ist die fair-regional-Charta Berlin-Brandenburg. Dieser Zusammenschluss ist klar regional ausgerichtet. Mitmachen können nur Unternehmen aus der Region Berlin-Brandenburg. Die Umsetzung der Charta wird nicht von externer Stelle kontrolliert, sondern basiert auf einer Selbstverpflichtung, deren Einhaltung über regelmäßige Betriebsgespräche zwischen den Beteiligten gewährleistet werden soll.
Darüber hinaus haben Verbände wie Demeter, Naturland, Bio Suisse oder IFOAM ihr Verständnis von Fairness oder Gerechtigkeit beschrieben und teilweise vorgestellt, wie entsprechende Kriterien umgesetzt beziehungsweise deren Einhaltung überprüft werden könnte. Aber es wurden auch die Schwierigkeiten diskutiert, die auftreten, wenn man versucht, Werte in Normen umzuwandeln.
Der Begriff "Fairness" ist ja recht abstrakt. Auf der Tagung ging es auch darum, den Begriff zu definieren. Welche Kriterien für einen fairen Umgang haben Sie herausgearbeitet?
Schekahn: Wir konnten einige Oberbegriffe herausarbeiten: Faire Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit dem Schwerpunkt faire Preise, soziale Verantwortung innerhalb des Unternehmens und für die Region, Regionalität, Qualität sowie Umweltschutz. Diese tauchen auch in späteren Initiativen auf. Es sind also Werte, die sich auch mit dem Wort "Nachhaltigkeit" überschreiben lassen. Seit der Tagung läuft ein kontinuierlicher Prozess, Kriterien zu diesen Oberbegriffen zu finden und somit zu immer präziseren Definitionen zu kommen.
Bei den geschilderten Initiativen lag der Schwerpunkt entweder auf einer Region oder einem Produkt. Wie beurteilen Sie die Übertragbarkeit auf andere Regionen beziehungsweise Produkte?
Die Vielfalt an Initiativen hat sich noch verstärkt. Der Anbauverband Biokreis bietet eine Zusatzzertifizierung "regional & fair" an, die nicht nur auf Verbandsmitglieder beschränkt ist. Naturland bietet seit 2009 für seine Mitglieder eine Zusatzzertifizierung über die "Naturland Fair Richtlinien" an.
Der Verbände übergreifende BioFairVerein hat 2008 ein Zertifizierungskonzept entwickelt, nach dem im Rahmen der jährlich stattfindenden Verbands- oder EU-Bio-Kontrolle zusätzlich die Einhaltung der Fairness-Richtlinien überprüft werden kann. Andere wie die schon erwähnte fair-regional-Charta Berlin-Brandenburg oder auch die Bio Suisse setzen auf Selbstverpflichtung.
Die Biobranche ist zu vielfältig, um ein auf alle Unternehmen übertragbares "bio& fair"-Konzept entwickeln zu können. Ein kleines Unternehmen mit einem begrenzten Bedarf an Rohstoffen und einem regionalem Vertrieb kann Regionalität anders definieren als ein größeres Unternehmen, das viel mehr Rohstoffe benötigt und seine Erzeugnisse bundesweit oder gar international vermarktet.
Für das erste Unternehmen mag eine klar auf einen bestimmten Raum begrenzte Regionalinitiative sinnvoll sein. Der andere Unternehmer braucht eher eine bundesweite Initiative, die genau wie ein international agierender Anbauverband Regionalität zwangsläufig anders definieren muss. Dort geht die Definition eher in die Richtung, dass mit regionalen Strukturen gearbeitet wird, zum Beispiel mit Erzeugerzusammenschlüssen. Auch die notwendigen Kontrollmechanismen müssen andere sein, da persönliche Kontakte begrenzt sind.
Gibt es Bestrebungen, Fairnesskriterien in die EG-Rechtsvorschriften zum ökologischen Landbau aufzunehmen oder ein Bio-Fairness-Label zu entwickeln?
Von Bestrebungen, Fairnesskriterien in die EG-Rechtsvorschriften zum Ökolandbau aufzunehmen, ist mir nichts bekannt. Auffällig ist jedoch vor allem in der Debatte um die Milchbauern, dass faire Preise und die ungleichen Machtverhältnisse entlang der Wertschöpfungskette in den EU-Ländern schon eine große Rolle spielen. Falls die EU das Thema Fairness aufgreifen sollte, sollte sie auf die Erfahrungen der bestehenden Initiativen zurückgreifen, da diese ja bereits partnerschaftliche Konzepte entlang der Wertschöpfungskette entwickelt und umgesetzt haben. Von diesen Erfahrungen lässt sich sicherlich profitieren. Auch die Ergebnisse der praxisorientierten Forschungsarbeiten zum Thema "bio & fair" können hilfreich sein.
Auf der Tagung wurde vorgeschlagen, eine Plattform mit Beteiligten aus der gesamten Wertschöpfungskette zu gründen, um Raum für Erfahrungsaustausch und Diskussionen zu bieten. Was hat sich seitdem getan?
Es ist nicht gelungen, die Anbauverbände zusammenzubringen um eine gemeinsame Position zum Thema "bio & fair" zu entwickeln. Hier ist wohl die Konkurrenz zwischen den Verbänden zu groß. Zudem spiegelt sich auch in der Zusammensetzung ihrer Mitglieder die Ausdifferenzierung der Biobranche wieder. Es gibt Mitglieder, für die "bio" und "fair" automatisch zusammengehören, und die genau deswegen Biobauern oder Bioverarbeiter geworden sind. Genauso gibt es aber auch Mitglieder, für die der Einstieg in die biologische Wirtschaftsweise vor allem ein Geschäft ist.
Hierin liegt wohl auch ein Grund, warum es Verbände übergreifende Initiativen gibt, in denen sich diejenigen wiederfinden, die eine Produktion ökologischer Lebensmittel mit der Einhaltung von Fairness-Kriterien verbinden wollen. Diesen Unternehmen geht es auch darum, die hinter ihren Produkten stehenden Werte nach außen deutlich zu machen und sich somit auch gegenüber "Billig-Bio" zu positionieren.
Welche Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf die konkrete Umsetzung von Fairness-Kriterien in die Praxis?
Die großen Herausforderungen heißen: Verbraucheraufklärung, Glaubwürdigkeit und Weiterentwicklung der Fairness-Kriterien. Der Erfolg des Transfair-Siegels und auch andere Untersuchungen zeigen, dass ethische Werte für Verbraucherinnen und Verbraucher eine bedeutende Rolle spielen. Nun muss ihnen noch deutlicher vermittelt werden, dass eine Verknüpfung von biologischer Erzeugung und einem fairen Umgang miteinander auch vor der eigenen Haustür wichtig ist und nicht nur in den Ländern des Südens.
Zur Glaubwürdigkeit: Natürlich ruft Erfolg auch immer Trittbrettfahrer auf den Plan, die sich mit dem Begriff "fair" schmücken, ohne Fairnesskriterien einzuhalten. Diese Art des "Greenwashings" schadet der Branche. Die "bio & fair" Initiativen müssen deutlich machen, dass sie den Begriff "Fairness" nicht allein für Werbezwecke einsetzen. Auch die Definition, was "Fairness" umfasst, ist nicht abgeschlossen und wird es wohl auch nie sein. Denn manche Werte lassen sich nicht einfach in Normen übersetzen oder es kommen neue Aspekte hinzu. Daher müssen die Kriterien für einen fairen Umgang immer weiter entwickelt und präzisiert werden.
Das sind große Aufgaben - ist das alles von den bestehenden Initiativen alleine zu bewältigen?
Nein - Fairness ist ein grundlegendes gesellschaftliches Thema, das einen breit angelegten Diskurs erfordert. Entsprechend sollte angestrebt werden, dass die gesellschaftlich relevanten Gruppen wie Gewerkschaften, Umwelt- und Tierschutzverbände, Verbraucherorganisationen und Biounternehmer noch stärker miteinander ins Gespräch kommen. Sie sollten ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, was einen fairen Umgang ausmacht. Hierfür ist eine politische Unterstützung und auch finanzielle Förderung nötig.
Letzte Aktualisierung: 18.08.2010




