Die Pastinake und das Web 2.0
Vor einigen Jahren war man froh, endlich eine eigene Homepage "im Netz" zu haben. Da stand sie nun - wie eine kleine Galerie und wartete auf Besucher, die sich auf ihr umschauen sollten. Einige Ambitionierte hatten sogar ein Gästebuch eingerichtet, in dem die Besucher kleine Kommentare zur Seite oder zum Angebot abgeben konnten. Andere hatten sogar schon einen Online-Shop.
Heute scheint vieles anders und neu. Häufig fällt der Begriff "Web 2.0". Auf einmal spricht man von "googeln", "bloggen" oder "twittern", wenn es um das Internet geht . Was steckt eigentlich hinter den Begriffen, was ist das Neue daran und wie kann man diese Medien für sich nutzen?
Was ist das Internet Nr. 2?
"Web 2.0" bezeichnet ein Phänomen, das in den letzten Jahren das Internet geprägt hat. Mit der immer weiter ansteigenden Vernetzung der Internetseiten untereinander und immer neueren interaktiven Angeboten im Internet wurde ein Begriff notwendig, der diese Entwicklung fasste. Das "Web 2.0" war geboren.
Eine Webseite ist heute keine Wandzeitung mehr, die einmal geschrieben an der Wand aufgehängt, auf Leser wartet, sondern vielmehr ein offenes Buch, das sich ständig weiterentwickelt und verändert.
Webangebote machen es heute jedem möglich, seine Videos, Fotos und nicht zuletzt seine Meinungen unkompliziert und direkt mit der Welt zu teilen. Dafür braucht man nicht einmal eine eigene Webseite. Man nutzt einfach die vorhanden Angebote Dritter.
Auf "YouTube" werden die eigenen Videos hochgeladen, auf "Flickr" die Fotosammlung und als unkompliziertes Tagebuch nutzt man einen Weblog (kurz Blog genannt) von einem der vielen Anbieter.
Tausende schreiben heute zusammen am weltgrößten, frei zugänglichen Lexikon (Wikipedia). Wer möchte, kann sich hier einklinken und sein Wissen beisteuern.
Das "Neue" an diesen Webangeboten ist vor allem die enorme Interaktivität und die Vernetzung, die sie bieten. Es ist auf einmal viel einfacher geworden, das Internet mit eigenen Inhalten zu füllen und sich über die vielen verschiedenen Kanäle zu informieren und auszutauschen.
So lässt sich heute zum Beispiel das Leben von Milchstuten auf einem Stutenhof über Texte, Fotos und Videos im "Stutenmilchblog" mitverfolgen. Jede Woche werden vom Hof neue Fotos, Videos und Berichte in den Internetblog gestellt ("gepostet") - vom ersten Auslauf der Fohlen auf die Frühlingswiesen bis zum Melken der Stuten.
Vor allem junge Menschen gehen heute nicht mehr den Weg über die klassischen Massenmedien, um sich zu informieren. Sie nutzen die neuen vernetzten Möglichkeiten und treten direkt in den Austausch mit Gleichgesinnten. Sie schicken sich Links zu Webseiten, Videos und Informationen in Echtzeit.
In Online-Netzwerken wie "MeinVZ", "StudiVz" oder "Facebook" bilden sich Gemeinschaften, die auf diesen Seiten direkt miteineinander kommunizieren. So kann es passieren, das man von einem alten Schulfreund, der einen auf einer solchen Netzwerkseite "als Freund hinzugefügt" hat, einen heißen Tipp für einen Metzger gleich in der Nähe bekommt.
Wie lassen sich diese Medien nutzen?
Die Chance dieser neuen Medien und vor allem der sogenannten sozialen Medien (social media) liegt in der Transparenz, die sie schaffen und in der direkten Verbindung von Gleichgesinnten und Interessierten. Ihre Kraft liegt auch in der Authentizität, die diese Kanäle bieten. Geschickt angewandt können diese Medien die direkte Brücke schlagen zwischen Käufern, Verkäufern und Produzenten, können Informationen bieten, aufklären und für ökologische Themen begeistern.
Ein Beispiel
In den Kurznachrichten, die eine Bekannte täglich mehrmals auf "Twitter" postet, lese ich, dass sie heute eine Suppe mit Pastinaken gekocht hat. Was ist eine Pastinake, frage ich mich und suche im Online-Lexikon Wikipedia nach diesem mir unbekannten Teil der Suppe. Auf "Youtube" erweitere ich mein Wissen mit einem selbstgedrehten Video eines Landwirtes. Ich erfahre, wie Pastinaken ökologisch angebaut werden und wie alt diese Gemüsesorte ist. In einem Blog, in dem jemand jeden Tag sein selbstgekochtes Mittagessen präsentiert, finde ich ein Rezept für eine Pastinakensuppe.
Die Einkaufsliste steht - ich laufe zum Wochenmarkt…
Ich finde die Pastinake am Stand eines Biobauern und frage ihn, woher die Pastinaken stammen. Auf der Satellitenkarte auf meinem Handy zeigt mir der Landwirt, wo er die Pastinaken anbaut. Ich speichere die Position auf der Karte für eine spätere Fahrradtour. Zuhause fange ich an zu kochen. Das Ergebnis stelle ich in meinen Blog und schreibe dazu, wo ich die Pastinaken auf dem Markt gefunden habe. Ich stelle den Link zur Webseite des Hofes dazu und auch das Video über die Pastinake, das mich inspiriert hat. Ein paar Tage später erfahre ich von einem Bekannten, dass er angeregt durch meinen Blogeintrag auch den Marktstand aufgesucht hat und Pastinaken gekauft hat.
So oder so ähnlich können sich heute Informationen im Internet verbreiten.
Wen interessiert es, wenn ich der Welt erzähle, wann ich meine Pastinaken ernte?
Wahrscheinlich mehr als Sie denken: Wenn kaum noch jemand weiß, was Pastinaken sind und wann und wie Pastinaken zu ernten sind, dann erzählen Sie es in kleinen Texten, Bildern oder Videos. Wenn Ihnen der Regen das Leben auf dem Feld schwer macht, berichten Sie "live" davon. Lassen Sie diejenigen, die Ihre Produkte kaufen, an Ihrer Arbeit teilhaben und wecken sie Begeisterung für die Geschichten hinter ihren Lebensmitteln. Je aktiver sie sind und einzigartiger, desto mehr werden Ihnen im Internet zuhören und sich für sie interessieren.
Es lohnt sich, dieser Zielgruppe entgegenzukommen und auf sich aufmerksam zu machen. Wie Sie die neuen Möglichkeiten der Kommunikation im Netz nutzen, müssen Sie für sich herausfinden. Ob sie nun Bauernregeln twittern, den Beginn der Ernte bloggen oder kleine Videos von den neuen Ferkeln drehen.
Lassen Sie sich gegebenenfalls beraten und finden Sie den digitalen Weg, der am besten zu Ihnen passt.
Gewöhnen sie sich schon einmal an den Gedanken, dass bald Gruppen von jungen Menschen auf Ihrem Hof auftauchen, die sie über einige Freunde im Internet empfohlen bekommen haben, ihrer Ernte bei Twitter gefolgt sind und nun über eine Satellitenkarte ihren Hof gefunden haben.
Letzte Aktualisierung: 22.12.2011


