Äpfel, Kunst und Kultur auf dem Neuhollandshof
Der Neuhollandshof ist der erste und bisher einzige biologisch-dynamische Obstbaubetrieb am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Obstbau sind auf diesem Hof die Kunst und die Kultur eng verbunden. Diese reicht von neu entwickelten und entdeckten kulinarischen Produkten über gemeinsame Arbeit mit Menschen von nah und fern, Kunstwerken im Betrieb, Theater, Lesungen bis hin zu innovativen pädagogischen Lernkonzepten.
Getragen wird dies von Rolf und Thea Clostermann, die den Neuhollandshof seit 1993 in der fünften Generation bewirtschaften. Sie sind Obstbau-Techniker, Pädagogen, Bildhauer, Schriftsteller, Vermarkter, Produktentwickler und vieles mehr. Seit der Umstellung des Hofes auf biodynamische Landwirtschaft 1993 hat sich der Obstbau-Plantagen-Betrieb hin zu einem Obstgarten entwickelt. Heute wachsen auf dem 20 Hektar großen Betrieb in Bislich bei Wesel nicht nur Äpfel, Birnen und Walnüsse sondern auch 4.000 Rosenstöcke und verschiedene Wildgehölze.
Im Mittelpunkt stehen die Äpfel
Der Apfelanbau ist das wirtschaftliche Rückrat des Betriebes. Über 95 Prozent der mehr als 35.000 Obstbäume des Hofes sind Apfelbäume. Auf verschiedenen Flächen in unmittelbarer Nähe des Hofes werden bis zu 30 Apfelsorten kultiviert. Von den frühen Sorten Discovery und Pristine, die zwischen Ende Juli und Anfang August als erstes abreifen bis zu den späten Jonagold, Topaz und Braeburn, die selten vor Ende Oktober reif sind. Im ökologischen Apfelanbau werden je nach Jahr und Sorte zwischen 15 und 30 Tonnen Äpfel je Hektar geerntet. Konventionelle Apfelanbauer erwarten 30 bis 45 Tonnen Tafeläpfel pro Hektar.
Keine Apfelernte ohne Menschen
Während der Apfelernte werden auf dem Neuhollandshof in drei Monaten ein paar hundert Tonnen Äpfel einzeln gepflückt und sortiert. Jeder Apfel muss von Hand gepflückt und sorgsam eingesammelt werden. Hierbei werden das Betriebsleiterpaar und die drei fest angestellten Mitarbeiter von Aushilfskräften und Saisonmitarbeitern aus Polen, die schon seit vielen Jahren zur Ernte kommen, unterstützt.
Außerdem kommen jedes Jahr freiwillige Helfer zur Ernte auf den Hof, um sich eine Auszeit zu nehmen, abzuschalten und zu entspannen indem sie tatkräftig mithelfen.
Apfellagerung
Wenn die mit Äpfeln befüllten Kisten aus den Plantagen den Hof erreichen, werden sie möglichst schnell nach Größe und Beschaffenheit sortiert. Dann werden sie verkauft, verarbeitet oder eingelagert. Die Lageräpfel werden in Großkisten nach Sorten getrennt. Danach kommen sie in Lagerräume, in denen ein Computer die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und den Sauerstoffgehalt kontrolliert.
Der Sauerstoffgehalt der Luft in den Lagerräumen wird von 20 Prozent auf 2 Prozent reduziert. Die Temperatur wird auf 2°C gesenkt bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit. Die letzten Lageräpfel verlassen knackig und wohlschmeckend kurz vor der neuen Ernte die Lagerräume des Neuhollandshofes.
Der Strombedarf des Betriebes wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt. Elektrofahrzeuge können an der hofeigenen "Stromtankstelle" Naturstrom tanken.
Kulinarisches aus Äpfeln
Die meisten geernteten Früchte werden als Tafeläpfel verkauft. Ein weiterer, kleinerer Teil der Äpfel wird nach den Vorgaben und Rezepturen der Clostermanns mit den hofeigenen Birnen zusammen verarbeitet. Clostermann Apfelsaft, Apfelmark sowie Apfel- und Birnenkraut in Demeter-Qualität gehören seit vielen Jahren zum Angebot des Betriebes.
Seit einigen Jahren lässt der Neuhollandshof aus seinen Äpfeln und nach eigenen Rezepturen Apfelperlwein nach Secco-Art herstellen. Mittlerweile gibt es den Demeter Apfelperlwein in vier Geschmacksrichtungen. Neben lieblich, halbtrocken und trocken existiert auch eine halbtrockene Apfel-Rose Variante.
Hierfür werden ein Teil der hofeigenen Rosenblüten geerntet und verarbeitet. Neu im Angebot sind zwei alkoholfreie sektverperlte Apfel-Aperitifs "Appléritif". Auch hier werden in der Apfel-Rose Variante die hofeigenen Rosenblütenblätter verarbeitet.
Der Baumschnitt
Bevor die Qualitätsäpfel vom Neuhollandshof geerntet werden können, sind viele tausend Stunden Arbeit zu leisten und unzählige Entscheidungen zu treffen. Unmittelbar nach der Ernte im Herbst beginnt die Zeit des Baumschnittes, die sich bis ins nächste Frühjahr hinein erstreckt. Schadhafte, zu alte und überzählige Zweige und Äste müssen entnommen werden.
Mit Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung wird jedes Jahr jeder Baum von Hand so geschnitten, dass er nicht zu groß wird, seine Nachbarn nicht bedrängt, genügend Luft durch die Bäume wehen kann und ausreichend, aber nicht zu viele Früchte zur Ernte heranwachsen. Diese Arbeit ist auch eine Investition in die Zukunft der Plantagen, die auf dem Neuhollandshof 25 bis 30 Jahre gute Apfelerträge bringen. Die abgeschnittenen Äste werden zwischen die Baumreihen auf die Kleegrasstreifen gelegt und beim nächsten Mulchen mit zerkleinert und so in den Kreislauf zurückgeführt.
Nur ein gesunder Boden liefert schmackhafte Früchte
Im ökologischen Landwirtschaft gilt das Prinzip: Ein gesunder, lebendiger und fruchtbarer Boden bringt gesunde, haltbare und wohlschmeckende Früchte hervor. Die Erhaltung und Vermehrung der Bodenfruchtbarkeit ist die Grundlage für langfristig sichere Erträge. Der sorgsame, schonende und achtungsvolle Umgang mit dem Boden ist die eigentliche Düngung des Betriebes.
Die Kleegrasstreifen zwischen den Baumreihen bringen Nährstoffe in den Kreislauf und werden regelmäßig gemulcht. Um den Krautbewuchs in den Baumreihen zu begrenzen werden diese mehrmals im Jahr mit einer Spezial- Scheibenegge bearbeitet. Diese Bearbeitung beugt zusätzlich Bodenverdichtungen vor und regt die Aktivität des Bodenlebens an. Die Ausbringung der biologisch-dynamischen Präparate runden diese Maßnahmen ab. Sie regen das Bodenleben an, fördern Umsetzungs- und Zersetzungsprozesse und halten den Boden und damit die Pflanzen gesund und verbessern die Qualität der Früchte.
Direkt gedüngt werden die Bäume nur dann, wenn der Obstbauer an den Pflanzen oder an der Fruchtausbildung Ungleichgewichte oder Mängel erkennt. Dann wird im zeitigen Frühjahr in die entsprechenden Baumreihen Vinasse, ein sirupartiges Nebenprodukt aus der Zuckerherstellung, mit Wasser verdünnt ausgebracht. Dies geschieht nur alle paar Jahre.
Ökologischer Pflanzenschutz durch Bodenpflege und Vielfalt
Ein gesunder und aktiver Boden führt auch zu einer Reduzierung der Schadorganismen. Bodenschutz, Pflanzenernährung und Pflanzenschutz sind im Bio-Obstanbau eng miteinander verzahnt. Mit Beginn des Austriebs im Frühjahr werden die Plantagen regelmäßig kontrolliert, um Veränderungen und Schäden an den Obstbäumen im Anfangsstadium zu erkennen.
Beim Pflanzenschutz setzen die Obstanbauer des Neuhollandshof in erster Linie auf Nützlingsförderung und Unterstützung der im Ökosystem vorhandenen Regulierungs- und Ausgleichskräfte. Förderung und Schutz der Ohrwürmer, Wanzen, Schlupfwespen und anderer Nützlinge sowie ein aktiver Vogelschutz sind wirksame Maßnahmen gegen Apfelblütenstecher, Apfelwickler und andere tierische Apfelschädlinge. Diese Nützlinge können auch gezielt in den Plantagen ausgesetzt werden.
Deutlich schwieriger ist die Regulierung der Pilzkrankheiten in Obstanbau. Der Apfelschorf auf den Früchten und der Apfelmehltau auf den Blättern der Bäume sind nicht nur auf dem Neuhollandshof eine echte Gefahr für den erfolgreichen Anbau. Hier muss auch der Bio-Obstbauer mehrmals bis zur Ernte zur Pflanzenschutzspritze greifen, um seine Bäume und Früchte zu schützen. Die Anbaurichtlinien der Anbauverbände und die EU-Bio-Richtlinien lassen hier nur wenige Behandlungsmittel zu. Kupfer-, Schwefel-, Algen-, Pflanzen- und Kräuterpräparate sind in begrenzten Mengen zugelassen.
Herr Clostermann achtet bei der Anwendung von Kupfer- und Schwefelpräparaten darauf, dass die jährlich ausgebrachte Gesamtmenge dem Nährstoffbedarf der Pflanzen auf den Flächen entspricht. Denn Kupfer und Schwefel sind auch Pflanzennährstoffe, die als Spurenelemente (wenige Kilo jährlich pro ha) von den Apfelbäumen und der gesamten Begleitflora aufgenommen werden.

- Dieser Apfel musste wegen der Schorfflecken aussortiert werden.
Foto: Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe
So ist gewährleistet, dass es keine Anreicherungen dieser Stoffe im Boden der Plantagen gibt. Durch die Ausbringung der Algen- und Kräuterpräparate und auch bestimmter biologisch-dynamischer Präparate werden die Bäume vitaler und widerstandsfähiger.
Die Handelsverordnung schreibt unter anderem vor, dass Tafeläpfel, die in den Handel gehen, frei von Flecken sein müssen. Der Apfelschorf macht aber Schorfflecken auf der Schale der Äpfel. Die Flecken haben keinen Einfluss auf die Haltbarkeit und den Geschmack der Frucht, sie sind ein rein optisches Problem.
Ralf Clostermann erklärte: "Wenn wir diese Kosmetik-Vorschrift nicht hätten und zwei bis fünf kleine Schorfflecken auf dem Apfel erlaubt wären, könnten wir auf die Hälfte der Pflanzenschutzspritzungen pro Jahr verzichten und müssten erheblich weniger Äpfel aussortieren."
Ohne Bienen keine Äpfel
Mit Beginn der Obstblüte gastieren zusätzlich 20 Bienenvölker von befreundeten Demeter-Imkern auf dem Neuhollandshof. Diese unterstützen die 10 eigenen Bienenvölker des Landwirts bei ihrer Arbeit.
Zu dieser Schar von Honigbienen gesellen sich noch unzählige Wildbienen und Hummeln, die gemeinsam für eine ausreichende Bestäubung der Obstblüten sorgen. Nach der Hauptblüte finden diese fleißigen Helfer bis zum Winter Nahrung und Lebensraum in den vielen Blühstreifen und artenreichen Säumen, die in allen Plantagen des Betriebes angelegt sind.
Investition in die Zukunft
Das ganze Jahr über kommen Schulklassen, Lehrlingsgruppen und interessierte Menschen auf den Neuhollandshof. Sie erhalten von Thea und Rolf Clostermann eine Einführung in die Kunst des ökologischen Obstanbaues und die ganzheitliche Betrachtung der Lebenszusammenhänge auf dem Neuhollandshof.
Schulklassen übernehmen Bienenpatenschaften für ein Bienenvolk und begleiten es durch das ganze Jahr. Dafür wurde eigens eine Schüler-Imkerei auf den Hof eingerichtet. Schülergruppen kommen regelmäßig auf den Hof, um in Unterrichtsprojekten die Zusammenhänge von Landwirtschaft, Ernährung und Naturschutz zu erlernen. Die jungen Menschen können im praktischen Tun mit den Pflanzen, den Tieren und den Menschen vieles über die Kreisläufe in der Natur und im ökologischen Landbau erfahren.
"Arbeit gegen Unterricht" ist ein neuer Weg in der Wissensvermittlung auf dem Neuhollandshof. Gruppen von jungen Menschen kommen für 14 Tage auf den Betrieb und werden 3 bis 4 Stunden am Tag in unterschiedlichen Fächern unterrichtet.
Als Gegenleistung arbeiten sie in der zweiten Tageshälfte mit im Betrieb, erleben die praktische Arbeit mit den eigenen Händen und erfahren eine neue Wertschätzung für ihren Einsatz. Die Weitergabe ihres Wissens und ihrer Erfahrungen an die nächste Generation und nicht nur an ihre eigenen Kinder ist auf dem Neuhollandshof gelebte Verantwortung und Investition in die Zukunft.
Autoren: Joachim Deckers und Verena Uhlig von der Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe
Letzte Aktualisierung: 28.10.2010








