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Demo-Spezial

Firmament, Luxor und Butaro – biologisch-dynamische Getreidezüchtung auf dem Dottenfelderhof

Im Zeitalter der Gentechnik wird viel über Züchtung und deren moderne Methoden geredet. Kaum jemand beschäftigt sich jedoch tatsächlich damit, wie klassische Züchtung funktioniert. Dabei ist die Entwicklung neuer Pflanzensorten ein spannendes Gebiet, wenn auch – besonders in ihrer traditionellen Form – ein echtes Geduldsspiel.

Auf dem 1968 durch eine Gemeinschaft von mehreren Landwirten gegründeten Dottenfelderhof im hessischen Bad Vilbel in der fruchtbaren Wetterau wird seit 30 Jahren gezüchtet. Warum nehmen die Menschen dort diese Arbeit auf sich? Wie wird dabei vorgegangen? Was sind die Erfolge? Diesen Fragen wird im folgenden Bericht auf den Grund gegangen.

Menschengruppe vor Feldschild
Dr. Hartmut Spieß und Mitarbeiterinnen von der Getreidezüchtungsforschung Dottenfelderhof

Jede Ernte beginnt mit der Aussaat. Das Saatgut, das uns zum Anbau zur Verfügung steht, ist damit die Grundlage unserer Ernährung. So vielfältig und qualitativ hochwertig wie unsere Sorten sind, so abwechslungsreich und gut können wir uns ernähren. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, sich als Verbraucher und als Landwirt für eine qualitätsorientierte Züchtung zu engagieren. Der externer Link folgt Dottenfelderhof tut dies als Standort einer Zweigstelle des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung im externer Link folgt Forschungsring e.V. und im Rahmen der Landbauschule Dottenfelderhof e.V. Vier Arbeitskräfte sind auf dem Betrieb das ganze Jahr über mit der Getreidezüchtung beschäftigt. Dazu kommen weitere fünf Teilzeitmitarbeiterinnen und Kräfte, die die Arbeit in der Sommersaison unterstützen.

Angefangen hat alles 1977 mit der Arbeit an dem Winterroggen „Nomaro“, der auf dem Hof schon lange Zeit angebaut wurde. Dieser war zwar sehr auswuchsfest, d. h. wenig gefährdet, bei warm-feuchter Witterung vor der Ernte Stärke abzubauen und damit seine Backfähigkeit zu verlieren. Aber er war einfach nicht standfest genug. So begann Dr. Hartmut Spieß auf dem Hof mit der züchterischen Bearbeitung von Getreide, die nach und nach auf weitere Arten ausgeweitet wurde.

Selektion aus der Vielfalt

Mitarbeiterin im Weizenfeld
Anlage neuer Sommerweizen-Kreuzungen

Zunächst wird dabei durch Kreuzung eine große Vielfalt erzeugt. Die Erbanlagen zweier oder mehrerer Sorten können dazu durch einfache Bestäubung mit dem Pinsel zusammengeführt werden. Die so bestäubten Ähren werden anschließend mit einer Papiertüte vor weiterer Fremdbestäubung geschützt. Eine Arbeit, die viel Fingerfertigkeit und Geduld erfordert.

Erst in der zweiten Generation zeigt sich, was entstanden ist. Dann werden die vielversprechendsten Pflanzen ausgewählt und getrennt weiter vermehrt. Bis zum Entstehen einer neuen Sorte sind zehn bis zwölf Jahre Arbeit notwendig.

Langwierig und teuer

Um die so entstandenen Getreidesorten dann offiziell in Verkehr bringen zu dürfen, muss zunächst eine drei Jahre dauernde Wertprüfung durchgeführt werden. Unter der Regie des Bundessortenamtes (BSA) wird geprüft, ob die Sorte beständig und in sich homogen ist, d. h. ihre Eigenschaften bei allen einzelnen Pflanzen gleich ausgeprägt sind, und ob sie einen „landeskulturellen Wert“ hat. Nur wenn das gegeben ist und der Zuchtstamm in seinen Eigenschaften besser als vergleichbare andere derzeit eingetragene Sorten ist, wird sie für den allgemeinen Vertrieb zugelassen.

Um eine Sorte bis zur Marktreife zu entwickeln, muss der Züchter heute Kosten in Höhe von rund einer Million Euro einkalkulieren. Davon sind allein für die Zulassung beim BSA vor allem für die Wertprüfung rund 50.000 € aufzubringen. Schon daran zeigt sich, dass diese Aufgabe nicht vom einzelnen Betrieb finanziert werden kann. In der biologisch-dynamischen Züchtung, die nicht durch weltweit agierende Konzerne betrieben wird, wird meist mit Stiftungsgeldern, aber auch mit Spenden gearbeitet. Zum Teil werden Gelder in Form einer vertraglich geregelten „Nachbaugebühr“ gesammelt. Das ist ein Betrag, den der Landwirt zahlt, wenn er aus der eigenen Ernte einen Teil des Kornertrages zur Aussaat zurückbehält.

Z-Saatgut, Nachbau und Nachbaugebühren

Traditionell behält der Landwirt meist einen Teil der Ernte als Saatgut für die nächste Aussaat zurück. Die meisten Landwirte kaufen aber auch regelmäßig Saatgut zu, das gezielt zur Saatgutvermehrung angebaut wurde. Es hat eine zertifizierte Qualität und wird daher Z-Saatgut genannt. Der Landwirt hat dann die Gewähr, dass es nicht übermäßig mit Unkrautsamen verunreinigt ist oder Pilzsporen enthält. Im Preis für Z-Saatgut ist eine Lizenzgebühr enthalten, die der Saatgutvermehrer an den Züchter abführt. Nach einer Zeit von 25 Jahren läuft die Lizenz auf eine Sorte aus und jeder darf die Sorte weitervermehren, ohne Abgaben an den Züchter leisten zu müssen.

Seit Ende der 1990er Jahre werden durch die von den Züchtungsfirmen beauftragte Saatgut-Treuhandverwaltungs GmbH (STV) so genannte Nachbaugebühren erhoben. Sie sollen die Lizenzgebühr ersetzen, die der Landwirt nicht zahlt, wenn er kein Z-Saatgut zukauft. Sie stehen stark in der Kritik. Umstritten sind vor allem die Methoden, mit denen die STV versucht, den Umfang zu ermitteln, in welchem die Landwirte eigenes Getreide nachbauen.

Die Züchter und Vertreiber gentechnisch veränderter Pflanzen versuchen das Problem der Finanzierung ihrer Arbeit auf eine andere Art zu lösen: Sie bauen vielfach so genannte „Terminator-Gene“ in neue Sorten ein. Diese sorgen dafür, dass die geerntete Frucht entweder gar nicht keimfähig ist oder bei einer Wiederaussaat der Keimling abstirbt. Entwicklungshilfeverbände weisen vielfach darauf hin, dass gentechnisch veränderte Pflanzen u. a. aus diesem Grund nicht zur Lösung von Hungerproblemen beitragen. Sie verschärfen häufig die Verschuldungsproblematik in Entwicklungsländern, indem Kleinbauern gezwungen werden, jährlich teures Saatgut zuzukaufen.

Zuchtziele im Öko-Landbau

Techniker untersucht Weizenähre
Infektion einer Weizenähre mit Flugbrand

Ökologisch wirtschaftende Betriebe arbeiten nicht mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Für sie ist es daher von besonderer Bedeutung, eine Züchtung mit traditionellen Methoden aufrechtzuerhalten. Dafür gibt es noch weitere Gründe: Für den ökologischen Anbau sollten die Getreidepflanzen sich gut gegenüber Unkraut behaupten können und ein hohes Nährstoffaneignungsvermögen – z. B. durch ein ausgeprägtes Wurzelsystem – haben. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist eine hohe Ernährungsqualität. Daneben sollen die Pflanzen gesund, d. h. widerstandsfähig gegen Pilzkrankheiten und Schädlingsbefall sein. Deshalb wird auf dem Dottenfelderhof das Getreide gezielt mit Pilzsporen infiziert. Auf diese Weise können resistente Zuchtlinien erkannt und gefördert werden.

Pilzerkrankungen vorbeugen

Mit der letzten Ernte hat die Züchtungsforschung auf dem Dottenfelderhof zwei Projekte abgeschlossen, die sich speziell mit der Vorbeugung gegen saatgutübertragbare Pilzerkrankungen des Getreides beschäftigten. Diese Forschungsarbeiten wurden durch eine Förderung des Landwirtschaftsministeriums (BMELV) im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau ermöglicht. So wurden u. a. in einem Kooperationsprojekt von insgesamt sechs Partnern Saatgutbehandlungsmethoden überprüft und/oder weiterentwickelt, die – ähnlich wie die Beize im konventionellen Landbau – Pilzsporen am Saatgut abtöten, die das keimende Getreide infizieren würden. Eine erfolgreiche Methode ist z. B. die Heißwasserbehandlung. Als wirksam erwiesen sich auch Mittel wie Lebermooser (ein alkoholischer Moosextrakt), Cedomon (Bodenbakterium Pseudomonas chlororaphis) oder Tillecur. Tillecur ist eine alternative Beize aus Mehlen einheimischer Pflanzen und natürlichen Haft- und Benetzungsmitteln, die auf dem Dottenfelderhof von Dr. Spieß entwickelt wurde. Im externer Link folgt Leitfaden Saatgutgesundheit im Ökologischen Landbau werden die Projektergebnisse erläutert.

Der Kreis schließt sich

Weizenfeld
Winterweizen „Luxor“

Mittlerweile werden auf dem Dottenfelderhof die eigenen Weizensorten „Lux“ und „Lucius“ angebaut und im Holzofen der hofeigenen Bäckerei zu Brot und Feingebäck verarbeitet. Beim Roggen steht der selbst gezüchtete „Firmament“ im Anbau. Damit wird dem Organismusgedanken Rechnung getragen, der den Hof als einen Organismus mit vielen sich gegenseitig bedingenden Gliedern sieht, so Hartmut Spieß. Das Saatgut als ein Betriebsmittel wird auf dem Betrieb selbst erzeugt. Nicht zuletzt bringt das auch die Vorteile einer an den Standort angepassten Sorte. So sind durch jahrzehntelangen Nachbau vor allem auf vielen Demeter-Betrieben lokale Hofsorten entstanden.

Für alle Betriebe, die auf der Suche nach einer neuen oder ergänzenden Sorte sind, oder ohne großen Aufwand gesundes, gut gereinigtes Saatgut erhalten wollen, gibt es mehrere Möglichkeiten: Sie erwerben zertifiziertes Saatgut einer geschützten Sorte – vielleicht demnächst der Dottenfelder Sorte "Luxor", die den Sortenschutz erhalten hat, oder "Butaro", welche in der Sortenzulassung steht. Oder sie kaufen Saatgut einer „Erhaltungssorte“ im Rahmen eines Anbauvertrages mit dem abgebenden Betrieb. Eine solche Regelung ermöglicht die Verbreitung von Sorten, die nicht in einer Wertprüfung getestet wurden oder keine Zulassung haben. Diese Sorten müssen in sich nicht vollständig homogen sein, können also trotz Reinerbigkeit Einzelpflanzen mit etwas unterschiedlichen Eigenschaften hervorbringen – was im ökologischen Landbau durchaus von Vorteil ist, denn ein vielseitiger Pflanzenbestand ist immer stabiler und gesünder als ein einseitiger. In diesem Sinne die beste Voraussetzung für eine sichere Ernte!

Begutachten Sie vor Ort selbst die Züchtungsarbeit auf dem Dottenfelderhof, wenn es am 14. Juni von 14 – 17 Uhr heißt: "Züchten oder Anbauen – ein großer Unterschied!".

Autoren: Susanne Plaumann und Alois Sporer

Letzte Aktualisierung: 05.05.2008

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