Im Zeichen der Schnecke
Demonstrationsbetriebe beim 5. Spezialitätenfestival 'Nordhessen geschmackvoll!'
Kennen Sie den Urffländer Camembär? Haben Sie schon vom Blauen Kaufunger gehört? Pfaffenberger, Schwälmer Mettwurst, Nutschani-Schinken – alles kein Begriff? Dann darf's vielleicht eine Scheibe Holzofenbrot mit Wildschweinschinken oder Lachs-Forelle und ein Glas Apfelwein oder Streuobstsaft sein? Und wie wäre es mit einem Nachtisch - Pralinen, Baumkuchen oder ein Gläschen Holunderbeerenlikör?
Nein, im Schlaraffenland sind wir nicht, aber in Nordhessen. Regionale und handwerklich hergestellte Spezialitäten standen im Mittelpunkt des 5. Spezialitätenfestivals "Nordhessen geschmackvoll!", das am 11. Oktober 2009 in Melsungen stattfand. Über 10.000 Besucher tummelten sich trotz Nieselregen auf dem Marktplatz, genossen die Fülle der dargebotenen Qualitätsprodukte und kamen miteinander ins Gespräch. Der Besucheransturm zeigte, wie groß das Interesse an regionalen und traditionell hergestellten Lebensmitteln ist und steht eindrucksvoll für den Beginn einer sich wandelnden Esskultur.

- Slow Food Logo
Es gibt einen Gegentrend zur uniformen, globalisierten und genussfreien (Fast-Food-)Ernährung, der einen Namen und mittlerweile viele Anhänger hat: Slow Food. Der Verein mit dem unverkennbaren Schnecken-Logo hat sich genussvolles, bewusstes und regionales Essen gleichsam auf die Fahnen geschrieben und agiert international als Lobby für Geschmack, Esskultur, regional angepassten und artgerechten Landbau, sowie für den Erhalt von Biodiversität.
Qualitätskriterien für nordhessische Spezialitäten
Um ausschließlich Produkte hoher Qualität zu präsentieren, wird für das Spezialitätenfestival jedes einzelne Lebensmittel und Gericht anhand einer Liste seiner Inhaltsstoffe auf die Nordhessischen Qualitätskriterien untersucht. Produkte, die den Kriterien nicht entsprechen werden nicht zugelassen und dürfen damit nicht angeboten werden. Eine aufwändige Prozedur bei mehr als 500 Produkten, sie sich jedoch lohnt und einen hohen Standart setzt.
Nordhessisches Spezialitätenfestival - unsere Qualitätsversprechen
- handwerklich in hoher Qualität hergestellt,
- überwiegend aus Rohstoffen aus der Region hergestellt - sofern sie dort vorhanden
- ohne Geschmacksverstärker und Hefeextrakte
- ohne Aromazusätze
- ohne gentechnisch veränderte Rohstoffe und Zusatzstoffe,
- ohne synthetische Farbstoffe
- ohne Verdickungsmittel
- ohne Einsatz von Backmischungen und Enzymen
Quelle: Slow Food Nordhessen/ geschmackvoll! e.V.
Auch am Slow Food Stand wurde deutlich, dass die Veranstalter nicht nur handwerkliche Gaumenfreuden, sondern auch handfestes Wissen und kritisches Denken vermitteln wollen. Der Analogkäse, ein mittlerweile in der Öffentlichkeit bekanntes und diffamiertes Produkt der Lebensmittelindustrie, konnte auf dem Festival nicht nur beäugt, sondern auch probiert werden. Der Kunstkäse wird als geriebener Pizzabelag und Gastromix zum Überbacken und Schmelzen eingesetzt und wurde auf überbackenen Produkten wie Käsebrötchen gefunden. Von Käse kann dabei jedoch nicht die Rede sein: in den Analogkäsemixturen sind weder Milch noch Käse enthalten; Hauptbestandteile sind Pflanzenfett, Wasser, Eiweißpulver und Aromen. Während echter Käse aus Milch hergestellt und erst nach einem Reifeprozess, der viele Monate oder sogar ein Jahr dauern kann, verzehrfertig ist, kann die Kunstkäsevariante in wenigen Minuten zusammengemischt werden.
Nicht nur beim Thema Analogkäse wurde deutlich, dass die Verbraucher sich mit der Herkunft und Qualität von Lebensmitteln auseinandersetzen. Über den persönlichen Kontakt mit den Erzeugern wurde vielen klar, welchen Einfluss gezielten Kaufentscheidungen haben. "Wir haben tolle Produkte hier", lautete das Fazit. Somit zeigt das Festival was die Region zu bieten hat, neben schöner Landschaft, Fachwerk-Häusern und anderem eben auch leckeres Essen.
Demonstrationsbetriebe erfüllen die hohen Qualitätsanforderungen
Unter den 66 Ausstellern des diesjährigen Spezialitätenfestivals waren auch vier Demonstrationsbetriebe des Bundesprogrammes Ökologischer Landbau. Sie erfüllen die Qualitätskriterien des Spezialitätenfestivals ohne Probleme.
Der Kirchhof Oberellenbach, bekannt für ausgezeichnete Delikatessen, demeter-Rohmilchkäse aus Ziegen- und Kuhmilch. Ein herausragender Vertreter davon ist der "Pfaffenberger", ein Hartkäse nach Bergkäse-Art, der mindestens ein Jahr lang reift. Das Betriebsleiter-Ehepaar Renate Kremin-Hannig und Godehart Hannig ist Mitglied bei Slow Food Nordhessen und sie waren von Anfang an Mitorganisatoren von "Nordhessen geschmackvoll!". Hannig hatte - inspiriert von Events dieser Art - ursprünglich die Idee, einen Käsemarkt in Nordhessen zu etablieren. Daraufhin schlug Gerhard Müller-Lang, Pressesprecher von Slow Food Nordhessen ein Spezialitätenfetival mit den besten Produkten der Region vor - die Idee für "Nordhessen geschmackvoll!" war geboren.
Während die Organisatoren sich anfangs noch fragten, wie viele Spezialitäten es in Nordhessen überhaupt gibt, sollte das Festival bald alle Erwartungen sprengen: rund 15.000 Besucher drängten sich bei der Premiere von "Nordhessen geschmackvoll!" im Jahr 2005 um den Melsunger Marktplatz - stehen statt gehen war da angesagt. Bereits zur Mittagszeit waren viele der Stände ausverkauft. Mit einem solchen Ansturm hatten die Veranstalter nicht gerechnet. Der Erfolg von "Nordhessen geschmackvoll!" zog weite Kreise, auch in anderen Regionen: mit den strengen Qualitätsanforderungen an die Produkte der teilnehmenden Aussteller wurde "Nordhessen geschmackvoll!" Vorreiter für weitere Groß-Events wie die Slow-Food-Messe in Stuttgart und die Slow Fisch-Messe für nachhaltigen Fisch in Bremen.
Auch der Bioland Hof Eisenach war von Anfang an bei "Nordhessen geschmackvoll!" dabei. Auf dem Hof leben 9.000 Legehennen, aus deren Eiern und anderen Biowaren für das Festival hervorragende Waffeln hergestellt wurden.
Der Demonstrationsbetrieb Gut Fahrenbach aus Witzenhausen war in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. Die Aberdeen Angus-Rindfleisch-Fleischprodukte des Bioland-Betriebes fanden großen Anklang bei den Besuchern. Besonders begehrt war der "Fahren-Burger", eine gesunde Bio-Variante des Hamburgers.
Der Biohof Groß aus Homberg-Mühlhausen bot an seinem Stand verschiedene Gerichte mit frischen Zutaten aus eigener Erzeugung an.
Wer die vier Demonstrationsbetriebe besuchen oder ihre Produkte kennenlernen möchte, ist jederzeit dazu eingeladen.
Autorinnen: Juliane Löwen und Verena Uhlig
Letzte Aktualisierung: 04.12.2009






