Demo-Spezial
Mit Laubfröschen gegen Kormorane
Michael Bothstede ist „De Fischer ut Grambek“. Als „Pionier“ in der Bio-Fischzucht ist es ihm gelungen, ein Unternehmen aufzubauen, dessen Produkte mehr und mehr gefragt sind. Vor drei Jahren allerdings haben ihm Kormorane fast seine gesamte Wirtschaftsgrundlage buchstäblich vor der Nase weggefressen. Gerettet hat den Unternehmer ein Vertrag mit dem Naturschutzamt Schleswig-Holstein.
Aquakultur – die Haltung und Nachzucht von wasserlebenden Tierarten – ist im Kommen: Insgesamt stammt heute bereits jeder dritte Speisefisch in Deutschland aus Aquakultur, und in der Binnenfischerei kommt sogar nur noch ein Viertel des Angebots aus Wildfang. Immer mehr Verbraucher legen Wert auf eine tierfreundliche und ökologische Erzeugung von Fisch. Angesichts dieser Entwicklungen wird in den nächsten Jahren eine verstärkte Umstellung der Aquakulturen auf „Bio“ erwartet. Einige Bioanbauverbände (z.B. Naturland, Bioland und Gäa) haben hierfür bereits eigene Richtlinien entwickelt. Am 1.1.2009 traten außerdem die neuen EG-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau in Kraft, in denen nun auch Bestimmungen für ökologische Aquakulturen enthalten sind. Die Durchführungsbestimmungen hierzu folgen voraussichtlich im Herbst. In Deutschland wirtschaften derzeit rund dreißig Fischwirte nach den Richtlinien der Ökoanbauverbände und werden dabei von unabhängigen Kontrollstellen überwacht.
Vorreiter in Sachen Öko-Aquakultur
Seit über 25 Jahren betreibt Michael Bothstede Fischzucht. In Südholstein bewirtschaftet er im Naturpark Lauenburgische Seenplatte 44 Teiche mit insgesamt 32 Hektar Fläche. Karpfen – von den eigenen Laichkarpfen bis zu den verkaufsfähigen Vierjährigen – sind die wichtigsten Fische auf dem Betrieb. In den naturnah gestalteten Teichen schwimmen außerdem Hechte, Welse, Schleien, Rotaugen, Barsche und diverse Kleinfischarten. Neben dem Betriebsleiter sind in der Teichwirtschaft und im Hofladen zeitweise bis zu drei Mitarbeiter tätig.
2001 hat Bothstede den Betrieb auf ökologische Aquakultur umgestellt. Während es zu dieser Zeit bereits fast fünfzehntausend Biobauern in Deutschland gab, war der Fischer aus Grambek einer der ersten Teichwirte, der als Biobetrieb zertifiziert wurde.
Mehr Qualität durch langsames Wachstum
Drei bis vier Jahre brauchen die Karpfen in den Grambeker Teichen, bis sie schlachtreif sind. Dann wiegen sie 1,5 bis 3 kg und werden für 8 bis 10 Euro pro Kilo frisch im eigenen Hofladen verkauft. Nach den Bioland-Richtlinien müssen die Fische zu über der Hälfte mit dem, was der Teich an natürlichem Nahrungsaufkommen bietet, als Futter auskommen. Eine Intensivmast allein über von außen zugeführte Futtermittel ist in der Bioland-Aquakultur nicht erlaubt, ebenso wenig die Verfütterung von Sojaschrot, Fischmehl und -öl sowie von gentechnisch veränderten Komponenten. In geringem Umfang füttert Bothstede seinen Karpfen Getreide und Kräuter von einem benachbarten Biobetrieb zu. Die Getreide-Kräutermischung hat einen hohen Proteingehalt – hierdurch und durch die Bewegung bei der Futtersuche wird das Fleisch der Karpfen nicht fett, sondern fest und muskulös und schmeckt daher besser. Auch die natürliche Haltung mit niedrigen Besatzdichten und ohne chemisch-synthetische Düngung der Teiche trägt zur guten Fleischqualität bei.
Kormorane bedrohen den Betrieb
Die Umstellung auf „Bio“ ist dem Betrieb auf Anhieb geglückt. Dies ist nicht zuletzt auf die Lage in der Nähe der Ballungsräume Hamburg und Lübeck und die damit verbundenen guten Direktvermarktungsmöglichkeiten zurückzuführen. Allerdings hätte ein äußerer Umstand den Betrieb 2006 beinahe in den Ruin getrieben: Die Fischbestände wurden immer stärker durch Kormoranschwärme bedroht. Während diese Fischfresser lange Zeit bundesweit nahezu ausgerottet waren, treten sie seit den 1990er Jahren wieder massiv auf und haben mittlerweile beachtliche Bestandsgrößen erreicht. Die Schäden auf dem Betrieb waren enorm – bis zu 90 Prozent der jungen Karpfen fielen den Vögeln zum Opfer. Das bedeutete immense wirtschaftliche Verluste: „Jungfische im Wert von 40.000 Euro habe ich in einem Jahr an die Vögel verfüttert“, so Bothstede. Das Bejagen der Vögel im gesetzlich erlaubten Rahmen führte zu keiner spürbaren Entlastung. Ohnehin wollte der Grambeker Biofischer diesen Weg nicht gehen – viel sinnvoller wäre es, so seine Überzeugung, die Teichflächen mit Schutznetzen zu überspannen. Doch gab es dabei ein Problem: Alle Teichflächen liegen in einem FFH- und Naturschutzgebiet; und da das Überspannen der Teiche mit ökologischen Nachteilen verbunden ist, gab es hierfür keine Genehmigung.
Die Rettung: Artenschutz!
Doch kurze Zeit später zeichnete sich eine Lösung ab, mit der der Betriebsleiter nicht gerechnet hatte. Durch die landschaftsschonende Einbindung der Teiche, die welligen Uferverläufe und die Pflege des Uferbewuchses bieten die Teichflächen des Betriebes Lebensraum für zahlreiche Molche, Kröten, Frösche, Insekten und Vögel. Im Rahmen eines Naturschutzvertrags mit dem Land Schleswig-Holstein erklärte sich der Betriebsleiter bereit, bestimmte Amphibien-Biotope besonders zu pflegen. Da ihm diese Pflege aber dauerhaft nur möglich ist, wenn sein Betrieb wirtschaftlich arbeitet, war eine Eindämmung der Kormoranplage unabdingbar. Daher erhielt er eine Ausnahmegenehmigung zur Übernetzung von sieben Hektar Teichen für die Jungfische. Indirekt helfen ihm also Laubfrösche, Kröten und Unken, die Kormorane von den Fischen fernzuhalten – eine Win-win-Situation für Fischereiwirtschaft und Naturschutz.
Zuversichtlich in die Zukunft
Um die hohen Kosten der Übernetzungsmaßnahmen aufzufangen, hat Michael Bothstede hierfür vor einem Jahr einen Förderantrag beim Amt für ländliche Räume in Kiel gestellt, der noch in Bearbeitung ist. Parallel dazu hat er begonnen, seine Teiche auf eigene Kosten zu übernetzen, was für den Betrieb eine große finanzielle Belastung bedeutet. Ein Hektar ist bereits fertig, an weiteren arbeitet der Fischwirt zurzeit.
In den vergangenen Jahren war die Nachfrage nach Biofisch auf dem Betrieb deutlich größer als das Angebot: Infolge der massiven Jungfisch-Verluste durch die Kormorane konnte Bothstede lange nicht genug Karpfen anbieten. Im Herbst 2009 erwartet er jedoch eine deutlich bessere Karpfenernte, da sich die ersten Schutznetze bewähren. Damit kann der Teichwirt die Verbraucher und Gastronomen zufriedenstellen, die auch aus der weiteren Umgebung anreisen, weil sie die Qualität des Biokarpfenfleisches schätzen.
Demonstrationsbetrieb des Bundesprogramms Ökologischer Landbau
Seit 2001 ist die Teichwirtschaft „De Fischer ut Grambek“ einer von bundesweit 214 Demonstrationsbetrieben Ökologischer Landbau. Dieses Netzwerk wird vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL) gefördert. Ein Hauptanliegen der beteiligten Betriebe ist es, Interessierten durch Veranstaltungen wie Führungen, Feste, Vorträge oder Schulklassenaktionen Einblicke in die ökologischen Wirtschaftsweise zu gewähren. Auch Michael Bothstede zeigt Besuchergruppen gerne die Besonderheiten der Bio-Fischwirtschaft und wie sich durch innovative Maßnahmen Erwerbswirtschaft und Naturschutz miteinander vereinbaren lassen.
Porträt und Kontaktdaten des Demonstrationsbetriebs "De Fischer ut Grambek"
Weiterführende Informationen zur ökologischen Aquakultur
Dieser Artikel wird erscheint demnächst auch in
LandInForm, Ausgabe I/2008. Dieses Magazin stellt gelungene Projekte zur Entwicklung des ländlichen Raums vor und kann kostenlos abonniert werden.
Text: Alois Sporer, Wiebke Koppe
Bilder/Bildrechte: Michael Bothstede
Letzte Aktualisierung: 18.03.2009






