Demo-Spezial
Mitarbeiter, die den Arbeitsalltag bereichern!
Häufig fallen sie durch eine große Herzlichkeit, Kreativität und der Begabung mit einem bestimmten Talent auf – Menschen mit Behinderung. Bis in die 1960er Jahre wurden sie häufig von der Öffentlichkeit ferngehalten. Heute existieren in Deutschland zahlreiche Vereine und Einrichtungen, die sich um die Integration behinderter Menschen kümmern.
Viele Menschen mit Behinderung arbeiten gern mit Pflanzen und Tieren. Für sie ist die Beschäftigung auf einem landwirtschaftlichen Betrieb ideal. Wir stellen Ihnen in diesem Demo-Spezial beispielhaft einige Demonstrationsbetriebe vor, die Menschen mit Behinderung integriert haben. Wir geben Ihnen Hinweise, wo Sie sich zum Thema informieren können, wenn Sie als Hof oder potentieller Mitarbeiter Interesse daran haben.
Hofgut Rocklinghausen
Mit einem großen Hoffest rund um das alljährliche Kartoffelbraten am Lagerfeuer hat das Hofgut Rocklinghausen im hessischen Twistetal am 13. September sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Das Hofgut wird seit 1983 vom Lebenshilfe-Werk Kreis Waldeck-Frankenberg e. V. betrieben. Heute leben hier und im angeschlossenen Betreuten Wohnen 80 behinderte Bewohner, von denen 63 im Arbeitsbereich des Hofguts tätig sind. Sie bewirtschaften den Außenbereich des knapp 90 Hektar großen Bioland-Betriebes und betreuen die Milchkühe, Schweine und Legehennen. Auch die Küchenarbeiten für die Gemeinschaftsverpflegung, die Raum- und die Wäschepflege erledigen die Bewohner unter Anleitung selbst. Über 40 Mitarbeiter sind auf Rocklinghausen im Betreuungsbereich angestellt. Sie begleiten auch behinderte Mitarbeiter, die im angrenzenden Ort leben und im Schälbetrieb und der Metzgerei des Hofes arbeiten.
Das Hofgut Rocklinghausen ist zwar wie andere Höfe auch ein Wirtschaftsbetrieb. Das ist aber nur die eine Seite. Im Vergleich zu einem Durchschnittsbetrieb ähnlicher Größe ist die Mitarbeiterzahl hoch. Die Leistungsfähigkeit der Menschen, die auf Rocklinghausen beschäftigt sind, ist je nach Grad ihrer Behinderung mehr oder weniger stark eingeschränkt. Der Hof bietet seinen Beschäftigten den gesetzlichen Anspruch auf Rehabilitation. Das heißt, durch die Mitarbeit sollen die behinderten Menschen fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht werden. Das ist zwar nicht in allen Fällen möglich, aber ein Ziel wird immer erreicht: Sie erleben das befriedigende Gefühl, etwas geleistet zu haben. Ein Gefühl, das jedem Menschen gut tut.
Mit ihrer Arbeit erwirtschaften die behinderten Mitarbeiter auf Rocklinghausen ihren eigenen Lohn. Dieser bemisst sich nach Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und sozialen Komponenten individuell für jeden Einzelnen. Ausgezahlt werden pro Monat zwischen 100 und 300 €. Die Finanzierung des übrigen Personals auf dem Hofgut und der nötigen Instandhaltungsarbeiten richtet sich in Hessen nach dem „Hilfebedarf“. Das ist der Betrag, der für jeden Mitbürger mit Behinderung vom Staat gezahlt wird, um seine Rehabilitation zu finanzieren.
Die Arbeit in der Landwirtschaft bietet einen klaren Sinnzusammenhang und die Möglichkeit zu körperlichen Tätigkeiten. Vor allem bei der Arbeit mit Tieren wird der eigene Tagesablauf ganz regelmäßig strukturiert. Ein wichtiger Aspekt, der den Behinderten Stabilität bietet. Gerade ökologisch bewirtschaftete Betriebe bieten eine Vielzahl an möglichen Tätigkeitsfeldern für Menschen mit Behinderung. Es fallen weniger gefahrenbelastete Arbeiten an, da unter anderem auf das Ausbringen von chemisch-synthetische Pflanzenschutzmitteln verzichtet wird. Dagegen sind meist mehr Handarbeiten und wiederkehrende Tätigkeiten nötig, so z. B. das Kartoffelschälen im hofeigenen Verarbeitungsbetrieb.
Weitere Beispiele
Auch der Antonius-Hof in Fulda baut Kartoffeln an, die geschält z. B. an Großküchen abgegeben werden. Hier arbeiten 60 Menschen, die eine Behinderung haben. Der Hof gehört zum Antonius-Heim in Fulda, das außerdem noch mehrere Werkstätten unterhält.
Auf dem Bio-Hof Berner unweit von Göttingen helfen behinderte Menschen ebenfalls tatkräftig mit. Familie Berner ist eine Kooperation mit den Lammetaler Werkstätten eingegangen. Zweimal die Woche kommen nun einige Mitarbeiter aus der ca. 20 km weit entfernten Einrichtung auf den Hof und erledigen Handarbeiten wie Kartoffeln sortieren oder Stroh ausbringen. Beide Seiten sind zufrieden und haben ihren Horizont erweitert.
Bundesweit beschäftigen Werkstätten für behinderte Menschen im land- und gartenbaulichen Bereich rund 5.000 Mitarbeiter. Behinderte Mitarbeiter auf landwirtschaftlichen Betrieben des ersten Arbeitsmarktes sind jedoch noch eine Seltenheit. Deshalb hat das
Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frankfurt begonnen, entsprechende Beratungseinrichtungen zu vernetzen. Unter
www.gruene-werkstatt.de und bei der
Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen finden interessierte Betriebsleiterfamilien weiterführende Informationen zu folgenden Fragen: Wie finden wir einen geeigneten Mitarbeiter? Wie gehen wir mit seiner Behinderung um? Welche Unterstützungsleistungen gibt es und wie werden sie beantragt?
Wenn Sie eine Einschätzung aus der Praxis interessiert, können Sie sich an folgende Demonstrationsbetriebe wenden:
- Ökohof Kuhhorst
- Lebenshilfe-Werk Kreis Waldeck-Frankenhausen e.V.
- Antonius-Hof Fulda
- Bio-Hof Berner
- SOS Dorfgemeinschaft Grimmen
- Gut Sambach
- Hofgemeinschaft Löstrup
- Kirchhof
- Gut Ostler
- Magnus-Werkstätten Holzhausen
- Dorfgemeinschaft Tennental, Martinshof
- Biohof „Beim Schuster” (hier nur Therapie mit Tieren)
- Haus Sonne – Neukahlenberger Hof
Haben Sie selbst oder einer Ihrer Angehörigen eine Behinderung und Sie suchen eine Wohn- und/oder Arbeitsmöglichkeit im Bereich Landwirtschaft? Dann sprechen Sie doch ruhig einmal Betriebe in Ihrer Umgebung an, die Ihnen geeignet erscheinen. Für die Betriebsleiterfamilie kann das ein Anstoß sein, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.
Autoren: Susanne Plaumann und Alois Sporer
Letzte Aktualisierung: 24.09.2008






