Einen ersten Überblick zur Problematik neuer Schadinsekten gab Dr. Inga Jakobs vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Sie verwies auf die im Ökolandbau eingeschränkten Bekämpfungsmöglichkeiten durch synthetische Insektizide. "Umso mehr kommt es deshalb auf vorbeugende Maßnahmen, ein gutes Monitoring und die Sortenwahl an", sagte Jakobs.
Für die Schilf-Glasflügelzikade habe das JKI bereits 2025 ein flächendeckendes Monitoring in Gemüse, Kartoffeln und Zuckerrüben etabliert. Neben einer engen Abstimmung von Praxis, Politik und Forschung sei auch ein intensiver Austausch auf EU-Ebene elementar, um eine weitere Ausbreitung zu vermeiden.
Dr. Julia Wießner vom Verband süddeutscher Zuckerrübenbauer (VSZ) stellte in ihrem Vortrag das große Schadpotenzial der Schilf-Glasflügelzikade heraus. Die Zikadenart überträgt durch ihre Saugtätigkeit zwei verschiedene pflanzliche Schadbakterienarten (Phytoplasmen), die bei Massenvermehrung zu hohen Einbußen beim Zuckerertrag in Rüben führen können bis hin zu Totalausfällen. "Das Jahr 2023 war für die südhessischen Betriebe wie ein Tsunami", sagte Wießner.
Auch bei Kartoffeln und Gemüse habe es große Ausfälle in der Region gegeben. Das Monitoring zeige, dass sich die Schilf-Glasflügelzikade von Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen und den sächsischen Elbtalauen weiter Richtung Norden ausbreitet und auch schon im südlichen Rheinland gesichtet wurde. Auch wenn im Jahr 2025 witterungsbedingt rückläufige Befallszahlen beobachtet wurden, gibt die Expertin keine Entwarnung.
"Die Insekten sind sehr anpassungsfähig und wir wissen nicht, was 2026 auf uns zukommt. Unser Ziel muss es sein, eine Massenvermehrung zu unterbinden." Dr. Julia Wießner
Bioland-Berater Christian Landzettel aus Bayern bestätigte auch für den Bio-Kartoffelanbau eine Ausbreitung von Stolbur durch Bakterienübertragung über die Schilf-Glasflügelzikade. Ein Problem sei, dass die Bestände zum Teil bis in den Juli hinein gut aussehen und dann innerhalb von vier Wochen zusammenbrechen. Neben verdrehten und schnell absterbenden Blättern erkenne man Stolbur an der Ausbildung vieler kleiner Luftknollen in den unteren Blattachseln und an bräunlich gefärbten Gefäßbündeln bei den Erntekartoffeln.
Um eine stärkere Ausbreitung des Schädlings zu vermeiden, empfahl Landzettel als wichtigste Maßnahme eine Schwarzbrache über Winter nach einer späten Sommerung, auch wenn das für den Boden nicht optimal sei. Zudem könne eine möglichst frühe Pflanzung mit vorgekeimten Kartoffeln helfen, bei stärkerem Befall einen Teil der Ernte zu retten.
"Sehr gute Wirkung hat das Bewässern oder Einnetzen. Allerdings sind Netze sehr teuer und deshalb nur für frühe Ware sinnvoll", sagte Landzettel.
Welche Folgen die Ausbreitung des Insekts auch für die Lebensmittelverarbeitung hat, berichtete Alexander Henschel von der Gesa Gemüsesaft GmbH in Hessen. "Für uns ist Rote Bete ein wichtiger Rohstoff. Im Jahr 2024 konnten die Betriebe wegen der massiven Ertragsausfälle in der Region nur 50 Prozent der vertraglich fixierten Mengen anliefern", berichtete Henschel. 2025 sei es zwar mit etwa 70 Prozent der benötigten Mengen besser gewesen, aber immer noch sehr herausfordernd. Einige Betriebe hätten den Anbau bereits aufgegeben, was für den Verarbeiter natürlich "fatal" sei.
Mögliche zukünftige Ansätze zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade stellte Prof. Jürgen Gross vom JKI vor. So sei etwa im Projekt SIKAZIKA in Hessen festgestellt worden, dass die Zikadenart Wildkartoffeln gegenüber Kultursorten deutlich bevorzugt. Durch das enthaltene Solanin starben in Versuchen 90 Prozent der Tiere nach vier Tagen.
"Denkbar wäre also die Nutzung von Wildkartoffeln als Fangpflanze in Beständen oder als Zwischenfrucht", sagte Gross.
Zudem bevorzugten die Zikaden zur Eiablage eindeutig Ton- und Lehmböden gegenüber Sandböden. Besonders beliebt seien Strohmulchauflagen für die Ablage der Eier. Auch daraus ließen sich laut Gross Ansätze zur Bekämpfung ableiten. Unter Laborbedingungen zeigte der Pilz Pandora cacophyllae eine sehr gute Wirkung und tötete alle Tiere innerhalb von sieben Tagen ab. Hier sieht der Forscher großes Potenzial für den Einsatz im biologischen Pflanzenschutz.