Bildung und Beratung


Qualität der Ökoberatung in Deutschland

Vortrag
Abschlusskonferenz zum Projekt "Beratung ökologisch wirtschaftender Erzeuger in Deutschland (BöwED)", 3. Juni 2014
Foto: Katharina Sroka, HNEE Eberswalde

In einem Projekt der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) wurden deutschlandweit rund 600 ökologisch wirtschaftende Betriebsleiterinnen und -leiter zur Situation ihrer betrieblichen Beratung befragt. Aus dem Projekt sind umfassende Daten für die Beratungssituation von Ökolandwirtinnen und -landwirten in Deutschland hervorgegangen. Die Autorinnen und Autoren geben daraus resultierend Empfehlungen für die weitere Ausrichtung der Beratungsangebote sowohl für die Anbieter von Beratung als auch für die Verantwortlichen in Politik und Agrarverwaltung. Im Rahmen der Studie wurde unter anderem untersucht, wie häufig Beratung von Ökoerzeugern in Anspruch genommen wurde und wie zufrieden die Betriebsleitung mit der in Anspruch genommenen Beratung waren. Oekolandbau.de sprach mit Prof. Dr. Horst Luley von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) über Ergebnisse des Projektes.

Oekolandbau.de: Herr Prof. Dr. Luley, Sie kennen die Beratungslandschaft in Deutschland bereits seit langen Jahren. Wenn Sie die Beratung von Ökoerzeugerinnen und -erzeugern in Deutschland von heute mit der von vor 30 Jahren vergleichen, was hat sich verändert?

Luley: Der Erfahrungsaustausch unter den Praktikern war in den 1980er Jahren sehr wichtig, auch weil es damals zu wenige hauptamtliche Beratungskräfte gab. Die kollegiale Beratung stellt allerdings auch heute noch eine Form der Entscheidungshilfe dar, die von den Ökoerzeugerinnen und -erzeugern ohne großen Aufwand genutzt werden kann. Weil inzwischen aber noch stärker spezielle Problemlösungen benötigt werden, hat die Bedeutung der Beratung durch hauptamtliche Kräfte zugenommen. Mit der Etablierung des Ökolandbaus hat sich in den letzten 30 Jahren sowohl die Zahl der Ökoberater als auch die Zahl der Beratungsanbieter erhöht, so dass man von einer Ausweitung des Beratungsangebots sprechen kann. Im Gegensatz zu früher finden wir heute mehr Organisationen, die sich ausschließlich auf Beratung konzentrieren können und die, wie zum Beispiel die Beratung GmbHs von Bioland und Naturland, bundesweit agieren. Die wichtigste Veränderung auf der Nachfrageseite sehe ich darin, dass heute nur noch etwa die Hälfte der Ökoerzeuger einem Anbauverband angehört.

Oekolandbau.de: Wie wird Beratung eigentlich genau definiert? Wie lässt sich der Begriff eingrenzen, wo fängt Beratung an und wie weit kann sie überhaupt gehen?

Luley: Das funktionale, wissenschaftlich begründete Verständnis von Beratung als Hilfe zum Problemlösen unterscheidet sich deutlich von dem, was in der Alltagssprache mit Beratung gemeint ist. Wir sehen in der Beratung eine kommunikative Dienstleistung, die über die bloße Weitergabe von Informationen hinausgeht. Kennzeichnend für eine gute Beratung ist das Gespräch zwischen Ratsuchendem und Berater, in dem beide gemeinsam Lösungen erarbeiten. Dabei ist eine aktive Mitwirkung der Ökoerzeugerinnen und -erzeuger unerlässlich und führt zu besseren Ergebnissen, weil die gefundenen Lösungen für den Ratsuchenden und seinen Betrieb passgenau sind. Auch im Ökolandbau gilt es die Kultur der Beratung als freiwillige und sehr individuelle Form der Entscheidungshilfe weiter zu pflegen und Bestrebungen entgegenzutreten, die Beratung für andere Zwecke instrumentalisieren wollen. Beratung lässt sich nicht verordnen. Zukünftig werden das besondere Wissen und der Erfahrungsschatz, die sich Praktiker und Berater über die Jahre im Ökolandbau aufgebaut haben, immer wichtiger werden. Dieser gemeinsame Wissenspool stellt eine Stärke des Ökolandbaus dar, wenn er weiter gepflegt und genutzt wird.

Oekolandbau.de: Unterscheidet sich die Beratung im ökologischen Landbau von der Beratung im konventionellen Bereich?

Luley: Die ökologisch wirtschaftenden Erzeugerinnen und Erzeuger haben – abgesehen von betriebswirtschaftlichen Aspekten - andere Fragen an die Beratung als ihre konventionellen Berufskolleginnen und -kollegen, so dass sich die in der Beratung behandelten Themen deutlich unterscheiden: vor allem bei der Optimierung der Produktionstechnik. Beim methodischen Vorgehen in der Beratung sehe ich kaum Unterschiede. Aber wir sollten die organisatorisch-praktischen Voraussetzungen für die Bereitstellung von Beratungsleistungen nicht außer Acht lassen. Denn aufgrund der geringeren Zahl von Ökoerzeugern, der Vielzahl unterschiedlicher Richtlinien und der großen Entfernungen zwischen den Ökobetrieben verwundert es nicht, dass die Kosten für die Bereitstellung dieser individuellen Dienstleistung relativ hoch sind. Ökoerzeuger wenden in vielen Fällen höhere Beträge für die Beratung auf als die konventionell arbeitenden Betriebsleiter.

Oekolandbau.de: Im Rahmen Ihres 2014 abgeschlossenen Forschungsprojektes haben Sie die Beratungssituation im Ökolandbau in Deutschland unter die Lupe genommen. Was war das Ziel Ihrer Untersuchung?

Luley: Für das gesamte Bundesgebiet lag bisher keine Untersuchung vor, welche die Qualität der im Ökolandbau geleisteten Beratung aus Sicht der Nutzer, also aus der Perspektive der Ökoerzeuger bewertet. Dies zu leisten, war unser Auftrag. Wir haben dabei aber die Praktiker nicht gefragt, wie sie über Beratung denken oder was sie zum Angebot meinen. Vielmehr wurde in der bundesweiten Befragung ermittelt, ob, in welchem Umfang und bei wem sie in den letzten drei Jahren überhaupt Beratung in Anspruch genommen haben. Diejenigen Betriebsleiter, die tatsächlich Beratung in Anspruch genommen hatten, wurden anschließend gebeten, die Qualität der Beratung insgesamt und die Qualität ihres wichtigsten Beratungsanbieters zu beurteilen.

Oekolandbau.de: Welche unterschiedlichen Beratungsanbieter gibt es für Ökoerzeuger in Deutschland?

Luley: Das sieht in jedem Bundesland anders aus. Generell unterscheiden wir die Anbieter von Beratungsleistungen nach Typen von Organisationen. Wir kennen folgende sechs verschiedene Typen von Beratungsanbietern im Ökolandbau:

  • Offizialberatung bzw. staatliche Beratung,
  • halbstaatliche Beratung durch Landwirtschaftskammern,
  • Tochterunternehmen von Anbauverbänden,
  • Anbauverbände,
  • Beratungsringe und
  • private Beratungsunternehmen.

Welche dieser Anbieter in dem jeweiligen Bundesland vorhanden ist, können Sie der Tabelle entnehmen.

Beratungsangebote der Bundesländer (ohne Stadtstaaten) im Ökolandbau im Jahr 2013
Beratungsangebotstyp und RegionBundesländerVorhandene Beratungsanbieter-Organisationstypen

Keine Offizialberatung

Ostdeutsche Länder

Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, ThüringenAnbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen

Landwirtschaftskammern und Beratungsringe

Nordwestdeutsche Länder

Schleswig-Holstein, Nordrhein-WestfalenLandwirtschaftskammern, Beratungsringe, Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen
Niedersachsen    Offizialberatung durch Kompetenzzentrum Ökolandbau (KÖN) und Landwirtschaftskammern, Beratungsringe, Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen

Offizialberatung

Mitte und süddeutsche Länder





Hessen (gebündelt) Landesbetrieb Landwirtschaft (LLH) und Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen
Rheinland-Pfalz (gebündelt)Kompetenzzentrum ökol. Landbau –Dienstleistungszentrum Rheinland-Pfalz (KÖL-DLR) und Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen
SaarlandOffizialberatung, Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen
Baden-Württemberg (Landesanstalten, Landwirtschaftsämter)Offizialberatung und Beratungsringe, Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden, private Beratungsunternehmen
Bayern (vier regionale Fachzentren)Offizialberatung und Anbauverbände, Tochterunternehmen von Anbauverbänden in Erzeugerringen, private Beratungsunternehmen
Quelle: Luley/Kröger/Rieken (2014) Schlussbericht "Beratung ökologisch wirtschaftender Erzeuger in Deutschland – Ihre Qualität aus Sicht der Nutzer und ihr Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe“ Seite 36. Aufbauend auf Filler et al. (2012), Stand und Perspektiven der Ökolandbauberatung in Deutschland am Beispiel von Sachsen. In: Berichte über Landwirtschaft, Heft 2, Band 90, Stuttgart, Kohlhammer Verlag, S. 258-283

Man muss dazu sagen, dass sich dieses Bild noch in diesem Jahr ändern kann, wenn die Bundesländer ihre Beratungsangebote und die Förderung von Beratung im Rahmen der neuen EU-Förderperiode umgestalten. Sie haben dann die Möglichkeit, Beratung aus dem Europäischen Entwicklungsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) zu unterstützen.

Oekolandbau.de: Wie oft wird Beratung von den Betrieben in Anspruch genommen und welche Themengebiete werden dabei am häufigsten nachgefragt?

Luley: Insgesamt hatten 71 Prozent der von uns befragten knapp 600 Ökoerzeuger in den Jahren 2011 bis 2013, also innerhalb von drei Jahren, Beratungsleistungen in Anspruch genommen. Bei den Betriebsleitern in den östlichen Bundesländern und bei Nebenerwerbslandwirten war die Inanspruchnahme etwas geringer. Die Ökoerzeuger hatten im Durchschnitt etwa vier Stunden Beratung durch hauptamtliche Kräfte pro Jahr genutzt. Wahrscheinlich liegt der in Stunden genutzte Beratungsumfang doch etwas höher, denn bei der Abrechnung von Beratungsleistungen in Bayern wurden pro Erzeuger für das Jahr 2011 insgesamt sechs Beratungsstunden angegeben. Was für uns neu war: Viele Ökoerzeuger nutzen mehr als einen Anbieter für ihre Beratungsanliegen. Während von den insgesamt 378 Betriebsleitern, die diese Fragen beantwortet haben, knapp 58 Prozent im Zeitraum lediglich einen Anbieter nutzten, benannten 27 Prozent zwei wichtigste Anbieter und 15 Prozent drei wichtigste Anbieter.

Zu den Themen möchte ich keine verallgemeinerbaren Aussagen machen, denn die erfassten Betriebe sind diesbezüglich nicht repräsentativ für alle Ökoerzeuger in Deutschland. Hervorzuheben ist aber, dass neben den produktionstechnischen Fragen in der pflanzlichen und tierischen Erzeugung die "weitere betriebliche Entwicklung", die "Optimierung der Wirtschaftlichkeit" und auch der "Um- und Neubau von Wirtschaftsgebäuden" eine Rolle spielen.

Oekolandbau.de: Welche Anforderung stellen Ökoerzeuger an die Beratenden? Was ist den Befragten besonders wichtig?

Luley: Die befragten Ökobetriebe haben insgesamt 15 Qualitätsmerkmale einer guten Beratung, die wir ihnen vorgelegt hatten, aus ihrer Sicht nach Wichtigkeit geordnet. Die fünf wichtigsten Merkmale, die praktisch in jedem Beratungsvorgang von Bedeutung sind, waren:

  1. Gute fachliche Qualifikation der Berater
  2. Vertrauensvolles Verhältnis zwischen Berater und Ökoerzeuger
  3. Gute Erreichbarkeit der Berater
  4. Kritisches Äußern des Beraters zum Vorgehen des Ökoerzeugers
  5. Objektivität und Unabhängigkeit der Beratung

Das an vierter Stelle genannte Qualitätsmerkmal haben Praktiker aus dem von uns gebildeten "Landwirte-Beirat" selbst vorgeschlagen. Und - wie man sieht - hat das eine Bedeutung. Es ist damit gemeint, dass die Praktiker es durchaus schätzen, wenn Berater das gesamte Vorgehen des Ökoerzeugers einmal kritisch hinterfragen und sich nicht nur auf die Beantwortung von Detailfragen konzentrieren.
Die übrigen elf Qualitätsmerkmale wollen wir nicht alle aufzählen, denn sie passen nicht in jedem Falle. Betont werden soll aber, dass das Qualitätsmerkmal "Beratung sollte möglichst günstig sein" an vorletzter Stelle genannt wurde.

Oekolandbau.de: Sind die befragten Betriebsleitenden mit der Qualität der in Anspruch genommenen Beratung im ökologischen Landbau zufrieden?

Luley: Ja. Wir können feststellen, dass die befragten Ökobetriebe, die auch tatsächlich Beratung in Anspruch genommen hatten, mit deren Qualität zufrieden waren. Besser ausgedrückt: Sie haben ausgesagt, dass die von ihnen genannten Anforderungen an eine gute Beratung erfüllt waren. Wir haben keine Mängel oder thematischen Lücken in der Beratung im Ökolandbau feststellen können. Auch bei den Wünschen an den wichtigsten Beratungsanbieter haben die Befragten wenig Kritisches geäußert. Dagegen kam als häufigste Bemerkung "Weiter so!".

Es wäre allerdings jetzt unangebracht, sich zurückzulehnen und auf diesen Befunden auszuruhen. Denn erstens muss ja die Qualität von Beratung in jedem neuen Beratungskontakt wieder erreicht werden, es handelt sich also um eine Daueraufgabe, dieses Niveau zu halten. Und zweitens haben wir den Eindruck, dass die relativ hohe Zufriedenheit mit der Beratung auch deshalb zustande kommt, weil die Beratungsanbieter bzw. die Spezialgebiete von Beratungskräften inzwischen gut bekannt sind, so dass diese auch über weite Entfernungen sowie als zweiter oder dritter Berater herangeholt werden. Dadurch werden durchaus bestehende Angebotslücken wieder ausgeglichen.

Oekolandbau.de: Eine abschließende Frage, Herr Prof. Luley: Welche Empfehlungen können Sie den Ökobetrieben im Hinblick auf eine erfolgreiche Beratung für ihren Betrieb geben?

Luley: Für einen guten Teil der Ökobetriebe in Deutschland stehen in den nächsten Jahren Entscheidungen zum Generationenübergang im eigenen Betrieb bzw. über Möglichkeiten zu dessen Weiterführung an. Erfahrungen zeigen, dass für einen gelingenden Übergang ein längerer Prozess notwendig ist, der die Beteiligten sowohl betriebswirtschaftlich, rechtlich, vor allem aber auch im sozialen Umgang miteinander herausfordert. Sie sollten zur methodischen Gestaltung dieser Prozesse wie auch für die dabei auftretenden fachlichen Fragen die Unterstützung durch Beratung frühzeitig nutzen.

Weitere wichtige Themenbereiche für viele ökologisch wirtschaftende Erzeuger sind zum Beispiel die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit sowie Neu- und Umbaumaßnahmen von Wirtschaftsgebäuden. Für diese grundsätzlicheren Fragen der Betriebsentwicklung ist gute Beratung in der Regel wichtig und hilfreich.
Die Betriebe sollten sich in ihrem Umfeld und in eigenen Erzeuger-Organisationen dafür einsetzen, dass Beratung als qualitativ hochwertige Dienstleistung die erforderliche Anerkennung erfährt. Sie stellt einen wichtigen Teil der Kultur und des Wissenssystems im Ökolandbau dar. Im Wissenspool, den der Ökolandbau über Jahre hinweg aufgebaut hat, nehmen Berater eine wichtige Rolle ein, die durch gute Ausbildung, funktionsadäquate Stellenbeschreibungen, bedarfsgerechte Bezahlung und Anerkennung erhalten werden kann.


Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH)
Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz
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E-Mail: Horst.Luley@hnee.de
Internet: www.hnee.de und www.hnee.de/boewed

Buchveröffentlichung: Horst Luley, Melanie Kröger, Henrike Rieken unter Mitarbeit von Jochen Currle und Simone Helmle (Hrsg.): Beratung ökologisch wirtschaftender Erzeuger in Deutschland. Kommunikation und Beratung Band 117 (2015). Margraf Publishers und Morramusik Verlags GmbH, 25,60 Euro, ISBN 978-3-8236-1699-3

Letzte Aktualisierung: 29.04.2015