Ach, du fleißiges Bienchen

Ach, du fleißiges Bienchen

Eine Reise in die Welt der Bienen mit dem Bioimker Silvio Krentz

An der Hauptstraße in Serwest, mitten in Brandenburg, weist bis auf ein Schild am Hoftor wenig auf eine Bioimkerei hin. Aber als ich nach einer Klingel suche, sehe ich neben dem Eingangstor einen Holzkasten aus dem ein dumpfes Brummen dringt. Vorsichtig öffne ich die Türchen, hinter denen sich ein Bienenschaukasten verbirgt. Das Sonnenlicht fällt über meine Schultern und beleuchtet hinter den Glasscheiben eine gefühlte Million Bienen. Fasziniert beobachte ich einige Sekunden lang das emsige Gewimmel im Bienenkasten, dann öffnet sich das Hoftor und Silvio Krentz, der Inhaber der Bioimkerei, die bei den Flächen des Ökodorfs Brodowin beheimatet ist, begrüßt mich herzlich. Wir setzen uns auf die schattige Veranda und bereits nach der ersten Frage entführt mich Silvio Krentz in die beeindruckende Welt der Bienen.

Alles Biene? Eben nicht!

Sprechen wir von Bienen, meinen wir in aller Regel Honigbienen, genauer gesagt die Westliche Honigbiene (Apis mellifera). Zur Gruppe der Bienen gehören jedoch auch viele Arten von Wildbienen, die sich in ihrer Lebensweise wesentlich von der der Honigbiene unterscheiden. Dass es überhaupt "wilde Bienen" gibt wurde erst in den vergangen Jahren in unser Gedächtnis zurückgerufen. Weshalb? Weil von den rund 550 in Deutschland lebenden Wildbienenarten etwa die Hälfte vom Aussterben bedroht ist. Zwölf Prozent sind bereits fast oder ganz ausgestorben. Umso wichtiger, dass wir die anderen unterstützen und schützen.

Die Wildbienen

Die meisten Wildbienen leben - anders als Honigbienen - nicht gemeinsam in einem Volk, sondern solitär, also als Einzelgänger. Sie nisten in Brutröhren, die sie je nach Art gerne in Sand- oder Lehmböden graben, in Holz oder markhaltige Stängel bohren oder im Verputz von Hauswänden anlegen. Totholz, Trockenhalme, Reisig- oder Lesesteinhaufen bieten wichtige Nistmöglichkeiten für Wildbienen, die weder stören noch Arbeit machen. Dennoch werden sie aufgrund übermäßiger Ordnungsliebe oft weggeräumt, so nehmen die Nist- und Überwinterungsmöglichkeiten für Wildbienen stetig ab.

Mit der Nahrung für Wildbienen sieht es ähnlich dramatisch aus. Im Vergleich zu Honigbienen kann man Wildbienen nicht einfach zufüttern. Sie sind weitaus stärker auf Pollen und Nektar von Pflanzen angewiesen. Erschwerend kommt hinzu, dass manche Wildbienen in Symbiose mit bestimmten Pflanzenarten leben. Das heißt, dass sie ihre Nahrung nur von einer bestimmten Pflanzenart beziehen können. Ein Beispiel ist die Glockenblumen-Scherenbiene, die ausschließlich Pollen von Glockenblumen sammelt. Ohne diese Blume würde sie aussterben. Die Rostrote Mauerbiene hat ein anderes Problem: sie sammelt zwar Pollen von verschiedenen Pflanzenarten, schlüpft aber erst Mitte Juni bis Anfang Juli – in einer Zeit, in der die meisten landwirtschaftlichen Kulturen nicht mehr blühen und deshalb insgesamt nicht mehr viel Pollen verfügbar ist. Was viele nicht wissen, auch die Hummel gehört zu den Wildbienen…

Jede Blüte hilft!

Dieser Meinung ist auch Silvio Krentz, weswegen er auf seinem Grundstück eine Blühfläche mit den unterschiedlichsten Pflanzenarten angelegt hat. "Dieses Jahr mache ich das zum ersten Mal", erzählt der Imker, "und wenn es sich bewährt, wonach es derzeit aussieht, werde ich das fortsetzen."
"Jede Blüte hilft!" ist eine Gemeinschaftsaktion der Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau mit der sie auf die verschlechterten Lebensbedingungen der Wildbienen aufmerksam machen möchten.  Die teilnehmenden Biobauern legen nicht nur selbst Blühflächen an, sie informieren Verbraucher auch im Rahmen von Veranstaltungen zum Thema Bienen, bauen mit  Interessierten Bienenhotels und vieles mehr.

Die Intensivierung der Landwirtschaft

Ein großes Problem für alle Bienen ist die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und der damit einhergehende  Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Vor allem der Einsatz von Herbiziden und Insektiziden kann Bienen empfindlich treffen. Herbizide lassen unerwünschte Beikräuter - gerne auch Unkräuter genannt - auf dem Acker absterben. Aber genau diese Beikräuter sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für alle Bienen. Insektizide bekämpfen, wie der Begriff schon sagt, Insekten, die den Kulturpflanzen schaden. Leider trifft der Insektizideinsatz auch die Bienen.

Ökologischer Landbau und Bienen

Im Ökologischen Landbau wird grundsätzlich bienenfreundlich gearbeitet. Durch den Verzicht von chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel ist der Bestand an Beikräutern auf einem ökologisch bewirtschafteten Acker deutlich höher. So trägt der Ökologische Landbau nicht zuletzt auch zum Erhalt der ökologischen Vielfalt bei. Und von dieser Vielfalt leben die Bienen. Deshalb stellt Silvio Krentz seine Völker auch bevorzugt an die Feldränder ökologisch bewirtschafteter Flächen, wie denen des Ökodorfs Brodowin, einem Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau. "Meine Bienen nehmen diese Flächen sehr gerne an, da sie hier reichlich Blüten finden", freut sich Krentz. Viele Biobauern legen zusätzlich so genannte Blühflächen oder Nützlingsstreifen an. Das sind Flächen am Rand oder innerhalb eines Ackers, auf denen Blütenpflanzen ausgesät werden, die nach der Ernte der Feldfrüchte weiter als Nahrungsquelle dienen.

Was tun Bienen für uns?

Ob nun Wild- oder Honigbiene - als blütenbestäubendes Insekt hat die Biene eine wichtige Funktion in unserem Ökosystem. Damit Pflanzen überhaupt Samen bilden und sich vermehren, müssen sie mit Pollen bestäubt, also befruchtet werden. Die meisten Pflanzen sind auf die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten angewiesen. Nur dann bilden sie die Früchte, Samen und Körner aus, von denen wir uns ernähren.
Die Honigbienen stellen zusätzlich den sehr beliebten Honig her. Davon verzehrt jeder und jede Deutsche im Durchschnitt 1,4 Kilogramm pro Jahr. Neben Honig liefern die Honigbienen auch andere Rohstoffe für die Herstellung von Lebens-, Genuss- und Heilmitteln. Die Bandbreite ihrer nutzbaren Produkte reicht von Pollen über Gelée Royale und Propolis bis zum Wachs.

Honigbienen-Glossar
ArbeiterinWeibliche Biene
DrohneMännliche Biene
Gelée RoyaleFuttersaft, ausschließlich für die Königin   
KöniginEierlegendes Bienen-Weibchen
PropolisHarzige Masse mit antiseptischer Wirkung (Bienenapotheke)
StockKünstliche Nisthöhle, Behausung
VolkLebensgemeinschaft, Zusammenschluss von Bienen
Die Honigbienen von Silvio Krentz

"Meine Honigbienen gehören zur Art der Westlichen Honigbiene", erklärt Silvio Krentz. Honigbienen leben gemeinsam als Volk in einem Stock, in dem eine strenge Sozialstruktur herrscht. "Eine einzelne Honigbiene gibt es nicht", erzählt der Imker begeistert, "ohne Drohnen keine Begattung der Königin, ohne Königin keine Larven, ohne Larven keine Arbeiterinnen und ohne Arbeiterinnen kein Honig, von dem sie sich alle nähren. Man kann immer nur das Volk als Ganzes sehen."
Eine Königin fliegt im Frühjahr aus und lässt sich von etwa zehn bis fünfzehn Drohnen begatten. Danach kehrt sie zurück und legt Eier – etwa 2.000 Stück am Tag, drei bis vier Jahre lang. Eine "normal" Honigbiene lebt etwa sechs Wochen. "Davon ist sie etwa drei Wochen im Innen- und drei Wochen im Außendienst", erzählt der Imker. Im Innendienst baut sie Waben, füttert die Königin und versorgt die Brut. Im Außendienst sammelt sie Pollen und Nektar. "Man kann also gut verstehen, warum die weiblichen Bienen auch als Arbeiterinnen bezeichnet werden", grinst Silvio Krentz.

Der Bioimker hat etwa einhundert Bienenvölker, das sind rund sechs Millionen Bienen. Und diese summen, sammeln und bestäuben auf rund 2.000 Hektar, das entspricht 2.800 Fußballfeldern. Die Imkerei liegt in idyllischer Landschaft im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, die Hälfte der Flächen, die die Bienen anfliegen, gehört dem Ökodorf Brodowin, das dem Netzwerk Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau angehört und nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes wirtschaftet.
Silvio Krentz betreibt seine Imkerei nach den Richtlinien der EG-Öko-Verordnung. Ökoimkern hat nicht nur für die Bienen, sondern auch für die Verbraucher einen Vorteil. Der Einsatz von synthetischen Medikamenten ist nämlich verboten. Also gibt es davon auch keine Rückstände im Honig. Aber kann die Biene nicht auch konventionelle Felder anfliegen? "Natürlich kann ich den Bienen nicht sagen wo sie hinfliegen sollen", sagt Silvio Krentz, "meine Völker stehen aber überwiegend an biologisch bewirtschafteten Flächen."

Und mit konventionellen Bauern ist der Imker in stetigem Kontakt: "Zum Beispiel haben wir abgesprochen, dass mir die Bauern rechtzeitig Bescheid geben, wenn die Blütenbehandlung des Raps erfolgt. Dann kann ich meine Völker noch rechtzeitig wegholen."

Das Jahr ist für Honigbienen ohnehin früh vorbei. Mitte Juli schleudert Silvio Krentz den letzten Honig. Was danach noch an Honig produziert wird, bleibt im Stock als Winternahrung. "Das reicht aber nicht aus", erzählt Silvio Krentz,"ich muss zufüttern. Entweder Honig oder Zuckerwasser – natürlich bio."

Zwei Gläser Honig

Nach so vielen Infos sieht mir der Bioimker an, dass ich nun umso neugieriger auf seine Bienen geworden bin. Wir gehen auf den hinteren Teil des Grundstückes, wo zahlreiche Holzkisten stehen – die Bienenstöcke. Während wir uns nähern, wird das Summen immer lauter. Silvio Krentz öffnet einen Stock und ich bekomme im wahrsten Sinne des Wortes Einblick in die Welt der Bienen. Auf den Wachswaben, die die Bienen in vorgegebene Holzrähmchen gebaut haben, krabbeln dicht an dicht die emsigen Bienen mit ihrem bräunlich-gelblichen Pelz und versehen gewissenhaft ihren Innendienst, während unter den Außendienstmitarbeiterinnen geschäftiges Kommen und Gehen herrscht. Unsere Anwesenheit verursacht nur wenig Aufregung im wohlorganisierten Arbeitsablauf des Volkes. 

Auch die Schleuderei darf ich mir noch ansehen. Von den rund 3,5 Tonnen Honig, die Silvio Krentz pro Jahr schleudert, kaufe ich zwei Gläser Robinien- und Lindenhonig. Ich werde sie mit Hochachtung vor der Leistung der fleißigen Bienen genießen.
Beim Verlassen des Hofes werfe ich noch einen letzten Blick in den Schaukasten und bedanke mich innerlich bei den Bienen. Für ihren Beitrag zum Fortbestand unserer Pflanzenwelt und nicht zuletzt für den leckeren Honig!

Autorinnen: Barbara Ilg und Sarah Brumlop
Fotos: Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau und Netzwerk Blühende Landschaft, Utto Baumgartner


Betriebsporträt: Ökodorf Brodowin

Der Demeter-Betrieb im Dorf Brodowin liegt mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Zahlreiche Seen, sanfte Hügel und urige Buchenwälder prägen die Landschaft. Seit nun fast 25 Jahren wird hier nach biologisch-dynamischen Richtlinien gewirtschaftet. Neben Getreide und Ackerfutter werden jährlich circa 20 verschiedene Gemüsesorten angebaut.
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Letzte Aktualisierung 08.08.2011

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