Demonstrationsbetriebe


Robuste Rinder als Landschaftspfleger

Betriebsleiterehepaar mit Rind, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Ulli und Carola Vey mit Rita, einer ihrer wenigen Tiere der Rasse "Rotbuntes Niederungsrind".

Der Biolandhof Vey im Bremer Stadtteil Blumenthal betreibt eine Angus-Rinderzucht in extensiver Weidewirtschaft, kombiniert mit Naturschutz. Die Rinder leben in sogenannter Robusthaltung ganzjährig im Freien und pflegen dabei gut 120 Hektar Naturschutzgebiete und Landschaft. Artgerechte Rinderhaltung wird so beispielhaft mit dem Erhalt wertvoller, teils gefährdeter Pflanzen- und Tierarten verbunden. Die Veys finden, im Grunde betreibt jeder Biobauer bereits Natur-, Klima- und Gewässerschutz. Doch ihr Beispiel zeigt: Man kann noch mehr tun.

Pflanzen wie aus dem Lehrbuch

Blick auf Rinderweide, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Die Rinder fressen alles, was die Wiesen bieten und geben es ihr als Dung zurück.

In der Vegesacker Geest gibt es Pflanzen und Tiere, die man sonst fast nur in botanischen Lehrbüchern findet. Dabei ist die Gegend keine urwüchsige Natur-, sondern eine ehemals durch Menschen gestaltete Heide- und Kulturlandschaft. Heute gedeihen hier Sonnentau, Blutweiderich und Lungenenzian, tummeln sich Heidelibellen, Wildbienen und Knoblauchkröten. Auf den Hammersbecker Wiesen wiederum wachsen Klappertopf, Orchideen und Brennender Hahnenfuß. Diese biologische Vielfalt mit ihren gefährdeten Arten macht das Gebiet um Lüssum/Bockhorn zum Naturschutzareal.

Zuständig für dieses Gebiet sind Carola und Ulli Vey. Hinter ihrem Haus und auf weiteren gepachteten Naturschutzflächen im Umland weiden bereits seit 20 Jahren mehrere Generationen Angus-Rinder. Sie leben hier als "Landschaftspfleger". Wegen ihres üppigen Fells sind sie für die ganzjährige Haltung im Freien besonders geeignet. "Bei fünf Grad fühlen sie sich am wohlsten", erklärt Carola Vey.

Drei Rinder auf Weide, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Einige der ca. 70 Angus-Rinder weiden gleich hinter dem Wohnhaus der Veys im Stadtteil Blumenthal.

Jeweils fünf bis zwanzig Tiere werden nach Geschlechtern getrennt über die verschiedenen Naturschutz- und Landschaftspflegeflächen umgetrieben. Dort fressen sie Klee, Gras und Kräuter; dass sie dabei die Gehölze dezimieren ist gewollt. Ein weiterer positiver Effekt: Die teils massigen Körper verursachen keine Trittschäden. Im Gegenteil, jeder Huftritt bietet neuen Pflanzen eine Chance. Und der Kot der Rinder wird zum Dünger. Doch irgendwann kommt auch für sie die Zeit für den Schlachter. "Manche Kunden sagen, dass sie die Kräuter aus dem Fleisch herausschmecken können", berichtet Ulli Vey augenzwinkernd.

Beim Thema Naturschutz kennen leider auch viele Landwirte die Zusammenhänge nicht. Daher ist Bildung das Entscheidende.

Naturschutz als Menschenschutz

Betriebsleiter vor Weiher, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Ulli Vey am Weiher Eispohl im Naturschutzgebiet Sandwehen: "Unterschätzte Vielfalt“".

Besucher unterschätzen meist die Vielfalt einer Naturschutzfläche. Kundige Botaniker machen mehr als 80 verschiedene Pflanzen aus. Auf einer konventionellen Weide ist es bloß eine Hand voll. "Beim Thema Naturschutz kennen leider auch viele Landwirte die Zusammenhänge nicht. Weder die politischgesellschaftlichen noch die natürlichen. Es wird nicht genügend gelehrt. Daher ist Bildung das Entscheidende." Seiner Forderung kommt Ulli Vey selbst nach. Der studierte Biologe unterrichtet Gartenbau an einer Bremer Berufsschule für Lernbehinderte. So finden sich seine Klassen gelegentlich auf einem „seiner“ Naturschutzgebiete zu Exkursionen wieder, um zum ersten Mal im Leben Knabenkraut und Aurorafalter zu sehen.

"Naturschutz ist Menschenschutz", sagt Vey überzeugt und meint damit, dass der Mensch sich selbst einen großen Gefallen tut, wenn er die natürlichen Ressourcen schont. Und: "Wichtig ist der persönliche Bezug: Ich kann nur schützen, was ich kenne." Kunden, die fast ausschließlich aus der Region stammen, haben mit dem Kauf des Fleischs Anteil am Naturerhalt vor ihrer Haustür, und das wissen sie. "Wir kennen unsere Kunden und sie uns. Das ist unbezahlbar. In einem Mastbetrieb kennt man weder Tier noch Kunden. Das kann nicht funktionieren", sagt Vey.

In der Landwirtschaft wird heute mehr Geld am Schreibtisch verdient als auf dem Traktor.

Bäuerliche Landwirtschaft und Aufwandsentschädigung für Landschaftspflege

Drei Pferde auf Koppel, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Carola Vey betreibt auch Pferdezucht. Derzeit leben allerdings nur drei Pferde auf dem Hof.

"Von Rinderhaltung allein könnten wir allerdings nicht leben", sagt Carola Vey, für Zucht und Vermarktung zuständig. Bei ca. 20 Schlachttieren pro Jahr braucht es ein zweites Standbein. Zwar gibt es noch Pferde auf dem Hof, trotzdem braucht die Landwirtschaft in dieser Größenordnung eine Aufwandsentschädigung für die Landschaftspflege. Wenn auch eins, bei dem alles in die Fleischqualität und den Erhalt und die Pflege der geschützten Flächen fließt. Lieber wäre es den Veys jedoch, wenn sie einen höheren Preis für ihr Rindfleisch bekämen und auf die Zuschüsse für gesellschaftliche Leistungen etwa aus Brüssel verzichten könnten. "Doch leider wird in der Landwirtschaft mittlerweile mehr Geld am Schreibtisch verdient als auf dem Traktor", sagt Ulli Vey pointiert. Deshalb ist das Konzept seit mehr als 20 Jahren eine Einheit aus Naturschutz, Rinder- und Pferdezucht.

Leidenschaft, Vernetzung und Ausdauer sind entscheidend

Lungenenzian in Wiese, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Seltene Pflanzen wie diesen Lungenenzian findet man auf den Schutzflächen in voller Blüte.

Carola und Ulli Vey wissen: Im Ökolandbau wie im Naturschutz sind Leidenschaft und Überzeugung Motor und Treibstoff, und eine gute Vernetzung ist das Schmieröl. Ohne Kooperationen mit dem BUND, dem NABU, öffentlichen wie privaten Gruppen sowie den Senatoren Bremens und Ministern Niedersachsens ginge es nicht. Man müsse die Zusammenhänge studieren, die örtlichen Gegebenheiten erkunden, Land und Leute kennen, mit Entscheidern und Funktionären sprechen.

"Den Kontakt mit anderen, auch mit konventionellen Landwirten sowie weniger naturbewussten Politikern suchen, ist wichtig." Zu verpachtende Ländereien oder Äcker, die niemand bewirtschaftet, gibt es viele. Biolandwirte könnten durch Anfragen und gezielte Vorschläge viel erreichen. Durch Mitgliedschaft in Gremien und Räten lässt sich direkt Einfluss nehmen. So wie Ulli Vey, der Mitglied des Bremer Naturschutzbeirats ist und dem Vorstand der Landwirtschaftskammer angehört. "Man muss oft dicke Bretter bohren, doch am Ende lohnt es sich", resümiert er mit Blick auf den Weiher Eispohl. Und es rechnet sich – für die Natur wie für den Biobauern.

Autor: Oliver Z. Weber



Betriebsreportage: Biolandhof Blumenthal-Vey

Rinder auf der Weide. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.

Für Ullrich und Carola Vey vom Biolandhof Blumenthal-Vey ist der Ökolandbau eine Frage des Respekts vor den Tieren. Auf ihrer Weide steht bereits die dritte Generation von Rindern der Rasse Angus. Diese Rasse ist nicht zuletzt wegen ihres dickeren Felles besonders robust, so dass die 80 Angusrinder ganzjährig draußen gehalten werden.
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Letzte Aktualisierung: 08.10.2013