Blaubeeren, Rothirsche und Staudenpracht

Blaubeeren, Rothirsche und Staudenpracht

Wie sich drei Spezialitäten zu einer stimmigen Idylle vereinen

Wer zum Kreilhof kommt, ist kein zufälliger Besucher. Den Biolandhof im malerischen Pfaffenwinkel in Südbayern findet nur, wer gezielt danach sucht. Doch Eingeweihte wissen, dass sich ein Besuch des Demonstrationsbetriebes immer lohnt. Sie kommen, um ökologische Wildspezialitäten zu kaufen, um Öko-Heidelbeeren zu pflücken oder um aus der Bioland-Staudengärtnerei neue Blütenpracht für den heimischen Garten mitzunehmen. Das Betriebsleiterehepaar Spatz kann sich daher über Einsamkeit nicht beklagen.

Vom Wunsch, Landwirt zu sein

Bereits vor über 30 Jahren verwirklichten der Agrarwissenschaftler Günter Spatz und seine Frau Birgit ihren Traum vom eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit dem Kauf des Kreilhofes. Danach trieb der berufliche Werdegang Günter Spatz allerdings erst einmal in ganz andere Gefilde - nach Nordhessen. Lange Jahre lehrte der Professor seinen Studenten der Ökologischen Agrarwissenschaften die Grundlagen des Futterbaus und der Grünlandökologie an der Universität Kassel/Witzenhausen. In der Woche versorgte Birgit Spatz Hof und Kinder alleine, an den Wochenenden wurde aus dem Wissenschaftler Günter Spatz wieder der Landwirt auf dem heimatlichen Hof in Bayern. Ökolandwirt natürlich, denn das Ehepaar Spatz hatte recht früh begonnen, den Kreilhof nach den Richtlinien des Bioland-Verbandes zu bewirtschaften. "Uns war einfach klar, dass wir Naturressourcen nicht beliebig verschwenden können", so die beiden.

Die häufige Abwesenheit des Wissenschaftler-Landwirtes erforderte Hofstrukturen, die ohne intensiven Arbeitseinsatz funktionierten. Auch im Nebenerwerb betrieben, sollte der Hof mehr als ein interessantes Hobby sein und sich finanziell selber tragen.  Nach einigen Experimenten und genauer Beobachtung der örtlichen und persönlichen Möglichkeiten begann der Kreilhof Rotwild zu halten - nicht Damwild, wie das inzwischen recht viele Betriebe tun.

Rotwild ist hervorragend an die gegebenen klimatischen Bedingungen angepasst und die Wildtierhaltung erfordert nur mäßig viel Arbeitseinsatz.

Wildtiere als landwirtschaftliche Nutztiere

Es sind zarte, elegante Tiere mit schön gezeichneten Gesichtern und teils beeindruckenden Geweihen, die man in den Wildgattern des Kreilhofes grasen sieht.

Drei Rudel Rotwild leben auf dem Kreilhof auf 27 Hektar Fläche, was den Tieren viel Raum gibt und ihnen eine angemessene Fluchtdistanz zu Menschen ermöglicht. Es ist bei der Gatterhaltung wichtig, die natürlichen Lebensbedingungen der Wildtiere möglichst gut nachzuahmen. Denn den Charakter eines Wildtieres behält Rotwild -und auch anderes Wild - im Gegensatz zu Rindern, Schweinen oder Geflügel selbst dann, wenn es schon über viele Generationen im Gehege gelebt hat.

Die Tiere von Günter Spatz leben das ganze Jahr über draußen. Von April bis zum ersten Schneefall fressen sie das, was in ihren Gattern wächst und selbst im tiefsten Winter - der kann im Pfaffenwinkel mit viel Schnee und Kälte daherkommen - brauchen sie außer einem Unterstand und ein wenig Heu keine nennenswerte Pflege. Das ökologische Winterfutter wird komplett auf den eigenen Hofflächen erzeugt, nur ein bisschen Lockfutter wird zugekauft. Dank des Extrafutters ist die Freundschaft zwischen Günter Spatz und seinen "wilden" Nutztieren gut gefestigt. Wenn er mit dem Futtereimer eines der Gatter betritt, gibt es einen stillen Moment der Begegnung, des gegenseitigen Beobachtens. In einer Reihe stehen die Tiere da und spitzen die Ohren. Dann kommen die älteren Tiere näher und drängen sich um Landwirt und Futtereimer, um sich ihr Leckerli direkt aus der Hand von Günter Spatz zu nehmen.

Ökologische Wildtiere – geht das überhaupt?

Da Rotwild ursprünglich in der Steppe zuhause ist, bieten die großen eingezäunten Grasflächen mit etwas Baum- und Strauchbestand ein artgerechtes Umfeld.

Doch warum wird Wild im Gatter gehalten, wenn man es doch auch in freier Wildbahn schießen könnte? Und wenn die Gatterhaltung ohnehin so extensiv ist, warum muss sie dann auch noch ökologisch sein? Hauptargument für die Gatterhaltung - sei sie nun ökologisch oder nicht - ist sicherlich die leichtere und zuverlässige Verfügbarkeit größerer Mengen Wildfleisches. Die ökologische Haltung bringt für Tiere sowie Verbraucher zusätzlich ein paar klare Vorteile: die Tiere werden grundsätzlich draußen gehalten, wie es ihrer natürlichen Lebensweise entspricht, ihr Winterfutter stammt von den hofeigenen Ökoflächen und Futterzukauf findet in der Regel nicht oder kaum statt, durch den regelmäßigen Wechsel zwischen den verschiedenen Gattern, baut sich kaum Parasitendruck auf und die Tiere bleiben ein Leben lang sehr gesund, prophylaktische Medikamentengaben gibt es auch nicht und außerdem wird den Tieren durch die Art der Tötung viel Stress erspart.

Schlachttag auf dem Kreilhof

Wenn auf dem Kreilhof geschlachtet wird, geht das nämlich nicht mit dem Einfangen der Tiere, Transport ins Schlachthaus, viel Hektik und Aufregung einher. Günter Spatz nimmt einfach sein Gewehr mit ins Rotwild-Gatter und erlegt ganz ruhig und wie nebenbei die Tiere, die dieses Mal für die Schlachtung ausgewählt worden sind. Das übrige Hirschrudel flüchtet wenige Meter, insgesamt erzeugt der Schuss aber kaum Schrecken, schon nach wenigen Minuten grasen die Tiere weiter, als wäre nichts gewesen. Auch ihrem Zutrauen zu Günter Spatz tun die Schüsse keinen Abbruch.

Ökologische Wildspezialitäten aus dem Hofladen

Die erlegten Tiere werden in hofeigenen Schlachträumen ausgenommen und gehäutet. Die Verarbeitung zu vielfältigen Wildspezialitäten erfolgt in einer nahe gelegenen Bioland-Metzgerei.

Der Verkaufsraum des Hofes ist das Metier von Birgit Spatz. Hier gibt es Frischfleisch von Junghirschen in den verschiedensten Teilstücken, Wurstwaren wie Salami, Leberstreichwurst oder Wienerwürsten und geräuchertem Schinken. Alle Produkte werden ohne Nitrat, Phosphat und anderen Zusatzstoffen hergestellt. Alleine Meersalz und natürliche Gewürze finden ihren Einsatz bei der Wurst- und Schinkenherstellung. Frau Spatz weiß, dass viele Kunden wegen der Qualität der Produkte den Weg in ihren kleinen Hofladen finden. "Unsere Kunden kommen nicht nur aus der Bioszene.",  erzählt sie, "Sie möchten einfach gutes Fleisch kaufen.

Honig von den 17 Bienenvölkern des Hofes, Hirschgeweihe, Hirschfelle und Leder komplettieren das Angebot.

'Bluetta' und 'Goldtraube' im ehemaligen Torfstich

Im Sommer gibt es auf dem Kreilhof eine außergewöhnliche kulinarische Spezialität: Heidelbeeren.

Idyllisch am Waldrand gelegen, etwas von den Hofgebäuden entfernt, findet man einen ehemaligen Torfstich. Der Boden federt weich und auf einem knappen halben Hektar gedeihen seit nunmehr 20 Jahren verschiedene Kulturheidelbeersorten mit solch klangvollen Namen wie 'Bluetta', 'Goldtraube' und 'Bluecrop'. Satt tragend stehen die bis zu zwei Meter hohen Beerensträucher da.

"Die sind gut", kommentiert Günter Spatz zufrieden und kann nicht umhin, sich hinzuknien und ein paar Beikräuter zu entfernen.

Kulturheidelbeeren gelten als aufwändige Kultur. Doch auf dem Boden des alten Torfstiches finden sie genau die Bedingungen, die sie benötigen: sauren Boden und viel Wasser, so dass sie auch ohne Bewässerung und Düngung prächtig gedeihen. Das Pflücken überlassen die Spatzens weitgehend den Kunden selber. Mitte Juli geht die Pflücksaison los, dann finden Vorbeikommende an der Straße ein Schild mit dem verlockenden Versprechen "Heidelbeeren zum Selberpflücken". Im Sommer 2011 hat die Pflücksaison am 12. Juli begonnen, die frühe Sorte 'Bluetta' trägt nun ausreichend reife Früchte. Die meisten Selbstpflücker sind seit vielen Jahren Stammkunden. Sie kommen mit der ganzen Familie und genießen den Tag in den Heidelbeeren.
Die großen, süßen Früchte sind reich an Vitaminen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen. Frisch verzehrt sind sie ein Genuss aber auch zum Backen, für Marmelade oder zum Einfrieren sind Kulturheidelbeeren hervorragend geeignet.

Die Vögel wissen die Delikatesse ebenfalls zu schätzen und müssen mit verschiedenen Schreckmethoden auf Abstand gehalten werden. Aber selbst wenn Vögel und Selbstpflücker sich gleichermaßen ins Zeug legen, werden bis zum Ende der Saison gegen Ende August noch unzählige Eimer, Schälchen und Körbe mit den blauen Beeren gefüllt.

Blütenpracht in der Staudengärtnerei

Ein letztes Highlight darf man bei einem Rundgang über den Kreilhof auf keinen Fall verpassen: an den Demonstrationsbetrieb angeschlossen und beinahe untrennbar damit verknüpft, ist eine kleine, feine Bioland-Staudengärtnerei – Gärtnerei Stauden Spatz.

Hier vermehrt die Landschaftsarchitektin Susanne Behmenburg, Tochter von Birgit und Günter Spatz, beinahe 900 Arten und Sorten winterharte Stauden. Außerdem hat sie Kräuter und Gemüsepflanzen sowie Rosen und Kletterpflanzen im Angebot.

Die Gärtnerei lässt den Besucher in ihrer blühenden Lebendigkeit beinahe vergessen, dass sie ein wirtschaftender Betrieb ist.

Susanne Behmenburg nimmt nur Arten und Sorten ins Sortiment der Gärtnerei, die gut an das recht raue Klima im Alpenvorland angepasst sind. Möglichst vieles wird selbst vermehrt, durch Stecklinge, Aussaat oder Teilung von Mutterpflanzen. Auf diesem Weg entstehen gesunde und robuste Pflanzen.

Eine farbenprächtige Besonderheit der Gärtnerei sind drei so genannte Muttergärten. Hier kann man alle Pflanzen des Sortiments in ausgewachsenem Zustand ansehen, bevor man sich entscheidet. Außerdem gibt es einen Schaugarten, der ständig ergänzt und umgestaltet wird. Hier kommt die große Gestaltungsfreude der Landschaftsarchitektin zur Geltung und Garten-Enthusiasten finden bei jedem Besuch neue Inspirationen für ihren eigenen Staudengarten. Und wer sich erst zuhause entscheidet, der kann sogar im Onlineshop der Gärtnerei bestellen.

Eine Idylle und ein schlüssiges Betriebskonzept

Es ist ein Glück für jeden, diesen Hof der Spezialitäten zu entdecken. Der ganze Ort strahlt Ruhe und Stimmigkeit aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass es hier auch einmal hektisch zugehen könnte. Beinahe möchte man von einer Idylle sprechen, aber hier ist nicht nur Idylle der Idylle wegen. Hier wird auf intelligente und bedachte Art Landwirtschaft betrieben, in der die einzelnen Betriebszweige sich schlüssig ergänzen.

Es ist kein Wunder, dass die Spatzens auf ihrem abgelegenen Spezialitäten-Betrieb so viel Besuch von treuen Stammkunden bekommen. Blaubeeren, Rotwild und Stauden findet man sonst eben selten so nah beieinander.


Autorin: Sarah Brumlop
Fotos: Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau

 


Betriebsporträt: Kreilhofer Rotwild

Der Familienbetrieb Kreilhof liegt malerisch im „Pfaffenwinkel“ im oberbayerischen Alpenvorland. Betriebsschwerpunkt ist die ökologische Wildhaltung. Auf insgesamt 27 Hektar Gehegefläche leben drei Rotwildrudel. Hierzu nutzt der Bioland-Betrieb optimal die landschaftlichen Gegebenheiten der Region.
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Letzte Aktualisierung 21.07.2011

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