Der Hof

Der Hof: Gelebte Inklusion

Hofführung mit Kompetenz und Witz

Lars Bührig und Sascha Glindemann leiten an einem sonnigen Tag im Mai die Hofführung. An diesem Tag ist Fachpublikum zu Besuch: Leiter sogenannter Grüner Werkstätten – das sind Werkstätten für Menschen mit Behinderung mit einem land- oder gartenbaulichen Bereich – sowie Vertreter von Verbänden und Ministerien. Sie treffen sich, um den "Verbund beruflicher Qualifizierung" zu gründen und sich über Maßnahmen zu speziellen Ausbildungen für Menschen mit Handicap auszutauschen.

Bührig und Glindemann haben von der Pike auf gelernt, die Tiere auf dem Hof zu versorgen. Schon dreizehn Jahre arbeiten sie auf dem Hof. Früher wohnten sie auch dort. Letztes Jahr sind sie in eine ambulant betreute Wohngemeinschaft im nahe gelegenen Isenbüttel umgezogen. Hofführungen machen sie erst seit relativ kurzer Zeit. Sie sind stolz, dem Fachpublikum "Den Hof" zu zeigen, aber auch ziemlich aufgeregt. In der Regel besteht das Publikum schließlich aus Laien wie beispielsweise Kindern aus Schule oder Kindergärten.

Vor dem Schweinestall geht es los. Sascha Glindemann erklärt seine Aufgaben dort: zum Beispiel Füttern, Ausmisten, Einstreuen. Beim Abferkeln sei er oft dabei und achte darauf, dass keine "dumme Sau" sich aus Versehen auf ein Ferkelchen legt. Das Kichern im Publikum zaubert den Hofführern ein Lächeln ins Gesicht und lässt die Aufregung ganz schnell verfliegen.

Der Tross bewegt sich weiter in Richtung Pferdeställe. 22 Pensions- und Therapiepferde leben auf dem Hof. Sie sind Lars Bührigs Leidenschaft. Er reitet regelmäßig, wie viele andere Bewohner der heilpädagogischen Einrichtung auch. Das Highlight seiner Reiterkarriere: Die Goldmedaille bei den Special Olympics in den USA 1999. Bis heute nehmen Bührig und seine Reiterfreunde regelmäßig an Wettkämpfen teil. Im Vordergrund stehen diese natürlich nicht, sondern das vielfältige Reit- und Voltigierangebot für Menschen mit und ohne Behinderung in Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Reitverein. Für das Training gibt es sowohl einen Außenplatz als auch eine Reithalle direkt auf dem Gelände.

"Wir verbinden eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung und einem hohen Maß an Menschlichkeit."

Schweine kuscheln, wenn es kalt ist

Die Besucher passieren die Pferdeställe und kommen direkt ins Schweineparadies. Auf großflächig abgetrennten Weiden wühlen Schweine unterschiedlicher Größe in Sand und Schlamm, lassen sich Heu und Gras schmecken. "Auch im Winter bleiben die Schweine draußen", erklärt Sascha Glindemann. "Dann sind sie halt öfter im Stall und kuscheln. Wenn man bei minus zehn Grad reinkommt, ist es so warm, dass man sich am liebsten dazulegen möchte." Die Zuhörer erfahren, dass die Schweine neun bis zehn Monate alt werden. Ein bis zwei Tiere kommen pro Woche zum Schlachter. Erst kürzlich hat Glindemann beim Wurstmachen geholfen. Das Schönste dabei sei das Naschen, erzählt er verschmitzt. Fleisch- und Wurstwaren werden in der eigenen Küche verarbeitet und im Hofladen sowie auf Wochenmärkten in der Umgebung verkauft.

Die letzte Station der Führung ist das Reich von derzeit rund 350 hofeigenen Hühnern. Lars Bührig erklärt, dass sie in einem mobilen Stall leben, der auf Kufen von einem Ort zum anderen gezogen werden kann. So ziehen die Hühner immer wieder auf eine frische grüne Wiese um. Ein ortsansässiger Bäcker nimmt einen Teil der Eier ab. Die entsprechend beworbenen Kuchen finden reißenden Absatz. Auch im Hofladen sind die Eier schnell ausverkauft. "Wir haben die Hühner erst ein Jahr und könnten schon wieder mehr dazukaufen, weil es so gut läuft", berichtet Bührig.

Er und Sascha Glindemann sind am Ende ihrer Führung und ernten reichlich Applaus und Lob aus dem Publikum. Das geht runter wie Öl, motiviert und macht stolz. Die Besucher sind beeindruckt von gelebter Inklusion auf dem Bioland-Hof. Sie haben das Motto des Hofes erlebt und gespürt. Er verbindet eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung und einem hohen Maß an Menschlichkeit.

Qualifizierung mit System

Neben Bührig und Glindemann arbeiten 20 weitere Menschen mit geistiger Behinderung auf "Dem Hof" und ebenso viele ohne Behinderung. Die Sozialpädagogin Katharina Schroeter kam auf die Idee, dass auch gehandicapte Mitarbeiter Talent zur Hofführung entwickeln können, wenn sie entsprechend geschult werden. Sie entwickelte Materialien mit Bild und teilweise auch Text, um den Führern stets einen roten Faden zur Hand zu geben. In Zusammenarbeit mit Studenten der Ostfalia Hochschule für Sozialpädagogik in Wolfenbüttel sollen die vorhandenen Materialien nun systematisch weiterentwickelt werden. Interessierte Grüne Werkstätten des frisch gegründeten Verbundes beruflicher Qualifizierung haben dann entsprechend einen Ausbildungsleitfaden zur Hand, den sie auf ihr ganz eigenes Profil anpassen können. Die Eindrücke von der ganz besonderen Hofführung nehmen sie sofort mit nach Hause.

Autorin: Hella Hansen

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Betriebsporträt: Der Hof e.V.

Der Hof e.V. in Isenbüttel ist eine heilpädagogische Wohn- und Arbeitsstätte im Dreieck Braunschweig, Wolfsburg und Gifhorn. Sie bietet 22 erwachsenen, geistig behinderten Menschen eine langfristige Lebensperspektive. Seit Dezember 1999 wird durch die Verbindung der Bereiche Arbeit, Wohnen und Freizeit ein ganzheitliches Lebenskonzept realisiert.
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