Eine Wohltat für Leib und Seele - Gut Sambach

Eine Wohltat für Leib und Seele - Gut Sambach

Zweimal am Tag blockiert eine bunte Milchkuhherde die Dorfkreuzung in Sambach. Für ein paar Minuten steht alles still, bis die Herde von 150 Milchkühen in aller Seelenruhe vom Kuhstall zur Weide oder von der Weide zum Kuhstall getrottet ist. Ein Mitarbeiter und vier "Beschäftigte", psychisch kranke Menschen, die auf "Gut Sambach" in die Arbeit integriert werden, sorgen dafür, dass während der Straßenüberquerung nichts passiert. Alle zusammen ergeben so ein tägliches Bild, das heutzutage schon fast aus den Dörfern verschwunden ist - das Kuhtreiben. Die Anwohner nehmen Kuhfladen auf der Straße und die kurzweilige Verkehrsbehinderung gelassen. Schließlich wird danach ordentlich gefegt und der Anblick der bunten Kuhherde entschädigt für die Wartezeiten an der Dorfkreuzung.

"Mir ist der Gesamteindruck wichtig, den unser Hof hinterlässt", weiß Vitus Feindt, der Betriebsnachfolger und zukünftige Geschäftsführer der Gut Sambach gGmbH auf die Frage der Integration des Hofes ins Dorfgeschehen zu berichten. "Der Hof ist ein eigener Kosmos, aber wir werden in Sambach und in Mühlhausen gut angenommen", ergänzt er schmunzelnd.

Das "Gut Sambach" liegt am Stadtrand von Mühlhausen in Thüringen, fast genau am geographischen Mittelpunkt Deutschlands. Auf 250 Metern über dem Meeresspiegel erstreckt sich der Demeter-Hof mit rund 520 ha landwirtschaftlich genutzter Fläche. Für einen Ökohof ist dies schon eine recht stattliche Größe. Im Vergleich zu den in der Region liegenden konventionell wirtschaftenden Betrieben mit 1000 bis 5000 ha, ist das Gut jedoch relativ klein. Die Besonderheit des Gutes liegt in seinem Konzept. Neben einer gemischten Landwirtschaft mit Ackerbau und Tierhaltung, einer Gärtnerei und einer Biogasanlage, wird auch ein Teil der landwirtschaftlichen Produkte direkt auf dem Hof verarbeitet. Es gibt eine Fleischerei, eine Käserei und eine Bäckerei. Die selbst hergestellten Produkte werden vor allem über den Hofladen und mehrere Wochenmärkte verkauft.

Geschichte:

Der Hof blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im 12. Jahrhundert gründeten Zisterzienser Mönchen die Hofstelle. Im 17. Jahrhundert ging das Gut in den Besitz der Stadt über und wurde Stadtgut von Mühlhausen. Im Zuge der Neugründung der DDR wurde es 1950 ein Volkseigenes Gut (VEG); in den siebziger Jahren mit Lehrlingsausbildung und in den achtziger Jahren mit Betreuung von Menschen mit Behinderung aus der nahegelegenen Psychiatrischen Klinik Pfafferode (heut Ökumenisches Hainich Klinikum). Nach der Wende bewarb sich Dr. Friedhelm Feindt aus Niedersachsen als Pächter bei der Stadt. Er stellte die Landwirtschaft auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um und führte die Betreuung von Menschen mit Behinderung fort. In den neunziger Jahren gründete sich ein gemeinnütziger Verein zur Betreuung von psychisch kranken Menschen, die Lebensgemeinschaft Sambach e.V. Im Jahr 2007 überführte Dr. Friedhelm Feindt sein Vermögen in eine Stiftung, die seit dem die Landwirtschaft und Integration von behinderten Menschen in der Gut Sambach gGmbH fördert.

Sozialtherapie auf Gut Sambach:

Seit 2006 ist die gemeinnützige Gut Sambach gGmbH als Werkstatt für behinderte Menschen anerkannt. Zurzeit arbeiten 30 Menschen mit psychischen Erkrankungen auf dem Gut, von denen 24 direkt auf dem Hof wohnen.

Das Hauptmerkmal des Gutes liegt in seinem ökologischen und pädagogischen Konzept. Psychisch kranke und Menschen mit seelischer Behinderung werden als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder betrachtet und die damit verbundenen Herausforderungen positiv angenommen. Die Landwirtschaft vermittelt dabei elementare Lebensvorgänge, zum Beispiel beim Beobachten des Keimens eines Samens, dem Anfang des Lebens, bis zur Ernte der Frucht. Die Naturvorgänge helfen den "Beschäftigten" sich zu "erden", ihre Seele wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Noch deutlicher wird dieser Vorgang bei der Arbeit mit Nutztieren. Die Nähe zum Tier, das Anfassen und "Begreifen" und die damit verbundene Verantwortung für die Lebewesen haben dem landwirtschaftlichen Nutztier in der Heilpädagogik den Rang von "Co-Therapeuten" verschafft.

Zudem ist die Arbeit in der Landwirtschaft vielseitig und abwechslungsreich. Sie spricht körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gleichermaßen an. Die regelmäßig gleichen Arbeitsabläufe, wie das tägliche Melken oder die Pflege und Fürsorge der Tiere, aber auch wechselnde, neue Aufgaben ergeben eine Mischung aus Sicherheit und Selbstständigkeit, Abwechslung und neuen Erfahrungen und die Einsicht, dass bestimmte Dinge einfach getan werden müssen. Der pädagogische Wert liegt im Erfassen von Sinnzusammenhängen und dem Lernen und Leben sozialen Verhaltens.

Arbeitsfelder:

Die Arbeitsfelder für die Zu-Betreuenden sind vielseitig. Sie helfen im Kuhstall, im Schweinestall, in der Gärtnerei und bei der Landschaftspflege. Im Ackerbau und bei der Biogasanlage ist die Mithilfe nur bedingt möglich, da diese Bereiche durch moderne Technik bestimmt werden. Auf den 370 ha Ackerfläche werden verschiedene Getreidesorten und stickstoffbindende Leguminosen, wie Klee oder Luzerne im Wechsel angebaut. Der Dinkel ist die Haupt-Marktfrucht und wird an den Bio-Großhandel verkauft. Der Rest wird als Futter für die Kühe und die Schweine benötigt.

Im Kuhstall mit etwa 150 Milchkühen helfen acht "Beschäftigte" den drei Mitarbeitern bei den täglichen Arbeiten, wie melken, füttern und misten. Die bunte Mischung aus neuen und alten Nutztierrassen gewährleisten eine gute Milch- aber auch eine gute Fleischleistung zur Weiterverarbeitung in der hofeigenen Fleischerei und Käserei. Der Großteil der Milch wird aber an die Upländer-Bauern-Molkerei geliefert.
Auch im Schweinestall geht es bunt daher. Es gibt 200 Mastplätze, die von verschiedenen Schweinerassen belegt sind. Ferkel, Läufer - das sind junge Schweine, die schon schwerer sind als Ferkel - Mastschweine, Sauen und Eber haben ausreichend Auslauf, und können so ihrem natürlichen Bedürfnis nach Wühlen nachgehen. Frische Luft und Sonne machen den Schweinen Appetit und halten sie gesund. Und zum miteinander spielen im Stroh bleibt auch genug Zeit. Im Schweinestall arbeiten derzeit sechs "Beschäftigte" und eine Mitarbeiterin.

Wem die Arbeit mit Tieren weniger liegt, hat auf einem Hektar Gemüsebaufläche ausreichend Möglichkeiten den eigenen grünen Daumen zu testen. In sieben Folienhäusern, einem Glasbau und einer Freifläche wächst eine bunte Mischung aus Gemüsen, Küchenkräutern und Blumen. Dabei werden viele Tätigkeiten in Handarbeit erledigt. Beim Säen, Jäten und Ernten helfen zehn Zu-Betreuende den beiden Gärtnerinnen. In der Saison werden sie zusätzlich noch von Erntehelfern unterstützt. Auch die Streuobstflächen, auf denen Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Mirabellen gedeihen, gehören zum Aufgabenbereich der Gärtnerei.

Um die schnelle und somit frische Weiterverarbeitung aller Produkte zu gewährleisten, schließen sich an das Gut eine eigene Schlachterei, eine Käserei und ein Backhaus an. In diesen Bereichen sollen zukünftig auch "Beschäftigte" integriert werden.

Durch den Bau einer Biogasanlage im Jahr 2000 und die Erweiterung der Leistung im Jahr 2007 auf 350 KW konnte der hofeigene Kreislauf in Sachen Energie geschlossen werden. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist und die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme wird auf dem Gut für die Warmwasserversorgung und Heizung, die Ferkelaufzucht, die Heu- und die Getreidetrocknung verwendet. "Gefüttert" wird die Biogasanlage mit Ganzpflanzensilage und dem Mist der Tiere. Mit der Biogasgülle, die nicht stinkt und sehr gut pflanzenverträglich ist, werden dann die Felder gedüngt.

Der Hof erlangt durch die Produktion und Vermarktung von Lebens- und Futtermitteln und durch den eigen erzeugten Strom plus Wärme einen Selbstversorgungsgrad von 80 Prozent, nur der Kraftstoff für die Maschinen wird nicht selbst hergestellt.

Hofladen und Hofcafé:

Alle wertvollen Köstlichkeiten die auf "Gut Sambach" produziert und weiterverarbeitet werden, kann man im Hofladen erwerben. Das Angebot erstreckt sich von einem großen Fleisch- und Wurstwarensortiment, über ein feines Milch- und Käsesortiment, bis hin zu einem frischen saisonalen Gemüseangebot. Zudem werden Brot und Brötchen, Apfelsaft und Eier angeboten.

Köstlicher selbstgebackener Kuchen und Kaffee laden zum Verweilen in dem im Juli 2010 neu eröffneten Hofcafé ein. Die rustikale Atmosphäre und die freundliche, fürsorgliche Bedienung runden einen Besuch auf "Gut Sambach" ab.
Als Demonstrationsbetrieb für ökologische Landwirtschaft bietet das "Gut Sambach" allen interessierten Gruppen Hofführungen an. Ob Kindergarten, Schulklassen, Studierenden oder auch privaten Gruppen; jedem der wissen möchte wie ökologische Landwirtschaft gemacht wird, zeigt Vitus Feindt gern selbst das Gut. (Anmeldung bitte bei Frau Hohbein 03601-8511542 zwischen 8:00 und 16:00 Uhr)

Auf die Frage, was sich in Zukunft alles noch ändern wird, gibt Vitus Feindt gern Auskunft. "Das Angebot des Hofladens könnte erweitert werden, da es in Mühlhausen keinen Bioladen gibt und außerdem soll es in Zukunft mehr Kunst und Kultur auf dem Gut geben, zu der wir gerne mehr Menschen einladen möchten". Zu den Hoffesten oder dem Weihnachtsmarkt im Rahmen der Bio-Glühweinnacht kamen in den letzten Jahren an die tausend Besucher – es dürfen aber jederzeit noch mehr werden.

Autorin: Adrienne Bogdan

Fotos: Vitus Feindt. Gut Sambach und Koordinationsstelle Demobetriebe


Betriebsporträt: Gut Sambach

Das Gut Sambach am Stadtrand von Mühlhausen in Thüringen wurde um 1150 von Zisterzienser Mönchen gegründet. Seit 1991 wird es nach den Richtlinien des biologisch-dynamischen Landbaus. Auf 500 Hektar gedeihen verschiedene Getreide, Mais, Kartoffeln sowie Futter für Tiere des Betriebes.
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Mehr Infos

Kontakt

Gut Sambach gGmbH
Lebensgemeinschaft Sambach e. V.
Dr. Friedhelm Feindt / Haidrun Luck
Gutsstr. 1
99974 Mühlhausen/Thüringen
Tel.: (0 36 01) 8 51 15 - 0, Fax: (0 36 01) 44 87 42
gut-sambach@t-online.de

Weblink

Gut Sambach

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