Fuchs, hast du die Gans gestohlen?

Fuchs, hast du die Gans gestohlen?

√Ėkologische G√§nsehaltung auf dem Gans-Gut in Ostrau

"Ja, das kommt bei uns auch mal vor", sagt Andreas Kucka vom √∂kologischen Gans-Gut in Ostrau, Ortsteil Schrebitz. Denn auf dem Gut haben die G√§nse das ganze Jahr √ľber Weidegang; selbst die wenige Wochen alten G√§nseg√∂ssel d√ľrfen schon auf die Weide. Seit der Wende bewirtschaftet Herr Kucka mit seiner Familie das ehemalige Pfarrgut Kroppach √∂kologisch und ist seit 2002 Mitglied beim Bioland-Verband. Die mittlerweile 120 Hektar gro√üe √∂kologische Anbaufl√§che auf besten Ackerb√∂den bildet den Lebensraum f√ľr G√§nse und 40 Mutterk√ľhe mit ihren K√§lbern.

Wie der Hofname bereits sagt, dreht sich auf dem Gans-Gut fast alles um die G√§nse. Das Besondere - und bis jetzt einmalig in Deutschland - ist die √∂kologische G√§nsehaltung von Anfang bis Ende: Elterntierhaltung, Br√ľterei, Jungtieraufzucht, G√§nsemast und eigene Schlachtung auf einem Betrieb und an einem Ort bietet in kontrollierter Bio- und Bioland-Qualit√§t bis jetzt nur der Betrieb Gans-Gut in Ostrau-Schrebitz.

Mit den Eltern fängt es an

Auf dem ehemaligen Pfarrgut zwischen Leipzig und Dresden leben 1.500 Zuchtg√§nse. Sie legen von Ende April bis Mitte Juli die G√§nseeier f√ľr die hofeigene Br√ľterei. 300 Ganter sorgen in der Elterntierherde daf√ľr, dass die weiblichen G√§nse befruchtete Eier legen k√∂nnen. G√§nse und Ganter leben zusammen in der Herde und erreichen auf dem Gut ein Alter von f√ľnf bis sechs Jahren, bis sie geschlachtet werden.

Im Durchschnitt legt eine Gans in der zehnw√∂chigen Legezeit 35 bis 55 Eier. Die Legeleistung h√§ngt von vielen  Faktoren ab, vor allem vom Alter der Tiere, dem Wetter in diesen Monaten, der Qualit√§t des Futters und dem Gesundheitszustand der Tiere.

Auf dem Gans-Gut in Schrebitz leben die Zuchtg√§nse seit vielen Generationen und haben sich an das Klima, die Futter- und Weideverh√§ltnisse, an die betriebsspezifische mikrobielle Situation und auch an die Menschen auf diesem Hof angepasst. Bis auf zwei Impfungen im Winter gegen die Parvor-Viruserkrankungen bekommen die G√§nse nur im Krankheitsfall Medikamente, was √§u√üerst selten vorkommt. Die Tiere sind gesund und widerstandsf√§hig gegen die meisten Krankheitserreger und geben diese Qualit√§t auch an die n√§chste Generation weiter. Und nicht nur das: auch die F√§higkeit, als kleines G√∂ssel bereits Gras zu fressen und auf den Gr√ľnfl√§chen zu weiden, wird von den Elterntieren vererbt.

Alle paar Jahre kauft Andreas Kucka gezielt einige G√§nsek√ľken oder Eier von anderen Betrieben zu, um die genetische Vielfalt in der eigenen Zuchtherde zu erhalten. Meist stellt er gro√üe Verhaltensunterschiede zu seinen eigenen G√∂sseln fest. F√ľr ihn gibt es keine Alternative zu den eigenen Elterntieren, auch wenn sie das ganze Jahr √ľber gehalten, gef√ľttert, geweidet und untergebracht werden m√ľssen, um zweieinhalb Monate im Jahr Eier zu legen. Ein Zukauf von G√§nseeiern oder Eintagsk√ľken w√§re kosteng√ľnstiger, kommt f√ľr Familie Kucka aber nicht in Frage.

Was ist ein…

Eintagsk√ľken - gerade geschl√ľpftes bis wenige Tage altes, kleines "G√§nsebaby"
Gössel - junge Gans, die noch kein fertiges Federkleid hat
Ganter - männliche Gans, eine weibliche Gans heißt Gans
K√ľkenstarterfutter - Futtermischung f√ľr null bis sechs Wochen altes Gefl√ľgel
Br√ľterei - Betriebszweig oder eigenst√§ndiger Betrieb, in dem befruchtete Gefl√ľgeleier in speziellen klimatisierten W√§rmeschr√§nken ausgebr√ľtet werden.

Die Br√ľterei - Exakte Terminplanung und Fingerspitzengef√ľhl

In den maximal 90 Legetagen legen die Gänse etwa jeden zweiten Tag ein Ei mit einem Gewicht von 160 Gramm. In der kurzen Legezeit sind das insgesamt 7 Kilogramm (kg) Eigewicht je Gans - mehr als ihr eigenes Körpergewicht von etwa 6,5 kg.

Um diese Leistung erbringen zu k√∂nnen erhalten die G√§nse zus√§tzlich zum Gr√ľnfutter auf der Weide eine Mischung aus Getreide, Leguminosen und Mineralstoffen, die auf dem Hof zubereitet wird. Bevor die Herde morgens zum Weidegang den Stall verlassen darf, haben die G√§nse ihre Eier f√ľr diesen Tag gelegt und ihre Portion Energiefutter gefressen. Auch die rund 2 Kilo schwereren Ganter, die in dieser Zeit f√ľr die Befruchtung der Eier sorgen, ben√∂tigen eine energiereiche Zusatzf√ľtterung.

Mit Beginn der Legezeit beginnt die erste Arbeitsspitze des Betriebes im Jahr. Im Mai und Juni werden täglich bis zu 500 Gänseeier aus den Nestern geholt und noch am gleichen Tag durchleuchtet und auf Beschädigungen kontrolliert. Um größere Aufzuchtgruppen zu erhalten, werden die Eier 4 bis 10 Tage gesammelt und dann in Partien bis zu 5.000 Eiern in die Brutschränke eingelegt.

Nach 10 Bruttagen erfolgt die erste Kontrolle. Die angebr√ľteten Eier werden St√ľck f√ľr St√ľck durchleuchtet und alle unbefruchteten und schadhaften Eier entfernt. Nach weiteren 10 Tagen in den Brutschr√§nken, in denen Temperatur und Luftfeuchtigkeit genau gesteuert werden, ist es Zeit f√ľr die zweite Kontrolle. Wieder werden alle Eier durchleuchtet und die schadhaften und abgestorbenen entfernt. Wird nur ein unbefruchtetes Ei √ľbersehen, kann es in den letzten 10 Tagen des Brutabschnitts platzen und einen unbeschreiblichen Gestank verbreiten, der sich tagelang in der Br√ľterei h√§lt und bereits geschl√ľpfte K√ľken gef√§hrdet.

Nach 30 Tagen schl√ľpfen die K√ľken selbstst√§ndig aus den Eiern, indem sie die Schale aufpicken und auseinander dr√ľcken. Ihnen dabei zu helfen w√§re sinnlos, da K√ľken, die dies nicht allein schaffen, erfahrungsgem√§√ü auch zu schwach sind, die ersten vier Lebenstage zu √ľberstehen. Auf dem Gans-Gut schl√ľpfen jedes Jahr bis zu 25.000 G√§nsek√ľken aus den Eiern der Elterntiere und werden als Eintagsk√ľken, als ein bis acht Wochen alte G√∂ssel oder - nach der Mast mit einem hohen Anteil an Gr√ľnfutter - als Martins- oder Weihnachtsg√§nse verkauft.

W√§rme, Spezialfutter und Weide f√ľr die K√ľken

Alle K√ľken werden noch am Schlupftag in den K√ľkenstall der Br√ľterei gebracht. Alle frisch geschl√ľpften K√ľken bleiben die ersten vier Tage zur Beobachtung in diesem 30¬įC warmen Raum und werden an das hofeigene Futter gew√∂hnt. Betriebe, die Eintagsk√ľken bei Kucka bestellen, erhalten vier bis f√ľnf Tage alte Tiere und k√∂nnen sicher sein, dass diese gesund und vital sind. Der gr√∂√üere Teil der G√§nsek√ľken verbleibt jedoch zun√§chst am Hof.

Im Alter von einer Woche werden die K√ľken in die beheizten Aufzuchtst√§lle des Hofes gebracht und haben dort bei trockenem Wetter Zugang zum Gr√ľnauslauf. Ab der vierten bis f√ľnften Lebenswoche ben√∂tigen die K√ľken keine zus√§tzliche W√§rme mehr und d√ľrfen bei jedem Wetter auf die Weide.

Entscheidend f√ľr die Entwicklung der Jungg√§nse in diesen ersten Lebenswochen ist die Qualit√§t des K√ľkenstarterfutters. Seit einigen Jahren wird dieses Futter nach den Bioland-Richtlinien selbst auf dem Hof zubereitet. Die hofeigenen Komponenten Weizen, Mais, Erbsen und Bohnen werden dabei durch zugekaufte Bio-Einzelfuttermittel Maiskleber, Bierhefe, Soja und Mineralfutter erg√§nzt. Einige Jahre hat Andreas Kucka mit seinem Team an den Futterrezepturen gefeilt und diese optimiert, um die 100-Prozent-Bio-Futtermischungen an die Bed√ľrfnisse seiner Tiere anzupassen.

Im Alter von zwei bis sechs Wochen verlassen die meisten G√§nseg√∂ssel das Gans-Gut. Die flaumigen, noch nicht vollst√§ndig befiederten G√∂ssel werden dann an viele Bio-Weidemastbetriebe in ganz Deutschland geliefert ‚Äď nur mit betriebseigenen, eingestreuten Transportkisten und in betriebseigenen Transportern.

In den letzten Jahren kauften auch kleinere konventionelle Betriebe ihre G√∂ssel bei Familie Kucka, weil sie von der Qualit√§t der Tiere √ľberzeugt und daher bereit sind, f√ľr die Tiere aus Bio-Aufzucht etwas mehr zu bezahlen. Etwa 20.000 G√§nseg√∂ssel werden in 10 Wochen im ganzen Bundesgebiet ausgeliefert. F√ľr die eigene Weidemast und die Bestandserg√§nzung bleiben etwa 2.500 Jungtiere auf dem Betrieb in Schrebitz.

Die Gans ist ein Weidetier

Grunds√§tzlich haben alle G√§nse ihr Nachtquartier in den zahlreichen, mit Stroh eingestreuten St√§llen des Betriebes und bekommen dort Futter und Wasser angeboten. Dort kann sie auch der Fuchs nicht erreichen. Ab August weiden 4.000 Zucht- und Mastg√§nse in mehreren Herden auf den Gr√ľnland- und Ackerfutterfl√§chen. Morgens werden die St√§lle ge√∂ffnet, die Herden gehen auf die nahe gelegenen Weidefl√§chen und bleiben dort bis zum Abend.

Zum Schutz vor F√ľchsen sind alle Auslaufl√§chen sind mit Elektroz√§unen umgeben, die in ihrer H√∂he dem Alter und der Gr√∂√üe der Tiere angepasst werden. Vor allem Jungg√§nse sind eine beliebte Beute. Hat eine F√§he (weiblicher Fuchs) Junge zu versorgen und findet einen schadhaften Zaun, stiehlt sie mitunter sogar eine oder zwei ausgewachsene G√§nse.

Solche und andere Ver√§nderungen und Abweichungen vom t√§glichen Ablauf f√ľhren bei den G√§nsen zu Nervosit√§t, Stress und Unwohlsein und k√∂nnen schnell in Panik umschlagen. G√§nse brauchen eine ruhige und erfahrene Betreuung, denn schon ein hektisches und √ľberraschendes Herangehen an die Herde kann sie in eine Ecke treiben und gro√üen Schaden verursachen.

Auf den Weiden finden die G√§nse auch Tr√§nken und Badebecken, die t√§glich ges√§ubert werden. Die Kontrolle der Herden, der Weidefl√§chen, der Z√§une und der St√§lle geh√∂rt zur t√§glichen Routine und ist eine Voraussetzung f√ľr den Erfolg der G√§nsehaltung.

Wichtig ist, dass die Futterpflanzen die richtige Wuchsh√∂he haben und die G√§nse nicht im Gras und Klee untergehen. Zu gro√üe Pflanzen werden au√üerdem niedergetreten und nicht mehr gefressen. Eine Pflanzenh√∂he von 10 bis 20 cm ist f√ľr gr√∂√üere Tiere optimal, Jungg√§nse bevorzugen noch niedrigere Wuchsh√∂hen und k√∂nnen in zu gro√üen Pflanzenbest√§nden sogar zu Schaden kommen.

Die Weidefl√§chen so zu f√ľhren, dass die Herden immer optimale Weidebedingungen vorfinden ist eine hohe Kunst und erfordert Erfahrung und Fingerspitzengef√ľhl. Im Fr√ľhsommer wird ein Teil der Futterfl√§chen gem√§ht und f√ľr die Winterf√ľtterung der Mutterkuhherde zu Heu und Silage konserviert.

Martins- und Weihnachtsgänse

Anfang November beginnt die Schlachtsaison und endet am Heilig Abend. Die Vermarktung beginnt allerdings schon viel fr√ľher. Da die Kunden in der Regel eine frische, nicht eingefrorene Gans w√ľnschen, werden fast alle G√§nse vorher bestellt, und das muss gut organisiert sein.

Im Großraum Dresden-Leipzig gibt es mittlerweile einen gut entwickelten Kundenstamm von Läden, Verkaufsstellen und Gastronomen, die bei Gans-Gut ihre Biogänse bestellen. Private Kunden können am Verkaufswagen in Dresden und Leipzig und am Hof direkt bestellen und ihre Gänse auch dort abholen. Zusätzlich kommen jedes Jahr noch Bestellungen von anderen Biobetrieben hinzu, denen ein paar Schlachtgänse fehlen.

Die Herden der Schlachtg√§nse m√ľssen so eingeteilt sein, dass kleinere Gruppen geschlachtet werden k√∂nnen, ohne gro√üe Herdenstrukturen zu zerst√∂ren. G√§nse reagieren auf starke Ver√§nderungen in der Herde oft mit Hungerstreik. Sie trauern dann und nehmen in den n√§chsten Wochen nicht mehr zu. Der gr√∂√üte Anteil der Mastg√§nse wird zu Weihnachten vermarktet und deshalb in einer gro√üen Herde gehalten. F√ľr die Bestellungen davor gibt es mehrere kleinere Gruppen.

Das richtige Einfangen der Tiere f√ľr die Schlachtung erfordert Erfahrung, Ruhe und eine gute Organisation. Die G√§nse werden behutsam in ger√§umige Kisten verladen, zum Schlachthaus des Betriebes gebracht und sofort geschlachtet. Lange Transportwege und endlose Standzeiten in engen Kisten gibt es auf dem Gans-Gut nicht.

Damit auch in den letzten zehn Tagen vor Weihnachten diese Qualit√§t eingehalten werden kann und alle Kunden eine frische Gans bekommen, arbeiten Familie Kucka und die gro√üe Zahl ihrer Helfer in dieser Zeit im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Die Arbeitsabl√§ufe Einfangen, Schlachten, Ausnehmen, K√ľhlen, Verpacken und Ausliefern sind gut aufeinander abgestimmt und gew√§hrleisten den Kunden eine hohe Qualit√§t.

Seit dem vergangenen Jahr wird ein Teil der geschlachteten Tiere zerlegt und in Teilst√ľcken verkauft. Dieses Angebot wird von Privatkunden und Restaurants gut angenommen, bedeutet aber einen erheblichen Mehraufwand f√ľr das Team vom Gans-Gut. In diesen Tagen vor Weihnachten gibt es viel Kaffee und wenig Schlaf. Wenn dann am 24. Dezember die letzte Weihnachtsgans ausgeliefert ist, die R√§ume und Ger√§te wieder sauber und die Zuchtg√§nse versorgt sind, findet auch der Fuchs nicht mehr so schnell eine Gans, die er stehlen kann.

Autoren: Joachim Deckers und Juliane Löwen

Letzte Aktualisierung 16.12.2010

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√Ėkologischer Landbau Familie Kucka: Gans-Gut

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