Hof Icken

Hof Icken: Alle Kälber sind schon da

Weidemilch und Heumilch sind angesagt! Das hat auch Familie Icken erkannt. Ihr Demonstrationsbetrieb setzt auf saisonale Abkalbung: Alle Kälber kommen innerhalb weniger Wochen zur Welt statt übers ganze Jahr. Dadurch verteilt sich einerseits die Milchmenge eines Jahres anders. Auf der anderen Seite dient das System der Herdengesundheit, der Milchqualität und auch dem Wohl der Landwirtin oder des Landwirts. Was wie ein guter Ansatz für alle Milchbäuerinnen und Milchbauern klingt, birgt jedoch ein Problem: Molkereien und Handel sind davon nicht begeistert. Warum Wiebke und Matthias Icken trotzdem diesen Weg gehen, erläutern sie in dieser "bio-live-erleben"-Reportage.

Ran an die Milch!

Die neu geborenen Kälber drängeln, sie wollen ihre Milch. Matthias Icken öffnet ein Gatter, schon strömen sie zu den Mutter- und Ammenkühen, die im Offenlaufstall bereitstehen und genüsslich Heu futtern. Der Nachwuchs ist komplett in den letzten Wochen zur Welt gekommen. Derzeit fasst die Herde 360 Individuen. Jetzt bekommt der weibliche Nachwuchs die so wichtige Milch, direkt vom Euter, so wie es sein soll. Der Rest der Kälber wird mit dem Nuckeleimer versorgt, während der übrige Teil der Milch zur Molkerei geliefert wird.

Heu- und Weidemilch im ganzen Jahr – so mögen es die Verbraucherinnen und Verbraucher, so verspricht es der Handel. Doch: "Schon vegetationsbedingt ist das eigentlich gar nicht möglich. Und keine Kuh steht ganzjährig auf der Weide", merkt Matthias Icken an. Ohnehin sind es in Deutschland nur vier von sechs Milchkühen, die überhaupt mal rauskommen. Bei ihm sind es immerhin zehn Monate, in denen die Kühe auf der Weide sind.

Um der stetigen Nachfrage nach Milch gerecht zu werden, ist das gängige Modell daher, die Kalbung über das ganze Jahr zu verteilen, die Kälber schnell zu separieren und die Kühe verteilt trocken zu stellen. Die Ickens gehen seit nunmehr vier Jahren einen anderen Weg und sind mit der saisonalen Abkalbung so etwas wie Exoten.

Alles zu seiner Zeit

In der Adventszeit wird die gesamte Milchleistung heruntergefahren und die Herde "trockengelegt". Gekalbt wird zwischen Mitte Februar bis Mitte April. 60 der neugeborenen Kuhkälber bleiben für die eigene Nachzucht am Hof. Die restlichen werden mit den Jungbullen nach zwei Wochen verkauft. Für alle Dagebliebenen geht es so früh wie möglich im Jahr auf die Weide.

Das System hat sich für uns bewährt. Wir fahren sehr gut damit.

Viele Milchkühe, viel Nachwuchs. "Die Altersstruktur ist momentan recht jung, da wir die Herde mit vielen jungen Tieren aufgestockt haben", erklärt Matthias Icken. Das aktuelle Durchschnittsalter liegt bei knapp vier Jahren, ein Viertel der Herde ist älter als fünf, etwa 20 Kühe kommen auf sieben Jahre. Die älteste Kuh ist sogar 13 Jahre alt und hatte jüngst ihre elfte Kalbung. Und alle Kühe müssen ran. Von Mai bis Juli findet die Besamung für die nächste Generation statt. Das übernahmen zuletzt 15 Jersey-Deckbullen. Ab Februar kalben dann alle tragenden Kühe. "Das hat sich für uns bewährt. Wir fahren sehr gut damit", resümiert der Landwirt. In jedem Fall bringt es Vor- und Nachteile, auf die man passend reagieren muss.

Weniger ist tatsächlich mehr

Der größte Nachteil ist zunächst wirtschaftlicher Natur und nicht ganz ohne. Die Lieferpause, die durch das Trockenstellen der gesamten Milchviehherde Anfang Januar entsteht, kommt bei Molkereien gar nicht gut an. "Eine der Lösungen wird sein, dass wir künftig ein Drittel der Milch zu Käse verarbeiten und die Milch so an den Handel geben", erklärt Wiebe Icken, die für die Vermarktung der Hofprodukte zuständig ist. Zwei Drittel der Milch sollen an nachfragende Molkereien gehen.

Doch das System hat auch einen positiven wirtschaftlichen Aspekt: "Die Herde ist insgesamt gesünder, die Todesfälle sind marginal, Krankheiten viel seltener", sagt Matthias. "Durch die deutlich verbesserte Tiergesundheit liegt unser Ziel bei 15 Prozent Bestandsergänzung jährlich. Das entspricht circa 6,5 Jahren Nutzungsdauer beziehungsweise 8,5 Lebensjahren für die Kuh." Das saisonale Abkalben bringe zudem einen sauberen Stall für Dreiviertel des Jahres und es würden weniger Medikamente benötigt. Die fünfwöchige Melkpause spart zudem Energie, da die Melkanlage nicht gespült werden muss.

Vom grünen Gras zu Käse

Ein weiterer Vorteil: Als Landwirtin oder Landwirt kann man auch mal Urlaub machen. Wiebke und Matthias Icken haben das getan. Allerdings nicht, ohne sich dabei fortzubilden. So haben die beiden in Neuseeland Inspiration für die eigene Arbeit gefunden. "Dort unten gibt es mehr Rinder als Menschen. Die Weidewirtschaft ist insgesamt sehr ausgeprägt. Allerdings bleiben nur etwa vier Prozent der Milch im eigenen Land", erzählt Matthias nicht ohne ungläubiges Staunen.

Die Herde ist insgesamt gesünder, die Todesfälle sind marginal.

Das heimische Geestland ist klimatisch traditionell bestens für die Weidewirtschaft geeignet. Dennoch braucht es für die weidefreie Phase eine Menge möglichst trockenes Heu. So ist am alten Standort "Hof Kuhsattel", wo auch der Offenlaufstall steht, eine große Trocknungsanlage entstanden. Hier können die Ickens den Heuschnitt einbringen, lagern und durch die eigene Photovoltaik-Zellen energieneutral trocknen, bevor es die Kühe dann fressen. So legt der Käse, der künftig aus einem Teil der Milch entsteht, seinen Weg vom Grashalm über die Trockenanlage bis zur Molkerei zurück. Für Familie Icken eine wichtige Investition in die Zukunft.


Autor: Oliver Z. Weber

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken.


Betriebsporträt: Hof Icken

Hof Icken hat die Nordseeküste mit dem Weltnaturerbe Wattenmeer direkt vor der Haustür. Die Haupthofstelle von 1903 liegt idyllisch zwischen Bremerhaven und Cuxhaven in Sievern, Geestland. Hier betreibt Familie Icken einen modernen Mischbetrieb nach Naturland-Richtlinien, mit Direktvermarktung und Übernachtung.
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