Demonstrationsbetriebe


Landleben in der Stadt

Wie mitten in Berlin ökologischer Landbau betrieben wird

Besucher vor dem Hofladen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Neulich vor dem Hofladen...

Eigentlich ging die Fahrt aufs Land - nur dass dies mitten in Berlin sein sollte. Wohnblöcke, Möbel- und Einkaufszentren, S-Bahnen, die in alle Richtungen fuhren, vermittelten nicht unbedingt ein Bild vom idyllischen Landleben. Dann aber, kaum auf dem Parkplatz der Domäne Dahlem ausgestiegen, tat sich eine unglaubliche Stille auf. Und dass, obwohl sich die Domäne in Berlin befindet und die Straße nur wenige Meter entfernt ist. Beim Betreten des Hofes eröffnete sich eine andere Welt, die einen das hektische Treiben der Stadt vergessen ließ. Ein kleiner Hofladen mit Café, Leute die Sonnenstrahlen und Ruhe genossen, herum tollende Kinder.

Wegweiser mit Vogelscheuche. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Eine Vogelscheuche dient als Museums-Wegweiser.

Der Wegweiser an der vom Wetter geprägten Vogelscheuche verriet den Weg zum Museum. Ein altes, jedoch restauriertes Gebäude in einem fröhlichen Orange gestrichen. Im Museumscafé der Domäne, ein heller Raum von Sonnenstrahlen durchflutet, wurde ich bereits erwartet. Jacqueline Jancke, die für die Öffentlichkeitsarbeit auf der Domäne Dahlem zuständig ist, saß an einem kleinen Tisch und strahlte durch ihr ruhiges Wesen eine gewisse Gemütlichkeit aus. Nach kurzer Begrüßung eröffnete ich das Interview mit der Frage nach der Geschichte der Domäne Dahlem. Aus Frau Jancke begann es begeistert zu sprudeln. Spannende Stunden an diesem besonderen Ort schienen mir gewiss ...

Die Domäne Dahlem - damals und heute

Menschen auf einer Wiese. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Das Landleben in der Stadt genießen - das bietet die Domäne Dahlem.

Einst war die Domäne ein Rittergut und so schreibt das heutige Freilandmuseum 800-jährige Geschichte. Aber was ist eigentlich eine Domäne? "Eine Domäne ist ein Gutshof in staatlichem Besitz", erklärt Jacqueline Jancke. Heute gehört es dem Land Berlin, damals jedoch, vor 800 Jahren, gehörte es den ansässigen Rittern beziehungsweise dem Landesherren. Was seit acht Jahrhunderten Beständigkeit auf der Domäne Dahlem hat, ist das Betreiben der Landwirtschaft. Denn schon damals war Berlin eine Metropole und die Domäne trug zur Versorgung mit Lebensmitteln der Stadt bei - vor allem mit Milch. Mit den knapp zwölf Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche - das sind etwa 16 Fußballfelder - trägt die Domäne jedoch nur unwesentlich zur Ernährung der rund 3,4 Millionen Einwohner Berlins bei. Aber darum geht es letztendlich auch nicht. Denn heute ist die Domäne ein Freilandmuseum für Agrar- und Ernährungskultur mit ökologischem Schwerpunkt. Was bedeutet das? "Historischen Boden zeitgemäß, das heißt für uns ökologisch, zu bewirtschaften und dessen Bedeutung den Menschen vermitteln", erklärt Jancke. Die Kombination von Landgut und Museum ermöglicht es der Domäne den Verbrauchern die Produktionskette vom Acker bis zum Teller und vom Tier zum Produkt auf besondere und einzigartige Weise zu vermitteln. Bei der Frage was für sie die Domäne Dahlem heute ist, funkeln die Augen von Jacqueline Jancke: "Die Domäne bleibt was sie war, was sie ist und was sie sein wird – beständig lebendig."

Nachhaltige Bildungsarbeit auf der Domäne

Historischer Museumsschlepper. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Historischer Museumsschlepper.

Auf der Domäne ist Bildung für die Allgemeinheit ein wichtiger Schwerpunkt, deshalb wurde dies fest im haus- oder besser gesagt gutseigenen Leitbild fest gehalten. Und was die Domäne hier bietet, kann sich sehen lassen. Für ihre Bildungsarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Allein zwei Mal durch das UN-Projekt "Bildung für nachhaltige Entwicklung". Dieses Projekt hat zum Ziel, Kindern und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln zu vermitteln. Dass die Domäne hervorragende Bildungsarbeit leistet, sieht auch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Durch dessen Initiative "Deutschland - Land der Ideen" wurde der Wettbewerb "Ideen für die Bildungsrepublik" ausgerufen - Motto: Gemeinsam für mehr Bildungschancen. Die Domäne wurde hier als eine der 52 besten Einrichtungen in Deutschland ausgezeichnet, die sich vorbildlich für Bildungsgerechtigkeit bei Kindern und Jugendlichen einsetzen. Aber wie funktioniert das? "Vieles läuft natürlich im direkten Kontakt mit den Besuchern bei Veranstaltungen", erklärt Jacqueline Jancke. Das können Führungen, Workshops, Kochaktivitäten und vieles mehr sein. Rund 900 museumspädagogische Veranstaltungen werden auf der Domäne Dahlem im Jahr angeboten. Und das für jedermann: Kitas, Schulklassen, Erwachsene und Senioren. "Viele Informationen werden aber unterbewusst vermittelt, denn Bildung beginnt in der bildlichen Wahrnehmung", erzählt Jacqueline Jancke weiter. 

Landwirtschaft auf der Domäne Dahlem

Allein die Tatsache, dass sich die Domäne selbst als Freilandmuseum und nicht als landwirtschaftlichen Betrieb bezeichnet, zeigt, dass hier die Landwirtschaft eine andere Rolle hat. "Natürlich erzeugen wir auf unseren knapp zwölf Hektar auch landwirtschaftliche Erzeugnisse", erklärt Jacqueline Jancke, "Die Landwirtschaft ist allein aus historischen Gründen ein wesentlicher Bestandteil der Domäne. Allerdings ist sie mehr Mittel zum Zweck." Dieser Zweck jedoch ist von maßgeblicher Bedeutung, denn die aktiv betriebene Landwirtschaft ist Schnittstelle für die Themen der Agrar- und Ernährungskultur - die den Besuchern näher gebracht werden soll.

Die Domäne als Arche-Hof: seltenes Vieh zuhause in Berlin

Deutsche Sattelschweine. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Deutsche Sattelschweine leben auf der Domäne ganzjährig im Freiland.

Knapp Zweidrittel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Domäne dienen als Wiesen und Weiden für das Vieh. Und davon gibt es reichlich in Dahlem: hier leben Schafe, Rinder, Pferde, Hühner und Schweine. Allerdings nicht die üblichen Rassen. In Dahlem wird großen Wert auf den Erhalt genetischer Ressourcen gelegt. Aus diesem Grund leben auf der Domäne überwiegend alte, gefährdete Haustierrassen. Zum Beispiel das Rauwollige Pommersche Landschaf oder Rotes Höhenvieh - eine inzwischen seltene Rinderrasse. In der Schweinehaltung hat sich die Domäne für die Haltung des Deutschen Sattelschweins entschieden. "Sie leben das ganze Jahr über in Hütten im Freiland", erzählt Jacqueline Jancke. "Das entspricht am ehesten ihrem Wesen. Auch die Sauen ferkeln draußen - wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht." Generell hat die Viehhaltung im Freiland viele Vorteile. Nicht nur dass die Freilandhaltung wesensgerecht ist, die Tiere sind in der Regel robuster und weniger anfällig gegenüber Krankheitserregern. Somit kann man auf den Einsatz von Medikamenten beinahe verzichten und beugt mit der Freilandhaltung Krankheiten vor.

Blick auf den bunten Gemüsegarten. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Blick auf den bunten Gemüsegarten.

Die Flächen die nicht vom Vieh als Weide genutzt werden, dienen dem Anbau von Getreide und Gemüse. "Auch hier steht Wirtschaftlichkeit nicht im Vordergrund", erklärt Jacqueline Jancke. "Obwohl wir natürlich alles was wächst verkaufen oder verfüttern." Manche Beete werden zum Beispiel von oder für Kinder angelegt. Davon können sie dann selber ernten und ein leckeres Biogericht in einem Kinder-Kochkurs zaubern. Auch hier geht es wieder um Bildung. Kinder sollen so einen Bezug zu Lebensmitteln bekommen - in diesem Fall vom Acker bis auf den Teller inklusive aller Zwischenschritte. Bevor etwas wächst, was ich essen kann, muss ich es nicht nur säen beziehungsweise pflanzen, sondern auch pflegen. Eine "gesunde" Alternative zu chemisch-synthetisierten Spritzmitteln ist die Hacke. "Die Kinder haben große Freude daran draußen zu sein und etwas zu tun", erzählt Jacqueline Jancke, "Plakativen Unterricht haben die meisten in der Schule genug." Auf der Domäne geht es vielmehr darum auf anderem Weg etwas zu lernen. Bildung auf der Domäne heißt auch selber machen, erfahren, anfassen und begreifen und findet somit auf verschiedenen Ebenen statt. Jeder kann sich selber ein Bild davon machen.

Ein Rundgang durch das Landleben Berlins

Eine Station des Informationsnetzes. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Station des Informationsnetzes, das sich über die gesamte Domäne erstreckt.

Nach dem Interview zieht es uns nach draußen. Zunächst geht es zu einer Informationssäule, die vor dem Museumsgebäude steht. Die Domäne bezeichnet sich als besucheroffenen Betrieb, was heißt, dass man nicht zwangsläufig an einer Veranstaltung teilnehmen muss, um mehr über Agrar- und Ernährungskultur zu erfahren. Der Hof ist durchwoben mit einem eingängigen Besucher-Informations-System. "Das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts", erklärt Jacqueline Jancke, "Manch einer traut sich vielleicht nicht Fragen zu stellen, an einer Veranstaltung teilzunehmen oder hat einfach keine Zeit." Bereits an der ersten Infosäule kann sich jedermann einen Überblick über das Gelände, Veranstaltungen und vieles mehr verschaffen.

Hofeigenes Gemüse. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Auszeichnung von hofeigenem und saisonalem Gemüse.

Gleich daneben befindet sich der Hofladen. Schlicht gehalten in einem dunklen Holz mit einer weiß-grünen Markise, die das farbenfrohe Obst und Gemüse vor der Sonne schützt. Jacqueline Jancke geht zielstrebig auf den Stand zu und erklärt: "Auch hier findet Bildung bildhaft und unterbewusst statt." Im gleichen Atemzug nimmt sie einen Fenchel in die Hand und spricht weiter: "Alles was aus hofeigenem Anbau stammt ist mit einem gesonderten Preisschild versehen. So erfährt der Verbraucher auch, welches Obst und Gemüse gerade Saison hat - simpel aber effektiv." Auch im Hofladen haben Produkte aus eigener Herstellung und aus der Region eine besondere Kennzeichnung. Dem Hofladen ist ein kleines Hofcafé angegliedert und auf dem Angebotsschild werden Bioprodukte explizit ausgewiesen. "Es soll keinem etwas aufgezwungen werden. Jeder soll für sich entscheiden ob er Bio will oder nicht", erklärt sie. 

Gewächshaus. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Gewächshaus

Auf dem Weg zur Landwirtschaft steht eine alte, große Scheune. Sie ist offen und mit Tischen und Bänken ausgestattet. Darin tummeln sich einige Besucher mit Kindern, kein Lärm, keine Spur vom hektischen Stadtleben. Ein paar Schritte weiter erblicke ich schon die ersten landwirtschaftlichen Geräte, die vor einem Stall stehen. "Hier stehen unsere Rinder im Winter", schmunzelt Jancke. Sie hatte wohl bemerkt wie ich kurz die Nase rümpfte wegen des Misthaufens. Aber auch das gehört wohl dazu. An der Gärtnerei gibt es den ersten Halt. Ein Staketenzaun bildete die Grenze für die Besucher. Zwei sommerlich bekleidete Mädels toben mit einem Wasserschlauch vor dem Gewächshaus und sorgen so für Abkühlung. Kürzer kann ein Transportweg für das Gemüse und Obst kaum sein. Beim weiteren Gang über das Gelände wird die Schönheit der Natur offensichtlich. Auf der einen Seite wachsen riesige Bäume empor, auf der anderen Seite fällt der Garten ins Auge und vor einem liegen vermeintliche Feldwege. Jacqueline Jancke hatte meine Gedanken bei diesen Eindrücken durchschaut und deutete mit ihrer Hand Richtung Nordosten: "Dort hinten ist Berlin Mitte. Etwa 30 Minuten mit der S-Bahn. Wir sind übrigens der einzige Bauernhof in Deutschland mit einer eigenen U-Bahn Station." Das ist wirklich kaum zu glauben, wenn vor einem grüne Roggenähren in den Himmel ragen, sich die weißen Kartoffelblüten in der Sonne wiegen und neben einem die Rauhwolligen Pommerschen Landschafe weiden.

Kälbchen und Kühe. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Kälbchen und Kühe der seltenen Rinderrasse Rotes Höhenvieh.

Bei den Sattelschweinen angekommen führt die Sau gerade ihre wenige Wochen alten Ferkel aus. Sie würdigt mich eines kurzen Blickes und geht mit ihrem schwarz-rosafarbenen Nachwuchs weiter Richtung Grünes. Der Rundgang führte schließlich noch zu den Rindern und Pferden, die in aller Seelenruhe auf ihrer Weide grasen. Unbeeindruckt davon, dass nur wenige Meter weiter auf dem Rastplatz einige Kinder im Gras herum tollen, während die Mütter die Sonnenstrahlen genießen. Informationsschilder vor jeder Koppel und Ackerkultur vermitteln viele Informationen zu den verschiedenen Themen des ökologischen Landbaus.

Zurück in den Alltag

Noch ganz verzaubert von diesem besonderen Ort deckte ich mich zum Abschluss mit köstlichen hofeigenen Produkten ein. Beim Genuss zuhause werden die Erinnerungen an diesen spannenden Tag dafür sorgen, den hektischen Alltag für einen Moment zu vergessen. Ich sagte meinem Navi dass ich nach Hause möchte, startete den Wagen und war nach nur wenigen Metern tatsächlich wieder mitten in Berlin.

Autorin: Barbara Ilg, Bilder: Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau

Aktuell: 2011 erhielt die Domäne  außerdem den Förderpreis Ernährungskultur für die Umsetzung ihres Bildungsziels "Ernährung - viel mehr als Essen".


Betriebsporträt: Domäne Dahlem - Landgut und Museum

Herrenhaus. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.

Im Südwesten Berlins liegt Deutschlands einziger Biobauernhof mit „eigenem” U-Bahn-Anschluss. Als einstiges Rittergut blickt die Domäne Dahlem auf eine über 800-jährige Geschichte zurück. Der Bioland-Betrieb ist Teil des Freilandmuseums für Agrar- und Ernährungskultur mit ökologischem Schwerpunkt. Er umfasst Ackerbau, Tierhaltung und Gartenbau mit besonders reicher Artenvielfalt sowie Direktvermarktung.
Weiterlesen

Letzte Aktualisierung: 09.01.2012