So wild so gut...

So wild so gut...

Eine winterliche Führung auf Gut Hirschaue

Jeden Sonntagmorgen um zehn Uhr lädt das Gut Hirschaue in Rietz-Neuendorf südöstlich von Berlin zu einer Führung durch seine Wildgehege ein. Der nach Bioland-Richtlinien wirtschaftende Betrieb wurde 1992, kurz nach der Wende, von Hartmut Staar gegründet und wird heute von seinen Söhnen Michael und Henrik Staar weiter geführt.

Es ist ein winterlicher Sonntagmorgen kurz vor zehn Uhr, das Thermometer zeigt ein Grad plus. Die Gruppe interessierter Besucher wird von Henrik begrüßt. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte des Betriebes beginnt die eigentliche Führung durch das riesige Wildgehege im schmelzenden Schnee. Auf dem Weg zu den Gehegen kommen wir an einer Windwasserpumpe vorbei. "Hier fördern wir Wasser mit Windenergie für die trockenen Zeiten im Sommer. Davon kann jetzt jedoch nicht die Rede sein" schmunzelt Henrik und geht zielstrebig auf das erste Gehege zu.

Was ist ökologische Wildtierhaltung?

Die landwirtschaftliche Haltung von Wildtieren ist ein recht junger Betriebszweig. In Deutschland finden sich derzeit rund 6.000 landwirtschaftliche Wildgehege, die überwiegend Rot- und Damwild halten. Eher seltener vertreten ist das Muffelwild (Wildschafe), das seit kurzer Zeit neben Rot- und Damwild in den Gehegen auf Gut Hirschaue lebt.

Weniger als die Hälfte der hiesigen Nachfrage an Wildfleisch kann aus Deutschland gedeckt werden. Davon stammt nur ein Teil aus der traditionellen Jagd. Der größte Teil des konsumierten Wildfleisches stammt aus neuseeländischer Gatterhaltung.

"Eine entscheidende Voraussetzung für das Halten von Wildtieren ist das Nachempfinden der natürlichen Lebensbedingungen" erklärt Henrik. Im Unterschied zu landwirtschaftlichen Nutztieren, lebt Gatterwild das ganze Jahr über im Freien und behält seinen Wildcharakter. Die Tiere leben wie in der freien Wildbahn in der für sie typischen Sozialstruktur, dem Rudel. Dies setzt sich aus unterschiedlich alten weiblichen und männlichen Tieren zusammen und umfasst mehrere Familienverbände. Auf Gut Hirschaue leben derzeit 1.200 Tiere auf 185 Hektar, das sind ca. sieben Tiere auf einer Fläche, die eineinhalb Fußballfeldern entspricht. Von Massentierhaltung kann hier also nicht die Rede sein.

Für die hier lebenden Tiere wurden elf Kilometer Hecken aus 15.000 Bäumen und Sträuchern angepflanzt. So entstand aus einer unstrukturierten großen Ackerfläche eine parkähnliche Kulturlandschaft. Durch diese Bepflanzungen wurden neue Lebensräume für verschiedenste Kleinlebewesen, Vögel und Säugetiere geschaffen. Für diese innovative Leistung erhielt das Gut Hirschaue im Jahr 2008 den Förderpreis Ökologischer Landbau.

(Wild)Tiere auf Gut Hirschaue

Henrik öffnet das erste Tor und in der Ferne ist eine große Herde Schweine zu sehen. Er schüttelt seinen mit Kastanien und Nüssen gefüllten Eimer, ruft "komm an, komm" und tatsächlich kommen sie im Schweinsgalopp auf uns zu gerannt und erfreuen sich an den Leckereien. Das Schmatzen der Schweine im Hintergrund, erklärt Henrik: "Vor uns steht das Märkische Sattelschwein, eine Kreuzung aus dem Deutschen Sattelschwein und einem Wildschweinkeiler. Die Schweine helfen uns auf den Pflug zu verzichten und brechen für uns die Weideflächen vor der Neueinsaat um. Dabei fressen sie alles was sie finden und fühlen sich sauwohl."

  • Brunft: Die Zeit der Begattung bei Rot- und Damwild
  • Gehege: Ein eingezäuntes Gebiet, in dem Wild gehalten wird
  • Rudel: Lebensgemeinschaften von Rot- oder Damwild
  • Hektar: Eine Fläche von 10.000 Quadratmetern, bzw. 1,5 Fußballfelder
  • Geweihstange: Abgefallenes knöchernes Geweih von Reh, Rot- und Damhirsch
  • Keiler: Männliches Wildschwein

Auf dem Weg zum Damwild sehen wir eine Herde Muffelwild. Mehrere Widder interessieren sich für ein einzelnes Schaf. "Eigentlich findet die Brunft im November/Dezember statt. Wenn ein Schaf jedoch nicht gedeckt wurde, findet eine Nachbrunft statt. Unter den Widdern kann es zu erbitterten Kämpfen um die zu deckenden Schafe kommen" erklärt Henrik während er das Tor zum nächsten Gatter öffnet. Auf dieser Koppel steht in sicherer Entfernung ein Rudel Damwild. Hier dauert es schon etwas länger bis sich die Tiere auf das Eimerschütteln hin  nähern.

Nach und nach kommen Einzelne und fressen die Kastanien, wobei uns die großen braunen Augen nie außer Acht lassen. Nun dürfen auch die Besucher die Tiere füttern und so versuche auch ich mein Glück. Nach wenigen Augenblicken nähert sich ein Tier und frisst mir aus der Hand! "Obwohl eine gewisse Gewöhnung an den Menschen stattfindet, wird der Wildcharakter der Tiere stets erhalten bleiben" sagt Henrik. "Eine Züchtung auf bestimmte Merkmale findet bei uns nicht statt. Die Tiere werden wie in der freien Wildbahn natürlich gedeckt. Wir kaufen nur ein paar männliche Tiere aus anderen Gatterhaltungen zu, um der Inzucht vorzubeugen." 

Zu guter Letzt begeben wir uns auf den Weg zum Rotwild. Der Weg führt über ein leer stehendes Gehege, in dem ich eine Geweihstange finde. Sowohl Rot- als auch Damhirsche werfen bis zum Frühjahr ihre Geweihe ab. Kurze Zeit später wächst langsam ein neues Geweih. Dieses ist von einer samtenen Haut, dem Bast überzogen. Ist das Wachstum abgeschlossen, wird der Bast an Sträuchern und jungen Bäumen abgefegt.

Ein stattlicher Rothirsch nähert sich uns und frisst sofort ungehemmt aus der Hand. Einige halbstarke Junghirsche kommen bis auf 20 Meter heran, das übrige Rudel beäugt uns aus sicherer Entfernung. Rotwild ist die größte in Deutschland frei lebende Wildart. Auch in den Gehegen auf Gut Hirschaue sind die 250 Stück Rotwild für die vielen Besucher ein besonderer Anblick.

Fütterung und Krankheitsvorsorge

Die ganzjährige Freilandhaltung der Wildtiere ohne Futterknappheit in einem sicheren Lebensraum unterscheidet sich ganz erheblich vom Leben in freier Wildbahn. Der weitaus größte Anteil des gesamten Futters stammt aus den Gehegen selbst, in denen auch die Winterfuttervorräte geerntet werden. Der Rest stammt ausschließlich aus eigenem Anbau auf Gut Hirschaue. Nach EU-Bioverordnung dürfen maximal fünf Prozent des Futters aus nicht ökologischem Anbau stammen. Diesen Freiraum nutzt Gut Hirschaue um das Futterspektrum der Tiere zu erweitern und somit den natürlichen Nahrungsverhältnissen etwas näher zu kommen. Deshalb bekommen die Tiere hier zusätzlich gesammelte Kastanien und Eicheln, die dem Gut von Sammlern aus der Region gebracht werden. Medikamenteneinsatz gibt es auf Gut Hirschaue nicht. Die stressfreie Haltung, der regelmäßige Wechsel der Weideflächen und die abwechslungsreiche Fütterung sind die besten Voraussetzungen für gesunde Tiere.

Erlegen und Verarbeitung

Wildtiere in landwirtschaftlichen Wildgehegen müssen, wie in der freien Wildbahn, nach waidmännischer Art mit dem Jagdgewehr erlegt werden. Aus sicherer Entfernung werden die meist ein- bis zweijährigen Tiere erlegt. Dies geschieht ohne vorheriges Treiben und Transportieren direkt im Gehege. Von dort aus werden sie in die hauseigene Metzgerei gebracht um fachmännisch zerlegt und verarbeitet zu werden. Die ökologische Wildtierhaltung ist damit aber keine Konkurrenz zur traditionellen Jagd, sondern eine besondere Art der landwirtschaftlichen Tierhaltung.

Was macht die besondere Qualität aus?

Oft werden die Wildtierhalter gefragt, was denn nun so besonders an Ihrem ökologischen Wildfleisch sei. "Da kommt Vieles zusammen" erklärt Henrik. "Die extensive Haltung der Tiere, unser Biofutter, der Verzicht auf Medikamente und unser Umgang mit den Tieren einerseits und die stressfreie Tötung und professionelle Fleischverarbeitung anderseits sind ein Garant für unsere besondere Qualität."

Die Erzeugung von regionalen Wildspezialitäten auf Gut Hirschaue schafft Arbeitsplätze und die Vermarktung in der Region schafft Vertrauen bei den Kunden. "Wie haben nichts zu verbergen! Bei uns kann jeder sehen, wie wir arbeiten, was wir füttern und wie wir die Tiere behandeln. Auch das ist Qualität" sagt Henrik. Zum Schluss der Führung werden die Besucher noch zu einer kleinen Kostprobe in den Hofladen eingeladen.

Nach dieser interessanten Tour durch die Gehege und mit den Bildern und Berührungen der Wildtiere gehe ich in das hofeigene Restaurant und genieße ein gutes Stück Wildfleisch – von dem ich weiß wo es her kommt.

Wichtiges zu Gut Hirschaue

  • Öffnungszeiten Hofladen: Do./Fr. 13 - 18 Uhr, Sa./So. 10 - 15 Uhr
  • Öffnungszeiten Restaurant: Mi./Do./Fr. 11 - 15.30 Uhr, Sa./So./Feiertage 11 - 18 Uhr
  • Führungen: jeden Sonntagmorgen um zehn Uhr und nach Absprache

Autorin: Barbara Ilg

Fotos: Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe


Betriebsporträt: Gut Hirschaue

"Klasse statt Masse", so lautet das Motto von Henrik Staar vom Gut Hirschaue. Auf dem Biohof setzt er die Idee seines Vaters fort: die landwirtschaftliche Haltung von Wildtieren. Nach der Wende entdeckte Hartmut Staar diese Nische für sich. Denn: Nur 60 Prozent der Nachfrage nach Wildfleisch kann aus deutscher Jagd gedeckt werden. Dabei haben die Deutschen den größten Wildfleischbedarf in ganz Europa. Die Bioqualität macht die Fleisch- und Wurstprodukte vom Gut Hirschaue zu exklusiven Leckerbissen, die genau diese Nachfrage bedienen.
Weiterlesen

Letzte Aktualisierung 09.03.2011

Nach oben