Bio im Alltag


Prof. Andreas Gattinger zur Klimawirkung des Ökolandbaus

Porträt
Professor Gattinger:

In einer Veröffentlichung mit Bezug auf eine aktuelle Studie zur Auswirkung von Landnutzungssystemen auf das Klima erklärt Professor Stefan Wirsenius von der Technischen Hochschule Chalmers in Schweden, dass die Herstellung von Biolebensmitteln im Vergleich zu konventionellen Produkten schädlicher für das Klima sei. Der Grund dafür liege in dem höheren Landverbrauch bedingt durch geringere Erträge im Ökolandbau. Über dieses Ergebnis sprach Oekolandbau.de mit Andreas Gattinger, Professor für Ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt nachhaltige Bodennutzung an der Universität Gießen. Er ist in zahlreichen internationalen und nationalen Forschungsprojekten zu Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel in der Landwirtschaft involviert.

Herr Prof. Gattinger, eine Ende 2018 erschienene amerikanische Studie zur Landnutzung sieht den Ökolandbau sehr kritisch in Bezug auf die Klimawirkung. Was sind die Hauptaussagen der Studie?

Zunächst einmal ist es aus meiner Sicht wichtig, die Hintergründe der Veröffentlichung zu kennen. Die Ergebnisse der Studie mit dem Titel „Assessing the efficiency of changes in land use for mitigating climate change“ sind Ende 2018 im Magazin „Nature“ veröffentlicht worden. In dieser Studie gehen die Autoren jedoch nur indirekt und mit nur einem Beispiel (Weizen- und Erbsenanbau in Schweden) auf den Ökolandbau ein. Der Begriff „organic farming“ oder „organic agriculture“ taucht an keiner Stelle der Publikation auf. Erst eine spätere Veröffentlichung des schwedischen Co-Autors Stefan Wirsenius auf der Website der University Chalmers mit dem Titel „Organic Food worse for the climate“ hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf die vermeintlich negativen Wirkungen des Ökolandbaus gelenkt.

Mit welchen Kernaussagen?

Im Kern geht es um sogenannte Opportunitätskosten für CO2-Emissionen in der Landnutzung, die durch extensive Bewirtschaftungsformen entstehen. Der Ansatz des Forscherteams beruht darauf, dass extensive Produktionsformen wegen der im Vergleich zu intensiven Produktionsformen niedrigeren Erträge mehr Fläche benötigen. Da die Weltagrarfläche begrenzt ist, aber der entgangene Ertrag in der Logik einer globalen Ernährungswirtschaft anderweitig erzeugt werden muss, werden daher ungenutzte Flächen wie zum Beispiel Wälder und andere wichtige Kohlenstoffspeicher in Agrarland umgewandelt. Diesen Kohlenstoffverlust durch eine Nutzungsänderung haben die Forscher mithilfe verschiedener Formeln in konkrete Zahlen gefasst, um daraus die eingangs erwähnten Opportunitätskosten zu errechnen. Diese Kosten können bei extensivem Anbau bis zu 70 Prozent höher sein als bei intensivem Anbau. Aus diesen Berechnungen leitete der schwedische Co-Autor schließlich ab, dass der Ökolandbau wesentlich schädlicher fürs Klima ist. Das war aber nicht Gegenstand der Originalarbeit.

Halten Sie diesen Ansatz für korrekt?

Grundsätzlich ist es aus wissenschaftlicher Sicht legitim, komplexe Systeme zu vereinfachen und sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Zudem gehe ich davon aus, dass die Kollegen richtig gerechnet haben. Dem Ganzen liegt aber aus meiner Sicht der Trugschluss zugrunde, dass mehr Effizienz und eine Intensivierung des Anbaus automatisch zu einer klimafreundlicheren Produktion führen. Das hat sich auch im Automobilverkehr als Milchmädchenrechnung erwiesen. Kraftstoffsparende Motoren reduzieren zwar die CO2-Emissionen, aber diese Einsparung wird dadurch aufgefressen, dass mehr gefahren wird und/oder mehr Autos zugelassen werden. Dies hat nicht zum Rückgang sondern zum Anstieg der CO2-Emissionen im Straßenverkehr geführt. So erreichen wir auch mit einer Ertragssteigerung der Agrarprodukte nichts für den Klimaschutz, wenn die Gesamtemissionen am Ende nicht zurückgehen. Was letztlich fürs Klima zählt, sind die absoluten Mengen an Treibhausgasen, die durch eine Bewirtschaftungsform freigesetzt werden und nicht die Menge pro Produkteinheit.

Wurden denn klimarelevante Leistungen des Ökolandbaus wie der Humusaufbau oder der Verzicht auf energieaufwändig hergestellte Dünger und Pflanzenschutzmittel in der Studie gar nicht berücksichtigt?

Wie bereits gesagt wird in der Studie an keiner Stelle der ökologische Landbau direkt angesprochen. Bei der angewendeten Klimabilanzierung werden die Treibhausgasemissionen aus allen Prozessstufen inklusive Düngereinsatz und -herstellung sowie der Humuswirkung für die verschiedenen landwirtschaftlichen Anbauverfahren und Produkte erfasst. Methodisch bewegt sich die Studie zwischen einem produktmengenbezogenen Lebenszyklusanalyse-Ansatz und einem vollständigen Massenflussmodell für Produktionssysteme, die solche Landnutzungseffekte aufgrund der globalen Bewertung der Produktionsmuster einschließt.

Was sehen Sie noch kritisch an der Studie?

Die Studie berücksichtigt nur den Aspekt Effizienz, betrachtet aber nicht den Aspekt „Suffizienz“ (Genügsamkeit beziehungsweise Verzicht) beim Klimaschutz. Dabei gibt es bereits globale Modellierungen, die zeigen, dass durch Suffizienz im Sinne einer angepassten Landnutzung (zum Beispiel weniger Kraftfutter an Wiederkäuer) 100 Prozent Ökolandbau global möglich sind, ohne dass die Emissionen ansteigen. Letztlich sind die ermittelten Ergebnisse ein reines Rechenexempel, das nur bedingt auf tatsächlich ermittelten Werten aus der Praxis beruht: Steht die Ausweitung des Rapsanbaus in Europa wirklich in einem kausalen Zusammenhang mit dem Abholzen von Regenwäldern in Südamerika? Führt jeder Hektar an produziertem Ökoweizen wirklich zur Rodung eines zusätzlichen 0,5 Hektar Regenwald um den Ertragsverlust auszugleichen? Solche Zahlen und Fakten braucht man aber, um verlässliche Aussagen treffen zu können. Zudem gehen die Autoren bei ihrem Fokus auf die optimale Landnutzung vom Effizienzgedanken aus. Das heißt, die verschiedenen Lebensmittel sollen dort erzeugt werden, wo es die besten natürlichen Voraussetzungen für den Anbau gibt. Wenn ich mir aber die südamerikanischen Soja-Monokulturen anschaue, für die Urwald oder Grassteppen weichen mussten, habe ich große Zweifel, ob dies tatsächlich der effizienteste und damit klimafreundlichste Weg ist.

Gibt es denn Studien, in denen belastbare Zahlen zu den Treibhausgasemissionen verschiedener Produktionsformen ermittelt wurden?

Die genausten Daten liegen zu den Bodenemissionen ökologisch und konventionell bewirtschafteter Flächen vor. Dazu haben wir eine aktualisierte Meta-Studie durchgeführt, in einem von der Uni Kassel und dem Thünen-Institut koordinierten Projekt zu den „Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft“. Danach speichern ökologisch bewirtschaftete Böden im Durchschnitt 256 Kilogramm mehr Kohlenstoff pro Hektar als konventionell bewirtschaftete. Die Lachgasemissionen sind gemäß der ausgewerteten Studien im Mittel um 24 Prozent niedriger. Daraus ergibt sich allein durch den Boden eine Klimaschutzleistung des Ökolandbaus von 1.082 Kilogramm CO2-Äquivalenten. Zudem haben wir eine qualitative Literaturauswertung bisheriger Studien zur Klimarelevanz vorgenommen. Danach erbringt der Ökolandbau bezüglich Treibhausgasemissionen pro Tonne Pflanzenertrag (wahrscheinlich) vergleichbare Leistungen wie der konventionelle Landbau. Die Gesamtemissionen pro Kilogramm Milch aus ökologischer und konventioneller Milchproduktion werden als (wahrscheinlich) vergleichbar eingestuft. In diese Bewertung sind auch Resultate aus dem Nachhaltigkeits-Netzwerk der Pilotbetriebe der TU München-Weihenstephan und dem Thünen-Institut eingeflossen.

Tut der Ökolandbau nicht trotzdem gut daran, die Erträge zu steigern? Die Studie aus Weihenstephan kommt zumindest zu diesem Ergebnis.

Ja, es ist für die Betriebe und für den weiteren Ausbau des Ökolandbaus wichtig, dass die Erträge vieler Kulturen nicht nur stabilisiert sondern vielerorts auch gesteigert werden müssen. Das verbessert nicht nur die produktbezogene Klimabilanz sondern auch die Ressourceneffizienz und damit auch die Wirtschaftlichkeit.