Mit Permakultur essbare Ökosysteme schaffen

Mit Permakultur essbare Ökosysteme schaffen

Permakultur arbeitet mit der Natur: Eine bunte Pflanzen- und Tiergemeinschaft kann den Klimawandel besser bewältigen. Geschlossene Kreisläufe und ein sparsamer Umgang mit Wasser und anderen Ressourcen schonen das Klima. Könnte so die Landwirtschaft der Zukunft aussehen?

Permakultur setzt sich aus den zwei Worten "permanente Agrikultur" zusammen. Ziel ist es, nach dem Vorbild der Natur Gemeinschaften mit Tieren und möglichst vielen essbaren Pflanzen zu schaffen. Vorbild dafür sind die Waldgärten in den Tropen und Subtropen. 

Solche "essbaren" Waldgärten sind komplexe Gartenanlagen mit mehreren Stockwerken: Am Boden wachsen beispielsweise mehrjährige Gemüse-, Heil- und Gewürzpflanzen sowie Waldbeeren. Das mittlere Stockwerk bilden Beerensträucher. Bäume mit essbaren Früchten bewohnen das obere Stockwerk. Laut der Kompetenzplattform Permakultur-Landwirtschaft in der Schweiz "ist die Erhaltung und Wiederherstellung eines humusreichen Bodens als lebendiges Ökosystem ein Kernanliegen". Permakultur ist jedoch kein reines Anbausystem, sondern ein ganzheitlicher Denkansatz.

Die Philosophie hinter Permakultur will mit und nicht gegen die Natur arbeiten, sie ist eine Philosophie der fortlaufenden und überlegten Beobachtung und nicht des fortlaufenden und gedankenlosen Handelns; sie betrachtet Systeme in all ihren Funktionen, anstatt nur eine Art von Ertrag von ihnen zu verlangen." Bill Mollison, australischer Wissenschaftler und Vordenker der Permakultur

Prinzipien der Permakultur

Bisher betreiben vor allem private Initiativen, Solawis (Solidarische Landwirtschaft) und Kleinbetriebe Permakultur. Auf kleinen Flächen lassen sich vielfältige, mehrjährige Kulturen leichter anbauen als in der Landwirtschaft mit einjährigen Ackerbaukulturen. In einigen Städten wie Kiel gibt es Permakultur-Gärten zum Mitmachen. Das Permakultur Institut e.V. bietet vielfältige Kurse an und vernetzt Aktive.

Die Gesellschaft für Permakultur in der Landwirtschaft e.V. will Permakultur auf die allgemeine Landwirtschaft ausweiten. Dafür hat sie eigene Richtlinien entwickelt.Die Richtlinien beruhen auf vier Säulen: Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, Ressourcenschonung und soziale Verantwortung. Bio-Anbau ist dabei Pflicht.

Geschlossene Kreisläufe

Permakultur basiert auf der ökologischen Landwirtschaft und dem Agroforst, geht aber noch darüber hinaus. Beispiel Kreislaufwirtschaft: Permakultur bedeutet in geschlossenen Kreisläufen zu arbeiten. Nichts geht raus, nichts kommt rein. Permakultur-Betriebe müssen ihren eigenen Kompost aus ihren pflanzlichen Abfällen und tierischen Hinterlassenschaften herstellen. Auch Pflanzenschutzmittel und alle Futtermittel für die Tiere stammen vom eigenen Betrieb.

Bio-Betriebe streben ebenfalls geschlossene Kreisläufe an, dürfen aber Düngemittel und zugelassene Pflanzenschutzmittel zukaufen. Ein viehloser Ackerbau-Betrieb darf beispielsweise Mist vom einem benachbarten Bio-Rinderbetrieb verwenden.

Biodiversität als zentrales Prinzip

Biodiversität heißt Vielfalt überall: Dazu gehört es, Gemüse in Mischkulturen anzubauen sowie den Boden immer mit Wildkräutern oder Mulch bedeckt zu halten. Die große Vielfalt auf kleiner Fläche führt zu gesünderen Pflanzen, weil sie sich gegenseitig schützen und Nährstoffe verfügbar machen. Das wiederum senkt das Risiko für Krankheiten und den Befall mit Schädlingen. Allerdings macht es viel Arbeit, kleinteilige Gemüsekulturen auf größeren Flächen anzulegen. Zumal schwere Maschinen unerwünscht sind, da sie den Boden verdichten.

Gehölze sind Pflicht

Genau wie beim Agroforst spielen Gehölze bei der Permakultur eine wichtige Rolle. Um sämtliche Ackerschläge sollten Hecken und Bäume stehen. Das spendet Schatten, bremst den Wind und erhöht massiv die Biodiversität. Dort können sich dann auch die Nützlinge tummeln. Etwa fünf Prozent der Betriebsfläche sind für Bäume und Sträucher reserviert! Das bedeutet im Umkehrschluss: Jeder Bio-Betrieb muss auf einen Teil seiner Acker- oder Weidefläche verzichten.

Ressourcen schonen

In Zeiten des Klimawandels geht es bei den Ressourcen vor allem um Wasser. Permakultur-Betriebe versuchen so viel Wasser wie möglich auf der Fläche zu halten. Besonders in südlichen Ländern bringt ein sogenanntes Keyline-Design das Wasser dorthin, wo es gebraucht wird. Dabei wird ein terrassiertes System von Sammelgräben mit genau festgelegtem Gefälle angelegt. So wird Wasser effektiv verteilt und gespeichert.

Außerdem gibt es Wasserrückhaltebecken, die das Regenwasser sammeln. Muss bewässert werden, dann sparsam mit Tropfbewässerung. Darüber hinaus spart die Herstellung von eigenen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln Ressourcen.

Interview mit Helen Dünser vom Permakulturhof Oberstixner

Der Permakulturhof Oberstixner im Allgäu wirtschaftet seit 2020 nach den Prinzipien der Permakultur. Neben vielen Menschen sorgen Dexter-Rinder, Bergschafe und Hühner aber auch viele Wildtiere für ein gutes Miteinander. Die Hofbesitzerin Helen Dünser möchte die Bodenfruchtbarkeit und die Biodiversität auf ihrem 15 Hektar großen Bioland-Betrieb noch steigern. Im Interview erklärt sie, wie das praktisch geht.

Oekolandbau.de: Euer Hof wird ja schon lange ökologisch bewirtschaftet. Wie schafft Ihr noch mehr Vielfalt?

Helen Dünser: Mehr Vielfalt bedeutet mehr Gesundheit für Boden, Pflanzen, Tiere und uns Menschen sowie mehr Widerstandfähigkeit gegen extreme Wetterereignisse. Als Grünlandbetrieb hatten wir bisher hauptsächlich Wiesen und Weiden. Letztes Jahr haben wir einen Hektar Mischwald mit 1700 Bäumen gepflanzt – nicht mit Fichten, wie es hier üblich ist, sondern mit einer Vielfalt an Baumarten: Linde, Bergahorn, Weißtanne, Schwarzerle und Wildobstgehölzen. Das war ganz schön aufwändig. Auch eine Streuobstwiese haben wir bereits angelegt. Als nächstes wollen wir neue Hecken mit essbaren Früchten wie Nüssen, Holunder und Elsbeeren pflanzen. Dann planen wir noch Teiche und weitere Wasserspeicher.

Oekolandbau: Wie schafft ihr es, die Kreisläufe geschlossen zu halten?

Helen Dünser:  In die Permakultur brauchen wir Tiere als Lieferant für Dünger. Wir haben Mutterkühe, Schafe, Ziegen und Hühner. Ihr Dung plus Einstreu, Schafwolle und Hackschnitzel bilden die Grundlage für unseren Kompost. Um Mineralien zu gewinnen, setzen wir noch Lehm und Gesteinsmehl oder Pflanzenkohle hinzu. In unserem Kompoststall schaffen wir damit in einem halben Jahr wertvollen Dünger. Schneller geht es im Heißrotteverfahren. Das heißt: das organische Material verrottet bei 65 Grad. Dazu müssen wir den Komposthaufen aber gerade am Anfang ständig umsetzen.

Wertvoll sind auch unsere Gehölze. Das Laub und den Heckenschnitt können wir im Winter als Tierfutter und Einstreu verwenden. Dann brauchen wir weniger Heu und kein Futter dazukaufen.

Oekolandbau.de: Bedeutet eine so vielfältige Landwirtschaft nicht mehr Arbeit und Kosten?

Helen Dünser: Besonders am Anfang kostet es viel Zeit und Geld, neue Systeme und Strukturen zu etablieren. Da wir ein kleiner Betrieb in Steillage sind, hatten wir nie große Maschinen. Inzwischen setzen wir kleinere Maschinen ein. Beispielsweise machen wir unser Heu nicht mehr mit dem Traktor, sondern mit einem Motormäher. Das ist eine Art Segway mit einem dreieinhalb Meter breiten Balkenmäher davor. Der schont den Boden und vor allem auch die Insekten.

Langfristig gesehen, reduzieren sich jedoch die Arbeitsaufwände und Kosten, da das System sich selbst reguliert und weniger externe Inputs benötigt. Wenn ich keine Dünger und andere Betriebsmittel kaufen muss, spare ich ja auch Geld. Mitarbeiten können auch die Tiere, zum Beispiel picken die Hühner Unkräuter aus unserem Gemüsegarten.

Oekolandbau.de: Erntet ihr jetzt schon mehr als vorher oder was bringen die Maßnahmen?

Helen Dünser:  Wir haben zwar keine drastische Ertragssteigerung, aber die Qualität und Vielfalt der Produkte hat sich verbessert.  Bisher verkaufen wir vor allem tierische Produkte wie Fleisch und Felle. Kartoffeln und Gemüse ernten wir hauptsächlich für den eigenen Bedarf. Zukünftig möchten wir aber einen Marktgarten haben: sprich unser Gemüse und unsere Früchte direkt an Verbraucher verkaufen. Durch die Permakultur können wir künftig dreidimensional ernten. Das steigert die Produktpalette. Aber all das geht nicht von heute auf morgen. Einen Permakulturbetrieb aufzubauen, ist eine Aufgabe von Jahren und sogar Generationen.


Letzte Aktualisierung 24.06.2024

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